Abschiedssommer
Roman | Die Geschichte eines Sommers an der Flensburger Förde, vierzehn Jahre nach dem Krieg. Über Liebe, Schuld und allmähliches Begreifen, erzählt mit lakonischer Poesie.
Flensburg, 1959. Gustav Hasse, Pianist in einer Swing-und-Rock-′n′-Roll-Schülerband, verbringt die Sommerferien auf einem Campingplatz an der Geltinger Bucht. In Gedanken ist er bei Johanna, der Tochter einer aus Ostpreußen stammenden Miederwarenverkäuferin. Wenn da bloß die Ohrfeige nicht wäre, die er ihr aus Eifersucht gegeben hat. Er fühlt sich schuldig, doch was ist das für ihn – Schuld? Sein Kunstlehrer ist der Maler Gerhard Fritz Hensel, dessen Schwester Hedwig mit dem Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß verheiratet war; das weiß damals nur keiner. Mehr und mehr geht Gustav den ungeheuerlichen großen und kleinen Dingen auf den Grund. Ein Roman über Liebe, Schuld und allmähliches Begreifen, erzählt mit lakonischer Poesie.
Kundinnen und Kunden meinen
3.4/5.0
Barbara T.
aus Hagen
4/5
15.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Über Schuld und Abschied in der Nachkriegszeit klug erzählt
Mit dem Buch „Abschiedssommer“ beendet Jochen Missfeld seine Solsbüll-Reihe mit dem Protagonisten Gustav Hasse. Die Erzählung beginnt im Sommer 1959, als Gustav seine Ferien auf einem Campingplatz an der Geltinger Bucht verbringt. Als Pianist spielt er in der Schüler-Rock`n`Roll-Band „Flamingo“; bei der Musik wird getanzt und gefeiert.
Gustavs gute Sommerlaune wurde jedoch von den Grübeleien um die Ohrfeige getrübt, die er aus Eifersucht seiner Freundin Johanna verpasst hat. Er bedauert seine unüberlegte Tat, fürchtet Konsequenzen, fühlt sich aber nicht schuldig. Wird diese Ohrfeige tatsächlich Folgen haben?
Claude, Johannas Mutter, die viele Schrecken des Krieges miterlebt hat und wahre Liebe in ihrem Leben vermisst, will keine große Sache aus Gustavs Fehlverhalten machen, will Johanna und Gustav miteinander versöhnen.
Gustav bekommt die Gelegenheit Claudes Tagebücher über die Flucht aus Ostpreußen zu lesen; mit Johanna, die damals drei Jahre alt war, spielt er jetzt diese Flucht nach. Denn Gustav will verstehen, will dabei sein.
Die Gelegenheit zum Verstehen bekommt er auch beim Wiedertreffen mit Lidia, die nach dem Krieg ohne Eltern nach Flensburg kam und heute nicht mal ihr Geburtsdatum und ihren wahren Namen kennt. Das Wiedersehen ist gleichzeitig ein Abschied, denn Lidia wird demnächst heiraten. Lidia bittet Gustav das alte Wehrmachtsgeschirr mit dem Hakenkreuz, das sie als Aussteuer vom Kinderschiffheim bekommen hat, für sie aufzubewahren.
Und dann ist noch das Bild vom Flensburger Hafen, das Gustav als Abschiedsgeschenk von Claude und Johanna bekommt. Das Bild ist das Werk des Malers Gerhard Fritz Hensel, der Gustavs Kunstlehrer an der Goethe Schule war. Erst viel später erfährt Gustav über Hensels familiäre Verbindungen zu Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrationslager Auschwitz.
Der Roman, in dem der Autor über Liebe und Schuld, Musik und Abschiede in der Nachkriegszeit spricht, erzählt ein Stück deutschen Geschichte. Das Kriegsgeschehen und deren Auswirkungen an die Menschenschicksale spielen in dem Roman eine wichtige Rolle. Viele wollten nicht mehr darüber reden, wollten vergessen, schweigen.
„Und irgendwie schön ist es doch, wenn man sich selbst nichts vorzuwerfen hat.“ (106)
Der Schauplatz der Erzählung ist die Flensburger Förde mit der Stadt Flensburg, in der seit Anfang 1945 viele Kriegsflüchtlinge Zuflucht gesucht hatten. In dem Roman sind es Lidia und Claude mit Johanna, die aus Ostpreußen fliehen mussten. Es waren aber auch solche, die unter einer anderen Identität in dem nördlichsten Teil des Deutschlands Zuflucht und Sicherheit gesucht haben.
