Eine junge Frau wird als Nachtwächterin in einer Verpackungsfabrik eingestellt. Abend für Abend macht sie ihren Rundgang, kontrolliert die Zäune. Ein Wolf soll in das Gelände eingedrungen sein. Mit jeder Nachtschicht wird die Suche nach dem Wolf mehr zu einer Suche nach sich selbst und zur Frage nach den Grenzen, die wir ziehen, um das zu schützen, woran wir glauben.
„Gianna Molinari nimmt uns an Bord einer literarischen Forschungsreise zu den Terrae Incognitae der Gegenwart, nimmt uns vom vermeintlich sicheren Ufer mit ins offene Meer.“ Ruth Schweikert
„Manche Bücher sind wie Inseln. Leser betreten sie nur kurz, aber lang genug, dass sie ihre rätselhafte Schönheit, ihren sprachlichen Bewuchs, ihre Bewohner nicht mehr missen möchten. Hier ist noch alles möglich ist genau so ein Buch.“ Saša Stanišić
Kundinnen und Kunden meinen
3.2/5.0
Bewertung
4/5
12.07.2022
Buch (Taschenbuch)
Ein Spiel mit den Möglichkeiten
In Gianna Molinaris Buch Hier ist noch alles möglich werden auf unzähligen Ebenen Grenzen abgetastet, ausgelotet und abgerissen.
Eine alte, kahle Kartonfabrik, eine namenlose Nachtwächterin , ein wilder Wolf, der sich möglicherweise irgendwo auf dem Gelände herumtreibt - ungefähr so simpel wie die schlichte Sprache ist auch die Grundkonstellation in Gianna Molinaris preisgekrönten Roman. Dieser erschien im Juli 2018 beim Aufbau Verlag und erntete einiges an Anerkennung. Denn wenn gerade noch von ‚simpel’ und ‚schlicht’ die Rede war, soll dies ganz und gar nicht platt oder unausgereift heissen. Was einfach scheint, entpuppt sich als eine hochpolitische und philosophisch sehr interessante Erzählung, die einem sowohl brennende Fragen, wie auch klitzekleine Keime zugehöriger Antworten liefert. Multimedial mit Fotografien, Listen, Skizzen und Text schafft Molinari ein abgerundetes Werk, welches mit einem Gefühl der Unvollständigkeit brilliert.
Viel passiert in diesem Buch nicht: Durch Augen, Ohren und den besonderen Geist einer unbenannten Erzählerin erlebt man den Alltag in einer Welt, die in ihrer konkreten Wirklichkeit extrem reduziert ist. Die Protagonistin verbringt Nacht um Nacht damit, die Zäune einer nicht verorteten Fabrik zu überwachen, sieht sich Videoaufnahmen an und kontrolliert die Umgebung. Dem sozialen Kontakt und der entfernten Gemeinschaft entzieht sie sich permanent, weswegen man sie als Person nur vage erschliessen kann. Erst das Auftauchen eines Wolfes lässt sie in einem neuen Blickwinkel erscheinen. Trotzdem bleiben sie und ihr Umfeld im Ungenauen. Auch ihre Gedanken geben selten Hinweise darauf, wer die schleierhafte Protagonistin tatsächlich ist. Gehäufte, wiederkehrende Konjunktive weben eine Welt, in der so einiges sein könnte, aber nichts wirklich ist.
Plötzlich, zwischen ‚vielleicht’ und ‚möglicherweise’, wird ein anhaltender, nicht zu bezwingender Zweifel gesät, der den Leser alles hinterfragen lässt; vielleicht sogar die Existenz des Wolfes, der die Zäune des Fabrikgeländes überwunden haben soll. Das Eindrückliche daran ist, dass es Molinari auf diese Weise gelingt, die Realität und ihre Alternative tatsächlich gleichzeitig in unseren Köpfen koexistieren zu lassen. Nicht einmal herkömmliches Beweismaterial wie Fotografien, Videoaufnahmen und Phantomzeichnungen vermögen hier Gegebenheiten definitiv zu bejahen oder zu dementieren. So ist nicht nur das Dasein des wilden Tieres unklar, sondern auch die Unschuld der Protagonistin kann in Frage gestellt werden. Dieses Konzept birgt eine Unsicherheit, die kaltes Unbehagen aber auch warme Hoffnung zu evozieren vermag. Daraus entsteht ein fruchtbarer Nährboden für wertvolle Diskurse, was dem Roman hoch angerechnet werden darf und soll.
In einer Wirklichkeit, in der das Unwirkliche nicht ausgeschlossen ist, öffnet sich ein Zugang zum Fremden und Unbekannten. Dies ist in Hier ist noch alles möglich stark spürbar. Von der Welt ausserhalb des Fabrikzauns, über das Wesen der Erzählerin, bis hin zum Wolf bleibt alles in dieser Geschichte fremd. Trotz der Bemühungen der Protagonistin, die Realität auf eine beinahe wissenschaftliche Art fassbar zu machen, stehen die Dinge im nicht vertrauten Raum. Sie scheinen losgelöst von ihren gewöhnlichen Konnotationen zu sein. Besonders der Wolf, der im Kultur- und Literaturgeschichtlichen Gedächtnis eine klare Rolle zugeschrieben bekommen hat, kann bei dieser Erzählung ganz anders gedeutet werden. Es stellt sich heraus, dass besagtes Tier in dieser Geschichte, entgegen all unseren Ahnungen, erstaunlich zahm ist. Mit dem grausamen Wolf der Fabeln und der Grimmmärchen im Kopf stellen sich dem Leser so automatisch grundlegende Fragen zu Themen wie Migration, Gesetz und Gesellschaft, die in der Schweiz und auch international als sehr aktuell gelten. Wo sind unsere Grenzen? Wer kann diese überschreiten? Wer bestimmt das? Der Roman bleibt sich auch hier selbst treu und bemüht sich geschickterweise nicht, klare Antworten aufzutischen. Er setzt und wässert bloss einen Samen, um den Leser*innen die Möglichkeit zu schenken, ihn selbst heranwachsen zu lassen.
