Diese Biografie zeichnet Leben und Schaffen jenes DDR-Autors nach, der wie kein anderer das Thema Arbeiter und Macht ins Zentrum seines Werkes stellte. Sein erster Roman, »Spur der Steine«, machte ihn über Nacht berühmt, gleichzeitig stieß er bei maßgeblichen Funktionären auf Ablehnung: der Blick auf Alltag und Widersprüche des Sozialismus zu ungestüm, zu frei, zu anarchisch. Seinem nächsten Roman, »Auf der Suche nach Gatt«, der Geschichte eines gescheiterten Parteisekretärs, wird jahrelang die Druckgenehmigung verweigert. Lebenslang verfolgte Neutsch das Thema des Jakobinertums, eindringlich gestaltet in seiner Erzählung »Forster in Paris«. Zerstört politische Radikalität die eigenen Ideale, oder schützt sie diese vor bloßer Beliebigkeit? Zwischen Parteitreue und Rebellion gefangen, gerät Neutsch in den Achtzigern in eine Schaffenskrise. Die Wende trifft ihn bis ins Mark – und setzt neue produktive Kräfte frei. Vom Literaturbetrieb weitgehend unbeachtet, gelingt ihm mit »Nach dem großen Aufstand«, einem Roman über den Renaissance-Maler Mathias Grünewald, ein visionäres Alterswerk von beeindruckender Intensität.Gunnar Decker hat für seine Biografie bislang unerschlossenes Archivmaterial gesichtet, das zahlreiche Aufschlüsse über die private Sphäre des Schriftstellers und seinen keinesfalls unkomplizierten Charakter liefert. Gleichzeitig analysiert er mit kundigem Blick auf die Literaturszene der DDR kulturpolitische Entwicklungen und markiert Neutschs Stellenwert: ein unbequemer Realist, leidenschaftlicher Erzähler und streitbarer Zeitgenosse.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
j.h.
aus Berlin
5/5
18.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
DER LETZTE JAKOBINER – Lebendige Schilderung eines bewegten Schriftstellerlebens
„Ja, zum Teufel, so bin ich. Das ist des Autors Antwort auf jenes Porträt, das Willi Sitte 1966 von ihm malt. Aber ist dieses Bild eine Frage an ihn, oder eher ein Angriff? Er weiß es nicht, schreibt 1972 – sechs Jahre später – einen langen Essay, um es herauszufinden. Darin wird sich Erik Neutsch an das Ölgemälde erinnern, das ihn zeigt wie jemand, der sich mit Dämonen herumschlägt, die ihm keinen Frieden lassen.“ (S. 9)
Dieser Prolog steht programmatisch am Anfang des lesenswerten Buches über den bedeutenden DDR-Schriftsteller Erik Neutsch (1931-2013), der sich selbst lange Zeit vor allem als Parteischriftsteller sah. Das beschriebene Bild des Malers Willi Sitte (1921-2013) ziert das Cover des Buches und regt nun nochmals zu aufmerksamer Betrachtung ein. Autor Gunnar Decker (*1965) legt keine dröge Biografie mit der Aneinanderreihung bekannter Lebensereignisse vor. Vielmehr nährt er sich dem Menschen Erik Neutsch an und zeigt ihn vorurteilsfrei im langjährigen Zweikampf mit seinen inneren Widersprüchen. Dazu fließen Selbstzeugnisse aus privaten Notizen (erkennbar am Kursiv-Druck) in den Text ein. Auf der einen Seite stand dabei Neutsch als „Parteischriftsteller“ mit wachem Klassenbewusstsein – auf der anderen Seite der Kleinbürger, der seine Wichtigkeit durchaus zu genießen wusste und anderen Schriftstellerkollegen durchaus nicht immer ein fairer Partner war. Die Flucht in den Alkohol war eine Folge davon.
Decker folgt dem Lebensweg vom Hitlerjungen zum kommunistischen Zeitungsredakteur und dann Schriftsteller in lebendiger Schilderung. Gleich der erste Roman SPUR DER STEINE führte zum großen Erfolg und der Auszeichnung mit dem Nationalpreis 1964 in der kurzen Tauwetterzeit, die Ende 1965 abrupt endete. Während die 1965 entstandene Verfilmung dann einem langjährigen Verbot zum Opfer fiel, blieb das Buch wegen der Auszeichnung verschont. Der folgende Roman AUF DER SUCHE NACH GATT musste dennoch einige Jahre auf eine Veröffentlichung warten. Neutschs Opus magnum waren dann die zwischen 1974 und 2013 entstandenen fünf Bände von DER FRIEDE IM OSTEN. Ein angedachter 6. Band blieb ein Wunsch …
Die im Verlag neues Leben erschienene biografische Annäherung an den Menschen Erik Neutsch – illustriert mit einigen privaten Fotos - ist eine spannende Ergänzung zur Zeitgeschichte.
Manuela404
5/5
09.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Literatur und Zeitgeschichte
Erik Neutsch – Der letzte Jakobiner ist eine spannende und gut lesbare Biografie über einen der bekanntesten DDR-Autoren. Auch ohne Vorkenntnisse bekommt man einen guten Einblick in das Leben von Erik Neutsch – von seinen großen Erfolgen bis hin zu persönlichen Krisen. Besonders interessant fand ich, wie anschaulich die Zeit der DDR und ihre Widersprüche vermittelt werden. Eine klare Empfehlung für alle, die sich für Literatur und Geschichte interessieren.
Bewertung
4/5
04.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf den steinigen Spuren Erik Neutschs
Ich habe die Biografie Erik Neutsch – Der letzte Jakobiner mit großem Interesse gelesen – und war ehrlich gesagt überrascht, wie vielschichtig sie ist. Mir war Erik Neutsch vorher vor allem als Autor von Spur der Steine ein Begriff. Aber dieses Buch zeigt ihn als deutlich widersprüchlichere Persönlichkeit: jemand, der einerseits fest im System verankert war, andererseits immer wieder aneckte. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Anpassung und Rebellion zieht sich durch die ganze Biografie. Besonders spannend fand ich, wie stark sich sein zentrales Thema – „Arbeiter und Macht“ – durch sein Leben und Werk zieht.
Für mich war das kein trockener Lebensabriss, sondern ein echtes Porträt einer schwierigen Künstlerexistenz.
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