Weimar: Heimat der deutschen Hochkultur und Epizentrum der Nazi-Barbarei. Wie kein anderer Ort im Land steht Weimar für Licht und Dunkelheit, für das Trauma des 20. Jahrhunderts, das Scheitern der Demokratie. Die renommierte Historikerin und Bestsellerautorin Katja Hoyer versteht es glänzend, Geschichte lebendig werden zu lassen. In ihrem neuen Buch erzählt sie die Geschichte und die Geschichten der Menschen von Weimar - der berühmten und der unbekannten - und zeigt, wie individuelle und gemeinschaftliche Entscheidungen eine Demokratie aufrechterhalten, aber auch zerstören können. Ein außergewöhnliches und hochaktuelles Buch, das auf eindrückliche Weise durchleuchtet, warum es keine Immunität gegen totalitäre Ideologien gibt.
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Weimar - eine Stadt mit vielen Gesichtern
Bellis-Perennis aus Wien am 25.05.2026
Bewertungsnummer: 3147983
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Wer den Namen Weimar liest oder hört, verbindet die thüringische Stadt vor allem mit Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller, der Weimarer Republik und vielleicht auch noch mit Walter Gropius und seinem Bauhaus. Doch gleichzeitg ist Weimar auch jene Stadt, die als Blaupause für die Machtübernahme und den Terror des NS-Regimes für ganz Deutschland dient(e).
Wie es dazu kommen konnte, erklärt Historikerin und Autorin Katja Hoyer in diesem aufschlussreichen Buch. Dazu hat sie in zahlreichen Archiven bislang unbekannte Quellen aufgestöbert und zudem lässt sie Bürger von Weimar der 30er und 40er Jahre zu Wort kommen. So dürfen wir im Tagebuch des Buchhändlers Carl Weirich lesen, der akribisch große und kleine Ereignisse seiner Familie sowie der Stadt festgehalten halt. Auch er wird sich, als ihn die amerikanischen Truppen am 16. April 1945 gemeinsam mit Tausenden anderen Einwohnern der Stadt durch das KZ-Buchenwald geführt wird, fragen (müssen) wie es dazu kommen konnte, dass er nichts gegen das Unrechtsregime unternommen hat. Er ist zwar nicht, wie so viele andere, der NSDAP beigetreten, gehört aber der Mehrheit der Bevölkerung an, die schweigend weggesehen hat, als man schon frühzeitig die kleine jüdische Gemeinde Weimars drangsaliert, ausgeraubt, deportiert und letztlich vernichtet hat.
Dann lenkt sie unser Interesse auf das Ehepaar Rosa und Arthur Schmidt, das das heruntergekommene Hotel Hohenzollern auch dadurch zu neuer Blüte bringt, weil sie ab 1926 den Nationalsozialisten Räume zur Verfügung stellen. Bis 1942 bleibt verborgen, dass Rosa jüdische Großeltern hat und deshalb gemäß den Nürnberger Gesetzen als Volljüdin gilt. 1944 wird sie deportiert und in Auschwitz ermordet. Arthur stirbt am 30. Jänner 1945, wenige Tage nach der Befreiung des KZ Auschwitz, an gebrochenem Herzen.
„Weimar, die Stadt, die dem demokratischen Neuanfang ihren Namen geben sollte, wurde zum Synonym für das katastrophale Scheitern dieses politischen Experiments, und das spiegelt sich in den gegensätzlichen Lebensbahnen seiner Bewohner wider. Welche Rolle spielten sie in diesem Prozess? Hatten die Amerikaner recht, mit ihrer Behauptung, dass auch sie Verantwortung trügen, weil sie sich widerstandslos in die Hände von Verbrechern und Wahnsinnigen begeben hätten? Kein Mensch kann völlig frei von den Umständen handeln, in denen er sich befindet. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Menschen keine Entscheidungsgewalt hätten. Das Deutschland der Zwischenkriegszeit fasziniert Historiker und die Allgemeinheit, weil es die Spannung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv, zwischen Unausweichlichkeit und eigener Verantwortlichkeit verkörpert.“
Das Buch fesselt durch die einerseits nüchterne Darstellung der Ereignisse ab 1914 sowie andererseits von den sehr persönlichen Aufzeichnungen und Schicksalen zahlreicher Weimarer Bewohnerinnen und Bewohner. Wie ambivalent sich einige Personen verhalten, zeigt sich durch Friedrich Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die um das Andenken ihres Bruders weiterhin hoch zu halten, sich Hitler & Co. geradezu anbiedert.
Jedes Mal, wenn ich in diesem Buch den Namen des Gauleiters Fritz Sauckel gelesen habe, hat mein Kopf "Saukerl" daraus gemacht ....
Heute bemüht sich Weimar seiner ambivalenten und vielschichtigen Geschichte gerecht zu werden. So werden den zahlreichen Touristen nicht nur die Wohnstätten von Goethe und Schiller sowie das Erbe von Walter Gropius‘ Bauhaus durch Museum und Ausstellung näher gebracht, sondern auch die dunkle, unrühmliche Facette der Stadt. Ich selbst war 2023 anlässlich der 100-Jahr-Feier der Künstlervereinigung in Weimar. Damals hat das künstlerische Werk die NS-Vergangenheit der Stadt überstrahlt.
Fazit:
Ich kann dieses Buch, das den Weg Weimars als Stadt der gleichnamigen Klassik zur Hochburg des NS-Unrechtsregimes nur wärmstens empfehlen, weil es durch den eindringlichen Schreibstil der Autorin, die Geschichte erlebbar und erlesbar macht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.
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