Ein literarisches Zeugnis aus AfghanistanIn seinem eindringlichen Roman „Mitternachtssammler“ erzählt Zia Qasemi die Geschichte von Musa, einem symbolträchtigen Charakter, der für die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in Afghanistan steht. Aufgewachsen im kleinen Dorf Zarsang, begegnet Musa dem Alltag mit Mut und Würde – bis sein tragischer Tod durch die Grausamkeit der Taliban alles verändert.Qasemi zeichnet ein authentisches Bild des Dorflebens, eingebettet in die kulturellen Traditionen und sozialen Strukturen Afghanistans. Der Tod Musas wird zum erschütternden Wendepunkt, der das gesamte Dorf in Trauer und Angst zurücklässt. Doch zugleich gibt es auch Spuren von Hoffnung und Widerstand.Mit poetischer Sprache und tiefem Mitgefühl verwebt Qasemi persönliche Schicksale mit historischen Realitäten – ein bewegendes Buch über Verlust, Menschlichkeit und das Überleben in dunklen Zeiten.
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Manuela Hahn
5/5
24.10.2025
Buch (Taschenbuch)
Mitternachtsammler
„Sie haben Musa getötet.“ Mit diesem Satz beginnt Zia Qasemis Roman Mitternachtssammler und für mich begann damit eine Reise in eine mir völlig fremde Welt.
Musa wächst im kleinen afghanischen Dorf Zarsang auf. Er wird mit einer Behinderung geboren, kann seine Beine nicht ausstrecken und muss sich auf seinen Händen fortbewegen. Als die Gebete der Dorfgemeinschaft ihm nicht helfen, hoffen seine Eltern in Kabul auf Heilung, doch vergeblich. Wieder zuhause wenden sich viele von Musa ab. Aus Aberglauben heißt es bald, seine Anwesenheit bringe Unglück. Kinder hänseln ihn, Erwachsene meiden ihn.
Erst als eine Frau Mitleid zeigt, seine Wunden versorgt und kurz darauf ein Verwandter nach Jahren in das Dorf zurückkehrt, ändert sich die Stimmung. Die Menschen halten die beiden Ereignisse für ein Zeichen und glauben, dass Musa Glück bringt. Von da an wird er nicht mehr als Unglücksbringer, sondern als Glücksbote gesehen.
Als er heranwächst, verliebt er sich in Muness, die jüngste Tochter des Großgrundbesitzers Ismael. Einen Teil seines Lebensunterhalts verdient Musa, indem er Gräber plündert und die Knochen an einen Händler auf dem Basar verkauft. Er spart das Geld, um sich eines Tages in Kabul behandeln zu lassen und, falls das nicht möglich ist, nach Pakistan zu gehen. Er hofft, irgendwann nicht mehr auf den Händen laufen zu müssen. Was mit den Knochen geschieht, erfahren weder er noch wir Lesenden.
Qasemi erzählt von einem Afghanistan im Wandel, geprägt von Dürre, Armut und Bürgerkrieg. Nur wenige leben in Wohlstand, während die Mehrheit ums Überleben kämpft. Musas Mutter Sultana versucht, ihn trotz aller Widrigkeiten zu schützen. Nach dem Tod ihres Mannes geht sie eine Ehe auf Zeit mit dem Mullah Haschem ein, um sich und ihren Sohn über Wasser zu halten. Eine erneute Heirat verweigert ihr die Familie ihres verstorbenen Mannes, weil sie sich weigert, dessen Onkel zu heiraten. Der Mullah erklärt sein Verhalten mit reiner Nächstenliebe.
Der Autor zeigt ein eindringliches Bild vom Leben in Afghanistan, von Traditionen, Glauben und gesellschaftlichen Zwängen. Ich habe beim Lesen viel erfahren über den tief verwurzelten Aberglauben, die Religiosität der Menschen und die Stellung der Frau in dieser Gesellschaft. Beeindruckt hat mich, wie ruhig und unaufdringlich Qasemi erzählt. Er bewertet und urteilt nicht, er zeigt. Die Deutung überlässt er den Leserinnen und Lesern.
Das macht es schwer, dieses Buch zu beschreiben, denn die Geschichte ist wunderbar erzählt, auch wenn ich nur vermuten kann, was der Autor mir genau mit ihr sagen will. Ich habe sie sehr gern gelesen. Solche Bücher verleiten mich leicht dazu, zu viel vom Inhalt zu verraten. Deshalb belasse ich es dabei und lege euch dieses Buch einfach ans Herz. Lest es selbst und bildet euch eine eigene Meinung.
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