Ein Befreiungsschlag, ein Aufbruch in ein neues Leben – mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer geglückten Flucht aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. ›Das Ende von Eddy‹ ist sein Debütroman, der zu einem großen internationalen Erfolg und einer der meistdiskutierten Veröffentlichungen der letzten Jahre wurde.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
Orell Füssli Book Circle Community
5/5
03.09.2026
Buch (Taschenbuch)
So wie du bist, bist du falsch
Édouard Louis erzählt in seinem autobiografischen Debütroman von seiner Kindheit als Eddy Bellegueule in einem armen Dorf in Nordfrankreich. Eddy entspricht überhaupt nicht dem Bild eines „richtigen Jungen“ und wird deshalb schon früh zum Außenseiter.
Mich hat das Buch vom ersten Satz an gepackt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Im Zentrum steht für mich eine Frage: Wie soll ein Kind lernen, sich selbst zu vertrauen, wenn praktisch jede wichtige Person ihm vermittelt, dass das, was spontan aus ihm herauskommt, falsch ist? Eddy hört ständig: Beweg dich anders, rede anders, sei männlicher, sei ein richtiger Junge. Eigentlich immer dieselbe Botschaft: So wie du bist, bist du falsch.
Besonders stark fand ich, wie Louis seine Familie und dieses ganze Milieu zeichnet. Die Menschen sind oft brutal, rassistisch, homophob und gefangen in starren Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen zu sein haben. Aber Louis zeigt nicht einfach schlechte Menschen. Man sieht auch, wie sie selbst zu dem geworden sind, was sie sind: durch Armut, fehlende Bildung, Fabrikarbeit, Gewalt und eine Welt, in der kaum jemand etwas anderes kennt.
Gerade beim Vater fand ich das unglaublich ambivalent. Er verhält sich oft wie ein ziemliches Arschloch, gleichzeitig tat er mir immer wieder leid. Er steckt völlig in dieser Vorstellung vom „echten Kerl“ fest. Für mich zeigt das Buch sehr deutlich, wie das Patriarchat auch die Männer kaputt macht, die versuchen, diese Rolle zu erfüllen.
Sehr fremd blieb mir dagegen die extreme Fixierung auf Sexualität und Beziehungen schon in sehr jungem Alter. In dieser Welt wirkt es teilweise fast wie eine Pflicht: Ein Junge braucht eine Freundin, ein Mann muss Frauen wollen, Sexualität beweist Männlichkeit. Das war für mich manchmal so extrem, dass ich mich fragte, wie stark Louis dieses Milieu auch literarisch verdichtet und zugespitzt hat.
Sprachlich schreibt Louis klar und direkt, ohne große Kunststücke. Und trotzdem ist es unglaublich gut geschrieben. Vor allem kann dieser Mann einfach verdammt gut erzählen. Manchmal hatte ich das Gefühl, Louis könnte über einen Tisch in der Küche seiner Kindheit schreiben, und danach wüsste man alles über Geld, Klasse, seine Mutter, seinen Vater und dieses ganze Dorf.
Dazu kommt seine schonungslose, unbeschönigte Art, über sich selbst zu schreiben. Er macht aus dem jungen Eddy keinen Helden, sondern zeigt auch Scham, Selbsthass und Widersprüche. Das gibt dem Buch für mich eine enorme Wahrhaftigkeit.
Am Ende öffnet sich für Eddy eine Tür aus dieser Enge. Aber nach all den Jahren, in denen ihm gesagt wurde, dass er falsch ist, kann man nicht einfach von einem Tag auf den anderen an sich glauben.
Ein trauriges, heftiges und zugleich überraschend herzliches Buch, das mich sehr beschäftigt hat.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
05.11.2025
eBook (ePUB 3)
Abgehängte Arbeiterschaft
Der berühmt gewordene Roman über eine Kindheit in der nordfranzösischen Provinz, die von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt geprägt ist. Als Schwuler und intellektuell Begabter ist der Autor ein absoluter Außenseiter und wird auch so behandelt, was die missliche Situation noch zugespitzt hat. In seinen weiteren Büchern schildert er seinen letztendlich gescheiterten Versuch, diesem Milieu und seiner Geschichte zu entkommen. Sehr empfehlenswert und sehr eindrücklich.