Viele Romanfiguren haben ein lebendiges Vorbild, auch bei Gustav Hasse greift der Autor auf die persönlichen Erfahrungen und Vorkommnisse in seinem Leben. Über die historisch belegten Fakten hat Jochen Missfeld ausführlich recherchiert.
In seiner Erzählung beschränkt sich der Autor auf das Wesentliche, nicht alles wird vollständig erklärt, einiges bleibt offen. So bleibt es dem Leser überlassen über das Erzählte nachzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen. Gerade jetzt, in der aktuellen politischen Weltlage.
leukam
aus Baden-Baden
4/5
10.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schuld und Verdrängung
Der titelgebende Abschiedssommer ist der Sommer 1959. Der 18jährige Gustav Hasse, Alter Ego des Autors, verbringt ihn größtenteils auf einem Campingplatz an der Geltinger Bucht. Abends spielt er am Piano mit seiner Schülerband „Die Flamingos“ in der „Neuen Harmonie“. Mit Swing und Rock‘n‘Roll heizen sie den Jugendlichen ein. Neben der Musik ist ihm Johanna wichtig, Freundin schon seit Kindheitstagen. Nun sind die beiden ein Paar, doch im Moment steht eine Ohrfeige zwischen ihnen. Gustav hat aus Eifersucht zugeschlagen und nun weiß er nicht, wie er sich verhalten soll.
Es sind vordergründig typische Probleme Jugendlicher, das alles aber vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Das Ende des Krieges liegt zwar schon 14 Jahre zurück, doch die Auswirkungen der Nazi-Zeit sind noch überall spürbar; sie sind v.a. präsent in den Seelen und Köpfen der Figuren. Jeder ist geprägt davon. Gustav selbst ist Vollwaise, lebt seit Jahren bei seiner Tante Gret in Solsbüll. Sein Vater fiel schon im August 1941 in Russland, seine Mutter starb bei einem Bombenangriff auf Hamburg. Johanna stammt ursprünglich aus Königsberg. Gemeinsam mit ihrer Mutter Claude und Großmutter Agnes strandete sie im April 1945 in Flensburg. Diese Stadt im äußersten Norden Deutschlands und weitab von der anrückenden Roten Armee war Ziel zahlreicher Flüchtlinge. Innerhalb weniger Monate hatte sich die Einwohnerzahl von 45.000 auf über 100.000 erhöht.
Besonders bewegend ist das Schicksal von Lidia. Gustav hat sie vorigen Sommer im „Kinderschiff“ , einem Erholungsheim für Kinder an der Geltinger Bucht, kennengelernt. Lidia ist ein sog. „Suchkind“, wie es zu Kriegsende viele gab. Kinder, die durch Flucht und Vertreibung von ihrer Familie getrennt wurden; sie kannten oft ihren Namen nicht und waren ohne Papiere. Organisationen wie der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes versuchten die Kinder mit Hilfe von Fotos und Suchmeldungen in den Zeitungen und im Rundfunk wieder mit ihren Eltern oder Verwandten zusammenzubringen.
Flensburg ist aber nicht nur das Ziel derer, die unter den Folgen von Nazi-Herrschaft und Krieg leiden. In Flensburg hatte nach Hitlers Tod dessen Nachfolger Großadmiral Dönitz zwei Wochen lang seinen Regierungssitz, bis die Engländer die Regierung auflösten und Dönitz verhafteten.
Und hierher war auch Gerhard Fritz Hensel, ein Maler aus Dresden geflüchtet, der sich später mit seinen Gemälden v.a. in Norddeutschland einen Namen machte. Hensel war Gustavs Kunstlehrer an der Goethe- Schule. Jahrzehnte später erst muss Gustav von einem alten Freund erfahren, wer dieser Hensel tatsächlich war: Der Schwager des Lagerkommandanten Höß, der die Familie Höß in Auschwitz besucht und dort gemalt hat. Gustav ist schockiert und fragt sich, warum er davon nichts gewusst hat. „ Das deutsche Thema“, meint der Freund.
