Ostberlin in den achtziger Jahren. Eigentlich sucht Charlotte nur einen Unterschlupf, um ungestört mit ihrem Freund aus Westberlin zu schlafen. Abhauen und nach drüben gehen kommt für sie nicht infrage. Ihre Exitstrategie sieht anders aus. Charlotte will nicht alt werden, höchstens dreißig. Live fast, love hard, die young. Bloß nicht fest binden. Schon gar nicht an einen, der seinem gewesenen Glück nachhängt. Doch ausgerechnet bei so einem ist ein Zimmer frei.
Pfefferminzhimmel ist eine Reise in ein verschwundenes Land. Keine schwermütige Abrechnung, sondern eine Liebesgeschichte, die sich nur dort und dann zutragen konnte, wo Freiheit die Freiheit der Gefühle war und alles anders kam als man dachte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
aus Berlin
5/5
21.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Chronist des Übergangs: Alfred Roesler-Kleints literarische Liebes-Partitur eines verschwundenen Landes
Wer das ostdeutsche Lebensgefühl der achtziger Jahre verstehen will, darf nicht nur auf die Verstärkerwände starren; er muss das Knistern der Nadel in den Rillen der Zensur hören. In einem Staat, in dem das Wort stets auf die Goldwaage der Partei gelegt wurde, entwickelte sich eine ganz eigene Kunstform der Zwischentöne.
Alfred Roesler-Kleint war als Texter – unter anderem für das legendäre City-Album Casablanca – ein Meister dieser Disziplin. Mit seinem im verlag am park erschienenen Roman »Pfefferminzhimmel« legt er nun eine literarische Partitur vor, die wie eine Mischung aus melancholischem Feuilleton und präziser Milieustudie des Ost-Berliner Kulturbetriebs funktioniert. Es ist ein Text, der nicht bloß eine Epoche seziert, sondern die innere Zerrissenheit einer Intellektuellengeneration abbildet.
Die zeitgenössische Kritik merkt treffend an, dass dieses Werk erfreulicherweise „nicht eins dieser typischen Bücher mit der DDR-Handlung ist, in denen es nur um die Stasi geht und das ‚schwere Leben‘ im Osten“. Roesler-Kleint verweigert sich dem plakativen Totalitarismus-Klischee und wählt stattdessen den Weg des psychologischen Realismus.
Zwischen Mangelwirtschaft und Beziehungsutopie
Der Prolog wirft das Lesepublikum unvermittelt in das Jahr 1980. Der namenlose Protagonist, dessen Biografie frappierende Parallelen zum Lebenslauf des Autors aufweist, steht am Flughafen Schönefeld. Er blickt seiner Ex-Frau Eva, dem gemeinsamen Sohn und deren neuem Partner – einem kanadischen Folk-Gitarristen – hinterher, die das Land Richtung Vancouver verlassen. Es ist ein Abschied für die Ewigkeit, zumindest nach den Maßstäben der damaligen Geopolitik.
Das Besondere liegt jedoch im soziologisch-analytischem Blick, mit dem Roesler-Kleint das vorangegangene Beziehungsgeflecht entfaltet: Nach Evas Geständnis folgt kein klassisches Ehedrama, sondern ein Arrangement, das den absurden Realitäten der DDR-Wohnungsnot geschuldet ist. Man richtet sich zu dritt samt Kind auf beengtem Raum ein. „Man teilt sich die Haushaltskasse... Eva singt, und der gehörnte Ehemann summt die dritte Stimme mit.“ Nachts trennt ihn nur eine dünne Gipswand vom Liebesglück der anderen. Diese Konstellation spiegelt auf engstem Raum das größere gesellschaftliche Phänomen wider: Das Private wurde im Prenzlauer Berg der achtziger Jahre zum eigentlichen politischen Experimentierfeld, zu einem Raum, in dem Freiheit primär als „Freiheit der Gefühle“ verstanden wurde.
Das System Adlershof und der institutionalisierte Zweifel
Besonders scharfkantig gerät die Kritik dort, wo das Buch die Mechanismen des staatlichen Kulturbetriebs dekonstruiert. Als Redakteur beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) in Adlershof erlebt der Protagonist die bleierne Agonie eines Systems, das sich längst selbst überlebt hat. Die Schilderung eines Interview-Ausflugs nach Leipzig mit einem linientreuen sowjetischen Autor gerät unter den wachsamen Augen des Presseamts zur bitteren Farce. Der Dichter fühlt sich umstellt; jedes unbedachte Wort könnte gemeldet werden.
