Produktbild: Die Gestalt der Ruinen
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Die Gestalt der Ruinen Roman

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Beschreibung

Produktdetails

Zustand

Gut

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

04.09.2018

Verlag

Schöffling

Seitenzahl

528

Maße (L/B/H)

21,2/14,1/4,5 cm

Gewicht

722 g

Auflage

1. Auflage

Originaltitel

La forma de las ruinas

Übersetzt von

Susanne Lange

Sprache

Deutsch

EAN

2710004760678

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Zustand

Gut

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

04.09.2018

Verlag

Schöffling

Seitenzahl

528

Maße (L/B/H)

21,2/14,1/4,5 cm

Gewicht

722 g

Auflage

1. Auflage

Originaltitel

La forma de las ruinas

Übersetzt von

Susanne Lange

Sprache

Deutsch

EAN

2710004760678

Herstelleradresse

Schoeffling + Co.
Kaiserstr. 79
60329 Frankfurt
DE

Email: info@schoeffling.de

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  • v. Beust

    aus Berlin

    4/5

    17.09.2018

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Die Vergangenheit in der Gegenwart - und warum es wehtut

    Juan Gabriel Vásquez gehört zur jungen Generation erfolgreicher südamerikanischer Schriftsteller. Er stammt aus Kolumbien und legt mit „Die Gestalt der Ruinen“ erneut einen Roman vor, der sich mit der gewalttätigen Vergangenheit seines Landes und der Beschädigung ganzer Generationen befasst. Im Zentrum stehen politische Morde - an General Rafael Uribe Uribe 1914 und Jorge Eliécer Gaitán 1948 - und die anschließenden revolutionären Revolten, der Bomben- und Drogenkrieg bis hin zum verlorenen Jahrzehnt des Drogenbarons Pablo Escobar und seines Medellin-Kartells. Vásquez schreibt eine Abrechnung mit der gewalttätigen und unaufgearbeiteten Vergangenheit seines Heimatlandes. „Der Roman wird zu einem mächtigen Instrument der historischen Spekulation“ (S.134), und der Roman darf es, muss es sogar sein. Vásquez nimmt sich ein ganzes Jahrhundert kolumbianischer Geschichte vor: In der Rahmenhandlung ist es sein literarisches Alter Ego ‚Vásquez‘, der auf Vermittlung des gut vernetzten Arztes Benavides von Carlos Carballo aufgefordert wird, die Geschichte der politischen Morde in Kolumbien neu zu schreiben. Ja: als Erster wahr zu schreiben. Carballo, Benavides und ‚Vásquez‘ haben alle familiäre und persönliche Beziehungen zum Mord an Gaitán. Auf dessen Ermordung folgte in Stadt und Land die blutige Bogoteza und ein Jahrzehnt des Bürgerkrieges - jedoch niemals die Aufklärung der Hintergründe jener angeblichen Tat eines verwirrten Einzelgängers.Wenn die Tat eines Einzelnen oder weniger Personen zum Angelpunkt der Geschichte wird, dann öffnet sich stets die Frage: War er allein? Wer stand hinter dem Täter? Wer profitiert von dem Verbrechen? Wer sind sie? Diese Fragen stehen am Beginn nicht nur der historiografischen Erklärung, sondern auch von Verschwörungstheorien, insbesondere dann, wenn die Antworten scheinbar nicht die ganz Wahrheit enthüllen. Carlos Carballo hat sein ganzes Leben der Wahrheitsfindung verschrieben - oder womöglich an Verschwörungstheorien vergeudet, weil er mi den Antworten der offiziellen Geschichtsschreibung nicht einverstanden war. Weil zu viele Fragen offen blieben. Er stößt auf einen Bruder im Geiste, den Rechtsanwalt Marco Tulio Anzola, der sich ähnlich manisch an der Ermordung des Generals Uribe Uribe abgearbeitet hat. Anzola, eine reale Person, zweifelte an der Tätertheorie, zwei arme Handwerker hätten spontan zur Axt gegriffen, um Uribe in eigenem Auftrag zu erschlagen - und scheiterte spektakulär. Von ihm blieb nur das politische Pamphlet „Wer sind sie?“, das wie eine Bibel der Verschwörungstheorien die Zeiten überdauert. Carvallo ist so voll davon, dass er ‚Vásquez‘ damit (fast) ansteckt, denn „eine Verschwörung ans Licht zu bringen. Das ist eine Aufgabe, der man sich widmen kann, Vásquez, eine Lüge von der Größe einer ganzen Welt zu enttarnen.