So lauert hinter vielem noch die dunkle Vergangenheit, das zeigt Missfeldt auch symbolisch an einem Geschirrservice, das Lidia bei Gustav deponiert. Die Teller sehen von oben wie ganz normale Teller aus. Dreht man sie aber um, erkennt man das Hakenkreuz auf der Rückseite.
Missfeldt fängt außerdem sehr gut die Atmosphäre jener Zeit ein. Da wird „Kikeri“ getrunken, die Damen werden nach den Tanzveranstaltungen von den Herren nach Hause gebracht, wo hinter den Fenstern schon die besorgten Eltern lauern. In den Buchhandlungen liegt der neue Roman von Günter Grass.
Wichtiger aber ist dem Autor zu zeigen, wie stark dies eine Zeit des Verdrängens und Verschweigens war. Gustav ist neugierig, will die Vergangenheit kennen, bekommt auf Nachfragen aber immer nur gesagt, er solle die alten Geschichten ruhen lassen. „Lass uns nicht ungemütlich werden, Gustav. Wir wollen es doch schön haben.“
Joachim Missfeldt packt seine Erzählung in eine Rahmenhandlung. Der alt gewordene Gustav muss sich einer Operation unterziehen. Auf die Frage, wie lange es wohl dauert, bis er wieder aufwacht, antwortet ihm der operierende Professor: „Da passt ein Roman rein, wenn Sie so wollen.“ Und diesen Roman lesen wir hier. Das ermöglicht dem Erzähler, der sich narkotisiert erinnert, einige literarische Freiheiten. So finden sich in dem ansonsten realistischen Text fantastische Einschübe, wie eine Nils Holgersson nachempfundene Reise mit einer Möwe, in der Gustav aus der Vogelperspektive beobachtet und beschreibt. Die Fluchtgeschichte von Claude wird uns in Form einer nachgestellten Theaterszene dargeboten. Gedichte, Tagebucheinträge und Informationen zur Historie durchbrechen den Plauderton des Buches. Immer wieder mischen sich die verschiedenen Zeitebenen, Fakten und Erfundenes. Das ist raffiniert konstruiert, teilweise originell, aber auch anstrengend zu lesen und erschwert eine Nähe zu den Figuren.
Dagegen vermag der Autor mit poetischen Naturbeschreibungen zu überzeugen. Hier spürt man die Liebe Missfeldts zu seiner norddeutschen Heimat. Musik ist ein durchgängiges und verbindendes Element im Roman, auch das zählt zu den positiven Aspekten.
So ist „Abschiedssommer“ ein kluger und eigenwilliger, nicht durchweg überzeugender Roman über Schuld und Verdrängung.
„Abschiedssommer“ ist der abschließende Teil eines Romanzyklus, in dem Joachim Missfeldt von Gustav und seiner Familie und von den Bewohnern des fiktiven Örtchens Solsbüll erzählt, doch das Buch lässt sich als eigenständiges Werk lesen. Mag sein, dass der ein oder andere Lesende neugierig geworden ist auf die Vorläufer, falls er sie noch nicht kennt. Bereits 1989 ist sein großer Familienroman „Solsbüll“ erschienen ( 2017 kam eine überarbeitete Neuausgabe heraus ), gefolgt von „Gespiegelter Himmel“ ( 2001) und „Steilküste“ ( 2005 ).
Mit „Abschiedssommer“ verabschiedet sich nun der Autor vom Schreiben. Ideen hat er, nach eigenem Bekunden noch einige, aber mit 85 Jahren ist seine Kraft und seine Lebenszeit eingeschränkt.
Christian1977
aus Leipzig
4/5
03.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Als alle von nichts wussten
Sommer, 1959: Der 18-jährige Gustav Hasse verbringt wie so oft seine Sommerferien auf einem Campingplatz an der Flensburger Förde. Er spielt Piano in einer Swingband, doch wirklich wichtig ist für ihn Johanna, die er seit vielen Jahren kennt und liebt. Als er ihr aus Eifersucht eine Ohrfeige gibt, steht die Beziehung auf der Kippe. Kann Gustav seinen Fehler wiedergutmachen?
