Kann man jemanden retten, der nicht gerettet werden will?
Ilvy und Kaja. Zwei Mädchen, die im selben Haus aufwachsen und doch aus ganz unterschiedlichen Welten kommen. In ihrer Kindheit stehen sie sich fast so nah wie Schwestern. In der Pubertät ziehen sie zusammen los. Gemeinsam entdecken sie Jungs, Partys und Drogen. Aber mit der Zeit zeigt sich ein Riss. Was Ilvy gleichermaßen fasziniert und beunruhigt, wird für Kaja zum Mittelpunkt. Sie droht immer mehr in die Sucht abzurutschen. Ilvy muss herausfinden, wie sie Kaja schützen kann, ohne sich selbst zu verlieren.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
5/5
03.11.2022
Buch (Taschenbuch)
Großartiges Leseerlebnis
Nora Hoch erzählt die Geschichte vom Wandel einer tiefen Freundschaft.
Sie nimmt uns mit in das Helle und das Dunkle der Erfahrungswelt
von Ilvy und Kaja.
Die Geschichte lädt ein an die Orte von Jungsein,
die Magie von Nacht, zusammen losziehen.
Musik, Freitanzen, Freifeiern, kurzlebige Eroberungen.
Das Erproben von Drogen ist nicht Ilvys Ding, für Kaja gehört es dazu.
Kaja sucht Rausch, sie meint, dass sie das braucht, um sich einfach besser zu fühlen. Ilvy will nicht die Spaßbremse sein, aber sie ist die, die sich sorgt, die versucht auf Kaja aufzupassen.
Wie in einem Erinnerungsalbum öffnet Ilvy Zeitenfenster ihrer geteilten Geschichte.
Ihre besonders enge Verbundenheit besteht schon seit ihren Kindertagen.
Sie sieht sich mit Kaja, die sie schon immer mitreißen konnte, Kajas Energie, ihre unwiderstehliche Wirkung, die Kostbarkeiten ihrer Verbundenheit und die ersten Schattenzeichen. Als mächtiger Dritter haben Drogen sich in ihre Beziehung gedrängt, Ilvy kann nicht verhindern, dass Kaja ihren Drogengebrauch steigert.
Wir werden von Ilvy dicht durch die Zeit geführt, in der Kaja sich ihrer besonderen Vertrautheit entzieht. Ihre Verbundenheit wird fragiler. Ilvy lässt uns ihr Ringen nah mit fühlen; nicht zu verlieren, was viel bedeutet. Sorgen, Misstrauen, dass Kaja abrutscht in die Abhängigkeit, Ängste, dass Kaja etwas Schlimmes passiert, Vertrauensversuche, Nichthaltenkönnen, Zurückgelassensein.
Im Kreis der begleitenden Figuren der Geschichte, meist Jungs, mit ihren Nicknamen, die wie Programme sind, man kennt sich schon lange, sind Drogen kein Tabu. Auch sie erleben mit, wie bei Kaja etwas aus dem Ruder läuft.
Unter ihnen gibt es Kaan. Er ist nicht nur ein guter Typ, zu ihm hat Ilvy ein besonderes Zutrauen. Für Kaan bedeutet Ilvy inzwischen mehr als in ihrer frühen Schulzeit. Ilvy spürt, dass sie das mag, für mehr ist sie zu dicht mit Kaja besetzt.
Die eingeblendeten Zeiten schaffen ein Verständnis für den Einfluss unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten auf das Selbst, die Jede und Jeder mitbringt. In Kajas Zuhause gibt es verdeckte häusliche Gewalt.
Das sind Einblicke, die wütend machen können auf fehlenden Schutz, auf die fehlenden Erwachsenen, in ihrem eigenen Lebensnetz verwickelt, zwischen schwach und zugewandt.
Auf der Lesestrecke schleicht sich das Herbeisehnen einer alles bereinigenden Lösung ein, die alles wieder zurecht rückt, so wie man es von den Wechseln der Gezeiten einer Lagune weiß, die das Wasser immer wieder reinigen.
Aber die Geschichte versöhnt nicht mit einer glatten Lösung. Sie bleibt konsequent an den Figuren. Kaja versucht, belastende Gefühle im Rausch auszublenden. Ihre Balance sich selbst zu steuern ist gestört, sie riskiert Kipppunkte, verliert die Kontrolle. Ilvy konzentriert ihre Kräfte auf Kaja, die sie schützen will. Sie hat ihren Einfluss auf Kaja überschätzt, sie riskiert ihre eigene Erschöpfung.
Das kann auch enttäuscht und traurig machen, weil die enge Freundschaft nicht reicht, den unheilvollen Gegner auszuschalten, den Bruch zu verhindern.
