Schon als Teenager wusste Fern Brady, dass sie anders war. Als sie zufällig über Autismus las, wusste sie instinktiv, warum. Hier war die Erklärung für ihre Wahrnehmungsstörungen, ihre Meltdowns, ihre Unfähigkeit, soziale Signale zu deuten. Doch erst mit 34 folgte endlich die befreiende Diagnose. In dieser schonungslos ehrlichen Autobiografie erzählt sie ohne Rücksicht und mit dem ihr eigenen Witz von Neurodiversität zwischen Sexismus und Ableismus und ihrem offenen Umgang damit.
"Geistreich, trocken und scharfsichtig - ein notwendiges Korrektiv in einer Welt, in der autistische Frauen entweder als ruhig und gefügig abgestempelt oder gänzlich ignoriert werden." Devon Price, Unmasking Autism
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
08.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mutiger Lebensbericht einer spät diagnostizierten, autistischen Frau
"Strong Female Character" ist der Lebensbericht der schottischen Stand-Up-Comedienne Fern Brady, betrachtet unter der Perspektive ihres erst vor kurzem, in ihren 30ern Jahren, diagnostizierten Autismus. Fern Brady wurde als eines von mehreren Kindern in eine schottische Arbeiterfamilie geboren und war schon als Baby und Kleinkind auffallend anders: sie reagierte auf zu starke Reize mit spitzen Schreien, wollte nicht gestreichelt werden, kratzte sich an den Stellen, an denen sie von anderen berührt worden war, und schleuderte ihren Kopf gegen die Stäbe ihres Gitterbettes, wenn ihr etwas zu viel war. Außerdem war sie schon damals tollpatschig und ungeschickt.
Aber in den 80er Jahren war Autismus gesellschaftlich noch kaum ein Thema, für das die Menschen sensibilisiert waren, schon gar nicht bei einem Mädchen und in der Arbeiterklasse. Fern Brady hat die Form von Autismus, die man früher als Asperger-Syndrom bezeichnet hätte (diese Bezeichnung wird aufgrund der problematischen NS-Vergangenheit des Namensgebers nicht mehr verwendet, stattdessen wird auch diese Form nun allgemein unter den Autismus-Spektrums-Störungen subsummiert). Eine oft als "leicht" angesehene Form von Autismus (Fern selbst verwehrt sich aber gegen diese Zuschreibung und meint, leicht wäre höchstens die Außenwahrnehmung nicht Betroffener, weil diese Autisten so gut im Maskieren wären), die mit keiner sonstigen kognitiven Beeinträchtigung und oft auch speziellen Begabungen und einem sehr guten Gefühl für Sprache einhergeht. Die Sicht auf das Asperger-Syndrom war lange und ist zum Teil bis heute von den Experimenten des Namensgebers geprägt, und diese bezogen sich ausschließlich auf männliche Kinder vor der Pubertät. Auch deshalb ist es bis zum heutigen Tag für ältere autistische Menschen und ganz besonders für Frauen sehr schwierig, eine Diagnose zu bekommen.
Die sehr intelligente, Bücher und Sprachen liebende und selbständig recherchierende Fern hatte durchaus schon als Jugendliche den Verdacht, von dieser Form des Autismus betroffen zu sein, las sich in die jeweiligen Diagnosekriterien ein, erkannte sich wieder und sprach dieses Thema gegenüber Ärzten an. Leider geriet sie dabei immer wieder an solche, die in diesem Gebiet nicht kompetent genug waren, aber diese Schwäche auch nicht etwa eingestanden und sie weiterverwiesen hätten, sondern aufgrund von Falscheinschätzungen leugneten, dass Fern von dem Thema betroffen sein könnte, etwa weil sie Augenkontakt halten könne (etwas, das intelligente autistische Menschen im Laufe des Lebens lernen können) oder weil sie einen Freund hatte (auch das ist absolut kein Ausschlusskriterium). Und anfangs glaubte Fern ihnen und ihrer Autorität auch, es waren ja Ärzte.