“Abschiedssommer” ist der neueste Roman von Jochen Missfeldt, der bei dtv erschienen ist. Laut Nachbemerkung des Autors ist das Buch der Schlussstein seiner 1989 begründeten “Solsbüll”-Romanwelt. Gustav Hasse ist darin eine Art Alter Ego Missfeldts. Für mich war es die erste Begegnung mit dem 1941 geborenen Schriftsteller, der zuvor bei der Luftwaffe als Fliegeroffizier tätig war und im Anschluss Musikwissenschaft und Philosophie studiert hat.
Schon der Einstieg ist originell. Der mittlerweile betagte Protagonist und Ich-Erzähler erfährt vor einer OP, dass die Narkosezeit so lange dauern würde, dass “ein Roman hineinpasst”. Gesagt, getan, denn auf den kommenden 240 Seiten erzählt Missfeldt nicht nur vom Erwachsenwerden Hasses, der Musik und der Liebe, sondern zeigt vor allem das Bild einer zerrissenen und zwiegespaltenen Nachkriegsgesellschaft.
Es bleibt nicht die einzige Originalität eines an kreativen Einfällen wirklich reichen Romans, den man guten Gewissens unkonventionell und eigenartig nennen darf. Zugegebenermaßen sind nicht alle dieser Ideen gleich stark. Missfeldt dichtet und reimt, aus der Fluchtgeschichte einer ostpreußischen Familie macht er ein seitenlanges Theaterstück mit Gustav Hasse als Regisseur. Auch zeitlich hält er sich nicht an erzählerische Konventionen und führt beispielsweise mit dem ehemaligen Kriegssuchkind Lidia eine Figur als vermeintlich bekannt ein, ehe er deren Geschichte erst im Nachhinein doch noch ausführlich erzählt. Er lässt den 18-jährigen Gustav über die Ostsee blicken und wirft wie aus dem Nichts ein, dass er viel später hier einmal als Pilot der Luftwaffe tätig sein wird. Das ist teilweise anstrengend, aber immer überraschend.
Kreativer Höhepunkt des Romans ist zweifelsfrei der traumwandlerisch leicht erzählte Flug des Protagonisten auf einer in Reimen sprechenden Möwe. Mit dem albern-verspielt benannten Beau de l’Air und dem Flug von der Geltinger Bucht nach Hannover wird so aus dem beschränkt wissenden Ich-Erzähler ein allwissender, dessen Anwesenheit später sogar von den Figuren aus Hannover als Phänomen am Himmel aufgegriffen wird. Ein wirklich genialer Kniff, den ich so oder ähnlich zuvor noch nie gelesen habe.
Ganz wunderbar sind auch die musikalischen und dynamischen Momente in “Abschiedssommer”. Wenn beispielsweise Gustav mit seiner Band einen Auftritt in Flensburg bestreitet, überträgt sich die Dynamik des Konzerts unmittelbar auf den Leser. Wenn er in einer Erinnerung gemeinsam mit Lidia Smetanas Moldau hört, wird daraus ein ebenso sinnlicher wie berührender Moment. Als Kontrast wirken dagegen die Szenen, in denen Jochen Missfeldt die Ebene des Romans offensichtlich verlässt. Wenn Gustav sich plötzlich über “deutsche Sprachwissenschaftler” aufregt, wirkt dies störend und erzeugt ein Stirnrunzeln. Und wenn er sich im letzten Viertel des Buches aufmacht, um die Vergangenheit seines Kunstlehrers und Auschwitz-Malers Gerhard Fritz Hensel zu erforschen, so ist dies zwar ein wichtiger Beitrag, hat aber mit dem Roman nur noch peripher etwas zu tun.
Wobei Missfeldts Hauptanliegen ohnehin die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und der gesellschaftlichen Erinnerungskultur ist. Er lässt Gustav in Fotoalben und Tagebüchern blättern, er beklagt die Unwissenheit seiner Hauptfigur, die bis 1959 in der Schule noch immer nicht den Nationalsozialismus als Thema hatte. Er ordnet Gustavs Band, die “Flamingos”, irgendwo zwischen Judenwitzen und Rock’n’Roll ein. Und er rechnet eben mit dem Kunstlehrer ab, dessen Gemälde er trotz Johannas gegenteiliger Meinung als Erwachsener kurzerhand abhängt.
