Wie kann man die eigene Familie schützen und sich gleichzeitig vor ihr bewahren? In »Blinde Geister« erzählt Lina Schwenk eine berührende Familiengeschichte von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart. Olivia, die Tochter von Rita und Karl, kennt seit jeher die Angst der Erwachsenen vor einem erneuten Krieg, obwohl seit Jahren Frieden herrscht in Deutschland. Beharrlich überprüft Karl die Speisekammer auf Vorräte, und immer wieder sucht die Familie gemeinsam Zuflucht im Keller, wenn der Vater den Einfall der Russen fürchtet. Für Olivia und ihre Schwester Martha ist es ein Spiel, dem sie sich still fügen, auch weil sie längst wissen, dass den Eltern die Worte für Erklärungen fehlen und das Schweigen nur umso lauter wird, je mehr sie fragen. Die langen Risse, die von den Eltern bis in ihre Generation reichen, erkennt Olivia erst, als sie versucht, ihre eigene Tochter vor jenem Bedrohungsgefühl zu schützen. Doch dann kommt der Februar 2022, und das, was zuvor wie ein Phantom wirkte, wird plötzlich erschreckend real. In Lina Schwenks eindringlichem Romandebüt prallen drängende Fragen auf ein tiefes Schweigen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
kaffeeelse
aus D
5/5
15.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Gestern und das Heute…
Das Gestern und das Heute Eine Familiengeschichte. Auf 191 Seiten. Nun könnte man meinen, dass diese Seitenanzahl es schwierig machen könnte, glaubhaft und vor allem überzeugend auf die verschiedenen Generationen einer Familie zu schauen. Aber dieses Kunststück auf diesen doch wenigen Seiten einen intensiven Blick auf eine Familie zu werfen, gelingt Lina Schwenk wirklich grandios und diese Autorin begeistert mich hier ungemein. Das erste Buch der diesjährigen Longlist für mich und ich bin gleich hellauf entzückt. „Blinde Geister“ ist ein so schöner Blick auf Fritzchen, auf Rita und Karl, auf Martha, auf Olivia und Paul, auf Joris, auf Ava und Ilja, ein absolut gelungener Blick, liebe ich, sehr! Die verschiedenen Generationen werden beleuchtet und mit ihnen ihre Sichten, diese Sichten und Erlebnisse, die Menschen beeinflussen, etwas mit ihnen machen. Und natürlich beeinflussen die verschiedenen Generationen einer Familie einander. Elter und Kinder. Was gibt man in der Elternrolle an die Kinder weiter, was nehmen diese an und geben es ihrerseits weiter? Immerzu und so fort. Was bemerkt man an negativen Einflüssen innerhalb einer Familie und versucht dagegen zu steuern, mehr oder weniger erfolgreich, denn völlig abgrenzen gelingt in einer Familie natürlich schlechter, gerade wegen der bestehenden Verbindungen. Trotz der geringen Seitenanzahl brenne ich und bin fast sofort in diesem Buch angekommen. Natürlich begeistern mich die weiblichen Charaktere mehr. Denn was in einer Familie liegt meist in den Händen der Frauen? „Blinde Geister“ ist aber nicht nur ein Blick auf eine Familie. Hier geht es auch um Ängste, und speziell der Angst vor einem Krieg. Die Nachkriegsgeneration empfindet diese Angst sehr stark, nachvollziehbar stark, gibt diese Angst weiter, beeinflusst die Nachkommenden. Und viele Jahre später entstehen neue Ängste. Was macht man dann? Wie viel Raum lässt man diesen Ängsten, wenn man sich einem Szenario gegenübersieht, welches wieder in Richtung Angst vor einem Krieg geht. Diese Frage dürfen wir uns gerade selbst beantworten. Das Buch zeigt die Umgangsweise der Personen darin. Denn was ist wichtig? Angsterfüllende Situationen. Oder unser Hier und Jetzt. Unser begrenztes Hier und Jetzt. Lässt man die Angst das Leben bestimmen? Oder arbeitet man bewusst dagegen? Dies sind Dinge, mit denen wir uns in den Psychiatrien tagtäglich befassen. Aber mittlerweile nicht nur wir in den Psychiatrien. Leider. Von daher ist „Blinde Geister“ ein gerade sehr richtiges und wichtiges Buch, dem ich viele Leser wünsche. Olivia und Martha. Ihr Gestern, ihr Heute und ihr Morgen. Wunderschöne Blicke. Auf Ursachen und Möglichkeiten. Man geht einen Weg mit Olivia und Martha. Erlebt ihre Welt und schaut auch etwas auf die Eigene. Mich hat „Blinde Geister“ begeistert und überzeugt. Eine wunderschöne Familiengeschichte auf 191 Seiten. Dies muss man erst einmal in dieser Eindringlichkeit hinbekommen. Chapeau! Liebe ich und empfehle ich natürlich. Sehr!