Dabei kämpft sie ihr Leben lang damit, sich in der oft unverständlichen sozialen Umwelt zurechtzufinden, hat immer wieder psychische Krisen und Zusammenbrüche aufgrund von Reizüberflutung (sogenannte Meltdowns, im Rahmen derer sie nicht anders kann, als Möbel zu zertrümmern), missbraucht Medikamente, die sie sich vom Schwarzmarkt besorgt, wird immer wieder von den Eltern rausgeschmissen, finanziert ihr Studium aus Geldnot als Stripperin und ist immer wieder suizidal.
Es dauert Jahrzehnte, während sie auf ihrer Suche danach, zu verstehen, was mit ihr los war, immer mehr Anzeichen dafür findet, dass sie mit ihrem Verdacht recht hat (u.a. durch das großartige Buch "Aspergirls" von Rudy Simone, das sich für sie wie eine exakte Beschreibung ihres Lebens und ihrer Herausforderungen las), bis sie an eine kompetente Spezialistin für erwachsene Autistinnen gerät und eine offizielle Diagnose erhält. Mutig setzt sich Fern nun mit ihrem autobiografischen Buch dafür ein, für das Thema hochfunktionaler Autismus, insbesondere bei Frauen, zu sensibilisieren und darüber aufzuklären, und leistet damit einen wertvollen Beitrag dafür, dass andere Betroffene früher Unterstützung erhalten und nicht Jahrzehnte lang danach suchen müssen.
Beim Lesen des Memoirs empfand ich tiefes Mitgefühl und viel Respekt für diese starke und intelligente, reflektierte junge Frau, die trotz all dieser Handicaps nicht aufgegeben hat und sich sowohl eine berufliche Karriere als Stand-Up-Comedienne, die ihr Freude bereitet, als auch endlich eine Diagnose und damit eine Erklärung für ihr Anders-Sein erkämpft hat, und die damit auch noch so offen und mutig in die Welt hinausgeht. Mir persönlich, die ich mich schon viel mit dem Thema Autismus beschäftigt habe, war Fern Brady beim Lesen auch sehr sympathisch, ich mag, wie mutig und reflektiert sie ist.
Wer sich noch nicht so gut mit Autismus auskennt, der könnte einige Szenen in Ferns Leben so empfinden, als ob sie unsympathisch wäre, aber viel davon spiegelt einfach das mit ihrer Neurodivergenz einhergehende mangelnde Verständnis für nonverbale Kommunikation und für die oft unausgesprochenen, komplexen und sich subtil situativ anpassenden Regeln des sozialen Miteinanders wider. So schlägt Fern etwa beim Fortgehen einer anderen jungen Frau, von der sie beleidigt wurde, mit einer Flasche auf den Kopf, in der Annahme, das sei Selbstverteidigung, denn die andere hätte sonst sie auch körperlich angegriffen. Zum Glück kommt die andere mit einer relativ leichten Verletzung und Fern mit einer Geldstrafe davon. Hier meine Hochachtung vor Fern, dass sie solche Ereignisse, die sie in einem kritischen Licht dastehen lassen könnten, überhaupt in ihr persönliches Buch mitaufgenommen hat, das hätte sie ja nicht müssen.
Gleichzeitig ist ihr, wie vielen autistischen Menschen, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit wichtiger als das Erzeugen eines möglichst positiven Bildes von sich selbst. Und sie möchte mit der Schilderung dieses und weiterer Ereignisse auch dafür sensibilisieren, wie viele autistische Menschen aufgrund ähnlicher Vorfälle Probleme mit dem Gesetz bekommen, im Gefängnis landen, härter als nicht-autistische Menschen verurteilt werden, z.B. weil vor Gericht für die Härte der Bestrafung ausgesprochene Reue eine große Rolle spielt, und nicht-autistische Menschen meist viel besser darin sind, diese glaubhaft vorzuspielen, auch wenn sie sie nicht empfinden, und weil allgemein Justiz- und Gesundheitsssystem noch kaum für die Bedürfnisse autistischer Menschen sensibilisiert sind.