“ (S. 278) Das Problem mit Verschwörungstheorien ist, dass sei die Form einer Ersatzreligion annehmen können, in der nur noch Wahrheiten gelten, die zur Theorie passen. ‚Vásquez‘ lässt das für sich nicht zu und schreibt den großem Enthüllungsroman nicht, um den Carballo fleht, aber es entsteht „Die Gestalt der Ruinen“, in der weder ‚Vásquez’ noch Vasquez eindeutig Stellung beziehen, wohl aber das Erbe ihrer Heimat annehmen, mit „ihren Irrtümern, ihrer Unschuld und ihren Verbrechen.“ (S. 519) Bis zu diesem letzten Satz hat Vásquez eine komplexe Geschichte komplex erzählt. In er Rahmenhandlung mit ‚Vásquez‘ und Benavides steckt die Binnenerzählung Carballos und insbesondere die Binnenerzählung von Anzolas Schicksal, die großen Raum einnimmt und zudem noch Anzolas eigenen Text „Wer sind sie?“ enthält. Die zeitlichen Ebenen verschränken sich häufig, oft gekonnt, manchmal verwirrend, wie um zu zeigen, dass die gesamte Vergangenheit zu jeder Zeit gegenwärtig ist. Das ist anstrengend zu lesen und nicht immer nachzuvollziehen. Vásquez variiert das Erzähltempo mit den Zeiten und zieht etwa die Ermordung General Uribes unnötig in die Länge. Mit dem Eintritt in Anzolas Binnenerzählung längt sich überhaupt der ganze Roman, weil man beim Lesen nicht darauf vorbereitet wurde, dass Uribes Attentat dieses Gewicht und diesen breiten Raum erhalten würde. Der Roman ist dennoch unbedingt lesenswert, auch wenn er Längen und Schwächen hat, weil er nämlich auf einem erzählerischen Niveau Macken hat, das andere Romane niemals erreichen. Vásquez‘ zentrales Thema - was nämlich die historische Wahrheit ist - beschäftigte ihn schon in „Die Reputation“ und in „Die Informanten“, und es ist immer noch nicht verbraucht. Im Gegenteil! Auch die Geschichtswissenschaft arbeitet sich an der historischen Wahrheit seit Thukydides ab, da alle historische Deutung … Fiktion ist. Dass Verschwörungstheorien, die „das Establishment“, „das System“ oder den „Deep State“ hinter monströser Geschichtsfälschung vermuten, ihren unbestreitbaren Charme haben, zeigt die Faszination, die von Carballos und Anzolas Beispielen ausgeht. Dass die offizielle Wahrheit Fehlstellen hat, die beunruhigen, ist ebenso unbestreitbar. Dazwischen bewegt sich der Mensch, bewegt sich Vásquez mit den Mitteln des Romans und regt zum Nachdenken und Mitdenken an. Wie tief das gehen kann, zeigt sich, wenn man den Titel des Romans betrachtet: „Die Gestalt der Ruinen“. Die als Ruinen bezeichneten Gegenstände im Roman sind Knochen. Überreste der beiden Attentatsopfer Uribe und Gaitán. Sie stehen für den Rest Lebendigens im Tode, wie auch in allen Ruinen der Rest der Unversehrtheit steckt, „die Vergangenheit ist in der Gegenwart enthalten“ (S. 176) - oder mit William Faulkners Worten: „The past is never dead. It'‘s not even past.“ Ruinen sind aber die Zeugen dafür, dass die Zeit an nichts vorübergeht, ohne ihre Spuren zu hinterlassen, bis nur noch Ruinen bleiben. Im Gegenwärtigen steckt also die Ruine von morgen. An Carballo und Anzola kann man gut ablesen, wie sie von den Ereignissen ihrer Gegenwart aufgesaugt und ruiniert werden. Sie sind ruinöse Gestalten, die aus der Gewalt ihres Lebens entstanden sind. Vor allem aber fordern uns Ruinen stets auf, uns ihrer ursprünglichen Form zu erinnern: Wie passt Uribes Kalotte in seinen Schädel? Wie der Wirbel Gaitáns in seinen Körper? Jeder Ruine wohnt die Aufforderung inne: Stell dir vor, wie ich früher ausgesehen habe! Das kennt jeder, der einmal eine Burgruine oder Reste römischer Thermen besucht hat: Welche Gestalt mochten sie gehabt haben? Sich mit Ruinen zu beschäftigen, überbrückt die Zeiten und stellt eine Verbindung von ursprünglicher Gestalt zum gegenwärtigen Zustand her, birgt also auch stets den Prozess vergehender Zeit: Wie wurde die Ruine eigentlich durch die Zeit umgestaltet? Warum verlor sie ihre ursprüngliche Form? Und endlich: Was wäre, wenn dieses oder jenes nicht auf die heutige Ruine eingewirkt hätte? Und darum ist „Die Gestalt der Ruinen“ lesenswert.

