Die Gesellschaft rückt nach rechts, der gebärfähige Körper wird zum Politikum. Bestechend klug analysiert Sibel Schick, warum mit unseren Körpern keine Politik gemacht werden darf.
Dass Schwangerschaftsabbrüche Leben retten können, hat Sibel Schick am eigenen Leib erfahren. Und auch, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, bevor der rettende Eingriff durchgeführt wurde. Körperliche Selbstbestimmung ist aber keine Privatsache: Ob und unter welchen Bedingungen wir Kinder bekommen wollen, ist hochpolitisch. Reproduktive Freiheit wird heute unter Strafe gestellt, Staaten bestimmen über den Zugang zu medizinischer Versorgung - auch in Deutschland. Berührend und kämpferisch zeigt Schick, dass echte Gerechtigkeit in einer gemeinsamen Befreiung liegt.
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Reproduktive Gerechtigkeit = Menschenrecht
xxholidayxx am 27.02.2026
Bewertungsnummer: 3060241
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt nicht autobiografisch stehen, sondern entwickelt daraus eine systematische Analyse reproduktiver Machtverhältnisse.
Meine Meinung
„Es ist der Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuchs, der mich fast getötet hat“ (S. 40).
Damit ist eigentlich schon klar, worin eines der vielen Problem im Kontext reproduktiver Gerechtigkeit liegt. Das Zitat ist dabei programmatisch. Es verschiebt die Perspektive weg von individueller Moral hin zu struktureller Gewalt. Schwangerschaftsabbrüche sind nicht "nur" private Tragödien, sondern vor allem eine staatlich regulierte Praxis mit realen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen für betroffene Frauen.
Zentral für das Buch ist wie der Untertitel des Buches schon vorweg nimmt das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit, das 1994 von Schwarzen Feministinnen in Chicago geprägt wurde. Schick übernimmt diesen Ansatz konsequent: Es geht nicht nur um das Recht auf Abbruch, sondern ebenso um das Recht, Kinder zu bekommen und sie unter würdigen Bedingungen großzuziehen. Damit erweitert sie die deutsche Debatte, die häufig beim „Pro Choice vs. Pro Life“-Schema stehen bleibt.
Die Autorin analysiert die gegenwärtige Verknüpfung von Reproduktionspolitik mit Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitik und Ableismus. Sie argumentiert, dass Gebärfähigkeit politisch verwaltet wird: durch restriktive Abtreibungsgesetze, durch ökonomische Zwänge, durch selektive Förderung bestimmter Familienmodelle.
„Um eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können, müssen Bedingungen vorherrschen, die ein Leben mit Menschenwürde ermöglichen“ (S. 75).
Entscheidungsfreiheit ohne soziale Absicherung ist eine Illusion. Wer kein Geld hat, keine sichere Wohnung, keinen Aufenthaltsstatus oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, hat faktisch keine Wahl. Freiheit wird damit als soziale Kategorie definiert, nicht als bloß juristische.
Theoretisch bezieht sich Schick unter anderem auf Michel Foucault und biopolitische Ansätze, ohne ins Akademische abzurutschen. Der Stil bleibt zugänglich, teils essayistisch, teils argumentativ zugespitzt. Der Text ist ganz klar normativ. Er will nicht vermitteln, sondern argumentieren. Und ganz ehrlich? Genau in dieser Haltung liegt für mich die Stärke des Buches. Weil es falsche Ausgewogenheit verweigert und stattdessen die zugrunde liegenden Machtstrukturen benennt. Das Buch zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von Strukturen? Wo blende ich soziale Dimensionen aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?
Dass dieses Buch ausgerechnet jetzt erscheint, könnte politisch kaum treffender sein: Am 26.02.2026 wurde mit der Europäischen Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ Geschichte geschrieben. Über 1,12 Millionen Unterschriften haben dazu geführt, dass das Europäische Parlament einen freiwilligen, EU-finanzierten Solidaritätsmechanismus für Menschen ohne Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt. Für Frauen in der EU bedeutet das konkret: Die strukturelle Realität, dass in manchen Mitgliedstaaten lebensnotwendige Abbrüche verweigert werden, Ärzt:innen sich auf Gewissensvorbehalte berufen oder Frauen für Abtreibungen kriminalisiert werden, wird erstmals auf europäischer Ebene als gemeinsames politisches Problem anerkannt. Noch ist nichts umgesetzt, die Kommission muss entscheiden, wie sie weiter verfährt, aber die Botschaft ist klar: Reproduktive Selbstbestimmung ist keine rein nationale Privatangelegenheit mehr, sondern eine europäische Grundrechtsfrage.
Und genau an diesem Punkt setzt Schicks Buch an. Es zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von liberaleren Strukturen? Wo blende ich soziale und geografische Ungleichheiten aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?
Fazit
"Mein Körper – wessen Entscheidung?" ist ein analytisch fundiertes, politisch positioniertes Sachbuch, das reproduktive Rechte konsequent als Gerechtigkeitsfrage denkt. Für wen eignet sich das Buch? Ausnahmslos alle, da das Buch Reproduktionspolitik intersektional im Kontext von Macht, Kapital und Diskriminierung betrachtet und somit uns alle angeht. Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.
Worte für das, was viele spüren
Bewertung am 26.02.2026
Bewertungsnummer: 3058841
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Was dieses Buch so besonders macht, ist die Art, wie Sibel Schick schreibt. Klug, präzise und analytisch, aber gleichzeitig so zugänglich, dass sich wirklich alle mitgenommen fühlen können. Es braucht kein Vorwissen aus feministischen Diskursen und keine Theoriekenntnisse, um alles zu verstehen. Komplexe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge erklärt sie klar und nachvollziehbar, ohne belehrend zu wirken. Machtverhältnisse werden sichtbar, Strukturen greifbar. So wird deutlich, warum Entscheidungen über den eigenen Körper nie rein privat sind.
Besonders stark ist, dass sie reproduktive Gerechtigkeit nicht auf die Frage von Schwangerschaftsabbrüchen verengt. Es geht um ökonomische Bedingungen, um Rassismus, um Behinderung, um Migration und um die zentrale Frage, wer sich Entscheidungsfreiheit überhaupt leisten kann. Wer Zugang zu medizinischer Versorgung hat, wer geschützt wird und wessen Körper kontrolliert wird.
Das Buch zeigt eindrücklich, dass „Mein Körper“ kein individueller Slogan ist, sondern eine politische Realität. Echte Selbstbestimmung existiert nur, wenn strukturelle Ungleichheiten mitgedacht werden. Sibel Schick schafft es, Empörung und Hoffnung zugleich auszulösen. Beim Lesen entsteht Wut und gleichzeitig Motivation. Es fühlt sich stärkend an, informiert zu sein und diese Debatten nicht den Lautesten zu überlassen.
Gerade in einer Zeit, in der rechte Bewegungen weltweit reproduktive Rechte angreifen, ist Mein Körper – wessen Entscheidung?: Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen ein notwendiger Kompass. Das Buch gibt Sprache für das, was viele diffus spüren, und tut das mit einer Klarheit und Wärme, die selten ist.
Ein großes Danke von Herzen an die Autorin für dieses wichtige, kluge und stärkende Buch.
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