"Wir können es besser hinbekommen." Thomas Piketty und Michael J. Sandel
Ein Gipfeltreffen der Superstars: Thomas Piketty, der Ökonom aus Paris, und Michael J. Sandel, der Philosoph aus Harvard, diskutieren über Gleichheit und Gerechtigkeit. Stets haben sie dabei die aktuellen Fragen im Blick: die wachsende soziale Ungleichheit, den Klimawandel, die Massenmigration, den Aufstieg der Rechten, die Zukunft der Linken. Wenn zwei der klügsten Köpfe unserer Zeit die Kernthemen unserer Zeit erörtern, dann ergibt das nicht nur viel Stoff zum Nachdenken, sondern bereitet auch ein großes intellektuelles Vergnügen.
Wir leben in einer Zeit tiefer politischer Instabilität und schwerer Umweltkrisen. Was ist zu tun, um gegenzusteuern? Thomas Piketty und Michael J. Sandel stimmen in vielen Punkten überein: Wir brauchen mehr Investitionen in inklusive Gesundheit und Ausbildung, höhere progressive Steuern, klare Grenzen für die Macht des Reichtums und der Märkte. Aber wie kommen wir dahin? Und sollen wir materiellen Wohlstand oder sozialen Wandel priorisieren? Schließlich: Wie ist es um all diese Themen bestellt, wenn überall auf der Welt ein neuer radikaler Nationalismus auf dem Vormarsch ist?
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Ein bisschen wie eine Talkshow oder Podcast zum Lesen
Bewertung aus Speyer am 28.02.2025
Bewertungsnummer: 2424726
Bewertet: eBook (PDF)
Zunächst klingt der Titel „Die Kämpfe der Zukunft“ noch etwas abstrakt, jedoch nur bis zum Untertitel, der da lautet: Gleichheit und Gerechtigkeit für das 21. Jahrhundert. Das ist nicht nur deutlich konkreter, sondern auch ziemlich aktuell. Wenn dann noch Thomas Piketty und Michael J. Sandel die Köpfe zu dem Thema zusammenstecken, müssten daraus doch Erkenntnisgewinne abzuleiten sein, oder?
Das dem Buch zugrundeliegende Thema ist die Frage nach den gesellschaftlichen bzw. politischen Folgen der Ungleichheit, also der größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich, gleichsam als Klammer über „darunter“ liegenden Themen wie wachsende soziale Ungleichheit, Klimawandel, Massenmigration, Aufstieg der Rechten/Populisten sowie die Zukunft der Linken.
Viel mehr sei zum Inhalt gar nicht gesagt, denn den sollte man selbst lesen – warum? Weil hier vieles zusammenkommt: Mit Piketty sind Ökonomie und „alte westliche Welt“ (Europa) vertreten und mit Sandel Philosophie (die deutlich ältere Disziplin) und „neue westliche Welt“ (USA). Gerade zu Beginn des Jahres 2025 mit der erneuten Präsidentschaft Trumps und deren bereits jetzt sich abzeichnenden Folgen auch und gerade für Europa, könnte das Buch kaum aktueller sein. Sehr viel deutlicher als in den vergangenen Wochen können wir kaum vor Augen geführt bekommen, was Geld- und Machtkonzentration in den Händen weniger bedeuten kann. Wollen wir das akzeptieren? Wenn nein, wie könnte man (vulgo die Politik und hier spräche ich nicht „nur“ von der Linken, sondern nennen wir sie Restdemokraten) gegensteuern? Liest man ihre Diskussionen, scheint es absolut sachlogisch, dass Gleichheit und Gerechtigkeit DAS bzw. DIE Themen sind und sich aus deren Lösung die vieler anderer die Menschheit gerade umtreibenden Probleme ableiten lassen. Dass das Buch damit eine Denkanregung ist, ist klar – allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Ausführungen der beiden nicht immer leicht zu lesen (Ausdrücke wie „Meritokratie“, „Misogynie“ usw. sollten nicht abschrecken) zu verdauen sind. Ist man sich dessen bewusst und freut sich gar darauf, avanciert die Lektüre zu einem echten Vergnügen. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die beiden bzw. das vorliegende Buch das Rad auch nicht neu erfinden – Pikettys Ansichten könnte man aus seinen anderen Werken ableiten, Sandels Werk kenne ich zu wenig. Interessant und zugleich auch Manko des Buches ist die Diskussionsform, die dazu führt, dass vieles sich lediglich angerissen „anfühlt“, ein bisschen wie eine Talkshow oder Podcast zum Lesen, man also zustimmend nicken mag, es scheint aber das Gesamtbild bzw. die Lösung zu fehlen. Für die Bundestagswahl 2025 kommt das Buch etwas zu spät auf den Markt, aber für die nächsten Jahre kann man nur empfehlen, sich mit den hier vorgetragenen Ideen auseinanderzusetzen, um Populisten zumindest nicht kampflos das Feld zu überlassen.
