Es ist eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte: Am Vorabend der angolanischen Revolution mauert sich Ludovica, nachdem sie einen Einbrecher in Notwehr erschossen und auf der Dachterrasse begraben hat, für dreißig Jahre in ihrer Wohnung in einem Hochhaus in Luanda ein. Sie lebt von Gemüse, gefangenen Tauben und von einer Hühnerzucht, die sie auf der Dachterrasse wie durch Zauber beginnt, und bekritzelt die Wände in ihrer ausgedehnten Wohnung mit Tagebuchnotaten und Gedichten. Allmählich setzt sich aus Stimmen, Radioschnipseln und flüchtigen Eindrücken zusammen, was im Land geschieht. In den Jahrzehnten, die Ludovica verborgen verbringt, kreuzen sich die Wege von Opfern und Tätern, den Beteiligten an der Revolution, ihren Profiteuren und Feinden. Bis sie alle eines Tages erneut vor der Mauer in dem wieder glanzvollen Apartmenthaus stehen. José Eduardo Agualusa hat mit seinem wunderbaren, dicht und spannend gewobenen Roman, der das Fantastische der Wirklichkeit und eine Art höhere Gerechtigkeit beschwört, unvergessliche Szenen geschaffen, tragisch, komisch, grotesk. Dieser Roman feiert die Kunst des Erzählens selbst.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
aus Solingen
5/5
02.02.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch "Eine allgemeine…
Das Buch "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" von José Eduardo Agualusa hat einen Umfang von 197 Seiten und ist bei C.H. Beck erschienen. In der Ebookausgabe ist das Werk übersichtlich gegliedert und gut zu lesen. Auch als Hardcoverausgabe erhältlich. Eine Geschichte die halb Wahrheit und halb Fiktion entspricht. Ludovica mauert sich am Abend der angolanischen Revolution für dreißig Jahre in ihrer Wohnung eines Hochhauses ein, nachdem sie einen Einbrecher erschossen hat. Die Sprache des Autors ist sehr nüchtern, dennoch schafft er es mit seinem Schreibstil den Leser in einen Bann zu ziehen. Das Werk ist erschütternd, einfach unglaublich, teilweise grotesk. Eine Revolution nachempfinden zu können, ist schier unmöglich, wenn man so etwas nicht selbst bereits erlebt hat, aber das ein Mensch sich aus Angst tatsächlich dreißig Jahre lang isoliert und einmauert sprengt den Menschenverstand. Wie mag sich Ludovica in all der Zeit gefühlt haben, was ging ihr durch den Kopf, wie war ihr Leben in der Einsamkeit? Sie hat die Entwicklung und das Ende der Revolution nicht mitbekommen. In ihrer Wohnung ist die Zeit stehen geblieben. Durch ein Trauma und durch die Verkettung von mehreren Ereignissen ist das Unfassbare geschehen, was jedem tief traumatisierten Menschen genauso wiederfahren könnte in einer solchen Ausnahmesituation. Die sich selbst eingemauerte Ludovica gab es tatsächlich. Die Geschichte im Buch ist jedoch halbe Fiktion, da der Autor aus den Fakten für sich ein stimmiges Werk mit Worten zauberte. Dies ist ihm sehr gut gelungen. Er hat authentisch Ludovicas Geschichte mit der Revolution, sowie den Beteiligten verknüpft und aus vielen Puzzleteilen ein Bild gezeichnet, welches tatsächlich der Wahrheit nahe kommen könnte. Großartig! Fazit: Ein unglaublich tiefgehendes, berührendes Buch, welches noch lange in Erinnerung bleibt. Die nüchterne Sprache des Autors, schafft es den Leser zu fesseln. Er verknüpft authentisch Ludovicas Geschichte mit der angolanischen Revolution und den Beteiligten. Wie nah er der Realität mit seinem Werk kommt, vermag ich nicht zu sagen, aber es fühlt sich alles sehr stimmig an. Großartiges Werk!
C. Welser
aus Salzburg
5/5
06.09.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein weißer Schäferhund, eine Hühnerzucht auf der Terrasse und ein Land auf dem Weg in die Unabhängigkeit
Ein wunderbares Stück anspruchsvollerer Belletristik, das alle Erwartungen erfüllt. Das Leben der außergewöhnlichen Figuren wird geschickt und keineswegs absehbar miteinander verwoben. Die jeweiligen Zusammenhänge zu entdecken war immer wieder eine Freude. Auf wenigen Seiten wird in Summe eine faszinierende Geschichte entworfen, die auch besonders sprachlich zu glänzen versteht.
