Bremerhaven in den 1930er-Jahren: Annegret und Richard begegnen sich bei einer Friedenskundgebung. Sie finden das große, vollkommene Glück, das ihnen beinahe wie ein Traum erscheint. Doch ein unfassbarer Schicksalsschlag erschüttert sie und reißt eine Kluft zwischen die Liebenden. Nun liegt es an ihnen, zu kämpfen, für sich selbst und für den anderen - und das in einer Zeit, in der jeder seinen Platz in einer Gesellschaft voller Umbrüche behaupten muss.
»Kurze Tage des Glücks« ist ein literarisch tiefgründiger Roman, der persönliches Schicksal und historischen Kontext meisterhaft miteinander verwebt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Constance Heimann
aus Halle an der Saale
5/5
25.07.2024
Buch (Taschenbuch)
Wie das Reisen verändert
Edvard sucht sein ursprüngliches Glück in der Weite Norwegens. Wird die Tour zur Reise seines Lebens? Als Leserin fühle ich mich sehr verwoben mit der erzählerisch zärtlichen Bildsprache, die Alexander Häusser in seinem Roman spricht.
Ein Sparbuch auf Edvards Namen scheint zum Kompass zu werden. Auf der Spur nach der Wahrheit, nach dem Selbst. Der Charakter der jungen Journalistin Alva wirkt sehr sympathisch auf mich. Magische Orte und ihre Dialoge ziehen mich in den Bann. Als würden beide Personen und der Autor mich mitnehmen in eine Sehnsucht nach Halt und Zugehörigkeit.
Edvard, der nach dem Tod seiner Mutter und dem Fund eines gut gefüllten Sparbuches seinen verschwundenen Vater finden will, trifft auf der Überfahrt die junge Alva, die mit ihrem Leben etwas orientierungslos zu sein scheint. Was will sie tun, wo will sie hin? Kann sie ihrer kleinen Tochter eine gute Mutter sein oder ist sie damit heillos überfordert? Alva hat noch viel mehr Fragen ans Leben als Edvard, der sich mit seinen 60 Jahren überraschend auf einen Weg macht, an den er überhaupt nicht gedacht hat. In einer zarten, gefühlvollen und mitunter poetischen Sprache erzählt Alexander Häusser behutsam die Suche der beiden etwas sonderbar erscheinenden, aber durchaus sympathischen Protagonisten nach Antworten und nach sich selbst. Die wunderbare Landschaft Norwegens, die stillen Fjorde und Hochebenen, fernab von allem Lauten, bilden hierfür die Kulisse. Die Landschaft hätte meiner Meinung nach noch etwas präziser beschrieben werden können, jedoch steht hier ja die Suche der beiden Protagonisten im Vordergrund. Diese ist hervorragend und nachvollziehbar gelungen. Nach der Rückkehr der beiden sind sie verändert - und das lässt hoffen.
Alexander Häusser, Jahrgang 1960, lebt mit seiner Familie in Hamburg. Er hat Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert.
Fazit: ein sehr berührender und eindringlicher Roman
Bewertung
aus Baden-Baden
5/5
26.01.2021
Buch (Taschenbuch)
Feinfühlige Charakterstudie und Spurensuche
Am Tag nach Edvards 10. Geburtstag war sein Vater, ein Trödelhändler, wie gewohnt zu einer seiner Geschäftsreisen aufgebrochen, aber dieses Mal nicht zurückgekehrt. Er sei tot, hatte die Mutter gesagt und ab diesem Zeitpunkt war Edvard der Mann im Haus.
„Ich habe nur noch dich“, mit diesen Worten hatte die Mutter den Sohn an sich gekettet und so wurden „ die Frau ohne Mann und der Junge ohne Vater ... zu einer verschworenen Gemeinschaft.“
Auch später, als Edvard sich in Elsie, ein Mädchen aus dem Dorf, verliebte, konnte er sich nicht von seiner Mutter lösen. Daran ist letztlich die Beziehung zu Elsie zerbrochen.