Gleich zu Beginn erklärt…
LichtundSchatten am 27.03.2025
Bewertungsnummer: 2930878
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Gleich zu Beginn erklärt Thomas Piketty, dass sich mit der franz. Revolution und der Aufhebung von Adelsprivilegien die Ungleichheit reduziert habe und bis heute dieser positive Prozess anhält. Auch die amerikanische Unabhängigkeit habe dazu beigetragen und der neoliberale Umschwung seit den 80ern hat nichts daran geändert (vielleicht hat er es zum Besseren gewendet?). Insbesondere Frauen haben mehr Teilhabe und gleiche Rechte. Die Einkommensunterschiede waren von 100 Jahren größer und noch ungleicher vor 200 Jahren. Fairer Zugang zu Bildung für alle war ein Schlüsselmoment für diese Entwicklung. Das geführte Gespräch zieht den Leser in das Denken zweier sozialistischer oder sozialdemokratischer Denker hinein, in dem ihr Denken oft etwas zu abgehoben erklärt wird. Sie springen von Staat zu Staat und wirken hochmoralisch gerecht und sozial mitfühlend. Dabei wollen sie die ganze Welt zu einem Ausgleich und zur Gerechtigkeit führen. Alles kann so gesehen bzw. bedacht werden. Auf Seite 146 lesen wir von Piketty diesen Satz: „Der Wettbewerb hat bis zu einem gewissen Maße zum Wohlstand beigetragen, allerdings mit enormen sozialen Kosten, sozialen Schäden und Umweltzerstörungen.“ Hier bin ich anderer Meinung. Marktwirtschaft oder Kapitalismus wie sie von vielen abwertend umschrieben wird, ist die einzige Möglichkeit, Wohlstand und Gerechtigkeit zu schaffen, weitestgehend im Wettbewerb. Sie war die wesentliche Ursache der Zurückdrängung von Armut. Alle sozialistischen Konzepte sind in der Geschichte gescheitert. Etwas für sich selbst zu erschaffen, Ideen zu entwickeln, sie mit anderen zu tauschen, ist die allen Menschen am meisten Vergnügen bereitende Art zu arbeiten, um etwas zu erreichen. Viele mögen die Zurschaustellung des Besitzes genießen, nach außen, die meisten aber genießen still nach innen, im Sinne einer intrinisischen Motivation. Menschen mögen kollektivistische Verirrungen und Vorgaben nicht, die von anderen definiert werden. Die Geschichte hat dies bewiesen. Bei uns zuletzt in einer sozialistischen DDR, bei der die kleine Spießbürgerlichkeit durch Honecker oder Mielke zum Himmel schrie. Diese Kernfrage sozialistischer Führung wird von beiden nicht diskutiert. Stattdessen denken sie an die Gemeinschaft, gemeinsame Werte und soziale Teilhabe etc. Es sind durchaus berechtigte Ziele, die aber immer den Identitätskern des Menschseins unterstützen sollten, nämlich für sich selbst und die Familie etwas zu er-wirtschaften. Das darum liegende Gemeinschaftliche ist wichtig, aber dem nachgelagert. Der Wettbewerb hat m.E. also nicht nur bis zu einem gewissen Maß zum Wohlstand beigetragen, wie das Piketty ausdrückt, sondern ganz entscheidend oder überwiegend. Wer das Buch so liest, erkennt, das beide die negativen möglichen Effekte von Kapitalismus ansprechen und die Frage stellen, wie man diese zurückdrängen kann. Deswegen ist das Buch in jedem Fall interessant und bedenkenswert. Sie wollen z.B. Steueroasen unmöglich machen und plädieren für eine Steuerzahlung nur in den Ländern, wo auch produziert wird. Durchaus sinnvoll, aber schwer zu erreichen ohne eine Weltregierung, die es wohl nie geben wird. Dass immer wieder Rousseau angeführt wird, der die Ungleichheit ganz wesentlich auf das Bürgertum zurückführt, das mit dem Einzäunen des ersten Hauses alles Negative geschaffen hätte, es wirkt eher bemüht und peinlich. Wichtig wäre der Vergleich seiner Ideen mit seinem tatsächlichen Leben bzw. seinem Tun gewesen. Überhaupt nicht diskutiert werden kulturelle und religiöse Unterschiede als Ursache für Ungleichheit z.B. bei muslimischen Frauen. Hier geht man wohl davon aus, dass dies nicht so wichtig sei. Die Wähler in großen Agglomerationen in Frankreich wählen z.B. Le Pen, auch wegen der Migrantennähe. Dies wird erwähnt, die dafür notwendigen Analysen fehlen aber. Schade, dass beide Autoren aus dem gleichen (linken) Lager kommen, ein stärkerer Verfechter der Marktwirtschaft wie z.B. Dr. Dr. Zitelmann würde aus diesem Buch ein echtes Gespräch bzw. eine Diskussion gemacht haben, die wirklich weiter bringt. Die Autoren haben völlig Recht, wenn zu große Machtkonzentration als Haupt-Problem eines fairen Wirtschaftens angesprochen wird. Kartellämter aber werden in den meisten Staaten nicht mehr so wichtig genommen. Man kann an den Markt und seine Innovationskräfte glauben wie man an wertebasierte Vorgaben glaubt, beide sollten fein ausbalanciert werden, um langfristig erfolgreich zu sein. Dabei darf der Staat niemals ein Übergewicht bekommen, sondern die freien, kreativen Kräfte sind die besseren Wohlstandsmacher und Ungleichheits-Vermeider.
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