  • Bewertung

    aus Viersen

    4/5

    17.09.2018

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Wie Chemnitz zum Stadtteil von Bogotá werden könnte

    Sie treibt ihn um, die unheilvolle Geschichte seines Heimatlandes Kolumbien, gezeichnet von Gewalt, Terror und Bürgerkrieg. Juan Gabriel Vásquez begibt sich in seinem ambitionierten Roman „Die Gestalt der Ruinen“ auf Spurensuche. Was sind die Wurzeln für die immer wieder aufflammenden blutigen Unruhen? Vásquez verortet sie in den Morden an zwei polarisierenden liberalen Politikern: Rafael Uribe Uribe, in 1914 von zwei sozial abgehängten und darob frustrierten Handwerkern mit Äxten erschlagen, und Jorge Eliécer Gaitán, in 1948 von Juan Roa Sierra, einem geistig verwirrten Einzeltäter, so hieß es, mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Auf das Attentat auf den populären Präsidentschaftskandidaten Gaitán, der es sich auf die Fahne geschrieben hatte, Kolumbien aus den Klauen der Oligarchen und korrupten Machteliten zu befreien, folgte der Bogotazo, die Verwüstung Bogotás, und die Violencia, ein zehn Jahre währender Bürgerkrieg. Dieser entzündete sich im Kern, so die von Vásquez nahegelegte Interpretation, an der unaufgelösten Diskrepanz zwischen offizieller Wahrheit, die ihren Eintrag in die Geschichtsbücher beansprucht, und der von Zweifeln geschürten Spekulation, dass es eine andere - die wirkliche - Wahrheit dahinter gibt. Wer sich um die Wahrheit betrogen fühlt, misstraut der Macht, die er für die Manipulation verantwortlich macht. Und wenn sich dieses Misstrauen gegen die Machthaber richtet, desavouiert es alsbald das politische System und fordert seine Überwindung, notfalls mit Gewalt, die Gegengewalt auslöst. Die offenen Fragen nach Ermordung Uribes und Gaitáns boten den Humus für zersetzende Verschwörungstheorien, denen Vásquez in seinem Roman nachgeht. Willkommen in der kolumbianischen Version von Don DeLillos „Sieben Sekunden“, in dem die Ermordung von JFK in einem raffinierten Spiel aus Fakten und Fiktion literarisch hinterfragt wird. Statt der Hauptfigur des Nicholas Branch, einem CIA-Archivar, der den Leser selbst in DeLillos Klassiker darstellt, lässt Vásquez sein literarisches Alter Ego unter seinem Namen als Ich-Erzähler auftreten. Ein Vexierspiel beginnt. Der Autor Vásquez lässt sein Roman-Ich (nachfolgend kurz: Vásquez), auf Dr. Franciso Benavides treffen, einen renommierten Chirurgen und leidenschaftlichen Sammler. Bei einem Abendessen im Hause Benavides stellt der Arzt Vásquez Carlos Carballo vor, der entpuppt sich im Gespräch als Verschwörungstheoretiker, der hinter jedem Attentat oder Tod eines Prominenten einen Plan unsichtbarer Kräfte wittert. Besessen ist er von der These, dass die Ermordung Gaitáns nicht das Werk eines Einzeltäters war. Von Vásquez erhofft er sich Informationen, schließlich war dessen Onkel seinerzeit in die Ermittlungen eingebunden. Vásquez erkennt den wahren Grund für seine Einladung. Liefern kann er nicht. Es kommt zum Streit. Vásquez wirft Carballo ein Whiskyglas an den Kopf. Benavides setzt ihn jedoch nicht vor die Tür, sondern zeigt ihm seine krude Sammlung von Erinnerungsstücken, darunter ein Teil der Wirbelsäule des ermordeten Gaitán. Vásquez ist von den Memorabilien und den Theorien fasziniert, die sich daran knüpfen, fängt aber nicht Feuer. In der Folgezeit unternimmt Carballo trotz der kassierten blutigen Nase einen perfiden Versuch, Vásquez in seine Recherchen einzubinden. Vásquez erkennt die Täuschung. Jahre später, Vásquez ist mit seiner Familie aus Spanien nach Bogotá zurückgekehrt, beklagt Benavides den Diebstahl der Überreste Gaitáns. Vásquez versucht Carballo als Täter zu überführen und geht zum Schein auf dessen Vorschlag ein, ein Enthüllungsbuch über die wahren Drahtzieher des Mordes an Gaitán zu schreiben. Carballo erstaunt Vásquez mit den von ihm den zusammengetragenen Fakten. U.a. gibt er ihm Einsicht in die Schrift „Wer sind sie?