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Wenn man die Stille zu Hause nicht mehr aushält, geht man in Gorbach auf ein Bier ins »Kippchen«. Oder zum Büdchen um die Ecke. Hier prallen sie aufeinander, am Rand der großen Stadt: Buchhalter, Lehrer, Musikerinnen, Schlachter, Junkies, Lkw-Fahrer, Polizistinnen. Es stellt sich die Frage, ob die Menschen den Ort machen, oder der Ort die Menschen. Der irre Ele, an seine Wohnung und den Rollstuhl gefesselt, erinnert sich an seine ruhmreiche Vergangenheit als stadtbekannter Kleinkrimineller. Filiz hat einen Mitschüler krankenhausreif geprügelt, weil der ihre Mutter beleidigt hat. Eine Radiomoderatorin schließt sich im Studio ein und rechnet on air mit ihrem Chef ab. Dass es zornig und laut zugeht, ist unvermeidlich. Zerbolesch aber findet die leisen und zartfühlenden Zwischentöne, erzählt von Empathie und Hoffnung zwischen Perspektivlosigkeit und alltäglicher Gewalt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
LesenmitCarola
aus Wesel
5/5
10.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Haut voll rein!
Ach, „Gorbach“. Ein Roman, so einladend wie eine Bahnhofstoilette um drei Uhr morgens. Hank Zerbolesch nimmt uns mit in einen Ort, der das Lebensgefühl von „Hier war mal Hoffnung, aber dann kam die Realität“ atmet. Es stinkt nach Pis*e, Armut und zerplatzten Träumen. Wer hier noch lebt, hat entweder keinen Ausweg oder eine beängstigende Vorliebe für menschliches Elend.
Zerbolesch schreibt über Gewalt, Trostlosigkeit und Suff, und zwar in einer Sprache, die so nackt ist, dass sie fast schon friert. Sein episodischer Stil erinnert an einen Wodka-Rausch – man schwankt von Szene zu Szene, verliert kurz den Faden, rappelt sich wieder auf und wundert sich, wie man hier gelandet ist. Dass die Charaktere zwischen Hoffnungslosigkeit und Aggression oszillieren, überrascht wenig: Wer den Ort nicht formt, wird von ihm geformt. Und Gorbach formt gnadenlos.
Aber dann – ein Hoffnungsschimmer! Eine Lamettaweihnacht, warm und heimelig wie eine abgelaufene Wärmflasche. Ein Moment des Wohlgefühls, bevor die Realität wieder mit der Axt kommt. Hier zeigt sich die wahre Meisterschaft Zerboleschs: Er lässt den Leser kurz durchatmen, nur um ihm dann mit aller Wucht die bittere Kälte seiner Welt ins Gesicht zu schlagen.
Ist „Gorbach“ ein gutes Buch? Sicherlich. Ein angenehmes? Auf keinen Fall. Es ist brutal, düster und verlangt dem Leser einiges ab – was es aber umso lesenswerter macht. Wer sich nach einer Reise ins literarische Elend sehnt, bitte einsteigen. Ticket in die Hoffnungslosigkeit ist inklusive.
mimitatis_buecherkiste
aus Krefeld
5/5
12.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unten angekommen
Hank Zerbolesch hat mit dem vorliegenden Buch eine Sammlung von ineinander greifenden Geschichten vorgelegt, die einen Querschnitt durch Menschenschicksale zieht. Hierbei konzentriert er sich auf die vom Leben nicht begünstigten Personen, beispielsweise die Einsamen, die Süchtigen und andere aus der Gesellschaft Verstoßenen.
