Karen verlässt die Stadt, in die sie einst voller Hoffnungen und Träume gekommen ist. Und sie verlässt Peters, ihre große Liebe, mit dem sie zuletzt eher nebeneinanderher als zusammengelebt hat. Mit Tochter Bettina fährt sie zurück in das thüringische Dorf, aus dessen Enge sie vor zwölf Jahren geflohen ist. Was hofft sie hier zu finden? Riskiert sie zu viel auf ihrer Suche? Doch für Karen steht fest: Sie muss den Schritt ins Ungewisse, Offene wagen, will sie wirklich leben.
Ein Roman, der durch die DDR-Zensur in Vergessenheit geriet - die Wiederentdeckung einer beeindruckenden Autorin und Zeitzeugin, die zu Christa Wolfs sogenannter "Weiberrunde" gehörte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
16.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Frau im Aufbruch
Eine lohnende Wiederentdeckung: Die Protagonistin verlässt ihren Mann, wegen dem sie schon viele Zugeständnisse machen musste, und will ihr eigenes Leben aufbauen. Nicht so leicht, wenn das in der DDR der 60er Jahre gelingen soll. Der Roman ist sehr schnörkellos, aber interessant geschrieben und gibt uns einen tiefblickenden Einblick in die Zeit und die Frauenposition von damals. Sehr empfehlenswert.
Steffis Eulen Bibliothek
aus Sachsen
4/5
14.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Rückblick in eine vergessene Zeit
Das Buch ist in der Hinsicht etwas Besonderes, weil es 1974 schon einmal veröffentlicht wurde und jetzt vom Aufbau Verlag neu aufgelegt wurde.
Die Autorin beschreibt den Weg der Protagonistin zu sich selbst, und wir dürfen in ihr tiefstes Inneres blicken. Gleichzeitig dürfen wir sie bei der Rückkehr in ihre alte Heimat begleiten und feststellen, was Heimat wirklich bedeutet.
Das ganze Buch spielt in der ehemaligen DDR, und auch wenn ich die DDR selbst nie kennengelernt habe, fühlt man sich in die Zeit zurückversetzt. Besonders interessant war für mich auch die Rolle und Entwicklung der Frau seinerzeit.
Für mich eine Empfehlung.
Bewertung
4/5
19.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zeitlose Selbstbefragung
Der Roman „Karen W.“ von Gerti Tetzner ist diese Art der Selbstbefragung eines Menschen, die für eine ganze Gesellschaft stehen kann. Es geht um das Ringen um Einordnung der aktuellen Situation, das Suchen nach Antworten und nach Möglichkeiten, sich sein Leben individuell zu gestalten, ohne sich den Erwartungen und Zwängen der Gemeinschaft und einer politischen wie einer moralischen Diktatur zu unterwerfen.
Karen sucht (ver-)zweifelnd ihren Platz im privaten und im beruflichen Leben. Die Handlung des Romans zeigt uns Menschen in der DDR. Die Konflikte allerdings gehen über eine bestimmte Zeitspanne hinaus.
Eine Leseempfehlung, auch wenn manches mir zu detailreich beschrieben wurde und ich mich in manchen Phasen etwas langweilte, fand ich diese Lektüre dennoch interessant.
Jürg K.
4/5
02.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zum Mit- und Nachdenken
Karen kehrt der Stadt den Rücken, in die sie einst voller Hoffnungen und Träume gekommen ist. Sie verlässt ihren Partner ihre grosse Liebe. Sie fährt mit ihrer Tochter Bettina zurück in das thüringische Dorf, aus deren Enge sie damals floh. Diese Geschichte von Gerti Tetzner erschien bereits 1974. Seine emotionale Wirkung hat sie bis heute nicht verloren. Sie kommt zurück mit einem Koffer voller Erinnerungen und Zweifel und einigen unausgesprochenen Fragen. Das Lesen ist von Beginn an fesselnd. Das Tagebuch ist viel mehr als nur Aufzeichnung. Es Konfrontiert Karen mit der Vergangenheit, Familie, Dorf, Gesellschaft. Es ist fast so, beim Lesen, als mache man sich auf eine Reise. Dieser Roman ist nach meiner Meinung sehr zeitlos über weibliche Selbstbestimmung, das Ringen mit familiären Bindungen und die stille Kraft des Schreibens. Dieser Roman ist sehr unterhalten und ein Spiegelbild. Sehr empfehlenswert.
