Eine Frau geht durch den Wald, und alles, was sie vergessen will, kehrt zu ihr zurück. So nähert sie sich Atemzug für Atemzug dem sechzehnjährigen Mädchen, das sie einmal gewesen ist. Der erste Kuss auf einer Party. Der erste überwältigende Rausch, der den Körper so leicht werden ließ. Die Mutter, die mit Argusaugen über sie wacht und ihren unbändigen Lebenshunger kontrolliert. Der Vater, der sich immer weiter distanziert.
In ihrem neuen Roman, der mit dem wichtigsten Literaturpreis Norwegens, dem Kritikerpreis, ausgezeichnet wurde, kehrt Vigdis Hjorth zu ihren großen Lebensthemen zurück: Sie erzählt vom schmerzhaften Kampf einer jungen Frau gegen das Geheimnis einer Familie, vom Ringen um die eigene Wahrheit und davon, dass manche Erinnerung einen so lange heimsucht, bis neues Erkennen möglich ist. Ein essenzielles, universelles Buch von der bedeutendsten Gegenwartsautorin Norwegens.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Tanja
aus Bayern
5/5
03.04.2025
eBook (ePUB 3)
Ein intensives Werk
"Wiederholung" von Vigdis Hjorth, übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, erschienen im
S. Fischer Verlag im Februar 2025
Das Buch erkundet, wie schmerzhafte Erinnerungen im Laufe der Zeit wiederkehren können und wie sie das Leben eines Menschen beeinflussen.
Es geht um die Aufdeckung verborgener Wahrheiten und die Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen.
Die Hauptfigur begibt sich auf eine Reise der Selbstfindung, um ihre Vergangenheit zu verstehen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Dabei werden Fragen nach Identität, Wahrheit und persönlicher Verantwortung aufgeworfen.
Die Sprache in dem Buch ist prägnant und klar. Der Roman erzeugt eine sehr starke emotionale Wirkung beim Lesen. Durch die Wiederholungen von Sätzen und Momenten wird die innere Zerrissenheit der Frau deutlich hervorgehoben.
Ich wurde in einen Strudel von Emotionen hineingezogen, der von tiefer Trauer bis hin zu Momenten der Erkenntnis und des Mitgefühls reicht.
Die schonungslose Offenheit, mit der Vigdis Hjorth über Trauma und Erinnerung schreibt, kann beunruhigend sein, aber auch eine befreiende Wirkung haben.
Fazit:
"Wiederholung" ist ein Roman, der dazu anregt, über die Macht der Erinnerung und die Bedeutung der Wahrheit nachzudenken. Vigdis Hjorth ist es gelungen, eine tief bewegende Geschichte zu erzählen, die lange nach dem Lesen nachwirkt.
Es hat bei mir ein Gefühl der intensiven Nachdenklichkeit hervorgehoben.
nathalielamieux
5/5
12.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
mit unerbittlicher Klarheit, schnörkellos und doch voller literarischer Tiefe
Norwegen ist dieses Jahr Ehrengastland der Buchmesse – und keine Autorin verkörpert die Intensität und literarische Kraft der norwegischen Gegenwartsliteratur so sehr für mich wie Vigdis Hjorth. Nach "Die Wahrheiten meiner Mutter" und "Ein falsches Wort" setzt sie mit "Wiederholung" ihre tiefgehende Auseinandersetzung mit Familie, Erinnerung und Schuld fort.
Die Hauptfigur des Buchs muss sich an die Geschichte, die erzählt wird, erst wieder erinnern. Sie spaziert durch den Wald und erinnert sich an sich selbst als Teenager und an das, was ihr mit 16 Jahren passiert ist. Sie beginnt langsam, ihre Vergangenheit zu verstehen. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen waren schrecklich und fernab von dem, wie sich Jugendliche ihr erstes Mal vorstellen. Sie weiß genau, dass es dazu kommen wird. Sie hat sich geküsst, getanzt und schreibt dann in ihr Tagebuch „am Samstag wird es passieren, lass mich nicht vorher sterben.“ Das Erlebnis selbst ist kläglich, der Junge behandelt sie aber nicht schlecht. Es kommt gar nicht dazu, doch sie schreibt darüber. Ihre 35seitige Beschreibung in ihrem Tagebuch, das sie über das Geschehnis von Pornoheften inspiriert zusammendichtet, lesen ausgerechnet ihre Eltern. Und denen kann sie ja nun nicht sagen, dass ihre Aufzeichnung nicht stimmt und es gar nicht so geschehen ist…
Sie erinnert sich an die falschen Erwartungen unter Jugendlichen und die erdrückende Enge ihres Elternhauses. Und je mehr sie sich erinnert, um so mehr schälen sich Wahrheiten heraus…
Hjorth schreibt mit unerbittlicher Klarheit, schnörkellos und doch voller literarischer Tiefe. "Wiederholung" ist kein leichter Roman, aber ein wichtiger: Ein Buch über Erinnerung, Trauma und den schwierigen Versuch, die eigene Wahrheit zu finden. Wer ihre vorherigen Werke mochte, sollte dieses nicht verpassen!