Mit Kaan macht Ilvy sich auf die Suche nach Kaja.
Als Spurenfinderin braucht sie ihn an ihrer Seite, und weil es sich mit ihm gut anfühlt.
Erst die Eskalation auf Kajas selbstzerstörerischem Drogenweg erzeugt für Ilvy
das Erreichen der Grenze, sie will loslassen, was sie nicht halten konnte.
Für Kaja zeigt sich eine Öffnung für Hilfe auf einer anderen Ebene.
Eine Chance, die das zerstörerische Diktat von Drogen zu überwinden erreichbar macht, nicht leicht, schwer, aber möglich.
Der Blick auf die Freundschaft geht nicht ins Leere,
das, was endet, ist das, was sich verwandelt hat.
Es gibt einen neuen Blick aus dem Fenster der Vergangenheit,
das Fenster ist nicht verschlossen für Licht von morgen.
Die Freundschaft, als das was sie war, ist gescheitert, sie bekommt eine neue Bedeutung. Vielleicht als Erinnerungsschatz an ihre besondere Geschichte.
Vielleicht als eine Hoffnung in das, was sich erneuern kann, in das, was Jede sich selbst sein kann, in das, was möglich ist, anders einander zu sein, was noch nicht ausgemacht ist.
Ilvy kann ihr Besetztschild ablegen, sie hat entschieden, dass sie nicht mehr zurück stehen will, und dass Kaan nicht mehr zurück stehen muss.
Kaan ist längst ein Freund, der mehr sein kann.
In der zurückliegenden Zeit, haben beide gelernt, dass sie ein faires Gleichgewicht brauchen in ihrem Miteinander und Füreinander.
Ihre Berührungen sind der Versuch für eine neue Nähe, ein vorsichtiges Einander- Halten, vielleicht eine vorsichtige Liebe.
Der Autorin Nora Hoch ist ein wahrhaft komplexer, großartiger Roman gelungen,
mit einem hohen thematischen Anspruch, mit einer klaren Sprachkraft und emotionaler Tiefe, nachdenklich, dicht und authentisch an den Figuren.
Nora Hoch übergibt uns ein fesselndes, bewegendes Leseereignis,
wie ein Schlüsselbund für eigene Türen.
Bewertung
aus Berlin
5/5
28.08.2022
Buch (Taschenbuch)
Wunderbare Freundschaftsgeschichte
Noras Worte berühren mich immer wieder aufs Neue. Berührende Momente begegnen einem beim lesen ohne Patos und gehen direkt ins Herz. Nora Hoch schafft es einen wieder zurück in die eigene Jugend zu versetzen und diese prägende Zeit wieder neu zu erleben und zu betrachten. Absolute Leseempfehlung!
Olivia Grove
5/5
17.08.2022
Buch (Taschenbuch)
Elektrisierende Coming-of-Age-Geschichte mit Kopfkino vom Feinsten
"Ich spürte mein Blut im ganzen Körper pulsieren. Ob ich wollte oder nicht, es fühlte sich auch gut an. Verboten und so, aber auch aufregend tarantinomäßig gut." (S. 50)
Die Autorin arbeitet als Dramaturgin und Theaterpädagogin in Berlin. Mit ihrem faszinierend berührenden Schreibstil und der erfrischend modernen Sprache hat es die talentierte Storytellerin auf eindrückliche Weise geschafft, mich mit der mutigen und turbulenten Geschichte rund um Ilvy und Kaja, in ihren Bann zu ziehen.
Eine Story über zwei Mädchen, die im selben Haus in Hamburg aufwachsen und doch aus ganz unterschiedlichen Welten kommen. Wir begleiten sie und entdecken mit ihnen gemeinsam Jungs, Partys und Drogen. Doch Kaja droht, abzurutschen.
"Ohne Kaja würde ich die besten Momente in meinem Leben verpassen. Sie würden nicht zustande kommen oder einfach an mir vorbeiziehen. Die schlimmsten allerdings genauso." (S. 12)
Ein Roman, der sich anfühlt wie ein Bauch voller Geburtstagstorte an einem Tag mit strahlendblauem Himmel, wie eine Filmkulisse – doch je weiter man liest, desto deutlicher sieht man die Blitze in der Ferne zucken. Bedrohliche Blitze zwischen den Zeilen, die etwas Unausweichliches ankündigen, das wie ein Schauer über deinen Rücken läuft.
"Ich bewege mich mit ihr. Unsere Handrücken bleiben verbunden. Kajas Selbstvertrauen, ihre Sicherheit und Entschlossenheit haften an ihr wie Tusche. Dicke dunkle Tusche, die auf mich abfärbt, wenn ich so nah bei ihr bin." (S. 15)
Nora Hoch konnte mich mit den einzigartig vielschichtigen Charakterisierungen, dem grandiosen Schreibstil und den unglaublich echten Gefühlsbeschreibungen absolut begeistern.