“ von Marco Tulio Anzola, der im Fall Uribe im Auftrag dessen Familie eigene Nachforschungen - mit beunruhigenden Ergebnissen - angestellt hat. Und dann spannt Carballo den großen Bogen zwischen den Attentaten auf Uribe und Gaitán, der nicht minder überraschend ist. Gibt es ein Muster, das sich wiederholt? Was hat der Vater von Carballo damit zu tun? Und wird Vásquez das Buch schreiben? Die letzte Frage scheint beantwortet zu sein. Aber entspricht der Roman den Vorstellungen Carballos? Der Autor Vásquez erzählt prall, spannend und trotz der Fülle der vermittelten Details übersichtlich, sodass sich vor den Augen des Lesers ein kleinteiliges Puzzle zu einem wandausfüllenden Diptychon zusammensetzt. Die Bildhälften fallen asymmetrisch aus, da die Darstellung der Ermordung Uribes überbordend Raum beansprucht. Ein lässlicher Schönheitsfehler in der Konstruktion des Romans. Vásquez verwebt geschickt Fakten und Fiktion, erweckt durch den Kunstgriff, sich selbst zum Helden seines Romans zu machen, den Anschein einer autobiografischen Erzählung. Er zeigt dadurch auf: die Wahrheit changiert durch Überlieferung zwischen Wahrsein und Wahrhabenwollen. Ob Autobiografie oder Geschichtsschreibung, am Ende ist Wahrheit nichts anderes als ein durch Übereinkunft zur Wahrheit erhobenes Narrativ. Dies gilt umso mehr, je weiter die Geschehnisse zurückliegen. Auslassungen eröffnen Räume für Verschwörungstheorien und ihre Lightversion, „die einfachen Wahrheiten“. Wenn der gesellschaftliche Konsens und das Vertrauen in die politische Elite schwindet, schwindet auch die Bereitschaft an dem gemeinsamen Narrativ festzuhalten. Dann ist sie da, die Zeit der Verunsicherer, die Sicherheit versprechen; der Lügner, die endlich sagen wollen, was die Wahrheit ist; der Aufklärer, die mit Meinungen mit Tatsachen gleichsetzen; der Heilsbringer, deren Grad ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sich erst nach ihrem Wirken im angerichteten Leid messen lässt. Wir Menschen sind - frei nach Albert Camus - immer Opfer unserer Wahrheiten, ob gestern in Bogotá, heute in Chemnitz und morgen in Irgendwo. Uns dies ins Bewusstsein zu rufen, hat sich Juan Gabriel Vásquez mit seinem Roman „Die Gestalt der Ruinen“ angelegen sein lassen. Wir erzählen uns Menschheitsgeschichte u.a. als Interpretation ausgegrabener und aufbewahrter Körperruinen, als Folge von Ereignissen, als Summe einer auslösenden Kausalität, anders formuliert: als Gestalt der Ruinen. Aber ist sie das wirklich? Oder setzt unsere individuelle Entscheidung, einem Narrativ zu folgen, die Ursache für Geschichte? Laden wir Ereignisse, indem wir sie in Bezug zueinander setzen, erst mit Sinn auf? Und was ist, wenn diese Ereignisse doch nur zufälligen Charakters und ihre Verknüpfung im Dienst einer Idee, Ideologie gewillkürt sind? Das bleiben und sind die existenziellen Fragen, die Vásquez aufwirft. Darüber nachzudenken, lohnt gerade jetzt. Ein gutes Buch, ein wichtiges Buch, ein herausforderndes Buch. Es kommt zur rechten Zeit. Bei Licht besehen kommt es immer zur rechten Zeit. Denn irgendwo ist immer Kolumbien. Und irgendwo marschieren sie immer. Mal mit orangefarbenen Tüchern um den Hals, mal mit dauererigiertem Arm uswusf.

