Wilhelm Reichs 1951 entstandener Text Christusmord ist eine Abrechnung mit den strukturellen Ursachen menschlicher Entfremdung. Im Zentrum steht Reichs Modell der dreifachen Schichtung der Persönlichkeit: Hinter der Fassade gesellschaftlicher Anpassung verbirgt sich ein neurotisch entstelltes Triebleben, hervorgebracht durch moralische Unterdrückung, nicht durch »Natur«. Erst in der tieferen Schicht zeigt sich die verdrängte, ursprüngliche Sozialität des Menschen.
Anhand der symbolischen Bedeutung der Kreuzigung Christi entwirft Wilhelm Reich eine radikale Kritik an autoritären Strukturen: Kirche, Staat und Familie töten das Lebendige im Kind – immer wieder. Reichs Einsichten sind auch heute noch aktuell. Wer verstehen will, warum Aufklärung so oft scheitert, findet hier eine ebenso persönliche wie politische Antwort: Das Böse ist nicht angeboren – es ist gemacht.
Dieses Buch war schon damals eine Suche nach einem eigentlichen, natürlichen Leben des Menschen und seinen Fesseln und Hindernissen schon im Kindesalter. Freiheit, emotionale Tiefe und Selbstfindung werden dem entgegengestellt, ganz im Sinne der sich damals schon entwickelnden antiautoritären Bewegung.
Im Vorwort werden die Entstehungsgeschichte des Buches, Reichs Lebensumstände und ein paar Leitlinien kurz angesprochen. Die Rezeption des Buches hätte noch in Mittelpunkt gerückt werden, genauso wie Entwicklungen der Geistesgeschichte, um den historischen Hintergrund zu verstehen.
Einige hilfreiche Titel gibt es im Literaturverzeichnis, das sich am Ende des Buches befindet.
Das Buch ist kein historisches Relikt, Reich hat Leser*innen auch heute noch was zu sagen. Die Suche nach dem Wesentlichen im Leben, soziale und psychologisch-emotionale Unterdrückungsmechanismen, die Abkehr von autoritären Strukturen, soweit möglich Autonomie und eine neue Natürlichkeit sind aktuelle Faktoren, die dafür sprechen, einen Klassiker wiederzuentdecken.
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