Jürg K.
5/5
08.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eindrücklich, spannend und emotional
Eine Frau bereitet sich auf den Marathon vor und läuft durch den Wald. Getrieben dies zu tun ist sie von was anderem. Alles, was sie eigentlich vergessen will, kehrt zurück. Schritt für Schritt nähert sie sich dem sechzehnjährigen Mädchen, das sie einmal gewesen ist. Die Vergangenheit holt sie ein. Da ist der erste Kuss, der erste Rausch. Die Mutter die über sie wacht. Der Vater der sich immer mehr distanziert. In diesem Buch wird eine emotionale und tiefgründige Geschichte erzählt. Als Leser wird man auf eine Reise einer jungen Frau mitgenommen, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Der schmerzhafte Kampf gegen das Geheimnis der Familie, der eigenen Wahrheit bis neue Erkenntnisse da sind handelt dieses grossartige Buch. Mich hat dieses Buch sehr zum Nachdenken angeregt. Ein Buch das ich vielen Lesern ans Herz legen möchte.
Literatursprechstunde
aus Göttingen
5/5
02.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wow - harter Tobak, wunderschön geschrieben!
„Wiederholen und erinnern und wieder erleben und wieder erzählen und wieder aufführen, denn die Kindheit hört nicht auf, die Jugend hört nicht auf, Kindheit und Jugend sind eine Zukunft, die immer wieder beginnt, ein andauernder Prozess.“
Es ist das Jahr 1975 und unsere Protagonistin spaziert mit ihrem Hund im Wald umher und erinnert sich währenddessen an ihre Vergangenheit, insbesondere ihre Jugendjahre. Sweet Sixteen - eigentlich das Alter der ersten Küsse, wilden Partys, vielleicht auch ersten sexuellen Erfahrungen. Doch mit einem Kontrollfreak als Mutter sieht alles anders aus - keine unbeschwerte Jugend, in der man sich selbst und das begehrte Geschlecht erkundet.
„(…) die Wiederholung ist der Ernst des Daseins.“
Dieses Zitat würde ich als sinnbildlich für das ganze Buch stehend sehen. Ein durchaus ernstes Buch, wobei man nicht genau weiß, inwieweit es autofiktional ist. Die Schwester der Autorin Vigdis Hjorth hatte vor ein paar Jahren schon mal einen Gegenentwurf zu einem ihrer früheren Bücher veröffentlicht, quasi als Richtigstellung. Von daher würde ich persönlich davon ausgehen, dass sehr viel Wahrheit in Bezug auf ihre eigene Familie in Vigdis Hjorths Büchern steckt.
„Die Wiederholung“ ist das Porträt einer dysfunktionalen Familie - ein Buch übers Schweigen, übers Vertuschen und über eine geradezu manische Kontrolle. Aus einer panischen Angst heraus, dass sie sich mit Jungs einlassen könnte, Alkohol trinken könnte oder gar Drogen konsumieren, wird die Tochter (unsere Protagonistin) permanent von der Mutter kontrolliert. Alles (meiner Meinung und Erfahrung nach) Dinge, die man in dem Alter auch gerne mal ausprobiert. Doch ebnet dieser Kontrollzwang nicht vielleicht sogar den Weg in genau diese Richtung, einfach um sich der Mutter zu widersetzen?!
Die Tochter schreibt Tagebuch, aber nicht wie man meinen würde, die Dinge, die sie erlebt hat - sondern sie schreibt, was sie demnächst erleben wird, sich wünscht zu erleben, oder eine retrospektiv korrigierte Wahrheit und zwar ins Positive, sie beschönigt die eigentlichen Ereignisse und malt sich mit ihren Worten aus, wie es hätte sein können.
Genau das wird zu einem katastrophalen Wendepunkt des Buches führen, nämlich als ihre Mutter ihre Zeilen liest. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.
Im Hintergrund wabert durch das ganze Buch hinweg der sexuelle Missbrauch des Vaters an unserer Ich-Erzählerin, der Tochter, der mutmaßlich im Kleinkindalter (oder noch früher?!) stattgefunden hat. Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem befreiten Schreiben unserer Ich-Erzählerin im Tagebuch und dem im Raum stehenden Ereignis, dem Missbrauch - denn die Eltern wissen ja genau, da war doch was.
„(…) ich war auf die Spur meines eigentlichen Traumas gebracht worden, denn intuitiv begriff ich, mit dem Körper begriff ich, dass das, was geschehen war, eine Nachwirkung von etwas Früherem war, dass in mir etwas Früheres wohnte, das ich nicht durchschaute, das mir mit Absicht verborgen und zugleich bekannt war, ich begriff, dass das, was ich empfand, das Nachbeben eines früheren und für mich noch nicht erkannten Erdbebens war.“
Als einer der wichtigsten Tage im Leben einer jungen Frau (bezüglich ihrer sexuellen Erfahrungen) gekommen ist, ihr anstehendes erstes Mal, verfasst sie einen folgenschweren Tagebucheintrag. welcher als klarer Auslöser zu sehen ist für das Nachbeben ihres früheren Missbrauchs. Die Eltern verknüpfen ihre eigene Tochter deswegen sogar als unrein.
