Büchner-Preis 2026Zwei Frauen in Paris, wie sie verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im Mädchenalter nach Leichen sucht, um das Innenleben menschlicher Körper zu studieren und zu verstehen; und Madeleine Basseporte, die sich ganz der Anatomie von Blumen verschrieben hat, weil Menschen einen nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben, was vermehrt auf Männer zutrifft. Auch sie kommen vor, in teils erheiternden Nebenrollen – ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet.
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
darkola77
Thalia Book Circle Community
5/5
01.09.2026
Buch (Taschenbuch)
Wie Wachs in ihren Händen
Dieser Roman hat mir den Kopf verdreht! So wie Marie Madeleine. Und Madeleine Marie. Und wie die beiden schon nach den ersten Begegnungen wussten, diese Faszination füreinander, diese Spannung und Gefühle sind so unverwechselbar wie einzigartig, so ging es mir mit ihrer Geschichte. Denn was ich mit „Wachs“ gefunden habe, ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich intensiv. Ungewöhnlich in Witz und Charme. Und ungewöhnlich in den beiden Hauptfiguren.
Sich ihrer selbst bewusst und von hohem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen – das ist es, was Marie und Madeleine für mich auszeichnet. Und die Geschichte zu einer Reise durch die Zeit und in das Wesen zweier Frauen macht, die füreinander bestimmt zu sein scheinen. Und die Männer in ihren Leben in Nebenrollen verbannen. Oftmals belustigend, neurotisch oder tölpelhaft in ihren Auftritten, dabei doch immer liebenswert. Und die Marie und Madeleine in ihrer jeweils ganz eigenen Genialität und Charakterstärke und -reife zusätzlich betonen, da von ihnen abgrenzend sind.
Und ja, die beiden Frauen sind so genial wie besonders. Und ergänzen sich in all ihren Unterschiedlichkeiten. Madeleine, die Pflanzenmalerin, die ihre Objekte seziert, freilegt und dann doch aufs Papier bannt. Und Marie, die schon als Kind eine alles beherrschende Faszination für Leichen entwickelt, ihnen unter die Haut schaut und greift, das menschliche Innere ans Tageslicht befördert. Und dieses in späteren Jahren aus Wachs knetet und formt und der Außenwelt zugänglich macht. Ihre Liebe füreinander überdauert die Jahrzehnte, Macht und Politik und die Auswüchse einer Zeit, in der Sicherheit und Beständigkeit zunehmend schwinden.
Mit Marie und Madeleine reise ich durch die Geschichte, die ihre gemeinsame ist, und schnell, schnell durch Zeilen und Seiten. Denn ich mag den Roman gar nicht absetzen, möchte genießen in einem langen Atemzug. Und zwar eine Autorin, die gerade erst prämiert mit dem begehrten Büchner-Preis, ein Werk von außergewöhnlicher Schönheit und überbordender Fantasie und Einfallsreichtum geschaffen hat.
Marielle_liest
5/5
19.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Starke Frauen
Marie braucht Leichen. Sie will nämlich der beste Anatom von Paris werden - gendern findet sie nicht nötig, denn sie will auch besser sein als alle Männer auf diesem Gebiet. Madeleine hat als Zeichnerin der Botanik bereits alles erreicht. Sie zeichnet im Jardin du Roi, im Königlichen Garten, und hat die männliche Konkurrenz längst hinter sich gelassen.
Wir begleiten die beiden Frauen vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis mitten in die Französische Revolution auf ihrem Lebensweg.
Die beiden Frauen Marie Marguerite Bihéron und Madeleine Françoise Basseporte erwachen in diesem historischen Roman zum Leben. Sie führen eine queere Liebesbeziehung und sind ihrer Zeit weit voraus. Ich finde es grandios, dass es einen wahren Hintergrund dieser Geschichte gibt. Und auch wenn die Autorin angibt, dass große Teile erfunden sind, macht es mir beim Lesen eine riesige Freude, zu spekulieren, was vielleicht doch auf diese oder jene Weise passiert sein könnte.