Ehrlicherweise kann man auf Johannas Meinung ohnehin nicht allzu viel geben. Denn - und das ist eine klare Schwäche des Romans - die Figur ist so uninteressant ausgelegt, dass man Gustavs Liebe für sie überhaupt nicht nachvollziehen kann. Außer “sehr komisch” und “ach so” hat Johanna nicht wirklich etwas zur Handlung beizutragen. Ohnehin ist die Figurenkonzeption ein Schwachpunkt. Bis auf Gustav selbst bleiben eigentlich alle Charaktere unter ihren Möglichkeiten. Lediglich der leider recht kurze Auftritt der erwähnten Lidia weckt größeres Interesse für die Nebenfiguren.
Rein sprachlich bewegt sich “Abschiedssommer” zwischen wunderschönen poetischen Beschreibungen, umgangssprachlichen Misstönen (“kriegte”) und nervigen Alliterationen und Namensspielen (“geiler Guntram”) auf einem bemerkenswert breiten Plus-Minus-Spektrum hin und her. Offenbar ist dies jedoch, wenn man den Kritiken glauben möchte, ein Markenzeichen von Missfeldts “Solsbüll”-Romanwelt.
So bleibt am Ende vor allem die präzise dargestellte Mentalitätsgeschichte der 1950er-Jahre in Erinnerung. In Flensburg gab es 2024 eine Ausstellung namens “Die anderen 50er-Jahre”, in denen auch Gerhard Fritz Hensel einen großen Raum einnahm. Die taz titelte damals dazu: “Als alle von nichts wussten”. Mit “Abschiedssommer” leistet Jochen Missfeldt einen späten, aber umso bemerkenswerteren Beitrag dazu, dass das Wissen nicht nur in Flensburg größer wird.
3,5/5
Bewertung
aus Pinneberg
3/5
23.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Thematisch & sprachlich spannend, aber mit Schwächen
Der Roman "Abschiedssommer" von Jochen Missfeldt ist der letzte Roman seiner "Solsbüll"-Romanreihe, die er bereits 1989 ins Leben gerufen hat. Seitdem hat der Autor drei Romane in dieser Reihe veröffentlicht. Dieser hier bildet somit den "Abschied aus der Solsbüll-Romanwelt". In dieser Reihe, und somit auch im "Abschiedssommer" verarbeitet der Autor Kindheits- und Jugenderinnerungen. Aufgewachsen ist er im Landstrich Angeln (zwischen Hamburg und Flensburg). Der Roman ist in der Flensburger Förde/ in Flensburg angesiedelt. Hier in seiner Heimat hat Missfeldt bereits in 1945 viel Kontakt zu Geflüchteten aus Ostpreußen gehabt, die im höchsten Norden Deutschlands Zuflucht gesucht haben. "Die Flamingos", von denen wir viel erfahren, waren tatsächlich Missfeldts Amateurkappelle.
Soweit zu den äußeren Gegebenheiten rund um den "Abschiedssommer". Aber worum geht es hier?
"Claude wusste im Dezember 1943 natürlich doch etwas von den Transporten und wohin sie fuhren, sie hatte ja Augen und Ohren im Kopf. Näheres wollte sie aber nicht wissen, weil es dann mit den Gedanken eng und ungemütlich werden würde." (S.104)
Dieses Zitat ist für mein Empfinden ein "Schlüsselzitat" in diesem Roman. Es geht um Erinnerung und Abschied in unterschiedlichsten Konstellationen, insbesondere wird dies im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Der Hauptcharakter Gustav Hasse ist in jungen Jahren, im Abschiedssommer des Jahres 1959, Pianist bei den "Flamingos". Seine langjährige Freundin Johanna möchte er am liebsten ganz für sich allein haben. Das gestaltet sich aber schwieriger als gedacht. Johanna wiederum ist die Tochter von Claude. Und Claude hat von ihrer gemeinsamen Flucht aus Ostpreußen ein Fluchttagebuch geschrieben. Viele verschiedene Abschiede werden hier thematisiert.
Gustav hatte zuvor einen Kunstlehrer an der Schule gehabt, den er sehr schätzt. Er erfährt später, dass dieser Lehrer als Kriegsmaler in der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie mitgewirkt hat und sogar verwandtschaftlich eng mit Rudolf Höß (Obersturmbannführer) verbunden ist. Dies ist nur ein Beispiel von "schwierigen" Erinnerungen in diesem Roman, mit denen es umzugehen gilt.