Nach dem Tod der Mutter stößt der über 60jährige Edvard auf ein Sparbuch, auf das Jahrzehnte lang von Norwegen aus Geld eingezahlt wurde. Warum hat die Mutter die Existenz des Geldes verschwiegen, Geld, das sie notwendig hätten brauchen können? Ist der Vater womöglich garnicht gestorben, sondern lebt in Norwegen?
Kurz entschlossen hebt Edvard das ganze Geld ab und macht sich auf den Weg nach Oslo, um seinen Vater zu suchen. Mit im Gepäck hat er zwei alte Photos; eines zeigt seinen Vater in Wehrmachtsuniform, das andere ist das Bild einer jungen Frau.
Auf dieser Reise begegnet Edvard Alva, eine Frau Anfang Dreißig. Sie ist freiberufliche Journalistin und zu Recherchezwecken unterwegs, auf der Suche nach magischen Orten.
Auch Alva schleppt einen Packen an Problemen mit sich. Ihr Job ist schlecht bezahlt und reicht kaum für das Notwendigste. In ihrer Rolle als Mutter fühlt sie sich völlig überfordert. Vom Vater der 5jährigen Tochter lebt sie getrennt. Schon als Kind begreift sie sich als ungeliebt und zurückgesetzt. Zwischen sich und ihrer Umwelt gibt es eine Scheibe, die sie von allen trennt.
Diese beiden so ungleichen Menschen treffen aufeinander und werden, nach diversen Schwierigkeiten und Missverständnissen, die Reise gemeinsam fortsetzen.
Edvard sieht sich in der Vaterrolle verantwortlich für die unberechenbare, junge Frau und Alva kann ihre Qualitäten als Journalistin einsetzen. Sie weiß, wie und wo man suchen muss, um Näheres über Edvards Vater herauszufinden. Die alten Photos verweisen in die Vergangenheit, die deutsche und die norwegische, die miteinander verbunden war.
Am Ende sind nicht alle Rätsel gelöst, nicht alle Fragen beantwortet. Doch Edvard und Alva kehren verändert von dieser Reise zurück. Edvard kann seinen Frieden machen mit der Vergangenheit, mit seinen Eltern und muss erkennen, dass er selbst Schuld trägt an seinem ungelebten Leben. „ Er hätte ein eigenes Leben haben können. ... Vielleicht war es nur Angst gewesen. Aber man kann auch tun, wovor man Angst hat. Es muss ja nicht leicht sein.“
Und Alva kann sich annehmen, so wie sie ist. „ Und sie dachte: ich muss nicht mehr suchen, was ich brauche. Ich brauche mich.“
Der melancholische Grundton vom Anfang tritt zurück und der Autor entlässt den Leser mit einem Hoffnungsschimmer, denn beide Figuren haben
„ noch alle Zeit“ der Welt, um ihr Leben neu zu justieren.
Alexander Häusser entwickelt seine Geschichte anfangs in zwei parallelen Handlungssträngen, bis beide zusammenlaufen. Er erzählt chronologisch, aber in die Geschehnisse eingebettet sind zahlreiche Rückblenden, Erinnerungen und Reflexionen. Das ist alles äußerst kunstvoll miteinander verwoben. Immer wieder gibt es auch kleine, scheinbar nebensächliche Szenen, die in ihrer Parallelität auf die Veränderungen der Protagonisten hinweisen.
Dabei geht der Autor sehr bewusst mit Sprache um. Da passt jedes Wort, der Rhythmus der Sätze. Für die Natur und die Seelenzustände der Figuren findet er stimmige und ungewöhnliche Bilder und Metaphern. ( So z.B. werden Assoziationen ausgelöst von den Pflanzen auf dem Grab der Mutter zu ihrem Gesicht. „ Winterhart. Er sah ihr Gesicht, ihre Lippen, die in den Jahren so dünn geworden waren und ganz ohne Farbe, als hätten sie sich zurückgezogen, kapituliert vor all dem Ungesagten,...“)
Im zentralen Teil der Geschichte bildet die beeindruckende Landschaft Norwegens die Kulisse. Auch die Sagen- und Mythenwelt sowie die leidvolle Geschichte des Landes fließen in das Buch ein.