„Wir vermieden es, einander anzusehen, sie vermieden es, mich anzusehen, in meiner Nähe zu sein, sie mieden mich, weil ich schmutzig war und stank und sie an etwas unerträglich Unbehagliches erinnerte.“
Und nun kommt ein Zitat, das mich wirklich umgehauen hat, das zeigt, dass die eigene Fantasie manchmal bedeutender sein kann, als die Realität. Es geht um besagten Tagebucheintrag, in dem sie ihr erstes Mal schildert, aber nicht, indem sie erzählt, was wirklich passiert ist, sondern ein komplett fiktives erstes Mal, vorbei an der Realität:
„Aber die Wirkung, die sie hatte, meine erste Geschichte, und das Entsetzen, das sie auslöste, lehrten mich etwas Entscheidendes: dass das, was wir erdichten, von größerer Bedeutung sein kann als das, was wahr ist, dass es wahrer sein kann.“
Kann Tagebuchschreiben auch Selbsttherapie sein?! Ich würde sagen ja (wenn man nicht gerade ein Gefühl der Überwachungverspürt , weil die Mutter kontrolliert, was man schreibt) kann es durchaus positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.
Mich hat zutiefst erschüttert, wie unsere Ich-Erzählerin nicht nur Opfer des sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater wurde, sondern vor allem der Umgang der Mutter damit, die sich dessen bewusst war. Sie versucht die Tochter klein zu halten, indem sie sie kontrolliert, wo sie nur kann. Zudem steht sie ihr nicht bei, prangert den Vater nicht an, sondern vielmehr das Verhalten der Tochter. Schweigen hat eindeutige größere Benefits für die Mutter als zu ihrer Tochter zu stehen, denn sie hat vier Kinder und ist finanziell abhängig von ihrem Ehemann.
Das war wirklich harter Tobak, auch wenn es nie explizit wurde, schwebten die furchtbaren Missetaten an der Tochter die ganze Zeit im Raum, bzw. Buch. Trotzdem kann ich Euch die Lektüre absolut ans Herz legen, denn es ist wunderschön geschrieben und hat mich bereichert und verletzt gleichzeitig. Verletzt, da ich regelrecht mitgelitten habe mit unserer Ich-Erzählerin, bereichert durch die Schönheit der Sprache der Autorin. Da es mein erstes Buch von Vigdis Hjorth war, kann ich nicht sagen, inwieweit die beiden vorigen Bücher „Die Wahrheiten meiner Mutter“ und „Ein falsches Wort“ thematisch mit „Die Wiederholung“ verknüpft sind, ich hatte aber nicht das Gefühl, dass es mir an irgendeiner Stelle an Vorwissen mangelte. Sofern Ihr über die aktuellen psychischen Kapazitäten für diese Art Lektüre verfügt, kann ich sie Euch nur wärmstens ans Herz legen!
(Ich für meinen Teil war jedenfalls so begeistert, dass ich mir gleich die beiden Vorgängerbücher von Vigdis Hjorth gekauft habe).
ancla_books4life
aus Schwerte
5/5
01.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Macht der Worte. Schmerzhaft inspirierend!
**** Worum geht es? ****
In diesem Buch thematisiert die Autorin autobiografisch das Gefühl von Wiederholungen im Leben. Ein roter Faden zieht sich von Anfang bis Ende und lässt sich durch Ehrlichkeit und Offenheit erkennen, wodurch das Werk zu erschüttern weiß.
**** Mein Eindruck ****
Das Buch ist zutiefst schmerzhaft, doch zugleich von einer jungen, naiven Hoffnung durchzogen. Es vermittelt Gefühle, die mit dem echten Leben, der Suche nach Kontrolle und dem Mangel an Freiheit verwoben sind. In den Zeilen wird etwas Verborgenes verarbeitet, das der Autorin einen inneren Druck abverlangt hat. Am Ende bleibt eine zaghafte Hoffnung, doch der Schmerz ist nach wie vor spürbar. Ich habe großen Respekt vor der Autorin und ihrem autobiografischen Werk. Das Ende bietet eine starke Inspiration, während der Weg dorthin als ein notwendiger Prozess dargestellt wird, der unbedingt gegangen werden muss. Sprachlich ist das Buch ein wahres Kunstwerk, ebenso wie der Erzählstil. Jedes Wort hallt nach, und die gezielte Wiederholung von Elementen, kombiniert mit der Wahl des Titels und des Inhalts, macht es zu einem Meisterwerk der Literatur.
**** Empfehlung? ****
Bücher dieser Autorin sind absolut zu empfehlen. Dieses Buch ist besonders emotional und wiegt schwer nach. Ob einem die Autorin bekannt ist oder nicht, Literaturfans können hier ohne Bedenken einsteigen.
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