Soziologisch betrachtet sehr interessant ist auch das Zusammenspiel mehrerer Benachteiligungen, das Fern in ihrem Buch beschreibt und analysiert: so spielt es für viele Situationen in ihrem Leben eine Rolle, dass sie nicht nur autistisch ist, sondern außerdem eine Frau und aus der Arbeiterklasse. Ein Junge wäre mit viel höherer Wahrscheinlichkeit schon als Kind diagnostiziert worden, da er viel stärker den prototypischen Bildern eines Autisten entsprechen würde. Und Eltern aus einer anderen Sozialschicht hätten vermutlich auch andere Mittel zur Verfügung gehabt, um ihr Kind besser zu fördern (auch wenn Fern einräumt, dass ihre Eltern das ihnen Bestmögliche getan haben und ihr z.B. auch bei knappen finanziellen Mitteln Klavierunterricht ermöglichten, etwas, von dem sie bis heute als Ressource profitiert) und finanziell zu unterstützen, und möglicherweise auch Zugang zu einer differenzierten Diagnostik schon früher im Leben zu bekommen.
Somit ist es auf vielen Ebenen ein sehr lesenswertes und interessant geschriebenes Buch, das ich allen, die sich für Neurodiversität, Autismus und generell für verschiedenste Lebensumstände und die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, interessieren, nur wärmstens ans Herz legen kann. Danke, Fern, fürs mutige Teilen deiner Lebensgeschichte!
madamebiscuit15
5/5
28.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungeschönter Einblick in das Leben als Autistin
Es ist die Autobiographie von Fern Brady, die uns darin einen schonungslosen und ehrlichen Einblick in ihr Leben als betroffene Person gewährt. Herausfordernd für sie und ihr Umfeld war es dabei vor allem, weil sie erst mit gut 30 Jahren diagnostiziert wurde. Dabei war ihr und ihrem sozialen Umfeld seit ihrer Kindheit klar, dass sie nicht neurotypisch in ihrem Verhalten war.
Warum ihre Diagnose dann erst so spät kam, liegt an der fehlenden beziehungsweise auch falschen Datenlage zu dieser Störung. Denn betroffene Mädchen und Frauen verhalten sich eben anders als betroffene Jungen und Männer.
„Autistische Frauen sind Chamäleons und können zu wahren Meisterinnen im Masking werden.“ S. 35
Fern Brady schreibt leicht und unterhaltsam, immer wieder muss ich schmunzeln ob ihrer direkten und unverblümten Art die Dinge beim Namen zu nennen. Ihre Überlebens-Strategien beeindrucken mich und ich lerne sehr viel über das Leben als betroffene Frau.
„Warum benutzten alle dauernd irgendeine Geheimsprache und waren dann sauer auf mich, weil mir das Wörterbuch fehlte, um sie zu entschlüsseln?“ S. 83
Gleichzeitig ist es eine Geschichte, die nachdenklich und betroffen macht, ihr Leidensweg geht mir nahe. Immer wieder bin ich traurig, wütend und erschrocken, wie ihr Leben in unserer neurotypischen Welt aussieht und wie ihr begegnet wird.
Ihr Buch veranschaulicht auch die herrschenden Missstände innerhalb unseres Gesundheitssystems und ist eine deutliche Kritik am Patriarchat.
Ich spreche eine klare Leseempfehlung aus und wünsche diesem Buch noch ganz viele Lesende, damit noch mehr einen Einblick und eine Ahnung davon bekommen, wie das Leben mit Autismus sein muss.
Leonie
5/5
21.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Weiblicher Autismus
Fern Brady beschreibt in ihrer Autobiographie ihren Lebensweg mit Autismus. Ihre Diagnose erhält sie erst als Erwachsene. Ihr "Anderssein" hat ihr somit zunächst große Probleme bereitet, da sie sich bemüht hat, sich ihrer Umwelt anzupassen.
Fern beschreibt, wie sehr ihr die Reize der Umwelt zu schaffen machen. Die hohe Anpassungsleistung verlangt ihr so viel ab, dass sie teilweise sogar Möbel zerschlagen, da das autistische Gehirn keine Möglichkeit findet, die erlebten Reize adäquat abzubauen. Ein besonderes Augenmerk verdient die Autobiographie durch die Schilderung des weiblichen, hochfunktionalen Autismus. Mädchen und Frauen sind eher in der Lage, sich sozial anzupassen als männliche Autisten. Sie beobachten und ahmen nach, womit sie weniger auffällig sind. Trotzdem kostet das eine immense seelische Kraft. Nichts im zwischenmenschlichen Bereich kommt automatisch, alles muss erarbeitet werden. Dabei wird eine Autistin, die zwar sehr intelligent aber auch zeitgleich im sozialen Miteinander sehr naiv sein kann, Opfer von psychischen Mißbrauch und männlicher Dominanz.
