In den vergangenen Jahren ist der Erzähler Ernst Halter wieder vermehrt auch als Lyriker an die Öffentlichkeit getreten und legt nun einen weiteren Gedichtband vor, eine umfangreiche Sammlung, deren ältestes Stück ins Jahr 1987 zurückreicht und deren jüngstes aus dem Jahr 2024 stammt. Gedichte, schreibt er, »stellen sich selten ein. Es meldet sich, ein Fenster wird aufgerissen, du siehst, was du nicht ahntest«, zum Beispiel eine Szene aus der Kindheit oder ein winziges Insekt, das er mit Akribie und Einfühlung beschreibt, so als sei er selbst dieses Tier. »Momente der Konzentration« seien seine Gedichte, Momente, die er, geleitet von einem feinen, an Tradition und Moderne gleichermaßen geschulten Sprachgefühl, mit sicherer Hand eingefangen hat. Mittel- und Angelpunkt ist der titelgebende Zyklus Requiem. Dieses Langgedicht gilt einer ihm nahe stehenden Frau, die Suizid begangen hat. Es ist ohne halblauten Vorwurf, sein Autor bleibt bei allem Schmerz um Verständnis bemüht, anders vielleicht als einst Rilke, der, in seinem Requiem, einem jungen, durch eigene Hand umgekommenen Dichter nachrief: »Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.« Das Fazit, das Ernst Halter »am Ende eines langen Wegs« zieht, mit »Schrecken ob dem dickflüssigen Strom, der dem Schwarzen Loch der Zeit entquillt«, sein Fazit klingt allerdings ganz ähnlich: »Du musst standhalten. Vorläufig.« Seine Gedichte bezeugen es.
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