Kaffeeelse
5/5
15.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Gestern und das Heute
Eine Familiengeschichte. Auf 191 Seiten. Nun könnte man meinen, dass diese Seitenanzahl es schwierig machen könnte, glaubhaft und vor allem überzeugend auf die verschiedenen Generationen einer Familie zu schauen. Aber dieses Kunststück auf diesen doch wenigen Seiten einen intensiven Blick auf eine Familie zu werfen, gelingt Lina Schwenk wirklich grandios und diese Autorin begeistert mich hier ungemein. Das erste Buch der diesjährigen Longlist für mich und ich bin gleich hellauf entzückt. „Blinde Geister“ ist ein so schöner Blick auf Fritzchen, auf Rita und Karl, auf Martha, auf Olivia und Paul, auf Joris, auf Ava und Ilja, ein absolut gelungener Blick, liebe ich, sehr!
Die verschiedenen Generationen werden beleuchtet und mit ihnen ihre Sichten, diese Sichten und Erlebnisse, die Menschen beeinflussen, etwas mit ihnen machen. Und natürlich beeinflussen die verschiedenen Generationen einer Familie einander. Elter und Kinder. Was gibt man in der Elternrolle an die Kinder weiter, was nehmen diese an und geben es ihrerseits weiter? Immerzu und so fort. Was bemerkt man an negativen Einflüssen innerhalb einer Familie und versucht dagegen zu steuern, mehr oder weniger erfolgreich, denn völlig abgrenzen gelingt in einer Familie natürlich schlechter, gerade wegen der bestehenden Verbindungen. Trotz der geringen Seitenanzahl brenne ich und bin fast sofort in diesem Buch angekommen. Natürlich begeistern mich die weiblichen Charaktere mehr. Denn was in einer Familie liegt meist in den Händen der Frauen?
„Blinde Geister“ ist aber nicht nur ein Blick auf eine Familie. Hier geht es auch um Ängste, und speziell der Angst vor einem Krieg. Die Nachkriegsgeneration empfindet diese Angst sehr stark, nachvollziehbar stark, gibt diese Angst weiter, beeinflusst die Nachkommenden. Und viele Jahre später entstehen neue Ängste. Was macht man dann? Wie viel Raum lässt man diesen Ängsten, wenn man sich einem Szenario gegenübersieht, welches wieder in Richtung Angst vor einem Krieg geht. Diese Frage dürfen wir uns gerade selbst beantworten. Das Buch zeigt die Umgangsweise der Personen darin. Denn was ist wichtig? Angsterfüllende Situationen. Oder unser Hier und Jetzt. Unser begrenztes Hier und Jetzt. Lässt man die Angst das Leben bestimmen? Oder arbeitet man bewusst dagegen? Dies sind Dinge, mit denen wir uns in den Psychiatrien tagtäglich befassen. Aber mittlerweile nicht nur wir in den Psychiatrien. Leider. Von daher ist „Blinde Geister“ ein gerade sehr richtiges und wichtiges Buch, dem ich viele Leser wünsche.
Olivia und Martha. Ihr Gestern, ihr Heute und ihr Morgen. Wunderschöne Blicke. Auf Ursachen und Möglichkeiten. Man geht einen Weg mit Olivia und Martha. Erlebt ihre Welt und schaut auch etwas auf die Eigene.
Mich hat „Blinde Geister“ begeistert und überzeugt. Eine wunderschöne Familiengeschichte auf 191 Seiten. Dies muss man erst einmal in dieser Eindringlichkeit hinbekommen. Chapeau! Liebe ich und empfehle ich natürlich. Sehr!
mimitatis_buecherkiste
aus Krefeld
5/5
21.11.2025
eBook (ePUB)
Wenn Worte schweigsam sind
»Ich kenne diese Stille. Musste sie als Kind so oft ertragen. Früher hat sie in den Sätzen selbst angefangen, in Antworten, die nicht mehr zu den Fragen passten, sich zwischen den Worten breitgemacht und so weiter ausgedehnt, bis irgendwann gar nicht mehr gesprochen wurde.« (Seite 103)
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Karl und Rita gehen mit ihren Töchtern Martha und Olivia regelmäßig in den Keller. Es sind die 1950er Jahre in Deutschland, der Krieg ist vorbei, außer für Karl, der die Lebensmittelvorräte überprüft und permanent am Radio klebt, um zu hören, ob die Russen kommen. Lange Zeit glaubt Olivia, dies sei normal, erst als Erwachsene verarbeitet sie, was in ihrer Kindheit geschah.
