Die Wahrheit sagen oder die retten, die man liebt?
Aufgewühlt schreibt Pfarrer Pétur einen Brief an seine Tochter und schildert, was seine kleine isländische Gemeinde erschüttert: In den Westfjorden werden 1615 über dreißig gestrandete Walfänger gemeuchelt. Wie nur, fragt Pétur, können gute Menschen so grausam, so barbarisch sein?
»Himmelskörper am Rande der Welt« spricht aus einer fernen Zeit zu unserer Gegenwart - über Liebe, Menschlichkeit und die Verantwortung, die wir füreinander tragen. In einer von Leidenschaft und Neugier geprägten Epoche ringt ein Pfarrer mit dem Glauben - und muss entscheiden, ob er der Macht oder der Wahrheit dient.
»Der isländische Dickens.« Irish Examiner
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4.5/5.0
Buchbesprechung
aus Bad Kissingen
5/5
03.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Anspruchsvolles Meisterwerk aus Island
REZENSION – Bereits seit 25 Jahren kennt man auch in Deutschland den isländischen Schriftsteller Jón Kalman Stefánsson (62), der damals mit „Himmel und Hölle“, dem ersten Band einer Romantrilogie, seinen internationalen Durchbruch schaffte. Im Jahr 2018 gehörte er zu den Finalisten für den – wegen kurzfristiger Absage des originalen Nobelpreises – ersatzweise geschaffenen Alternativen Literaturnobelpreis. Mit seinem nun im April beim Piper Verlag veröffentlichten Roman „Himmelskörper am Rande der Welt“, mit dem Stefánsson zu Recht für den im Herbst zu vergebenden Preis des Nordischen Rates nominiert ist, verteidigt er erfolgreich seinen Ruf als „einer der bedeutendsten Autoren seines Landes“.
Sein neuer Roman, der vor über 400 Jahren im fiktiven isländischen Dorf Brunasund „am Rande der Welt“ spielt, ist ein episches und berührendes Drama um Machtmissbrauch, Mord und Betrug: In seinem kleinen Pfarrhaus schreibt der lutherisch-reformierte Pfarrer Pétur im Jahr 1615 einen langen Brief an seine Tochter über grausame Geschehnisse, die gerade seine Gemeinde aufwühlen. Es ist eine literarische Verarbeitung historischer Ereignisse, theologischer Überlegungen und philosophischer Reflexionen, die beim Lesen Konzentration abverlangt und zum Nachdenken anregt.
Der an der Universität Kopenhagen ausgebildete, durch das Studium wissenschaftlicher Schriften weltoffene Geistliche, intellektuell seinen noch in überlieferten Mythen verhafteten Dorfbewohnern weit voraus, schreibt vom brutalen Mord an 30 spanischen, in den Westfjorden Islands gestrandeten Walfängern. Sie wurden von Péturs eigenen Gemeindemitgliedern gemeuchelt, die durch Lügen und Verleumdungen zur Tat angestachelt oder durch Machtmissbrauch der Herrschenden zur Mittäterschaft gezwungen worden waren. Wie können gutherzige, gewöhnliche Menschen nur so barbarisch handeln, fragt sich Pfarrer Pétur – eine Frage, die auch in heutiger Zeit angesichts mancher TV-Meldungen oder Kriegsgeschehen aktuell ist. Im Schreiben ringt der Pfarrer mit seinem christlichen Glauben und muss sich entscheiden, ob auch er gefahrlos der herrschenden Macht dienen oder als Geistlicher besser die Wahrheit über das Geschehene offenbaren soll, wodurch er allerdings jene Dorfbewohner verrät, für die er doch als Gemeindepfarrer verantwortlich ist.
