Frankfurt 1801: Es ist die Zeit der Herbstmesse und alle Welt tummelt sich in Frankfurt am Main. Die Stadt gerät in Aufruhr, als ein französischer Soldat tot aufgefunden wird. Besonders erschütternd dabei: Dem Soldaten wurde das Hirn entfernt, und er trägt ein Stück Papier bei sich, auf dem die französischen Zeilen »Das Herz ist leer« stehen. Manon, Tochter des Arztes und Rechtsmediziners Theophil Pontus, und der Zeitungsredakteur Johann begeben sich auf die Spuren der Tat, denn Theophil ist vollauf damit beschäftigt, eine Abhandlung zur forensischen Psychiatrie zu verfassen. Außerdem hat er gerade eine weitere Leiche auf dem Tisch - welcher der gesamte Schädel fehlt.
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01.07.2026
Buch (Taschenbuch)
Historischer Nervenkitzel auf höchstem Niveau
Wahn ist nach Frevel der zweite Band, in dem das ungleiche Ermittlerduo Manon und Johann versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Da die Fälle jeweils in sich abgeschlossen sind, lässt sich Wahn problemlos ohne Vorkenntnisse lesen. Um jedoch die Charakterentwicklung intensiver zu erleben, empfehle ich, zuvor auch den ersten, sehr spannenden Band zu lesen.
Wahn wird von einem fiktiven Fachtext aus der „Psychologia Criminalis“ von Doktor Theophil Pontus eröffnet. Dieser ist nicht nur der Verfasser dieser Zeilen, sondern auch Manons Vater. Interessant finde ich, wie psychologische Erkrankungen zunehmend medizinisch betrachtet werden und nicht mehr allein in religiöser Hand verbleiben sollten. Gleichzeitig wird deutlich, welches Kernthema in diesem Thriller behandelt werden wird.
So nüchtern der Einstieg ist, so emotional wird es direkt im Anschluss. Gemeinsam mit dem jungen Johann und dessen Vater erlebe ich eine Bücherverbrennung in Frankfurt im Jahr 1785. Die Szene nimmt mich gefangen und Nora Kain schildert das Vorgehen dieser inszenierten Vernichtung so eindrucksvoll, dass ich absolut nachfühlen kann, wie sich die beiden Bücherfreunde bei diesem Anblick fühlen.
Mit dem Zeitsprung ins Jahr 1801 verschiebt sich die Atmosphäre ein weiteres Mal, obwohl die Handlungen in derselben Stadt bleiben. Sie ist nun erfüllt von lebendigem Treiben, politischer Zerrissenheit und einem tiefen Misstrauen gegenüber Büchern. Daher ist es faszinierend, einen Buchzensor kurzzeitig zu begleiten und den Gedanken über seinen Beruf sowie den Zweck der Bücherkommission zu lauschen, ehe ich auf die beiden Protagonisten treffe.
Der anschauliche Schreibstil von Nora Kain lässt Frankfurt vor meinem inneren Auge lebendig werden. Die personale Erzählperspektive ermöglicht einen packenden Wechsel zwischen den Figuren, sodass sich mit jedem Blickwinkel auch die Denk- und Sprechweise der jeweiligen Charaktere bis hin zu den kleinsten Nebenfiguren anpasst.
Während Johann oft emotional und mit großer Empathie handelt, wird Manon von wissenschaftlicher Präzision und analytischem Denken geleitet. Obwohl Manon deutlich weniger emotional als Johann ist, berührt mich ihre tiefe Sehnsucht, von ihrem Vater als Mensch wahrgenommen zu werden. Zwar ist sie ihm zutiefst dankbar, dass er ihr erlaubt, bei Obduktionen zu assistieren und Ermittlungen durchzuführen, doch erfährt sie von ihm kaum Wertschätzung. Dieser familiäre Konflikt fügt der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene hinzu.
Es ist mir zudem ein großes Vergnügen, interessanten Nebenfiguren aus dem ersten Band wieder zu begegnen. Gleichzeitig werden neue Charaktere eingeführt, die die Vielschichtigkeit des Thrillers verstärken.
Der historische Thriller ist komplex und mit mehreren Handlungsfäden angelegt. Die Struktur der einzelnen Stränge ist dabei sehr klar und das ermöglicht mir, über die ganze Lesezeit den Überblick zu behalten.
Die wissenschaftlichen Einschübe aus „Psychologia Criminalis“ gewähren einen faszinierenden Einblick in das historische Verständnis des „Wahnsinns“. Sie zeigen eindrücklich, wie der Wandel grundlegender Denkweisen in der Medizin langsam Einzug hält. Zu diesem medizinischen Umschwung passt auch die Paranoia der Obrigkeit vor Büchern, die den Geist der Menschen anregen und damit die bestehende Herrschaft gefährden könnten. Die Zensur der Werke vor ihrer Veröffentlichung wird deshalb als immens wichtig angesehen. Umso mehr schockiert es, dass ein scheinbar verbotenes Buch für eine Reihe ungeklärter Mordfälle sorgt.
Auch die politische Lage Frankfurts zu jener Zeit und die religiösen Spannungen zwischen Juden und Christen werden in dieser Geschichte aufgegriffen.
Alle diese kleinen Nebenstränge und Informationen verleihen dem Haupthandlungsstrang Tiefe und Authentizität.
Der Spannungsaufbau ist großartig. Nora Kain versteht es meisterhaft, Hinweise so in die Geschichte einzustreuen, dass eine Atmosphäre der ständig unterschwelligen Bedrohung aufgebaut wird. Die Gewissheit, dass etwas passieren wird, drängt mich zum Weiterlesen, während ich gespannt die Ermittlungen von Johann und Manon verfolge. Bei ihren Recherchen geraten sie in Gewissenskonflikte und stoßen an die Grenzen ihrer eigenen Prinzipien. Besonders beeindruckt mich hier ihre Entwicklung. Manon wächst an sich und ihren Entscheidungen, die nicht immer so klug sind, wie sie es gern glaubt. Diese Erkenntnis sorgt dafür, dass sie erwachsener wird und sich selbst hinterfragt. Zweifellos eine sehr schöne Entwicklung, die auch Johann zum Ende hin durchmacht. Endlich steht er für sich selbst ein und das ist herrlich mit anzusehen.
Das Mitfiebern bei der Ermittlung verleitet zum Mitraten und Spekulieren. Leider liege ich mit meinen Mutmaßungen oft daneben, sodass mich die Wendungen immer überraschend treffen.
Im Verlauf von Wahn wird noch eine weitere Perspektive eingeführt, die mit der Überschrift „Irgendwann“ markiert ist. Der Junge, der hier in der ich‑Form von seinem Schicksal erzählt, hat mich sofort berührt und gleichzeitig auf eine völlig falsche Fährte gesetzt. Erst sehr viel später wird klar, welche Bedeutung dieser Erzählfaden wirklich hat. Besonders hier, aber auch in vielen anderen Details wird deutlich, dass Nora Kain in Wahn nichts dem Zufall überlässt. Alle gestellten Fragen werden bis zum Schluss logisch und nachvollziehbar beantwortet.
Die historische Genauigkeit in Verbindung mit der psychologischen Tiefe und den packenden Wendungen machen Wahn zu einem spannungsvollen Leseerlebnis.
Fazit:
Wahn ist ein unglaublich vielschichtiger und klug angelegter historischer Thriller, der mich durch seine starke Atmosphäre und seine markanten Charaktere auf ganzer Linie zu überzeugen weiß und am Ende den dringenden Wunsch nach einer Fortsetzung weckt.
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