Und während man immer weiter liest, sich immer weiter in dieses Universum des ‚was wäre wenn’ verstrickt, ist die Geschichte plötzlich zu Ende erzählt. Man blättert die letzte Seite um, klappt den Buchdeckel zu und versucht sich an den Dingen festzuhalten, die sicher und tatsächlich sind. Man versucht zu deuten und den richtigen Sinn zu finden, doch je länger man dies probiert, desto mehr stellt man erstaunlicherweise hoffnungsvoll fest, dass es keinen ,richtigen’ Sinn gibt und dass hier noch alles möglich ist.
yellowdog
4/5
02.02.2021
eBook (ePUB)
eigentümlich
Für einen Auszug aus diesem Roman gewann die Schweizer Autorin Gianna Molinari den 3Satpreis beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb. Sie hat einen interessanten Stil, in dem ein ruhiger, langsamer Erzählstil dominiert. In ihrem Roman gibt es eine Icherzählerin, die als Nachtwächterin in einer Fabrik anfängt und in einer Halle sogar wohnt.
Allzuviel erfährt man zunächst nicht von der Icherzählerin, obwohl ständig ihre gedanklichen Reflektionen gezeigt werden.
Viel Personal gibt es nicht. Da ist der Chef, ein Koch und mit Clemens und Lohse weitere Kollegen. Der Einsatz so weniger Figuren verleiht dem Roman etwas Kammerspielartiges, was einen Kontrast zu den weiträumigen Schauplätzen der Fabrik und des in der Nähe liegenden Flugplatzes bildet.
Die Fabrik steht kurz vor der Schließung, was eine eigenartige Endzeitstimmung mit sich bringt. Der Job ist unspektakulär, wird aber aufgelockert durch das Gerücht, dass ein Wolf auf dem Gelände sei.
Außerdem gibt es einen rätselhaften Fall mit einem Mann, der sich vor der Fabrik zu Tode stürzte, offenbar ein Flüchtling, der aus einem Flugzeug fiel.
Gianna Molinari arbeit geschickt mit der Sprache, hält die Handlung in der Schwebe und erzeugt auf verhaltene Art eigentümliche Stimmungen und Atmosphäre.
Bewertung
4/5
18.11.2020
eBook (ePUB)
"Ich frage mich, ob wir etwas beitragen zum Brummen der Erde"
Es gibt eine Stelle im Buch, da wird Clemens, der Kollege der namenlosen Protagonistin, ungehalten: Wer sie denn eigentlich sei, will er wissen, wo sie herkomme. Nichts weiß man über sie – keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur die Gegenwart. Und genauso gegenwärtig lässt sie in der Einsamkeit der nahezu verlassenen Fabrik ihre Gedanken kreisen, strickt eindrückliche Was-wäre-wenn-Bildern, wie das Logbuch einer Außerirdischen liest sich das dann manchmal, und hinter jedem dieser Bilder erwartet man eine Offenbarung, hinter jeder Ecke lauert der Wolf … Ein spannender Roman mit viel psychologischem Unterfutter, dessen Atmosphäre dazu verleitet, ihn in einem Rutsch zu verschlingen!
Bewertung
aus Thun im Kanton Bern
3/5
25.01.2024
Buch (Taschenbuch)
etwas distanziert
Eine Nachtwächterin in einer Fabrik, die demnächst geschlossen werden soll, wird angestellt, um einem Wolf, der nachts rund um die Fabrik herumspaziert, Einhalt zu gebieten. Um die Fabrik und mit dem verbleibenden Personal passieren allerhand Dinge, die teilweise sehr skurril sind. Die Autorin schreibt gut, präzise und in einem sehr sachlichen Stil. Sie vertieft die Punkte, die sie anspricht und geht teilweise sogar sehr protokollarisch vor. Als Nachteil empfinde ich, dass die auftretenden Personen ziemlich skurril oder fast stereotyp wirken, wie Pantomimen wirken sie irgendwie „fremdgesteuert". Mag sein, dass dies von der Autorin bewusst so inszeniert ist; aber es fördert kaum die Glaubwürdigkeit und die Identifikationsmöglichkeit. So liest man das Buch mit Interesse, aber doch so, als würde es etwas beschreiben, das einem ziemlich fremd bleibt.
Bewertung
aus Schaffhausen
1/5
25.09.2021
Buch (Taschenbuch)
Es ist noch alles möglich - an Banalität und in der Literaturpreisindustrie
Der 'Roman', der schlicht eine längere Erzählung ist, wurde mit Lob und Preisen überhäuft. Das sagt wenig über das Werk, als viel über die Kulturindustrie aus. Das Buch ist inhaltlich flach und wenig originell, vor allem aber sprachlich so bemüht simpel (Hauptsatz an Hauptsatz, Wortschatz gefühlt 200 Wörter), dass es weh tut. Aber er wird verstanden! Auch von der Literaturkritik! Kein Geheimnis, ,kein Wagnis, keine LeserInnenherausforderung. Da greift der Leser erschöpft und verärgert zu wirklicher Literatur wie Arno Schmidt, die hier etwas zu bieten hat.
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