SimoneF
5/5
02.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
sehr reflektierte Autofiktion, interessanter Stil
10 Jahre nach Erscheinen legt der Fischer Verlag „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis neu auf, das damals in Frankreich für einen Skandal sorgte und den Autor gleichzeitig zum Shootingstar der französischen Literatur und der linken französischen Intellektuellen machte.
In diesem autobiografischen Roman beschreibt der Autor das Aufwachsen als homosexueller Junge in der Arbeiterklasse in einem kleinen nordfranzösischen Dorf. Er selbst bezeichnet seine soziale Herkunftsschicht in Interviews immer wieder als „Lumpenproletariat“.
Schonungslos offen und gleichzeitig mit einer reflektierten Distanz schildert Louis die offenen Anfeindungen innerhalb der Familie, der Dorfgemeinschaft und unter Mitschülern, die Drangsalierungen und Gewalt, denen er als Homosexueller ausgesetzt war. Hierbei geht es ihm jedoch nicht um eine Abrechnung, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein für diese prekären Milieus des Proletariats zu erzeugen und ihnen eine Stimme zu geben. Das soziale Gefüge, die vorherrschenden Rollenbilder und die Vorstellungen von Männlichkeit, die dort herrschen und sich immer wieder selbst reproduzieren, sind seiner Ansicht nach eine direkte Folge der Klassengesellschaft.
Besonders gelungen fand ich die sprachliche Umsetzung, bei der Louis fliegend zwischen zwei Ebenen wechselt und die auch optisch voneinander abgesetzt sind. Eddys Schilderungen werden immer wieder verwoben mit kursiv gesetzten Einschüben in der Umgangssprache der jeweiligen Personen, so dass der Text sehr authentisch und eindrücklich wirkt.
Es hat mich sehr beeindruckt, dass ein derart ausgefeiltes und reflektiertes Werk einem gerade 20-Jährigen gelungen ist, der sich nur wenige Jahre zuvor schrittweise aus seinem Herkunftsmilieu lösen konnte. Sehr lesenwert!
yellowdog
5/5
28.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
gnadenlos
Dieses jetzt neu aufgelegte Buch begründete den inzwischen beträchtlichen Ruhm des Autors Edouard Louis und gilt als bedeutendes Werk über einen Zustand. Es ist autofiktional im Sinne von Annie Ernaux gehalten. Der junge Eddy wird schon als Kind in der Schule gemobbt und teilweise wird er auch in der Familie ausgegrenzt. Der Vater ist ein rauer Typ, der keinen Zugang zu seinem sensiblen Sohn hat, die Mutter schwankt zwischen hilflos und gleichgültig. In späteren Büchern wird sich der Autor noch ganz den Eltern widmen, doch auch schon hier haben sie ihre Kapitel.
Es ist aber die ganze Gesellschaftsschicht im dörflichen Frankreich, die sich so intolerant verhält.
Erst ganz am Schluß des Buches öffnet sich Eddy eine Chance.
Dass Edouard Louis das so gnadenlos erkennt und beschreibt, verleiht dem Buch die hohe Wirkung.
Bewertung
5/5
20.06.2021
eBook (ePUB 3)
Anders ist gut
Eddy ist sensibel. Schwul. Anders. Eigenschaften, die ihm das Leben in der französischen Provinz, wo Toleranz als Schwäche interpretiert wird, zur Hölle machen. Früh muss er lernen, Hass und Brutalität zu ertragen, sich kleiner zu machen, als er ist, und als Leser leidet man mit, ist entsetzt über die Ungerechtigkeit, die dem jungen Mann widerfährt, möchte schreien, um sich schlagen, irgendetwas tun.
Aber gleichzeitig bekommt man den Eindruck, dass es Edouard mit der Niederschrift dieses Romans gelingt, seine Fesseln zu sprengen, und diesen Kraftakt miterleben zu dürfen, ist eine wahnsinnig bereichernde Erfahrung.
Ein Buch, das mitreißt!
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