Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin und wundere mich, wie wenig sie sich beschwören lässt, wenn ich es will. Sie hat sich — nun himmlisch — endlich emanzipiert. Ich schreibe über meine mannigfaltige Mutter, ihre Weisheit und Komik, ihren Mann, die Sache mit den Meerschweinchen und mich.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
B. Hammes
5/5
22.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Herergreifend - voller Trauer - und eine Hommage
Ein Buch für alle, die über Ihre Mütter trauern.
Für alle, die sich nicht verabschieden konnten.
Für alle, die lesend nochmal die Ehre erweisen wollen für die Mutterliebe.
Ein grosser Text.
Bewertung
5/5
08.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Nachruf einer Poetin
Ein berührendes Werk über eine Mutter, die sehr geliebt wurde.
Das Werk fast ein langes Gedicht.
Unglaubliche Sätze.
Bewegende Gedanken.
Oft geweint.
Oft geschmunzelt.
Hätte sie gerne gekannt diese Nortrud G.omringer.
Danke Nora
MarieOn
5/5
07.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wortreiche Trauerarbeit
Ihr erstes Meerschweinchen Paula war von dem Rottweiler Jago erjagt, zu Tode gewälzt, gebissen und dann liegengelassen worden. Nero, ein anderes Schweinchen, war plötzlich dagelegen. Es muss ihr Versagen gewesen sein. Wahrscheinlich hatte sie zu wenig oder das falsche Essen gereicht. Der Hamster war in Mamas Badewasser geplumpst, als Nora ihr eine unklare Stelle am Hals zeigen wollte. Er überlebte, war aber nie wieder der Alte. Der Verlust diverser Kleintiere, die mit und durch einen so viel erlitten hatten, war ein erstes Memento mori. Sie war immer ein morbides Kind gewesen. Das verdankte sie ihrer Mutter, die ihr schon früh aus dem Hexenhammer vorlas.
Ins Gymnasium reiste sie mit dem Zug an, zur Grundschule musste sie mit dem Bus fahren. Dort schlug ihr mehrfach Häme entgegen. Die Lacher, wenn sie sich auf einen offensichtlich leeren Platz setzen wollte und jemand „Besetzt“ schrie. Bei den ersten Schmähungen anderer war sie ganz sicher dabei, weil sie das Dabei-Gefühl dem Gegen-mich-Gefühl unbedingt vorzog, bis sie sich so einsam fühlte, dass sie sich für die Geächteten einsetzte.
Mit neun fuhr sie mit Mama an die Nordsee, weil sie fett war. Sie bekam wenig zu essen, trug meistens Bademäntel, zog von Anwendung zu Anwendung, ließ sich in Salzlake wälzen und ging viel mit Mama spazieren. Jetzt ist sie fünfundvierzig und vermisst ihre Mutter seit vier Jahren.
Die Trauer ist ein neuer Rock, ein Kleid, zwanzig Kilo weniger, eine schwere Bronchitis, ein langes Gebet, beständiges Fragen, spontanes Weinen, laute Selbstgespräche, Lebenswehklagen in erkaltetem Badewasser. S. 41
Mare e Monti singsangt der Vater. Das war Mamas Lieblingsgericht beim Italiener, das der Vater ihr noch kurz vor ihrem Tode zubereitet hat. Die Tochter weiß, dass das nicht stimmt, dass er sich die letzten Wochen in seinem Büro versteckt hat. Der Übervater, der stets im Mittelpunkt sein muss, weil er sonst grantig wird oder sich in sich zurückzieht.
Fazit: Die Dichterin Nora Gomringer trauert in diesem Stück wortreich, angestachelt und wütend über den riesigen Verlust der geliebten Mutter. Sie entsinnt sich ihrer Kindheit, der schwierigen Beziehung zwischen den Eltern. Spricht von ihrem unnahbaren Übervater, der so viel Aufmerksamkeit braucht und die eifersüchtige, emotional manipulative Mutter, die neben ihm verblasste. Die Mutter, die ihr doch alles über Literatur und das Menschsein beigebracht hat, was es zu wissen gibt. Nora Gomringer ringt um Worte für den verheerenden Verlust und das Vermissen und sie reiht zahlreiche in beeindruckender Weise aneinander, kämpft sich aus der Sprachlosigkeit zurück in ihr schreibendes Sein. Ihre Auslassungen sind kreativ, humorvoll und nie anklagend. Ein schönes Stück interessanter Lebensgeschichte, die ich sehr gerne gelesen habe.