  • Bewertung

    aus Witten

    3/5

    15.10.2018

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Die Wurzeln der Gewalt

    In seinem neuen Roman “Die Gestalt der Ruinen“ setzt sich Juan Gabriel Vásquez mit der Geschichte Kolumbiens und der bis heute anhaltenden Instabilität auseinander. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Attentate, die das Land entscheidend geprägt haben: die Ermordung von General Rafael Uribe Uribe im Oktober 1914 durch zwei Handwerker und der Tod des liberalen, oft mit John F. Kennedy verglichenen Politikers Jorge Eliécer Gaitán am 9. April 1948, auf den der Bogotazo genannte Volksaufstand und später der blutige Bürgerkrieg “Violencia“ zwischen den Anhängern der liberalen und der konservativen Partei folgten. Die Taten des grausamen Drogenbarons Pablo Escobar und seiner paramilitärischen Einheiten in den 80er Jahren haben den Staat weiter destabilisiert und gespalten und sein Ansehen in der Welt nachhaltig beschädigt (“Narco-Republik“). Die zentrale Figur des Romans ist der Schriftsteller Vásquez, der zweifach in Erscheinung tritt: als realer Autor und als fiktive Figur, der eine Fülle von autobiografischen Details, z.B. die Jahre im Exil in Barcelona, die zu früh geborenen Zwillingstöchter, seine eigenen Bücher samt literarischen Einflüssen Authentizität verleihen. Die Romanfigur Vásquez wird von dem ihm bekannten Arzt Doktor Benavides mit Carlos Carballo, einem paranoiden Verschwörungstheoretiker, zusammengebracht. Carballo hat sein Leben der Aufklärung des Mordes an Gaitán gewidmet und möchte Vásquez als Autor eines Buches gewinnen, das endlich die offizielle Version des Einzeltäters Joan Rosa Sierra widerlegt und die Wahrheit über eine nie aufgedeckte Verschwörung offenlegt. Für Carlos Carballo hängen die Morde an General Uribe und Gaitán zusammen, folgen sie nach seiner Überzeugung doch demselben Muster von sichtbaren Tätern und verdeckt agierenden Verschwörern. Auch andere Ereignisse und Morde an Prominenten gehören für ihn in dieselbe Kategorie: 9/11, die Ermordung von John F. Kennedy, der Tod von Lady Di usw. sind für ihn ebenfalls anders verlaufen, als die offizielle Version uns glauben machen möchte. Die “wirkliche“ Wahrheit muss erst noch aufgedeckt werden. Nach anfänglicher wütender Ablehnung lässt sich Vásquez immer mehr in die Sache hineinziehen, nicht zuletzt um in Benavides´ Auftrag die aus seinem makabren Privatmuseum gestohlenen Knochenreste von Uribe und Gaitán zurückzuholen, die für alle Beteiligten allmählich den Status von Reliquien annehmen. Juan Carlos Vásquez liefert zwar eine gründliche Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und ihren Vertretern, zeigt das undurchdringliche Geflecht von nicht beweisbaren Theorien, Gerüchten und Anekdoten, muss aber letztlich schlüssige Beweise für Verschwörungen schuldig bleiben - genauso wie der Jurist Marco Tulio Anzola, der im Fall Uribe mit seinen Aussagen und Veröffentlichungen u.a. des Buches “Wer sind sie?“ sein Leben in Gefahr brachte und notgedrungen ins Exil ging. Vásquez´ Buch ist eine sogenannte Autofiktion, in der sich autobiografische Bezüge und die fiktionale Handlungsebene vermischen. Es ist außerdem ein historischer Roman, der sich mit einer Fiktion verbindet. So führt der Autor den Leser in ein verwirrendes Labyrinth. Unscharfe Fotos und Dokumente scheinen den Wahrheitsgehalt der Darstellung zu belegen, und dennoch ist es ein Werk der Fiktion. Mir hat der nicht leicht zu lesende, zu epischer Breite und ungeheurer Detailfülle neigende Roman insgesamt gefallen, thematisiert er doch die Frage nach Realität und Fiktion genauso wie das Leiden der Kolumbianer an der von Generation zu Generation vererbten Geschichte von Gewalt und Tod. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

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