Havanna im Ausnahmezustand: Der historische Besuch Obamas und das legendäre Rolling-Stones-Konzert stehen kurz bevor. Amerikanische Touristen johlen in den Straßen, exklusive Bars servieren teure Drinks. Inmitten der Aufbruchstimmung ermittelt Conde in einem unliebsamen Fall: Ein berüchtigter Kunst-Zensor wird tot aufgefunden, ein Mann, der etliche Leben zerstörte.
Gleichzeitig vertieft sich Conde in eine kubanische Legende: 1909, als der Halley’sche Komet für Weltuntergangsstimmung sorgt, entzündet ein Mord im Rotlichtmilieu eine Fehde zwischen zwei Gangsterbossen. Zu Condes Überraschung ergeben sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit ungeahnte Verbindungen.
In einem Havanna zwischen Rausch und Verzweiflung beschwört ein epischer Kriminalfall Echos eines bewegten Jahrhunderts herauf.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
06.06.2026
Buch (Taschenbuch)
Havanna tanzt, Conde ermittelt und die Vergangenheit schweigt nicht
Havanna, Obama, Rolling Stones und mittendrin ein toter Kunst Zensor. Klingt erstmal nach Krimi mit ordentlich Musik im Hintergrund, aber Anständige Leute ist viel mehr als nur ein Mordfall mit kubanischem Flair. Dieses Buch riecht nach heißem Asphalt, altem Rum, falschen Versprechen und nach einer Stadt, die gleichzeitig tanzen und schreien möchte.
Mario Conde stolpert hier nicht einfach durch Ermittlungen, er trägt diese Geschichte wie einen schweren Rucksack. Man spürt seine Müdigkeit, seine Wut und diesen trockenen Humor, bei dem man kurz grinst und direkt danach denkt: Autsch, das war eigentlich bitter. Genau das mochte ich richtig gern.
Besonders stark fand ich die zwei Zeitebenen. Die Gegenwart mit Obama Besuch und Rolling Stones Konzert wirkt wie ein Land im Rausch, als würde gleich alles besser werden. Daneben das Jahr 1909 mit Halley’schem Kometen, Rotlichtmilieu, Gangstern und Mord. Erst denkt man: Okay, wohin will Padura damit? Und dann ziehen sich die Fäden langsam zusammen. Nicht hektisch, nicht billig, sondern mit richtig viel Gefühl für Geschichte.
Das ist kein Krimi zum Wegatmen. Padura nimmt sich Zeit, manchmal fast frech viel Zeit, aber genau dadurch entsteht diese Wucht. Kuba wird hier nicht als Postkartenkulisse gezeigt, sondern als verletzter, widersprüchlicher Ort voller Sehnsucht, Korruption, Hoffnung und kaputter Biografien.
Für mich ein dichter, kluger und atmosphärisch starker Kriminalroman, der im Kopf nachhallt. Nicht laut wie ein Knall, eher wie ein alter Song, der plötzlich wieder wehtut.
Bewertung
5/5
10.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sozialkritischer Gesellschaftsroman mit Krimielementen
Conde, Ex-Polizist mit literarischen Ambitionen, ermittelt wieder, diesmal in seinem 10. Fall, der ihn quer durch alle Schichten Kubas führt: Neureiche, Intellektuelle, Künstler, Staatsfunktionäre, einfache Hausangestellte oder Menschen aus ärmlichsten Verhältnissen.
„Anständige Leute“ spielt zur Zeit des Obama-Besuchs in Kuba, 2016, der Auftritt der Rolling Stones steht kurz bevor und das ganze Land verfällt in eine Euphorie, die der desillusionierte Conde eher kritisch betrachtet.
Es geht um die Reichen und Mächtigen, denn ermordet wird gleich zu Beginn der alte Kulturfunktionär Quevedo, der es vielen Künstlern und Kulturschaffenden z.T. unmöglich gemacht hat, ihre Kunst zu veröffentlichen oder zu verkaufen. Er selbst hat sich an den Kunstwerken bereichert, sie für viel Geld illegal verkauft oder selbst in seinem Reich dargestellt. Die Künstler wurden mundtot gemacht, es gab Veröffentlichungsverbote, Berufsverbot oder Gefängnisaufenthalte, Suizidversuche, Depressionen. Ersichtlich wird auf den ersten Blick, dass es bei einer solchen Person des öffentlichen Lebens viele Geschädigte gibt, die möglicherweise Rachegelüste verspüren. Aber auch im privaten Leben geht es hoch her, so ist das zweite Mordopfer auch sein Schwiegersohn Marcel, der eigentlich in die USA ausgewandert ist, aber sich zufälligerweise gerade aus privaten Angelegenheiten in Kuba aufhält.