Bewertung
aus Bamberg
5/5
14.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
»Ab einem gewissen Punkt reißt die eine Welt von der anderen ab, und da, wo du stehst, bist du.«
»Ab einem gewissen Punkt reißt die eine Welt von der anderen ab, und da, wo du stehst, bist du.«
Wenn die eigene Mutter stirbt, schwindet nicht nur ein geliebter Mensch, sondern auch ein Teil des eigenen Lebens. Denn das Leben der Mutter ist auch zugehörig zum eigenen Ich, welches sie meist lebenslang geprägt hat. Ohne sie gäbe es einen nicht und auch wenn die Beziehung oftmals nicht eben leicht erscheinen mag, reißt diese innere Verbindung niemals ab.
So auch bei Nora Gomringer. Ihre Mutter Nortrud verstarb am Dienstag, den 08. Dezember 2020. Seitdem sind fast fünf Jahre vergangen, doch der Schmerz des Verlusts und dessen Trauer hält bis heute an.
Zeit, um der Erinnerung ihren Raum zu geben, die sie zu beabsichtigen gedenkt. Aus diesem Anlass entstand der erste Roman der Autorin und zwar in Form eines von ihr so benannten „Nachroughs“.
Erinnerung ist schmerzlich, doch das Leben nicht minder.
Ihr wechselhaftes Erzählen über die Mutter – zwischen Nähe und Distanz – besteht aus Episoden der Kindheit und vielen Einblicken in das Leben der Gomringers, welches selten ein leichtes war. Sie gedenkt ihrer Mutter, versetzt sich in sie hinein und hinterfragt dabei teils ihre Entscheidungen, z.B. sich von ihrem Mann so vereinnahmen zu lassen, statt ihr eigenes Leben mehr zu genießen. Dann auch noch die Kinder aus verschiedenen Partnerschaften, seine Affären und allgemein der schwierige Umgang mit ihm.
Man merkt es schon: Immer wieder blickt neben der Mutter, die eigentlich die Protagonistin sein sollte, der Vater Eugen Gomringer hervor und nimmt Platz für sich in Anspruch, denn sowohl die eheliche Beziehung als auch die zwischen Vater und Tochter war von schwieriger Natur.
Dass Nora Gomringer nicht nur eine Meisterin der Lyrik ist, sondern auch die Langstrecke der Prosa beherrscht, hat sie hiermit eindeutig bewiesen und lässt hoffen, dass in Zukunft Weiteres kommen wird. Ein in seiner Form einzigartiges Buch, das Notrud Gomringer ein literarisches Denkmal für die Ewigkeit setzt.
Juti
aus HD
3/5
16.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nachruf auf die Mutter
Nachruf auf die Mutter
Wer hätte gedacht, dass die Tochter des berühmten Dichters eigentlich nur von ihrer Mutter aufgezogen wurde, weil ihr Mann ständig fremd ging?
So erfahren wir nur wenig über den Vater, viel über die Mutter, ihre Doktorarbeit über Feuchtwanger, der offenbar auch keiner Frau aus dem Weg ging und ihre Reisen um die Welt. Die Kapitel gleichen Anekdoten, die Reihenfolge scheint gewürfelt, eine Reihenfolge ist nicht erkennbar.
Da nicht alles für Außenstehende interessant ist, 3 Sterne.
Zitate: „Sprich nur ein Wort, so wird die Telefonrechnung geringer.“ (138)
Prolog von Cicero: Die Zeiten sind schlecht. Kinder gehorchen ihren Eltern nicht mehr und alle schreiben ein Buch.“
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