»Die Ecke hier war mal ein richtig schöner Ort gewesen. Laut, ja, auch, aber nicht laut im Sinne von Nachbarn, die um halb zwölf Uhr nachts mit der Stichsäge Laminat verlegen, sondern laut im Sinne von pulsierend. Atmend. Okay, röchelnd auch, das stimmt. Dieser Ort war schon immer anders gewesen. Ein bisschen schmutziger als der Rest. Aber angenehm schmutzig. Wie eine noch nicht ganz aufgeräumte Wohnung nach einem ausladenden Familienfest, diese Art Schmutz.« (Seite 163)
Die Erzählungen ergänzen sich, manche Namen tauchen erneut auf, andere verschwinden im Kosmos der Bedeutungslosigkeit. Verzweiflung wabert durch die Seiten, Gewalt löst Angst ab, Sucht führt zur Gier, mangelnde Perspektiven gehen Hand in Hand mit Armut, die überall aus den Ecken kriecht. Die Sprache passt zur Gosse, geflucht wird überall. Darüber liegt ein Nebel der Hoffnungslosigkeit, hängt über den Menschen und hüllt sie ein. Da hilft es auch nicht, dass der ein oder andere schöne Moment um die Ecke schaut und mangels Platz wieder verschwindet. Das Leben ist hässlich, das Leben ist schön. Gorbach ist trotzdem oder gerade deswegen eine (Lese-) Reise wert!
Kristall86
aus an der Nordseeküste
4/5
26.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leseempfehlung!
Klappentext:
„Wenn man die Stille zu Hause nicht mehr aushält, geht man in Gorbach auf ein Bier ins »Kippchen«. Oder zum Büdchen um die Ecke. Hier prallen sie aufeinander, am Rand der großen Stadt: Buchhalter, Lehrer, Musikerinnen, Schlachter, Junkies, Lkw-Fahrer, Polizistinnen. Es stellt sich die Frage, ob die Menschen den Ort machen, oder der Ort die Menschen. Der irre Ele, an seine Wohnung und den Rollstuhl gefesselt, erinnert sich an seine ruhmreiche Vergangenheit als stadtbekannter Kleinkrimineller. Filiz hat einen Mitschüler krankenhausreif geprügelt, weil der ihre Mutter beleidigt hat. Eine Radiomoderatorin schließt sich im Studio ein und rechnet on air mit ihrem Chef ab. Dass es zornig und laut zugeht, ist unvermeidlich. Zerbolesch aber findet die leisen und zartfühlenden Zwischentöne, erzählt von Empathie und Hoffnung zwischen Perspektivlosigkeit und alltäglicher Gewalt.“
Kleine Kneipen oder der beliebte Imbiss - mich erinnert das eher an die Radio-Sendung „Frühstück bei Stefanie“ oder an die TV-Serie „Dittsche“ und nun kommt noch Gorbach dazu. Autor Hank Zerbolesch zeigt uns in seinem Buch „Gorbach“ auf, was es heißt, eine verkappte Existenz zu beobachten, sich in sie hineinzuversetzen, ihr zuzuhören, sie vielleicht einfach nur zu verstehen ohne eben gleich komplett zu verurteilen. Er erzählt uns von verschiedensten verkappten Existenzen aber dieses „verkappte“ kommt ja nicht von ungefähr. Wie es dazu hier und da kam und warum Menschen so sind wie sie eben sind, genau das beleuchtet Zerbolesch hier sehr gekonnt und auf liebenswerte Art und Weise. Er passt seinen Ton bestens an die Menschen an und wir sind mittendrin. Genauso und nicht anders ist das nur machbar. Das Buch und seine Zwischentöne haben mich beeindruckt und es hallt definitiv nach. „Gorbach“ ist lesenswert und regt zum nachdenken an. Es zeichnet ein Bild, welches in unserer Gesellschaft mehr als oft zu finden ist. 4 sehr gute Sterne hierfür!
Kristall86
aus an der Nordsee
4/5
26.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kleine Kneipen oder der…
Kleine Kneipen oder der beliebte Imbiss - mich erinnert das eher an die Radio-Sendung „Frühstück bei Stefanie“ oder an die TV-Serie „Dittsche“ und nun kommt noch Gorbach dazu. Autor Hank Zerbolesch zeigt uns in seinem Buch „Gorbach“ auf, was es heißt, eine verkappte Existenz zu beobachten, sich in sie hineinzuversetzen, ihr zuzuhören, sie vielleicht einfach nur zu verstehen ohne eben gleich komplett zu verurteilen. Er erzählt uns von verschiedensten verkappten Existenzen aber dieses „verkappte“ kommt ja nicht von ungefähr. Wie es dazu hier und da kam und warum Menschen so sind wie sie eben sind, genau das beleuchtet Zerbolesch hier sehr gekonnt und auf liebenswerte Art und Weise. Er passt seinen Ton bestens an die Menschen an und wir sind mittendrin. Genauso und nicht anders ist das nur machbar. Das Buch und seine Zwischentöne haben mich beeindruckt und es hallt definitiv nach. „Gorbach“ ist lesenswert und regt zum nachdenken an. Es zeichnet ein Bild, welches in unserer Gesellschaft mehr als oft zu finden ist. 4 sehr gute Sterne hierfür!