Jón Kalman Stefánsson schildert das urwüchsige Island in einer Zeit des Umbruchs, in der neue wissenschaftliche Erkenntnisse – allen voran die Arbeiten von Kepler, Kopernikus und Galilei – den alten christlichen Glauben und das mittelalterliche Weltbild der Kirche ins Wanken bringen: Die Erde ist doch nicht der Mittelpunkt des Universums! Doch wer diese neuen Theorien vertritt, kann in Lebensgefahr – auch Petúr, der sich, selbst akademisch geschult, für umfassende Bildung einsetzt: „..., dass es notwendig sei, Werke auf Latein abzufassen, die den Ruhm Islands so weit verbreiten und von der großen Bedeutung unserer Sprache und unseres Erbes kündigen, damit gebildete Menschen im Ausland sie lesen und begreifen können, dass hier keine Barbaren, Verrückte ... und Trolle leben, wie manche annehmen und wie schreckliche Bücher von Ausländern über unser Land mit Übertreibungen und Lügen ausmalen und verbreiten.“
Doch so historisch uns Stefánssons Roman „Himmelskörper am Rande der Welt“ mit seinen ausführlichen Lebens- und Landschaftsbeschreibungen aus damaliger Zeit auf den ersten Blick erscheinen mag, gleicht er in seinen Aussagen doch einer zeitlosen Parabel. Denn im Roman geht es um allzeit gültige Werte wie Liebe, Menschlichkeit, Verantwortung und Wahrhaftigkeit. „Und was wird aus uns ohne die Wahrheit?“, fragt Pétur. „Wenn sie und die Gerechtigkeit verdreht und verfälscht werden, aus schlechtem Wetter gutes, aus Gewalt eine Heldentat, aus Falsch Recht, aus Lüge Wahrheit gemacht wird?“ Doch die Wahrheit muss letztlich siegen, denn „Schweigen und Vergessen, unsere Gedankenlosigkeit und Apathie arbeiten ewig den Gewalttätern aller Zeiten zu". Schweigen macht mitschuldig – eine Erkenntnis, die auch heute gilt.
Fehlende Bildung schafft Unselbstständigkeit und Abhängigkeit und macht es Populisten leicht, Massen gezielt zu manipulieren, wie es im hier geschilderten Fall des Mordes an 30 spanischen Walfängern im Jahr 1615 der Fall war oder noch heute bei ausländerfeindlichen Überfällen festzustellen ist: „Nicht selten sind wir versucht, anderen das Allerschlimmste zuzutrauen, besonders denen, die wir kaum kennen, und erst recht, wenn sie überdies noch eine fremde Sprache sprechen. Es scheint dann leichter, solche Schlüsse zu ziehen.“
Der Roman „Himmelskörper am Rande der Welt“ überzeugt als historische Erzählung mit fast meditativer Wirkung, vor allem aber durch philosophische und psychologische Tiefe sowie eine wunderbar poetische Sprache, die sich stilistisch dem 17. Jahrhundert anzupassen versucht. Dies auch in der deutschen Fassung nachempfinden zu können, ist zweifellos ein Verdienst des landeskundigen Übersetzers Karl-Ludwig Wetzig, der nicht nur in Reykjavík Germanistik und Skandinavistik gelehrt hat, sondern uns durch seine Erfahrung in der Übertragung mittelalterlicher Island-Sagen sprachlich und atmosphärisch in die Situation des Landes um 1615 zu versetzen vermag.
Frankenfrosch
4/5
30.05.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Brief aus Island
Ich muss zugeben, dass ich mir dieses Buch anhand seines ungewöhnlichen Titels 'Himmelskörper am Rande der Welt', ausgesucht habe. Als ich mir dann kurz die Inhaltsangabe durchlas, fand ich das Thema, Pfarrer, Island um 1600 und ein unbeschreibliche Ereignis nicht uninteressant. Auf das, was Jan Kalman Stefánsson auf gut 300 Seiten seiner Leserschaft bietet, war ich allerdings nicht vorbereitet. Briefromane geben mir immer ein kleines voyeuristisches Gefühl, meint man doch, dass man heimlich mitliest und sich in die Gedanken anderer einschleicht. Stefánssons Briefroman ist in dieser Hinsicht anders, seine Hauptfigur schreibt einen langen Brief, in dem er Begebenheiten der Vergangenheit und des Alltags berichtet. Lange weiß man gar nicht, wer die Empfängerin des Briefes sein soll. Genau das machte aber für mich den besonderen Reiz aus, ich fühlte mich, als ob Pedru mich ganz persönlich anspricht, mir seine Sorgen, Ängste, seine Vergangenheit, sein Verhältnis zu Frauen und vieles mehr direkt anvertraut. Dabei entwickelt dieser Roman einen Sog, bei dem man das Buch ganz schwer zur Seite legen kann. Das eigentliche Ereignis, auf das der Brief eigentlich gerichtet ist, passiert erst im letzten Drittel des Buches. Aber das ist gut auszuhalten, so gekonnt lässt der Autor die Gedanken seines Schreiberlings hin- und herspringen, so anmutig und schön ist die Sprache, so interessant die Geschichte Islands.
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