Es ist das Jahr 2027. Aufgrund der stark erhöhten Sonneneinstrahlung in Deutschland ist der Anbau von Rüben und Getreide auf freier Fläche nur noch unter schützender Folie möglich. In Freiburg versorgt der von Dr. Hannelore Hellmann entwickelte Pflanzenturm die Stadt und das direkte Umland mit Lauch, Tomaten und anderem Kleingemüse. Ihre Agrarfabrik funktioniert einwandfrei, bis ein Saboteur sich einmischt und sie zwingt, die optimalen Lichtbedingungen aufzugeben. Tomaten, Auberginen und Co. werden nicht nur knapp, sondern auch ungenießbar. Die Schuld daran wird Dr. Hellmann zugeschoben. Zusammen mit ihrem Job verliert sie ihre Wohnung, schließlich sogar ihre Freiheit. Ist es das, was der Saboteur erreichen wollte, oder hat er ein ganz anderes Ziel?
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Lesetipp: „Der Geschmack gelber Tomaten“ von Hilda M. Jannsen ist ein Beispiel für einen unbedingt lesenswerten Roman mit feiner Charakterzeichnung und überraschenden Wendungen, der ganz ohne „richtigen“ Verlag auskommt.
Bewertung am 02.06.2026
Bewertungsnummer: 3156555
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Geschichte beginnt mit einer doppelten Irritation: Wir befinden uns im Freiburg des Jahres 2027, nahe unserer Gegenwart, und doch ist vieles anders. Die Stadt wird von einem Pflanzenturm versorgt, der von der Agraringenieurin Hannelore Hellmann entwickelt wurde. Das hat seinen Grund: Die Sonneneinstrahlung erlaubt kein normales Leben mehr. Nicht nur Pflanzen haben ohne schützende Folien und Klimaregelung kaum eine Chance, auch Menschen und Tiere ertragen das Draußen nur noch für Minuten. Die Wohnfläche pro Mensch, der Umgang mit Fahrzeugen, Lebensmitteln und Abfall sind strikt reglementiert. Dem Energiekonzept sind Wasserspiele ebenso zum Opfer gefallen wie die Vielfalt von Kultur und Kunst. Immerhin: Die Versorgung scheint gesichert, und die Freiburger sind stolz auf die herausragenden Leistungen ihres Systems, das von anderen Städten kopiert wird.
In diese fragile Situation platzen unerwartete Störfälle. Hellmann kommt dem Saboteur ihrer Agrarfabrik zwar schnell auf die Schliche, kann sich aber nicht offen gegen ihn wenden, weil er mächtige Verbündete hat. Ihr Chef zwingt sie, die Lichteinstrahlung im Pflanzenturm zu verlängern, um den Ertrag zu steigern. Schlechte Ernten und geschmackloses Gemüse sind die Folge. Hellmann verliert ihren Job, dann auch die Wohnung, die Freiheit. Kollegin Elli, die versucht, zu retten, was zu retten ist, spricht von ihrer „Aversion gegen dieses ewige Licht, diesen ständigen Zwang zu wachsen, Leistung zu bringen und das Richtige zu sagen und zu tun“ und formuliert damit die Ängste und das Lebensgefühl aller Beteiligten.
Kleiner Spoiler, der dem Plot nichts von seiner Spannung nimmt: Der Roman endet mit einem wunderbar gelassenen Kapitel. Und die „Bösewichte“ erweisen sich als Menschen mit guten Absichten, während die „Guten“ auch zu Nutznießern von Reichtum und Beziehungen geworden sind. Anspruchsvolle Leser werden die psychologisch differenziert gezeichneten Charaktere genießen, so auch das besondere Temperament der Protagonistin Hellmann, ihre unbeugsame, um nicht zu sagen sture Selbstsicherheit. Sie reagiert auch mit Wut und Rücksichtslosigkeit, die man ihr doch verzeiht, schon weil sie gegen die Depression helfen, die sie sonst handlungsunfähig machen würde. Ein gut lesbarer und dennoch komplexer Roman für ein großes Publikum.
Hilda M. Jannsen, Der Geschmack gelber Tomaten, Roman. BoD, 2026, 12 €.
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