"Sein Lächeln war anzüglich ohne jede Vorwarnung. Sein Blick fegte mich so weg, dass ich einen Schritt zurücktrat." (S. 121)
"Wir holen uns die Nacht zurück" ist ein großartiges, hochaktuelles Lesevergnügen über eine intensive Mädchen-Freundschaft und allerlei bedeutsamen Themen.
Für mich eine der atemberaubendsten Lektüren in diesem Lesesommer und ganz klar ein Highlight, das ich absolut weiterempfehlen kann!
J. Kaiser
4/5
11.08.2022
Buch (Taschenbuch)
Hat mir sehr gut gefallen
Ilvy und Kaja wachsen im gleichen Haus auf. Und gleichwohl wachsen sie in verschiedenen Welten auf. In ihrer Kindheit waren die beiden wie Schwestern. Gemeinsam gehen sie auf Partys und entdecken die Jungs und kommen mit Drogen in Kontakt. Dabei droht Katja immer mehr in die Sucht abzugleiten. Ilvy versucht herauszufinden, wie sie Katja schützen kann. Die Autorin hat es erreicht, dass mich dieses Buch von Beginn an in den Bann gezogen hat. Das aufgegriffene Thema ist sehr gut verarbeitet und man leidet mit den Protagonisten mit. Das Lesen wie eines der Mädchen abzurutschen droht und die andere es versucht zu retten, ist sehr eindrücklich geschildert. Die Auswahl des Themas ist schon ein Highlight. Ein Coming-of-Age-Highlight ist dieses Buch und deshalb kann ich es sehr empfehlen.
DrunkenCherry
3/5
19.09.2022
Buch (Taschenbuch)
Ließ mich etwas unbefriedigt zurück
Im zweiten Teil der Geschichte ging die Drogenthematik etwas zurück, obwohl es ein wirklich schlimmes Ereignis gab und ab da dümpelte die Handlung etwas vor sich hin. Die Enge zwischen den Mädchen war weg, es wurde aber auch nicht richtig aufgegriffen, wie sie sich entfremdet haben.
Dieses Buch abschließend zu bewerten fällt mir echt schwer, weil ich es einerseits wirklich klasse fand, dann aber feststellen musste, dass es für mich an einigen Stellen nicht ausgereift wirkte.
Die Freundschaft zwischen Ilvy und Kaja war etwas ganz besonderes. Besonders zu Beginn hat man gespürt, wie nah die beiden sich sind, obwohl sie so unterschiedlich sind.
Kaja geht unerschrocken und kommunikativ durchs Leben, sie hasst Ungerechtigkeit und scheint immer genau zu wissen, was sie will.
Ilvy ist ruhiger, sie steht immer ein wenig in Kajas Schatten – aber genau dort fühlt sie sich wohl.
Die Charaktere der Mädchen schienen mir authentisch und ich mochte Ilvy als Erzählerin gerne, habe verstanden, weshalb und wie sie sich um ihre beste Freundin sorgt, obwohl diese immer nur nimmt und kaum etwas zurückgibt. Ilvy saugt Kajas Selbstbewusstsein auf, fühlt sich in ihrer Nähe größer, jedoch ist sie auch genervt von Kajas Drogenkonsum.
Ich hätte mir gewünscht, das auf diesen etwas mehr eingegangen wird. Ja, letzten Endes ist es egal, was genau Kaja alles konsumiert, aber es hätte dem Buch in meinen Augen mehr Tiefe verliehen.
Im zweiten Teil des Buches ging die Drogenthematik dann auch etwas zurück, obwohl deswegen etwas passiert ist, das Ilvy sehr traumatisiert hat – hier haben mir tiefere Gespräche gefehlt, wie pubertäre Mädchen sie eben oftmals führen. Ilvy hat viel zu viel in sich hinein gefressen, es nicht einmal mir als Leser wirklich mitgeteilt, das fand ich doch sehr schade, weil es mir einfach wie verschwendetes Potenzial vorkam. Auch dümpelte die Story im letzten Drittel etwas vor sich hin, bevor sie dann noch einmal Fahrt aufnahm und dann viel zu schnell zu Ende war und einen etwas unbefriedigt zurückließ.
Der Schreibstil hat mir an und für sich gut gefallen. Er war an einigen Stellen sehr metaphorisch, manchmal sogar ein wenig poetisch. Gelegentlich fühlte er sich, gerade zu Beginn, etwas wirr an, fast wie schnelle Gedankensprünge, ließ sich aber super weglesen.
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