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Sommer 1914. In Janowitz, einem mittelböhmischen Schloss, treffen zwei prominente Autoren aufeinander: Rainer Maria Rilke, Lyriker und Romancier, und Karl Kraus, scharfzüngiger Herausgeber der Zeitschrift "Die Fackel". Die beiden kennen sich. Sie pflegen zueinander eine Haltung aus Respekt und Missgunst. Den Anlass dazu liefert ihnen Sidonie von Nádherný. Sie ist schön, hochgebildet, weitgereist, sie will sich emanzipieren, was ihr in manchem gelingt, doch die Konventionen ihrer Herkunft kann sie nicht abstreifen. Die beiden Literaten werben um ihre Gunst. Kraus ist ihr heimlicher Geliebter, der sie auch heiraten möchte. Rilke erfährt davon. Eindringlich warnt er Sidonie vor der ehelichen Verbindung mit einem Juden, und sie hört auf ihn. Der Erste Weltkrieg bricht aus, von Rilke bejubelt, von Kraus radikal abgelehnt. Der schreibt darüber sein ausuferndes szenisches Werk "Die letzten Tage der Menschheit", Sidonie hilft ihm dabei. Sie lebt weiterhin mit ihm, die Beziehung zu Rilke gibt sie nicht auf. Ihr Verlöbnis mit dem italienischen Aristokraten Guicciardini hat sie bereits zu Kriegsbeginn beendet, ihre spätere Ehe mit dem Arzt Max Thun wird scheitern. Rilke stirbt. Kraus stirbt. Es wird einsam um sie. Inständig widmet sie sich der Pflege ihres Parkgartens und den Nachlässen der beiden Dichter, bevor die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden Machtübernahme durch die Kommunisten ihre Welt von Grund auf verändern.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
JoBerlin
aus Berlin
5/5
01.08.2022
eBook (ePUB 3)
Ohne Ornament
Dieses Buch hat mich von Seite zu Seite mehr gefesselt. Das liegt an Rolf Schneiders wunderbarem Stil, mit nüchterner Sprache und effektvoll gesetzten Wiederholungen. Doch erzeugt genau das einen melancholischen, oft aber auch amüsanten Ton. Nichts ornamenthaft Geschöntes stört den Lesefluss, der Autor bewertet seine Protagonisten nicht. Und das ist so gut und macht den Roman dadurch umso eindrücklicher.
Janowitz, das ist das Schloss der Nádherný von Borutin in Böhmen. Die Schlossherrin, Sidonie von Borutin, hat häufig illustre Gäste zu Gast – Musiker, Intellektuelle, Literaten Auch Rainer Maria Rilke und der Herausgeber der „Fackel“, Karl Kraus, sind oft zu Gast. Sie buhlen beide um die schöne Sidonie – und sind sie nicht beide geeignete Heiratskandidaten? Doch der unstete Rilke ist noch mit Clara Westphal verheiratet und steht mit vielen Frauen in Kontakt. Finanzielle Unterstützung bekommt er hauptsächlich durch wohlsituierte, meist adlige Damen. Ob das so bliebe, würde er sich neu verheiraten? Sidonie fühlt sich mehr Karl Kraus verbunden, doch er ist Jude und ist für die von Borutins kein standesgemäßer Ehekandidat. Zwar erscheint Sidonie durchaus als freidenkend-handelnde Frau, sie will unabhängig und selbstbestimmt leben, doch bleibt sie unentschlossen und letztendlich in Konventionen gefangen. Dann bricht der erste Weltkrieg aus und verändert alles.
Ausgehend von dieser Dreieckskonstellation in Zeiten diverser politischer Umbrüche erzählt Rolf Schneider die Geschichte des Schlosses und seiner Bewohner und Gäste im Zeitraum von 1913 – 1948. Mir gefällt insbesondere die Darstellung des Umfelds von Karl Kraus, mit Caféhauskultur, den Freunden Adolf Loos, Peter Altenberger und anderen Künstlern und Intellektuellen.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und kann es allen an Geschichte und Literatur Interessierten ganz unbedingt empfehlen.
yellowdog
5/5
27.11.2021
eBook (ePUB 3)
Tiefe und Dichte
Nach mehr als 10 Jahren kehrt Rolf Schneider erfreulicherweise mit einem neuen Roman zurück.Mit Janowitz, dem Schloß in der Tschechei, dass vor und nach dem ersten Weltkrieg viele bekannte Künstler und Schriftsteller beherbergte, hat Rolf Schneider sein Thema gefunden. Er taucht mit seinen bemerkenswerten literarischen Mitteln tief darin ab und als Leser kann man ihn begleiten. Der Text hat Tiefe und Dichte.
Handelnde Figuren sind der Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Karl Kraus.
Gastgeberin im Schloß Janowitz ist die adelige Sidonie Nádherný von Borutin, die mit Rilke befreundet ist und Karl Kraus liebt. Die beiden Männer sind sehr unterschiedlich. Ich glaube, der Autor zeichnet einen angemessenes Porträt von ihnen und auch Sidonie ist eine sehr beeindruckende Figur.
Rolf Schneider gelingt es meisterhaft, einen Ort und eine Zeit und deren Stimmungen zu zeigen.
TochterAlice
aus Köln
4/5
13.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kraus gegen Rilke Es geht um…
Kraus gegen Rilke Es geht um die schöne Sidonie, Herrin auf Schloss Janowitz. Im Sommer 1914 treffen sich dort Karl Kraus und Rainer Maria Rilke, beide nicht zum ersten Mal dort. Beiden geht es um die Gunst der Dame, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Und beiden gewährt sie sie gewissermaßen, wenn auch auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Eine Art Showdown und zwar ausgerechnet in Mittelböhmen, das vom in Kürze ausbrechenden Großen Krieg alles andere als unberührt bleiben wird. Die Zeichen des Untergangs deuten sich schon an, da wirbt Kraus unverdrossen um Sidonie, die er gern ehelichen würde. Rilke will bewundert werden und erwartet ein anderes Zeichen der Gunst - nämlich schnöden Mammon. Und bekommt ihn auch, solange es noch welchen gibt. Der Autor Rolf Schneider zeichnet eine Welt im Untergang und er zeichnet sie eindringlich. Ab und zu bleibt für mich der ein oder andere relevante Aspekt auf der Strecke, doch sowohl die Atmosphäre der herrschatlichen Gesellschaft vor dem Abgrund als auch deren Absurdität ist messerscharf getroffen. Ein unterhaltsamer Lesespaß auf sehr hohem Niveau für Histo-Fans.
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