Roesler-Kleint nutzt diese Szenen, um das intellektuelle Überlebensprinzip jener Jahre zu formulieren. Nicht das klassische Manifest stand im Vordergrund, sondern der im Verborgenen kultivierte Skeptizismus. Folgerichtig erinnert der Text an eine Vorlesung an der Humboldt-Universität, bei der nicht das revolutionäre Pathos im Zentrum stand, sondern die philosophische Prämisse: „De omnibus dubitandum“ – An allem ist zu zweifeln. Der Zweifel war die einzige Währung, die in diesem System stabil blieb.
Die Ambivalenz der späten Jahre und das Epilog-Dilemma
Der kulturpolitische Gehalt des Romans weitet sich im Verlauf der Handlung auf die Jahre des Umbruchs aus. Roesler-Kleint, der am 4. November 1989 selbst einen Redebeitrag zur historischen Alexanderplatz-Demonstration beisteuerte, schildert den Zusammenbruch und das darauffolgende Nachspiel ohne Triumphgeheul. Der Kahlschlag beim Rundfunk durch die westdeutschen „Abwickler“ und das Aufkeimen des ostdeutschen Rechtsextremismus werden mit derselben analytischen Nüchternheit betrachtet wie die bürokratische Erstarrung der späten DDR.
Westzeit konstatiert in ihrer Besprechung, dass die im Buch verhandelten biografischen Brüche letztlich als „menschliche – und insofern beinahe schon wieder sympathische – Reaktion auf die erlittenen Kränkungen“ zu verstehen sind.
Als im späteren Verlauf die Figur der Charlotte auftaucht, die ein Zimmer sucht, um ungestört mit ihrem West-Freund zu schlafen, ohne je „rübergehen“ zu wollen, manifestiert sich das zentrale Motiv des Buches: Die Verweigerung gegenüber den Schablonen von Ost und West.
Fazit: Eine präzise Tiefenbohrung.
Pfefferminzhimmel überzeugt durch seine erzählerische Unaufgeregtheit. Es ist das literarische Dokument eines Autors, der die kulturellen Codes jener Epoche nicht aus Archiven rekonstruieren muss, sondern sie selbst mitgeprägt hat. Roesler-Kleint ist ein Roman gelungen, der die DDR jenseits von sentimentaler Verklärung und nachträglicher Dämonisierung begreifbar macht. Ein wichtiges, weil zutiefst ehrliches und emotional ergreifendes Buch über die Suche nach intellektueller und persönlicher Integrität in Zeiten des systemischen Wandels.
Um es mit einer impliziten Leitfrage des Romans zu sagen: Was bleibt, wenn das eigene Leben plötzlich nicht mehr das eigene ist?
Manuela404
5/5
09.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wo die Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint
Ich habe Pfefferminzhimmel sehr gern gelesen, weil es mich auf eine ganz besondere Weise berührt hat. Die Geschichte von Charlotte ist ruhig erzählt, aber voller Gefühl und Zwischentöne. Besonders gelungen fand ich, wie unaufgeregt das Zeitgefühl transportiert wird. Alfred Roesler-Kleint schreibt nicht nur über die DDR, sondern bringt eigene Erfahrungen ein – er war u. a. Texter für City: man taucht komplett in das Ostberlin der 80er ein, ohne dass es je überladen wirkt. Die Figuren wirken dabei unglaublich nahbar und echt. ein Roman, der nachhallt.
Bewertung
4/5
13.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Klasse Buch, klasse Autor
Der Autor geht ja gerade total durch die Presse, da habe ich es mal mit seinem Debütroman versucht… Und ich bin positiv überrascht! Es ist nicht eins dieser typischen Bücher mit der DDR-Handlung, in denen es nur um die Stasi geht und das „schwere Leben“ im Osten. Nein, ich habe das Gefühl, dass Roesler-Kleint versucht, eine realistische Biografie zu erschaffen – ohne die sonstige politische Schwere, die bei den DDR-Romanen immer mitschwingt. Auch mal schön. Ich kenne auch sein Album „Casablanca" und finds toll, wie er hier seinen Songtitel „Pfefferminzhimmel“ neu als Buch verarbeitet. Da steckt ganz viel Überlegung drin, wie es ja öfter bei Kleinkünstlern so ist. Ansonsten, schöne Geschichte, hat sehr Spaß gemacht zu lesen und mich auch ein bisschen melancholisch gestimmt.
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