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Es ist kurz vor Heiligabend, Sly kommt von einer Tour durch das Frankfurter Bahnhofsviertel heim. Am Badezimmerspiegel entdeckt er eine Nachricht seiner Mutter: „Ich kann einfach nicht mehr“.
Mit seinen drei Geschwistern und dem verwirrten Opa macht Sly sich auf die Suche nach der Mutter. Die Schatten der Vergangenheit holen ihn ein – der prügelnde Stiefvater, die dauernden Geldsorgen, Mamas dunkle Tage. Arm sind die anderen, dachte er, jetzt weiß er es besser. Doch in seiner größten Not findet er Hilfe.
Eindringlich und ohne Sentimentalität erzählt Pete Smith eine Geschichte von Mut, Beharrlichkeit und Hoffnung.
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5.0/5.0
C. Winkel
aus Aschaffenburg
5/5
17.09.2022
Buch (Taschenbuch)
Sozialkritischer Roman über Armut mitten in Frankfurt
Ein starker, gut zu lesender Roman von Pete Smith. Die Geschichte spielt nicht - so wie andere Geschichten von Smith - im Mittelalter, nicht bei den Römern oder in der Zukunft, die Protagonisten sind auch nicht "so voller Wut", sie sind u.a. ganz normale kids aus der Nachbarschaft - oder könnten es zumindest sein. Das macht für mich den Reiz aus beim Lesen, dass ich in eine Lebenswelt Einblick erhalte, wie es sie so oder so ähnlich irgendwo geben könnte, nebenan oder in Frankfurt am Main, wo die Geschichte spielt.
Der Vorhang öffnet sich und gibt unmaskiert, aber nicht vulgär, den Blick frei auf Szenen des täglichen und doch nicht alltäglichen familiären Elends, das sonst oft nur zu erahnen ist hinter den coolen oder ängstlichen und verunsicherten Gesichtern der kids, die neben uns in der Straßenbahn sitzen oder lärmend an der Haltestelle auf eine bessere Gegenwart warten.
Die Wohnung, in der der sechszehnjährige Sly mit seinen drei Geschwistern, seiner alleinerziehenden, depressiven Mutter und dem dementen Opa wohnt, liegt "am Ende einer Sackgasse, aus der nur ein Weg hinausführt". Wenngleich dieses beängstigende Bild dazu geschaffen sein mag, die Ausweglosigkeit dieser grau-bunt zusammengewürfelten Familie vorwegzunehmen, scheinen die Figuren einen Weg aus der Sackgasse zu finden.
"Ich kann einfach nicht mehr" steht auf dem Spiegel im Badezimmer, doch die Urheberin dieses mit Lippenstift geschriebenen Abschiedsspruchs kann nicht gefragt werden, was sie damit meint, weil sie fortgegangen ist. Sly ist es dennoch gleich klar, was da unausgesprochen deutlich geschrieben steht, im Badezimmer, kurz vor Weihnachten, denn er hat es schon oft gehört - aus dem Mund seiner Mutter.
So machen sich Sly und seine Geschwister mit dem Opa im Schlepptau in einem verschneiten Frankfurt am Main auf die Suche nach der vermissten Mutter, die offenbar in ihren dunklen Tagen in ein noch dunkleres Loch gefallen zu sein scheint.
Doch die Suchenden geben die Hoffnung nicht auf, denn erst ohne Hoffnung und ohne sich gegenseitig zu helfen wären sie wirklich arm. So verstehe ich den Titel.
Sly, der Ich-Erzähler, sieht sich gern als findigen und furchtlosen Odysseus, wenn er an der Seite seines zypriotischen Kumpels Agi, der eigentlich Agamemnon heißt - so wie der kriegerische, angsteinflößende König von Mykene - das Bahnhofsviertel in Frankfurt unsicher macht und daher wundert es auch nicht, dass die Suche nach der vermissten Mutter an einigen Stellen - sicher gewollt - an die Odyssee von Homer erinnert: mit einem Wahrsager und einer verführenden "Nymphe" und anderen Erlebnissen, die an die Odyssee erinnern. Das war zumindest für mich der Grund, mir nach der Lektüre von "Arm sind die anderen" wieder mal Homers Erzählung vorzunehmen.
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