Bories vom Berg
aus München
3/5
20.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Authentisches Zeitzeugnis
Der im Jahre 1974 in der damaligen DDR erschienene Debütroman von Gerti Tetzner mit dem Titel «Karen W.» wurde kürzlich als Wiederentdeckung in einer Neuauflage herausgebracht, ergänzt um ein ausführliches Interview mit der betagten Schriftstellerin. Zwischen der titelgebenden Protagonistin und Ich-Erzählerin Karen Waldau und der Autorin gibt es unübersehbare Parallelen, beide haben Jura studiert und als Notarin gearbeitet, insoweit ist dieser Roman einer Zeitzeugin autofiktional, sie verarbeitet eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Die zum «Weiberkreis» junger Autorinnen um Christa Wolf gehörende Gerti Tetzner wurde von der berühmten Kollegin bei ihrem Romanprojekt wohlwollend unterstützt, das Buch war dann mit einer hohen Auflage auf Anhieb auch sehr erfolgreich. Aber schon ihr nächster Roman wurde von der Zensur abgelehnt, - und sie wurde eindringlich davor gewarnt, ihn im Westen zu veröffentlichen. Demotiviert begann sie, einige Kinderbücher zu schreiben und geriet schließlich weitgehend in Vergessenheit.
Karen, die in der unschwer als Leipzig erkennbaren Universitätsstadt L. zusammen mit ihrem Freund Peters und der gemeinsamen Tochter Bettina lebt, war vor zwölf Jahren aus der Enge eines kleinen thüringischen Dorfes geflüchtet und nach dem Studium in der Stadt geblieben. Aber ihr Leben erscheint ihr eintönig und sinnlos, sie lebt mit Peters, ihrer einstigen großen Liebe, nur noch nebeneinander her. Als knapp Dreißigjährige will sie aus den Alltagstrott und der Enge des reglementierten Arbeitslebens ausbrechen und etwas Neues wagen, von dem sie allerdings noch nicht weiß, was das denn sein könnte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion nutzt sie eine Reise ihres Partners und zieht unangekündigt aus, zurück in das Dorf ihrer Jugend. Das von den Eltern geerbte Haus ist an einen Tierarzt vermietet, der von seiner Frau verlassen dort allein lebt. Sie bietet ihm an, wohnen bleiben zu können, wenn sie die beiden ungenutzten Dachkammern mit ihrer Tochter beziehen kann. Die siebenjährige Bettina wird in der örtlichen Schule angemeldet, und Karen selbst sucht sich eine Arbeit in einer LPG. In der landwirtschaftlich geprägten Gegend werden überall händeringend Arbeitskräfte gesucht. Peters schreibt ihr irritiert hinterher: «Wohin treibst Du? Weißt Du, was Du riskierst?»
Karen erinnert sich nun an ihre Kindheit und Jugendzeit, an die erste Begegnung mit Peters, ihre schwierige Identitätssuche als junge Frau und die latenten Probleme mit der weiblichen Selbstbestimmung. Und sie denkt daran zurück, wie sie mit ihrem selbstbewussten, kritischen Denken immer wieder in Konflikt gekommen ist mit der allgegenwärtigen Staatsmacht, gegen die sie hilflos ist. Und genau diese Konflikte haben ihr auch das Zusammenleben mit Peters schwierig gemacht. So fragt sich Karen an einer Stelle: «Was war das bloß für eine Zeit und ein Land um mich rum? Immer blieb ich für oder gegen was verwickelt, und immer traf jede Wahl die ungewählte Kehrseite mit. Gab’s denn nie ein vollkommenes rundes Ja? Nicht mal in der Liebe?» Der Idealismus und Optimismus sowohl der Autorin als auch ihrer Ich-Erzählerin Karen bleibt ungebrochen. Beide sind sie selbstbewusst und unbeugsam überzeugt, in der Realität mit ihren abweichenden Meinungen und Zweifeln auf der richtigen Seite zu stehen.
Das Besondere am Roman von Gerti Tetzner ist die Tatsache, dass sie Mitte der siebziger Jahre das unrühmliche Ende der DDR ja nicht mitdenken konnte. Christa Wolf hatte in einer Stellungnahme zu 36 Manuskript-Seiten vom Romananfang neben einiger Kritik angemerkt, die «wachsende innere Inaktivität unter vielen jungen Leuten» als Thematik sei interessant und könne Kräfte wecken, «die unbewusst vorhanden sind und Bestätigung, Ermutigung, Anstoß brauchen». Der leicht lesbare Roman wirkt mit originellen Wörtern und Redensarten aus der Umgangssprache als Zeitzeugnis sehr authentisch, er ist trotz einiger Längen und häufiger Wiederholungen eine kontemplativ anregende, empfehlenswerte Lektüre!
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