Der Sprachstil ist passend zum zeitlichen Bezug gewählt und wunderbar morbide. Auch das französische Flair im Zeitalter der Aufklärung sowie die stark beschriebenen Sinneseindrücke geben mir „Das Parfum“-Vibes - was ebenfalls Anfang des 18. Jahrhunderts spielt. Christine Wunnicke würzt alles noch mit subtilem Humor und unbeirrbarem Feminismus.
Ich finde zudem, dass Maries Zieh-Enkel Edmé die Handlung sehr bereichert. Über ihn musste ich immer wieder schmunzeln und er hat mich an mehreren Stellen überrascht. Da ist die Bezeichnung „Nichtsnutz“ auf dem Klappentext doch ein bisschen fies.
Die Kapitel springen kreuz und quer durchs 18. Jahrhundert, lassen sich aber nach ein paar Absätzen durch Jahreszahlen oder geschichtliche Ereignisse schnell zuordnen.
Ingesamt bin ich rundum begeistert. Ich könnte mir den Roman durch seine so aktuellen Themen und seinen gleichzeitig historischen Hintergrund ganz prima auch im Deutschunterricht vorstellen. Habe ich so gern gelesen und werde es im Regel neben „Das Parfum“ stellen.
Eva
5/5
17.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Widerstand durch Wissenschaft
Am 24. Oktober wird Christine Wunnicke der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgelobte Georg-Büchner-Preis 2026 verliehen. Wie passend, dass Judith Schalansky die Laudatio halten wird.
2025 landete der Titel auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Juli erschien ihr Roman Wachs als Taschenbuch im @diogenes_verlag.
Christine Wunnicke nähert sich in Wachs einer großen Liebe, den Geheimnissen des Körpers, den Grundlagen der zeitgenössischen Naturwissenschaft und widerspricht höchst vergnüglich jeglichen Narrativen, die Frauen bis heute von den konservativen Teilen der Gesellschaft zugeschrieben werden.
Die Tochter eines Apothekers sucht nach einer Leiche. Sie will daran üben, die beste Anatomin zu werden - und in die französische Geschichte einzugehen. Marie Marguerite Bihéron wird tatsächlich Weltruhm erlangen. Sie wird Zeichnerin und Bildnerin von anatomischen Wachspräparaten. Ihr detailliertes und naturgetreues Modell einer schwangeren Frau und eines Fötus waren weltbewegend.
Madeleine Bassport widmet sich der Forschung zur Anatomie von Blumen. Sie sind einfach umgänglicher als Männer. Madeleine und Marie leben in einer Zeit, in der Frauen nicht als Denkende Individuen akzeptiert sind. Beide schaffen sich ihr Forschungsfeld selbst, um zu lernen, zu lehren und zu lieben.
Wachs ist ein epischer, komplexer historischer Roman auf 200 Seiten. Er erzählt die Liebesgeschichte zweier Frauen, die sich nicht für die Meinungen der anderen interessieren. Er ist ein Plädoyer für das Denken abseits der Norm, glänzt durch das Skurrile, Makabre und Absurde und hält den Finger auf die Tragik der ungerechten Ungleichheit der Geschlechter.
Christine Wunnicke erfindet eine eigene Tonalität, die ebenso an den Grundfesten der erprobten Semantik rüttelt wie ihre Protagonistinnen an den Glaubenssätzen der männlich geprägten Wissenschaft. Humorvoll, geistreich und höchst anspruchsvoll zeigt dieser Text, was Literatur vermag: Gesellschaft spiegeln und sie gleichzeitig gestalten.
Was für eine Freude, dieses grandiose Werk im Programm des Diogenes Verlags zu sehen.
Bewertung
5/5
26.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartige Unterhaltung
Paris im Jahre 1733
Marie Biheron, die 14-jährige Tochter des Apothekers hegt den großen Wunsch, die Anatomie zu studieren und wünscht sich sehnlichst eine Leiche. Tatsächlich gelingt es ihr ihre wissenschaftlichen Studien vorzunehmen und ihre Erkenntnisse weiterzugeben. Dazu erstellt sie Wachsmodelle des Körpers und seiner Organe.
Marie geht in die Zeichenschule von Madeleine Basseport, die die Pflanzenzeichnerin im Jardin du Roi ist.