Es geht im Roman um das komplexe Beziehungsgeflecht von Eltern und Kinder, es geht um die Sprachlosigkeit und das Schweigen in Familien, um ungelebtes Leben und um die Liebe und den Preis, den man oft dafür zahlen muss.
„ Wer braucht denn Gründe für die Liebe? Liebe braucht kein „ weil“, sondern ein „trotzdem!“
„ Noch alle Zeit“ ist ein feinfühlig und ruhig erzählter Roman auf hohem literarischen Niveau, mit Charakteren, die lange im Gedächtnis bleiben. Es ist eines der Bücher, die man langsam genießen muss und mit Gewinn ein zweites Mal lesen kann.
Es hat es in die Reihe meiner Lieblingsbücher geschafft.
Elke Seifried
aus Gundelfingen
5/5
12.11.2019
Buch (Taschenbuch)
4,5 Sterne für grandiose Charakterstudie und Sinnsuche zweier Menschen
Edvard hat sich für seine Mutter aufgeopfert, hat sich um alles gekümmert und sich und sein Leben stets zurückgestellt. Als die Mutter stirbt, fällt er in ein Loch. Zum einen ist plötzlich niemand mehr da, für den man Verantwortung übernehmen muss, bzw. kann, um von sich selbst abzulenken, zum anderen muss er die bittere Erkenntnis machen, dass seine Mutter Geheimnisse vor ihm hatte. Nein vielmehr noch, dass sie ihm wohl eine Lebenslüge aufgetischt hat, die ihn um den Vater gebracht hat. Oder von wem soll das ganze Geld stammen, das sich auf dem Sparbuch befindet, das er in ihrem Kleiderschrank findet? Er beschließt sich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, eine erste Spur führt ihn nach Norwegen. Wird er seinen Vater ausfindig machen können? Dorthin führt es auch Alva. Die junge Journalistin will zum einen mit einer grandiosen Reportage über magische Orte in Norwegen beweisen, dass sie nicht nur das Liebchen des Chefs ist, zum anderen braucht sie Zeit für sich. Norwegen durchqueren bis zum Nordkap und dann am Felsenportal Kirkepoten, dem Eingang zur Unterwelt, zu stehen, scheint ihr für den Weg zu sich genau das Richtige zu sein.
Als Leser lernt man Edvard und dann auch Alva kennen, reist mit ihnen nach Norwegen, ist Zeuge von ihrem ersten Aufeinandertreffen auf der Fähre, kann dann rätseln, wann sich ihre Wege wieder kreuzen werden und darf sich anschließend mit den beiden auf die Suche nach Edvards Vater begeben. Zahlreiche Erinnerungen an Edvards Vergangenheit und auch einige an Alvas sowie Telefongespräche mit ihrer Mutter und ihrer Tochter, die sich in die aktuelle Suche mischen, lassen nach und nach ein Bild davon entstehen, was die beiden so geprägt hat.
Selten fiel mir eine Buchbeschreibung so schwer wie hier. Der Autor verwendet unheimlich viele Bilder, schweift in seinen Beschreibungen teilweise fast poetisch ab. So kann es wenn Alva und Joe eine Sanddüne hinauflaufen schon mal heißen, „Eine Wüste in der Ferne Menschen als verlorene Striche. Sie nahm Joes Hand. Sie lief, sank, fiel im Steigen, stieg im Fall, die war sich immer voraus. Sie lachte, ohne ihr Lachen zu hören. Die Wand war Sonne, die Sonne war Sand. Auf den Kämmen fegten ihr Böen Nadelstiche ins Gesicht.“, oder wenn ein Edvard ins Sinnieren kommt, „Die Zeit hatte an ihm Spuren hinterlassen, die ihm selbst verborgen blieben. Es waren nicht allein die Falten. Er hatte schon längst damit begonnen, alt zu handeln und zu denken. Er musste aufmerksam sein, misstrauisch, um etwas über sich zu erfahren, und versuchte verzweifelt, all die Marotten und Nachlässigkeiten, die er an sich entdeckte, abzulegen, das Sinnlose und Überflüssige abzuschneiden, wie die wuchernden Harre aus seiner Nase und den Ohren. Aber er war allein und zu viel blieb von ihm unentdeckt.“ Solch brillante schriftstellerische Leistungen die einzelnen Beschreibungen auch sein mögen, anfangs musste ich mich sehr darauf konzentrieren, die Handlung dahinter nicht aus den Augen zu verlieren, den roten Faden der Geschichte zu erkennen. Stellenweise fast schon an der Grenze von zu viel Umschreibung, von zu viel grandiose Bilder im Kopf entstehen lassen, hatte der eher außergewöhnliche Schreibstil, allerdings auch eine unglaubliche Sogwirkung auf mich. Der Autor, der mehr als deutlich beweist, dass er schreiben kann, dass er sein Handwerk wirklich äußerst gut beherrscht, hat mich regelrecht ins Buch gezogen. Diese Sogwirkung hielt bis zum Ende auf hohem Niveau an, auch wenn ich vielleicht nicht mit allen Details ganz glücklich war und mich dann auch das Ende eher etwas ernüchtert, oder vielmehr sehr zweigespalten und mit einigen offenen Fragen zurückgelassen hat, hätte ich es an keiner Stelle aus der Hand legen wollen. Die Stimmung ist während des ganzen Romans eher düster, eher melancholisch.