Zusammen mit Johanna hat Gustav die Gabe kreatives Gedankentheater zu spielen und die Geschehnisse so gemeinsam zu verarbeiten. Die Musik ist ebenso Mittel zur Verarbeitung. Aber auch das Vergessen und das Verdrängen hilft ihnen, und vielen Menschen in der Nachkriegszeit, nach vorn zu schauen.
Von alldem erzählt der Roman, mit weitaus mehr Charakteren als diesen hier genannten. Mir sind sie im Ganzen ziemlich blass und unnahbar geblieben. Einzig Gustav ist mir näher gekommen mit seiner Musikalität und Kreativität und seinen Gedanken. Ansonsten empfinde ich den Roman eher als lose aneinandergereihte - teils sehr sprunghafte -Erinnerungen, Gedankenspiele & geschichtliche Einordnungen. Für meinen Geschmack fehlt ein roter Faden, eine erzählerisch runde Sache, die alle losen Fäden aufnimmt, zusammenführt, und insgesamt gern etwas tiefer eindringt in den ein oder anderen Erzählstrang sowie Charakter.
Insgesamt ist "Abschiedssommer" für mich in Teilen sehr interessant, intensiv und aufschlussreich, mit einer schönen sprachlichen Kreativität und einem angenehmen Sound. Aus den genannten Gründen hat er mich aber nicht vollständig erreichen können. Ich gebe gute 3 von 5 Sternen.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
2/5
05.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Anstrengende, eigenwillige Komposition
Erinnerung folgt selten einer linearen Ordnung. Sie springt, assoziiert, überblendet Zeiten und Bilder, lässt Nebensächliches aufscheinen und Wesentliches verschwinden. Jochen Missfeldt macht sich diese Eigenart des Erinnerns in „Abschiedssommer“ zum erzählerischen Prinzip. Der Roman beginnt mit einem ebenso originellen wie programmatischen Kunstgriff. Während einer Operation gleitet der betagte Gustav Hasse in die Narkose und kehrt gedanklich in den Sommer des Jahres 1959 zurück, jenen Sommer an der Geltinger Bucht, der sich rückblickend als Schwellenmoment seines Lebens zu erweisen scheint.
Was folgt, ist keine klassische Coming-of-Age-Erzählung und ebenso wenig ein historischer Roman im herkömmlichen Sinn. Missfeldt komponiert ein Erinnerungsmosaik aus aneinandergereihten Dialogen, Tagebucheinträgen, Theatersequenzen, Gedichten, Reflexionen und Episoden, das sich jeder linearen Dramaturgie verweigert. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen autobiografischer Erinnerung und literarischer Konstruktion bleiben durchlässig. Hierin liegt zugleich die größte Stärke wie auch die größte Schwäche des Romans, der meine Liebe zur Literatur über weite Phasen des Lesens überstrapaziert hat.
Zweifellos besitzt Jochen Missfeldts Schreiben einen eigensinnigen Reiz. Immer wieder gelingen ihm poetische Naturbilder, lebendige Schilderungen des sommerlichen Zeltplatzes oder eindrucksvolle Szenen, in denen Musik beinahe körperlich erfahrbar wird. Besonders dort, wo Gustav mit seiner Band auftritt oder Erinnerungen durch Melodien ausgelöst werden, entwickelt der Roman eine Leichtigkeit, die den Geist der späten 50er Jahre überzeugend einfängt. Auch die Atmosphäre einer Gesellschaft zwischen Aufbruch und Verdrängung ist präzise getroffen. Der wirtschaftliche Optimismus jener Jahre steht neben einem hartnäckigen Schweigen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, das sich wie ein kaum wahrnehmbarer Schatten durch nahezu jede Begegnung zieht.
Gerade dieses Schweigen scheint das eigentliche Zentrum des Romans zu bilden. Gustav stößt immer wieder auf Andeutungen, auf halb geöffnete Türen der Erinnerung, auf Menschen, die lieber ausweichen als erklären. Die Vergangenheit ist allgegenwärtig, doch sie bleibt vielfach unausgesprochen. Jochen Missfeldt beschreibt damit eindringlich eine Generation, die das Erzählen verweigerte und ihre Biografien lieber glättete, als sich den moralischen Zumutungen der Geschichte zu stellen.