„Madeleine Basseporte war eine hochgewachsene Schönheit, von einer solchen Gattung und Art, dass sie Gegaffe, Gerede, Geseufze auf sich zog und im schlimmsten Fall auch Gefechte, (…)“
Die beiden Frauen werden ein Paar, leben ihr Leben gegen jede gesellschaftliche Norm, beide sind klug und selbstbewusst, forschen, die eine zeichnet und erfasst die Pflanzen, die andere die Anatomie der Menschen. Und während die beiden Frauen die Welt systematisch erfassen, zerfällt der Rest um sie.
Die 73- jährige Marie erlebt den Beginn der neuen Republik, sie war 4 1/2 Jahre bettlägerig, rappelt sich wieder auf, versteht jedoch die Welt nicht mehr.
In der Sprache einer Chronistin zieht uns die Autorin in die Welt des 18. Jahrhunderts, mitten ins Geschehen in das Leben dieser ungewöhnlichen Frauen aber auch den gesellschaftlichen Umbrüchen und Tumulten der Zeit.
Voller Phantasie und Poesie, entfaltet die Autorin ihre Erzählkunst, schildert skurrile Situationen, alles mit großartigem Feinsinn und Humor beobachtet.
Männer erscheinen in unwichtigen Nebenrollen, und wenn, dann sind sie schwach, auch Diderot, der große Denker der Revolution kommt nicht gut davon. Saint-Pierre mit seinem Roman „Paul und Virginie“ wird verrissen.
Kluge und witzige Dialoge zeigen die Intelligenz dieser beiden Frauen, die ihre Rolle in einer männerdominierten wissenschaftlichen Welt fordern.
Ein sprachliches Feuerwerk mit historischen Bezügen und doch neu zusammengefügt.
Ein Buch, das ich in einem Zug gelesen habe. Unbedingte Leseempfehlung
Berenberg 2025
Bewertung
Book Circle Community
5/5
05.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Wachs und Blüten: Wissen und Verlangen
Marie Biheron und Madeleine Basseporte hat es wirklich gegeben, auch wenn wir heute kaum mehr etwas über ihr Leben wissen – eben weil sie „nur“ Frauen waren. Christine Wunnicke folgt den historischen Spuren, aber sie dichtet natürlich auch hinzu und schafft damit ein eigenwilliges, schillerndes Bild zweier Frauen, die sich für Wissenschaft und Kunst entschieden haben und, trotz aller Widerstände, ein Leben lang miteinander verbunden blieben.
Wer eine lineare, leicht zugängliche Erzählung erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Wunnicke erzählt sprunghaft, wechselt zwischen Szenen vor und nach der Französischen Revolution, ohne dass die Stränge klar miteinander verknüpft sind. Manchmal beginnt ein Kapitel scheinbar aus dem Nichts, und man muss sich wie auf neuem Terrain erst zurechtfinden. Dazu kommt die Fülle an wissenschaftlichen, lateinischen und veralteten Wörtern. Man kann sie ignorieren oder nachschlagen – in jedem Fall hemmen sie den Lesefluss. Aber vielleicht ist genau das beabsichtigt: Es geht hier nicht um eine Geschichte, die „von A nach B“ verläuft, sondern um Literatur als Erfahrung. Sprünge, Brüche, Leerstellen – all das zwingt dazu, immer wieder neu einzutauchen, immer wieder anders zu lesen. Für manche mag das mühsam sein, für mich war es die eigentliche Faszination.
Besonders beeindruckt hat mich eine Szene, in der die beiden Frauen zum ersten Mal intim werden. Wunnicke schreibt das ohne platt zu werden, ohne je das Wort „Sexualität“ in den Mund zu nehmen – und doch ist alles geladen mit Andeutungen, Bildern, einer fast mystischen Erotik. Ich erinnere mich nicht, je etwas Vergleichbares gelesen zu haben.
Die Sprache insgesamt ist poetisch und literarisch, zugleich unterhaltsam, oft auch humorvoll. Gerade diese Mischung aus Ernst und Witz, aus Anatomie und Andacht, aus Politik und Intimität macht das Buch so besonders. Wachs ist kein Buch zum bloßen Konsumieren. Es ist eine Herausforderung – und gerade deshalb lohnend.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
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