Der Roman ist eine grandiose Charakterdarstellung. Ich mochte Edvard, der deutlich älter ist, als es auf mich zu Beginn den Anschein gemacht hat, von Anfang an super gern. Er hatte auch sofort meinen ganzen Respekt, weil er sich so um seine Mutter gekümmert hat, alles erledigt und stets für sie da war. „Die Frau ohne Mann und der Junge ohne Vater wurden zur verschworenen Gemeinschaft. Edvard wuchs buchstäblich über sich hinaus, erhob sich über die anderen Kinder im Ort und in der Schule.“ Ganz oft hat er mir ganz furchtbar leid getan, weil er sein Leben in meinen Augen für sie geopfert hat, und jetzt nach deren Tod und dem Erkennen ihrer Lebenslüge, „Dabei hatte er sich nie gefragt, warum man ihr das Alter nicht ansah, die Zeit bei ihr keine Spuren hinterließ. Keine Falte bis zu ihrem Tod. Jetzt wusste er: Die Lüge hatte alles glattgezogen.“, so orientierungslos ist. „Er nannte sie die Automatenkrankheit. Manchmal sprang sie an und funktionierte, als hätte man eine Münze eingeworfen. Und im Büro hatten sie wohl Kleingeld.“ Auch wenn die Mutter nicht mehr lebt, nimmt sie in meinen Augen noch eine zentrale Rolle ein, ebenso wie Alvas Tochter, die sie abgrundtief liebt, auch wenn die vielleicht mehr als Grund hat, zu ihr zu sagen, „Ich hab dich nicht mehr lieb. Du sollst wegbleiben. Ich will dich nicht mehr.“ Als Kind immer im Schatten der Schwester gestanden, von der großen Liebe enttäuscht, kein Wunder dass Alva sich in eine Traumwelt flüchtet, vor allem da sie fest davon überzeugt ist, „Bei allen galt sie moralische Unschuldsvermutung, allen musste die Schuld bewiesen werden, nur sie musste unentwegt ihre Unschuld beweisen.“ Alva und Edvard, die zwei zentralen Darsteller erleben unheimlich viele Höhen und Tiefen in diesem Roman, entwickeln sich, vielmehr finden sie zumindest eine Richtung für ihr weiteres Leben. Diese Entwicklung wird gut dargestellt.
Trotzdem der Roman eine regelrechte Sogwirkung auf mich hatte, mich wirklich gut unterhalten und mir auch ganz viele Denkimpulse gegeben hat, hat er mich mit einem etwas ernüchternden Gefühl und einigen offenen Fragen zurückgelassen. Ich bin einfach nicht der Fan von offenem Ende, auch wenn das hier zum Rest passen mag. Einen Ausblick hätte ich mir noch erhofft, nachdem ich hier zwei Menschen und ihr Innerstes so intensiv kennenlernen durfte. Deshalb reicht es bei mir auch nicht mehr ganz für 5 Sterne.
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