Ein zweiter Handlungsstrang führt uns in das Kuba der 1910-er Jahre, Tanz auf dem Vulkan, wieder geht es um die Welt der Reichen, Schönen und Mächtigen und Schauplatz sind immer wieder Edel-Bordelle, in denen die schönsten der Frauen aus aller Herren Länder für konkurrierende Clans anschaffen. Auch in diesem Erzählstrang, der sich mit dem der Gegenwart abwechselt, gibt es einen Mord im Rotlichtmilieu. Ermittler ist hier der junge, anständige Polizist Arturo Saborit, der voller Eifer und Ideale in seinem ersten Mordfall ermittelt. Gefiltert durch seine Perspektive erfahren wir von den Ereignissen und nehmen an den Ermittlungen sowie seinen Überlegungen zu Anstand und Moral teil. Und auch in diesem Teil gibt es einen einflussreichen, charismatischen und zwielichtigen Geschäftsmann, Alberto Yarini, eine reale Gestalt, die im Zentrum steht, der sowohl Männer als auch Frauen verfallen und die seinen Aufstieg als Politiker plant.
Zwei spannende, handlungsreiche Kriminalfälle wechseln sich ab, es geht z.T. blutrünstig und direkt zu, nichts für zartbesaitete Leser. Mario Conde selbst zieht Parallelen eher zu Tarantino als zu Hemingway, seinem literarischen Vorbild, dem er – sowie sein Alter Ego Padura - sich eigentlich verpflichtet fühlt.
Leonardo Padura schafft mit diesem Roman aber mehr als nur einen Kriminalfall: Kuba selbst ist Hauptfigur, Themen sind die Korruptheit, Doppelmoral der Regierung, Repressionen, Zensur von Kunst, die Armut, der Erfindungsreichtum der Einwohner, der Wunsch zum Wandel und Überwindung der desaströsen Verhältnisse, die Schönheit des Landes und die Vielfalt der Menschen.
Ein eindrückliches Werk, das an einzelnen Stellen den alternden Conde etwas zu lang über seine Eindrücke und philosophischen Erkenntnisse deklarieren und sinnieren lässt, aber insgesamt eine klare Empfehlung für einen starken Roman, in dessen Zentrum die Liebe zu Kuba als auch der Wunsch nach politisch-gesellschaftlichen Veränderungen steht.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
06.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwei Kriminalfälle und doch nur vordergründig ein Krimi...
Krimi? Das ist dieser Roman nur vordergründig. Er erzählt vom kubanischen Lebensgefühl, der Geschichte der Insel und der kubanischen Gesellschaft, die durch extreme Gegensätze gespalten wird und die vor allem geprägt ist von der Unterdrückung durch Diktatoren und ihre korrupten Nutznießer. Sehr eingängig zeigt Padura auf, dass man die Gegenwart nur versteht, wenn man die Vergangenheit kennt und wie die Gegenwart immer bestimmt wird von der Vergangenheit.
Dazu erzählt er in zwei Handlungssträngen mehrere Kriminalfälle aus verschiedenen Zeiten. Ein Handlungsstrang befasst sich mit zwei über 100 Jahre zurückliegenden Morden aus dem Rotlicht-Milieu im Umkreis des charismatischen Alberto Yarini, einer in Kuba nach wie vor umglänzten historischen Gestalt. Hier ist es ein junger Polizist, der in der Rückschau erzählt, wie er Schritt für Schritt in die Verkommenheit seiner Zeit hineingezogen wird.
Auch im anderen Handlungsstrang ist ein Polizist der Erzähler: Mario Conde, inzwischen in die Jahre gekommen und aus moralischen Gründen aus dem Polizeidienst ausgeschieden. Conde hat sämtliche Illusionen und jeden Fortschrittsglauben verloren. Ein einsamer Mensch, der sein kleines Glück täglich neu finden muss. Auch seine Morde sind in einem dekadenten Milieu angesiedelt: im Milieu der Unterdrücker und ihrer Nutznießer.
Padura verbindet beide Handlungsstränge nicht nur durch die Gemeinsamkeiten der Erzähler und das Milieu, sondern auch dadurch, dass er alle Mordfälle ursächlich ineinanderfügt und damit ein sehr deprimierendes Bild seiner Heimat zeichnet: das eines Landes, das schon immer bestimmt wurde von Unterdrückung, Korruption und Verkommenheit auf der einen Seite und Angst, Hass, Verzweiflung und großer Armut auf der anderen Seite.
Padura verklammert darüber hinaus seine Handlungsstränge durch einen ethischen Gesichtspunkt. Wie kann ein Mensch in schwierigen Zeiten seinen Anstand bewahren? Sich nicht korrumpieren zu lassen? Ist ein Mensch, der blutige Rache an einem Richter und Henker nimmt, anständig? Heiligt der Zweck die Mittel?
Die Beantwortung dieser Frage überlässt Padura dem Leser.
Fazit: Das Buch fordert die Konzentration des Lesers, aber entschädigt mit prallen Schilderungen Kubas und einem stets präsenten augenzwinkernden Humor.
begine
aus Lemwerder
5/5
08.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erinnerung bewahren
Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura zeichnet in seinem Roman Anständige Leute, ein Portrait der kubanischen Gesellschaft.
Der Roman besteht aus zwei Erzählstränge, einmal als Ichform und dann als Erform.
Es ist eine interessante Geschichte in Havanna.
Es ist ein Temporeihers Werk.
Der Krimifall ist untergeordnet. Die verschiedenen Elemente über das leben in Kuba gefällt.
Man lernt ein echtes Kuba kennen.
Am Ende gibt es einen Bericht von Leonardo Padura und ganz am Schluss kommt noch ein Interview mit ihm. Das ist besonders informativ.
Das Buch ist unbedingt lesenswert.
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