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Die Ich-Erzählerin Olivia fängt an über ihr Leben zu sprechen, da ist sie elf Jahre alt. Wirr und ungeordnet ist ihre Geschichte, die Erzählung springt von Ereignis zu Ereignis, so richtig schlau wird man anfangs nicht daraus. Dies ist stimmig und passend, versteht sie als Kind ja nicht wirklich, was da passiert, dieses Gefühl transportiert sie auf mich als Leserin und kommt mir so ganz nah. Je älter Olivia wird, desto weniger mag ich sie, kann nicht nachvollziehen, warum sie so handelt, wie sie es tut, bis sie erwachsen wird, mehr reflektiert und mit mir zusammen aus den vielen kleinen Stücken ein Ganzes erschafft. Langsam dämmert mir, was in Olivias Kindheit geschah, und erst da erschließt sich auch mir die gesamte Breite der Geschehnisse. Verständnis kommt auf und eine Versöhnung mit der Figur ist zum Greifen nah.
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Der Debütroman von Lina Schwenk wurde für zahlreiche Preise nominiert, unter anderem für den Deutschen Buchpreis 2025. Zuletzt wurde das Buch mit dem Publikumspreis des Harbour Front Literaturfestivals 2025 ausgezeichnet. Für mich ein großartiges Werk über die Nachkriegsgeneration, die Sprachlosigkeit in den Familien, die Worte zwischen den Zeilen und darüber, ob und wie eine Heilung möglich ist. Sprachlich einfach meisterhaft lässt mich das Werk ergriffen und bewegt zurück. Grandios!
Silke - Buchgespür -
5/5
03.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ist ein Trauma vererblich?
In „Blinde Geister“ legt Lina Schwenk das feine Netz familiärer Traumata offen, das sich von den Trümmern der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart spannt. Dabei ist der Titel mehr als bezeichnend. Die Erinnerungen und Ängste der Vergangenheit sind steht präsent, aber unausgesprochen, nicht greifbar.
Schon auf den ersten Seiten spürt man die Schwere, aber auch die große Liebe, die in dieser Familie liegt. Rita und Karl, Olivias Eltern, sind gestürzt und bleiben einfach liegen. Ein stillschweigendes Einverständnis, dass die beiden zusammen bleiben, auch im Angesicht des nahenden Endes. Das Bild der Eltern, gemeinsam am Boden gibt einen Ausblick auf die Grundthemen des Romans. Die Erschöpfung, Verdrängung, ein Leben in steter Angst, aber auch kompromissloser Zusammenhalt und Liebe.
Lina Schwenk erzählt mit einer tiefen, ruhigen Stärke. Ihre Sprache ist klar, fast spröde und doch voller Empathie. Das Buch verlangt Zeit, weil es sich nicht erklären will. Durch seine Erzählweise zeigt es symbolisch, was Schweigen anrichtet, wie sich Angst verwandelt und vererbt. Die Traumata der Eltern werden innerhalb der Familie genauso wenig ausgesprochen wie im Roman selbst.
Olivia wächst mit einer Angst auf, die sie nie benennen konnte. Als Kind baut sie sich am Fluss einen eigenen Unterschlupf, bestückt ihn mit Vorräten, ihr persönlicher Schutzraum. Später, als Erwachsene, sucht sie denselben Schutz in der Psychiatrie, entwickelt einen Wahn, den sie für erfunden und geschauspielert hält, weil sie den kalten Winter in der warmen Einrichtung verbringen mag. Jedoch leuchtet es ein, dass es nicht spurlos an der jungen Olivia vorbeigegangen sein kann, dass sie mit ihren Eltern bei Kriegswarnungen in den Keller des Hauses gezogen ist.
Erst in der Beziehung zu Paul findet sie eine Art Gleichgewicht, zögerlich und zart, dann aber beständig und verlässlich wie die Beziehung ihrer Eltern.
Sehr berührend ist der Moment, in dem sie begreift, dass Traumata nicht nur weitergegeben werden, sondern auch enden können. Ihr gelingt es, ihre psychische Erkrankung nicht an ihre eigene Tochter weiterzugeben.
Die Erzählweise der Autorin ist fragmentarisch, mit Sprüngen und Pausen, als würde man Erinnerungen in Bruchstücken betrachten. Das wirkt wie ein Echo der Verdrängung, die das Buch so klug beschreibt. So bilden Inhalt und Sprache eine unauflösliche Einheit, die den Roman tief berührend und damit lesenswert machen.
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
19.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Im Zeichen des Krieges
Ein sehr deutsches Buch und zugleich mit universeller Geltung: Der 2. Weltkrieg ist zwar schon einige Zeit vorbei, und trotzdem begleitet die Furcht vor dem Umkommen die Familie, um die es in diesem Buch geht. Viele deutsche Familien, auch meine, haben das bei ihren Großeltern miterlebt, die Lebensmittel horteten, oder wie hier den Keller als Schutzraum aufsuchten, wenn sie sich bedroht fühlten. Für die Eltern- und Enkelgeneration war das eine Marotte, bis die Drohung des Krieges in Europa wieder am Horizont auftauchte. Ein beklemmend aktuelles Buch und eine gute Lektüre. Sehr empfehlenswert.
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