Bewertung
aus Nürnberg
4/5
12.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vielschichtigkeit der menschlichen Abgründe
Ein Ort voller windiger Charaktere. Dazwischen ein paar aufrechte Opfer von Gewalt oder Gefühl.
Hank Zerbolesch beschreibt ein Klientel am Rande der Gesellschaft. Der Ort Gorbach kommt kaum in den Geschichten vor, eigentlich erst ziemlich am Ende im Kapitel "Achim Schneider". Nur kurz wird die Spelunke "Kippchen" in zwei Geschichten erwähnt und auch nur wenige Male das "Büdchen", eine Art begehbarer Kiosk, wo sich Menschen eines gewissen Schlags mit Alkohol und Zigaretten eindecken. Man bekommt kein Bild von dem Ort vor die Leseraugen. Dafür von seinen Bewohnern und die sind teilweise von der übelsten Sorte, die Bezeichnung "Kleinkriminelle" passt hier so gut wie "Leichtgewicht" auf Mike Tyson.
Jede der Geschichten hat einen eigenen Protagonisten und ist mit der vorherigen und der folgenden verwoben. Der Staffelstab wird immer weiter gegeben. Sei es durch ein Stichwort, eine in der Geschichte aufgetauchte Person oder eine besondere Erinnerung. Und jede Geschichte berührt. Manche, wie die der jungen Mutter Julia hinter der Theke vom "Kippchen", die mit Mann und Kindern aus ihrer zerbombten Stadt floh, aber ohne ihn nach Deutschland kam, sind erschütternd in ihrer Kriegswirklichkeit. Andere, wie die Geschichte vom Sandmann sind abgründige Thriller. Eine jede Geschichte ließ mich mit der bangen Hoffnung, dass doch hoffentlich noch alles gut wird, zurück. Doch nichts wird gut. Mein Wunsch, mehr darüber zu erfahren, ob Boryana ihr Vorhaben durchziehen wird, wurde nicht erfüllt. Dafür erfährt man im nächsten Kapitel "Björn" warum sie auf Rache sinnt. Die einzige Person, die mehrmals erwähnt wird, ist der irre Ele und die traurige Polizistin, mit der sich der Reigen der Geschichten schließt.
Sprachlich sind hier wahre Juwelen zu entdecken. Z. B. in der zweiten Geschichte liest man: "Dann ist da wieder diese Stille. Sie dauert beinahe zwei Bier, die Stille, bis die Frau am Ende des Tresens plötzlich zu weinen anfängt. Als sei ihr in diesem Augenblick eingefallen, dass sie nur noch dieses eine Bier zu trinken hat, bevor sie tot umfällt, wirft sie den Kopf in ihre Hände und weint so bitterlich wie ein herrenloser, hellbraun gefleckter Beagle nachts allein im finstren Wald." Oder: "»Entschuldigung?« Michas Stimme klingt, als probiere sie mit jedem Schritt, mit jeder Silbe, ob der See schon gefroren ist oder nicht."
Ich habe größte Hochachtung vor dem Autor, der 1981 geboren wurde und seine Schulzeit so kurz wie möglich hielt. Er hat in den unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet, bevor er ab 2014 Schriftsteller wurde. Wenn man "Grobach" liest, merkt man, dass er mit vielen Menschen zusammenkam, dass er viele erlebt hat und vermutet fast, dass er auch einige Unterweltgrößen dabei waren.
Bis über die Mitte des Buches hinweg war ich hellauf begeistert. Dann wurde es mir zu düster, zu kriminell, zu viel der bösen Menschen. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit lassen sollen, jeden Tag nur ein Kapitel. Aber da ich jedes Buch auf einmal lese, war mir gegen Ende die negative Energie, die darin ausgestrahlt wird, zu geballt.
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