Sikal
5/5
20.08.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn Vergessen das einzige ist, das hilft
Der Roman spielt zur Zeit des Befreiungskampfes Angolas vom Kolonialherren Portugal. Die Protagonistin Ludovica lebt völlig zurück gezogen bei ihrer Schwester und deren Mann. Als die beiden plötzlich verschwinden, ist Ludovica auf sich allein gestellt. Doch als sie einen Einbrecher erschießt und auf der Terrasse vergräbt, setzt Ludo einen gewagten Schritt und mauert sich in der Wohnung ein, um komplett von der Außenwelt, von den Unruhen und anderen Menschen abgeschnitten zu sein. Um zu überleben wird sie immer einfallsreicher, bis es nach 30 Jahren zu einer ungewöhnlichen Auflösung ihres Exils kommt.
José Eduardo Agualusa hat einen vielschichtigen Roman geschrieben, der verschiedene Handlungsstränge dermaßen gekonnt vernetzt, dass man am Ende das große Ganze sieht und die Bruchstücke als wichtige Teile dafür erkennt. Neben Ludo als Protagonistin findet man zahlreiche Nebencharaktere, die jedoch alle irgendwie mit Ludos Leben in Verbindung stehen und deren Weg sie trotz ihrer Isolation beeinflusst. Durch die vielen Handlungsstränge, unterschiedlichen Perspektiven und diversen Zeitebenen wirkt der Roman vielleicht etwas bruchstückhaft, was er ganz und gar nicht ist. Schreibstil und Sprache des Autors tun ihr Übriges, um fasziniert am Ball zu bleiben. Diverse Tagebucheinträge geben immer wieder Einblick in Hintergründe, ergänzen somit großartig das Bild auf die Verknüpfung der Handlung.
Was in Bezug auf den Roman immer wieder zum Thema gemacht wird, ist die Frage Wahre Begebenheit oder doch nicht? und hier klärt der Autor in Interviews auf, dass es sich definitiv um eine fiktive Geschichte handelt. Ebenfalls interessant ist, dass der Roman ursprünglich ein Film werden sollte, dieses Projekt jedoch verworfen wurde. Und das ist auch gut so, Feinheiten wären in einem Film verloren gegangen.
Für mich ein wunderbares Buch, das einen Leser fordert. Kein Buch für nebenbei, sondern es will Aufmerksamkeit und ich finde, das hat es sich auch verdient.
Andrea Karminrot
aus Berlin
5/5
10.08.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Es hat mich amüsiert, erinnert, nachdenklich gemacht
Ludovica bringt versehentlich einen Menschen um und verscharrt ihn auf ihrer Terrasse. Aus Angst, geht und ging sie nicht mehr auf die Straße und mauert sich in ihrer Wohnung ein. 30 Jahre lang, bekommt sie nichts von ihrer Umwelt mit. Manchmal nur, wenn es Strom gibt, hört sie Radio. Ihre Wohnung ist im elften Stock eines Hochhauses in Luanda, Angola. Während draußen, vor ihrem Fenster, die Menschen um Unabhängigkeit von Portugal kämpfen, versucht sie möglichst unsichtbar zu bleiben. Ernährt sich von dem was sie in ihrer Wohnung findet und was sie auf ihrer Dachterrasse anbauen kann.
Der Autor José Eduardo Agualusa erzählt eine Geschichte, die wahr sein könnte. Er verstrickt viele kleine Geschichten zu einer Großen. Geschickt, verknüpft er die Personen miteinander, so daß doch wieder alles zu der Wohnung im elften Stock führt. Wie viel davon fiktiv ist und was aus dem wahren Leben stammt, das verrät uns der Autor nicht. Nur soviel, daß die Zeitungen ihm genügend Material lieferten.
Wie immer, wenn es um Ungerechtigkeit geht, vergessen viele Menschen, was sie für schlechte Dinge getan haben. Und darauf scheint Agualusa abzuzielen. Vergessen, was schlecht war, vergessen werden, vergessen, woher man stammt und wohin man gegangen ist.
Wenn man versucht die Geschichte ohne Hintergründe zu lesen, dann findet man eine außerordentlich lustige Geschichte und spaßige Figuren. Mit Tragik, Gerechtigkeit und Groteske gewürzt. Ein Roman, der sich schnell wegliest und doch tiefgründig ist. Figuren, die interessant sind und viel Raum zum Hineindeuten lassen. Ein klasse Buch und eine seltsame Geschichte.
Ich habe es gleich zweimal gelesen. Es hat mich amüsiert, erinnert, nachdenklich gemacht und auf die Suche nach Wissen geschickt. Ich kann es nur empfehlen zu lesen.
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