Menschen und Maschinen, Tiere und Wälder, biosynthetische Wesen und künstliche Intelligenzen. Sie suchen und sie riskieren einander. Sie leben in Welten, die uns zugleich nah und fremd sind: Frankfurt. Der Mond. Ein Hotel. Ein Game.
Ein Dialog über Zukünfte. Aber wer spricht? Wer hört zu?
Science Fiction als Poesie, nicht nur als Idee. Rhythmus und Rekursion. Das Hörbare zwischen den Zeilen. Dieser Band versammelt Aiki Miras Kurzgeschichten aus den Jahren 2021 bis 2024, mehrfach ausgezeichnet und übersetzt in verschiedene Sprachen.
Aiki Mira selbst sagt: »Die Figuren dieser Erzählungen bleiben. Ihre Träume wurden beim Schreiben zu meinen, ihre Abgründe auch. Deshalb kann ich nicht fort.«
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chefs kiss
Mari aus Weimar am 21.04.2026
Bewertungsnummer: 3115939
Bewertet: eBook (ePUB)
“Deshalb kann ich nicht fort” versammelt Texte aus mehreren Jahren (2021-2024) und fühlt sich dabei weniger wie eine bloße Sammlung an, sondern wie ein vernetzter Resonanzraum: Motive, Begriffe und Bilder tauchen immer wieder auf, verschieben sich, spiegeln sich. Wer Proxi (oder andere von Aikis Romanen) kennt, wird dieses Echo sofort wiedererkennen.
Magniv!
Aikis Schreiben entzieht sich für mich oft einem eindeutigen Verstehen und genau darin liegt eine große Stärke. Diese Geschichten wollen nicht vollständig entschlüsselt werden, sie wollen erlebt, gefühlt, durchquert werden.
Die Erzählungen habe ich am Rande in Aikis Instagram Stories immer mal wieder mitbekommen und ich wollte so viele davon damals erleben. Deshalb finde ich es umso cooler, dass all diese Erzählungen jetzt vereint in diesem Buch erschienen sind. Und was ich ebenfalls besonders fand waren die Nachbemerkungen am Ende jeder Erzählung. Aiki gibt einen kurzen Einblick unter welchen Bedingungen die jeweilige Geschichte entstanden ist und was ggf Motivationen und Beweggründe für Aiki waren, die Geschichte so zu schreiben wie sie geschrieben wurde. Ich mag nicht immer, wenn es eine Einordnung zu Texten gibt, weil das mitunter ein Stück Erlebnisraum wegnehmen kann, aber hier fand ich es bereichernd und erweiternd auf eine intime Weise.
Die Geschichten sind so verschieden. Die 2021 Geschichten waren sehr schmerzhaft auf eine gute, aber auch eine sehr traurige Art und Weise. Es geht da viel um Verlust, Trauer, Wut, Zorn, Identität und das Suchen nach Identität, um Feindlichkeit, das nicht anerkennen von abweichenden Lebensentwürfen, q u e e r n e s s . Gleich die erste Geschichte hat mich ziemlich kalt erwischt. Die Sci-Fi Elemente weben sich ziemlich niederschwellig in die Handlung und es hat sich für mich so ein bisschen wie die ersten Staffeln “For all Mankind” angefühlt und nimmt am Ende einen harten Turn. Die Sci-Fi Elemente sind in den 2021 Erzählungen etwas leiser, als in späteren Texten, die für mich konzeptioneller und experimenteller wirken, ohne aber an emotionaler Wucht zu verlieren.
Was ich durchweg extrem großartig fand ist Aikis Stil, der einfach irgendwie unverkennbar Aiki ist. Eine Welt aus Chips, Implantaten, Synths, Bots, KI, biomimetische Wesen und allgegenwärtiger Technologie, die nicht futuristisch fremd wirkt, sondern bekannt und nah. Werbung im Kopf, Prothesen, synthetisches Leben, künstliche Muskeln, Body enhancements, Mutationen, Gaming Girlz und Kengs und kaputs - all das folgt eigenen, wiederkehrenden Logiken und erzeugt ein starkes Gefühl von Kontinuität und Wiedererkennen.
“Game over & Out” ist eine meiner favs, genauso wie “Glückwunsch, du wurdest ausgewählt, du bist eine Gewinnerin, du hast gewonnen” und “Vakuumfluktuation”. Aber alle Erzählungen stellen Fragen die über ihre Handlung hinausweisen: Da gibt es die Geschichte über biomimetische Wesen, die das Leben imitieren, aber nicht lebendig sind, ein Steak auf Beinen - aber ist das wirklich so? Wie funktioniert und entsteht neuronale Aktivität? Ist etwas weniger Leben, nur weil es synthetisch ist? Und dann die Familie, die durch ein Unglück einen schweren Verlust erlebt, aber wenn ein Chip in meinem Kopf meine Erinnerungen hält, ist es ok, wenn ich partielle Löschungen vornehme, um schmerzhafte Erinnerungen zu umgehen? Wenn ich als weiblich gelesene Person Karriere machen möchte ist es in einer Erzählung ganz normal eine Geschlechtsumwandlung vornehmen zu lassen.
“Was, wenn es nicht nur dieses kleine, isolierte Leben gibt, das wir als Individuen leben, sondern auch ein gemeinsames, großes? Was, wenn das unser wirkliches Leben ist?”
Vielleicht lässt sich diese Sammlung am besten mit einem Gedanken beschreiben, der in einem anderen Werk von Aiki anklingt: Es ist möglich, etwas zu lieben, das man nicht vollständig versteht. t h i s
„Deshalb kann ich nicht fort“ ist eine intensive, vielschichtige Sammlung, die nachhallt, voller Melancholie, Zärtlichkeit und radikaler Möglichkeitsräume. Aiki Mira entwirft Zukünfte, in denen Technologie oft menschlicher wirkt als die Menschen selbst, und schafft dabei Figuren und Perspektiven, die selten erzählt werden.
Für mich ein Buch, das ich nicht einfach gelesen habe, sondern in dem ich mich verloren habe und vielleicht auch ein Stück weit wiedergefunden habe.
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