Dennoch bleibt dieses große Thema merkwürdig unentschlossen. Immer wieder scheint der Roman unmittelbar vor einer vertieften Auseinandersetzung innezuhalten, um stattdessen anderen Gedanken, Abschweifungen oder erzählerischen Experimenten zu folgen. Die Spurensuche nach individueller und kollektiver Schuld verliert sich nicht selten zwischen Episoden über Jugendliebe, Bandproben, Campingalltag oder verspielten formalen Einfällen. Dadurch entsteht zwar das authentische Bild eines erinnernden Bewusstseins, zugleich aber auch der Eindruck einer Komposition, die ihren eigentlichen Schwerpunkt nie vollständig freilegt. Die Frage nach dem Kern des Buches blieb so für mich bis zuletzt unbeantwortet.
Hinzu kommt, dass Jochen Missfeldt seinen Leserinnen und Lesern grundsätzlich einiges an Geduld abverlangt. Zahlreiche Figuren treten beinahe unvermittelt auf, Zeitebenen verschieben sich ohne Vorwarnung, Nebenmotive werden ausführlich verfolgt, während zentrale Konflikte erstaunlich knapp behandelt bleiben. Der Roman vertraut darauf, dass sich seine losen Teile irgendwann zu einem Ganzen fügen. Dieses Vertrauen wird nicht wirklich eingelöst.
Auch die Figurenzeichnung bleibt ambivalent. Gustav gewinnt durch seine Selbstzweifel, seine Eifersucht und seine tastende Suche nach moralischer Orientierung durchaus Kontur. Seine Ohrfeige gegenüber Johanna wird dabei zum kleinen privaten Gegenstück jener größeren Mechanismen von Schuld, Rechtfertigung und Verdrängung, die den historischen Hintergrund bestimmen. Diese Spiegelung besitzt zweifellos erzählerisches Potenzial. Andere Figuren hingegen bleiben erstaunlich blass. Gerade Johanna, um die sich weite Teile der emotionalen Handlung drehen, erhält kaum jene Eigenständigkeit, die ihre Bedeutung glaubhaft machen würde.
Sprachlich bewegt sich der Roman auf wechselndem Terrain. Neben eindrucksvollen, beinahe lyrischen Passagen stehen umgangssprachliche Formulierungen, Wortspiele und gelegentliche Albernheiten, die den Ton immer wieder brechen. Manche Leser werden darin einen bewusst gesetzten Kontrast erkennen, andere eine gewisse Unentschlossenheit im Stil. Ähnliches gilt für die zahlreichen formalen Experimente (Theaterstücke, gereimte Sequenzen, fantastische Einschübe), die zwar Originalität beweisen, den Erzählfluss jedoch nicht selten eher hemmen als bereichern.
„Abschiedssommer“ entzieht sich einem einfachen Urteil. Gerade weil Jochen Missfeldt keinen gefälligen historischen Roman schreiben möchte, sondern das tastende Funktionieren von Erinnerung, hier sogar auch das wirre Halluzinieren in Narkose selbst literarisch nachbildet, besitzt das Buch eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Es ist ein Roman, der weniger erzählt als erkundet, weniger Antworten gibt als Suchen sichtbar macht.
Nicht jede dieser Suchbewegungen überzeugt. Vieles wirkt überladen, manches verliert sich im Episodischen, und nicht jeder kunstvolle Umweg führt tatsächlich zu einer größeren Erkenntnis. Gleichzeitig enthält der Roman zahlreiche kluge Beobachtungen über die Nachkriegsgesellschaft, über das Fortwirken verschütteter Geschichte und über den schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens in einer Zeit, die ihre Vergangenheit lieber verschwieg als erklärte.
So hinterlässt „Abschiedssommer“ einen zwiespältigen Eindruck. Literarisch ambitioniert, formal eigenwillig und thematisch bedeutsam, zugleich aber auch sperrig, gelegentlich zerfasert, wirr und diffus sowie nicht frei von Längen. Ein Roman, dessen Anspruch Respekt verdient, dessen erzählerische Gestaltung jedoch nicht immer mit seinen großen Themen Schritt halten kann.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.