Daher ist das Buch, das einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung von weiblichen Autismus beiträgt, sehr empfehlenswert. Die Autorin schreibt eindringlich und sachlich. Dies führt eventuell bei manchen Lesern dazu, schwer mit ihr zu sympathisieren. Aber auch das kann ein Anzeichen von Autismus sein. Liebhudelei wird man bei Autisten schwer finden. Dafür erfährt man Authentizität und klare Aussagen, so wie in diesem Buch.
Savashanim
aus Backnang
5/5
05.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leider immer noch oft Realität
Ich arbeite mit jungen Menschen im Autismus-Spektrum und bin von daher sehr interessiert an dieser Thematik. Ich habe auch schon einige Bücher zum Thema gelesen und vor allem die autobiographischen sind es, die mir für meinen Arbeitsalltag am meisten gebracht haben.
Es ist anfangs nicht leicht, sich in autistische Menschen hineinzuversetzen und zu verstehen, wie sie die Welt wahrnehmen. Dafür ist der persönliche Austausch und auch die entsprechenden Lebensgeschichten extrem hilfreich aber auch sehr interessant.
Leider ist es immer noch so, dass Autismus zwar mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt, vor allem aber Mädchen und Frauen häufig falsch oder verspätet diagnostiziert werden, zum Teil mit massiven Spätfolgen durch falsche Therapien oder Medikamente.
Fern Brady, eine schottische Comedienne, berichtet hier genau darüber, die fehlende Diagnose, das ständige Gefühl, irgendwas nicht mitzubekommen und das Unverständnis der Menschen in ihrem Umfeld. Das tut sie mit dem vielen autistischen Menschen eigenen Humor, aber auch sehr schonungslos.
Ich habe das Buch weggesuchtet, viel gelacht, war oft - wieder einmal - schockiert und hätte gerne noch lange weiter gelesen.
Für Menschen, die sich für das Thema interessieren, für Fachleute, für junge Frauen, die vielleicht einen Verdacht haben oder einfach für Fans der fantastischen Fern Brady, von mir eine klare Leseempfehlung.
Nitko
5/5
04.12.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spannender Einblick
Dieses Buch hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Fern Brady beschreibt in dieser autobiografischen Erzählung, wie es ist, als Frau mit lange nicht diagnostiziertem Autismus zu leben. Die Geschichten scheinen teilweise wahllos aneinandergereiht, erzeugen einen Eindruck vom Chaos, das in Bradys Leben herrscht. Zwischen Meltdowns, Masking und Selbstmedikation versucht Brady, ein ganz "normales" Leben zu führen, nicht aufzufallen und scheitert ständig.
Ich persönlich fand das Buch sehr gelungen, es gibt einen realistischen Eindruck davon, was es bedeutet Autistin zu sein. Es ist nichts beschönt. Fern Brady erzählt von Sexgeschichten, gewaltvollen Auseinandersetzungen, ihren Meltdowns, bei denen sie ihre Wohnung zerlegt. Und wie sie dennoch versucht, nach Außen sich nichts anmerken zu lassen, wie sie immer wieder an ihre Grenzen gerät, da sie die Welt der allistischen Menschen, nicht ganz versteht. Teilweise gab es Geschichten, die für mich nicht ganz nachvollziehbar waren. So beschreibt sie, dass sie als Autistin häufig unangenehm ehrlich ist, da sie mit sozialen Normen nichts anfangen kann. Dennoch gibt es Szenen, in denen sie aus Situationen, in denen sie sich unwohl fühlt, nicht raus kann, da sie ihr Gegenüber nicht verletzen möchte. Aber auch Widersprüche gehören dazu und man kann nicht Verallgemeinern. Ich würde das Buch empfehlen, um einen Einblick in die Welt des Autismus zu bekommen sowie einer Betroffenen eine Stimme zu geben für mehr Verständnis und mehr Aufklärung.
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