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Der Ferentari ist der ärmste Bezirk der rumänischen Hauptstadt Bukarest, geprägt von Kriminalität und Obdachlosigkeit. In diese undurchschaubare und zwielichtige Welt zieht es den Ich-Erzähler Adrian, nachdem ihm seine Freundin Ana den Laufpass gegeben und er seinen Job als Journalist an den Nagel gehängt hat. Neben der Arbeit an einer Dissertation über die Manele-Kultur vertreibt er sich die Zeit in den heruntergekommenen Kneipen des Viertels und lernt dabei den Rom Alberto kennen, einen ehemaligen Häftling, der aus einer bekannten Gangsterfamilie stammt. Wider Erwarten entwickelt sich zwischen den beiden Männern schon bald eine innige, problembehaftete Liebesbeziehung.
Adrian Schiops »Soldaten. Geschichte aus dem Ferentari« gilt als einer der ersten queeren Romane Rumäniens und besitzt mittlerweile Kultstatus. Der Roman wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Preis für das beste Buch des Jahres 2014, verliehen von der rumänischen Buchindustrie, und dem Preis der Literaturzeitschrift Observator Cultural für den besten Roman des Jahres 2014. Zur Popularität von Autor und Buch hat zudem die erfolgreiche Verfilmung von Ivana Mladenović aus dem Jahr 2017 beigetragen.
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Deftiger queerer gesellschaftskritischer Roman
Bewertung am 13.06.2023
Bewertungsnummer: 1960354
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Adrian zieht es ins Ferentari, in jenes Viertel von Bukarest, in dem der Zugang zu Strom und Wasser nicht selbstverständlich ist, dafür der Verfall, Kriminalität, Drogen und Prostitution. Wer arm ist, versucht weg zu kommen. Doch das gelingt vielen, darunter oft Roma ohne Papiere, leider nicht. Mit vielen anderen Akademiker:innen und Expats hält sich der Doktorand und Arztsohn am Rande des Viertels auf, mit einem "forschenden Blick". Adrian faszinieren die Kneipen, die Direktheit und besonders die Männer, die er bezahlt, ihn zu befriedigen, wenn er betrunken ist. Zu seinem Schwulsein kann er noch nicht stehen. Als ihn seine Freundin verlässt, verschwimmen Grenzen - so scheint es - und er beginnt eine Beziehung mit Alberto, einem trinkfesten, knasterfahrenen, spielsüchtigen Mann, anscheinend Mitglied einer berüchtigten Roma-Familie.
Wer ist Romeo, wer Julio? Wer ist Bonnie, wer Clyde? Eine romantische amour fou? Niemand ist Romeo, Julio, Bonnie, niemand Clyde und auch von Liebe ist in dieser intimen Beziehung nicht zu sprechen. Alberto erwartet Geld im Gegenzug für Sex, Geschichten und einem Dach über dem Kopf. Adrian zahlt, während sein Umfeld sich abwendet, ihn vor Gewalt und Ärger warnt. Er beginnt zwar Empathie für Alberto zu entwickeln und die Phantasie, Alberto aus dem Kreislauf von Armut, Kriminalität, Prostitution und Sucht retten zu können. Aber Adrian wird auch gewahr, dass seine Doktorarbeit und sein Prekariatstourismus im Ferentari zeitlich begrenzt sind.
Soldaten ist aus Sicht von Adrian geschrieben, eine autofiktionale und ambivalente Figur, die gerade zu Beginn durch einen unempathischen und gefühlskalten Blick Antipathie auslöst. Frauen sind für ihn benutzbar oder aufgebraucht, Schwule weibisch und Heteromänner weisen ihn ab, es sei denn, er bezahlt. Die Sprache ist ebenso kühl, nüchtern, schonungslos, manchmal grob vulgär und explizit. Seine Faszination für den Ferentari und die Manele-Kultur werden im Verlauf des Romans immer mehr in Frage gestellt, ebenso wie scheinbar nebenbei seine meist Weißen rumänischen akademischen feldforschenden Kolleg:innen und Freund:innen.
Es ist nicht notwendig, die rumänische Gesellschaft in all ihren Feinheiten zu kennen, um Setting und Kritik des Autors zu verstehen.
Zwischen den Zeilen besticht sein Blick auf sich und andere priveligierte Menschen, die davon Leben, die Kultur armer prekär lebender Menschen- hier Roma- zu "erforschen und zu erklären", sich als Aktivist:innen zu verstehen, aber nichts an den Verhältnissen zu ändern, sie im Gegenteil für sich zu benutzen. Ob sie nun auf etabliertem und priveligiertem Abstand bedacht bleiben oder wie Adrian den Abstand auf Zeit verringern, macht letztlich keinen großen Unterschied. Soldaten ist eine kluge und herausfordernde Lektüre, die unbequem ist, nachdenklich macht und sich sehr lohnt.
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