Trag das Feuer weiter
Roman - Der neue große Roman der SPIEGEL-Bestsellerautorin - »Was für ein schönes, großes, reiches Buch.« Volker Weidermann, DIE ZEIT
»Eine atemberaubende Lektüre.« Martina Läubli, Neue Zürcher Zeitung »Ein literarisches Meisterwerk.« DER SPIEGEL Von der beeindruckenden Suche zweier Schwestern nach Freiheit: der neue große Roman des literarischen Weltstars Leïla Slimani. SPIEGEL-Bestsellerautorin. Prix-Goncourt-Preisträgerin. Der faszinierende Abschluss der Familientrilogie - nach »Das Land der Anderen« und »Schaut, wie wir tanzen«. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit »brain fog«, einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt. Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, das sie als junge Frau verlassen hat. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl eine Fremde zu sein. Sie fragt sich, wer sie ohne die Erinnerungen an ihre Familie ist. Und taucht ein in ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte, die auf ganz eigene Weise vom Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen erzählt - und von dem Streben nach Freiheit.
Rabat, 1980. Mia ist sechs Jahre alt, als ihre Schwester Ines geboren wird. Ihre Mutter ist Gynäkologin. Ihr Vater leitet eine Bank. Die beiden Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit stillem Befremden verfolgt Mia, wie mühelos sich Ines anpasst, und es braucht Jahre, bis die beiden Schwestern einander näherkommen. Als Mia zum Studium nach Paris zieht, ist es ein Aufbruch in die Freiheit: Zum ersten Mal kann sie dort ihre Homosexualität offen leben. Und es ist ein Versprechen an ihren Vater: das Feuer, das in ihrem Innern brennt, weiterzutragen. So wie Mathilde, ihre Großmutter, und Aisha, ihre Mutter, entscheidet sie sich für einen ganz eigenen Weg.
»So schafft es Leila Slimani wieder einmal Frauenfiguren zu erschaffen, die einem enorm nahe kommen in ihrem Witz, ihrer Wut.« Marie Schoeß, Deutschlandfunk
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Zerrissene Identitäten
Boockpicker (Mitglied der Orell Füssli Book Circle Community) am 14.05.2026
Bewertungsnummer: 3138491
Bewertet: eBook (ePUB)
«Was soll es bringen, herauszufinden wollen, wo mein Platz ist, welches mein Land ist, wenn ich nicht einmal weiss, wer ich bin»? (440) Mit diesem Satz bring Mia, die Erzählerin es auf den Punkt: In Marokko aufgewachsen, in Paris lebend, die Grossmutter aus dem Elsass, und die Erkenntnis, dass sie als homosexuelle in Marokko sicher keinen Platz hat. Die ganze Familie ist zerrissen zwischen den marokkanischen Sitten und ihrem westlichen Lebensstil und ihren Ansichten. Der Roman ist der dritte der Trilogie, in der Slimani die Geschichte ihrer Familie beschreibt: Grossmutter Mathilde zieht mit Amine, einem marokkanischen Soldaten nach dem Krieg nach Marokko. Ihre Tochter Aïcha heiratet Mehdi, und zusammen haben sie zwei Töchter, Mia und die jüngere Inès. Hier beginnt die Geschichte mit den Zweifeln von Mia an sich selbst, mit ihrem Anderssein und Suchen nach sich selbst. Sie leben in Marokko, sind aber nach Frankreich ausgerichtet, gehen in die französische Schule, sind keine Muslime, trinken Alkohol und müssen sich alle Mühe geben, mit dem traditionellen Marokko nicht in Konflikt zu geraten. Aïcha ist Gynäkologin am Spital, Mehdi bringt mit seiner Hartnäckigkeit ein verkommenes Geldinstitut hoch zu einer angesehenen Bank, wird aber aus undurchsichtigen Gründen entlassen, vegetiert vor sich hin und wird schliesslich ins Gefängnis gesteckt. Mia wandert nach Paris und dann London aus, Inès folgt ihr nach Paris, wo beide einerseits die Freiheit geniessen, sich anderseits auch nicht zuhause fühlen. Ja, und wenn ich nicht weiss, wo mein Platz ist, wo ich hingehöre, wie kann ich dann herausfinden, wer ich bin?
Slimani beschreibt eindrücklich die inneren Konflikte ihrer Figur Mia, ihr Suchen nach Identität und Zugehörigkeit, nach einer Rolle in dieser (welcher?) Welt, nach einer äusseren und inneren Heimat. Man erfährt viel auch über die innere Zerrissenheit von Marokko zwischen arabischer und westlich-französischer Identität. Slimani gelingt ein eindrückliches Zeitdokument des ungewissen Wandels eines Landes und seiner Bewohner*innen zwischen Tradition und Moderne – mit ungewissem Ausgang. Absolut lesenswert.
«Inès nahm bei ihrer Tante eine aussergewöhnliche Stärke wahr – sie lebte allein und ungebunden – und eine hoffnungslose Traurigkeit» (130).
«Naiv glaubten ihre Eltern, die Bücher wären ein Tarnumhang, der jegliche Übel und Gefahren von ihrer Tochter fernhielt. Sie hatten nicht begriffen, dass Mia darin etwas anderes suchte und dass die Romane in ihr ein grenzenloses Verlangen nach Freiheit genährt hatten, einen Groll auf ihr trübes, ereignisloses Leben am Rand der Welt» (142).
«Ihre Eltern hatten akzeptiert, in dieser moralischen Verwirrung zu leben, sie hatten sie an ihre Kinder weitergegeben, und Mia wusste jetzt, dass sie ihr niemals helfen könnten, die Frage «Wer bin ich» zu beantworten». (223f)
«Und Aicha hatte gesagt: ’Der Arme, Leute wie er (der schwule Friseur) sind niemals glücklich’. Diesen Satz würde Mia niemals vergessen (224)
«Mia hatte das Gefühl, nackt zu sein und von der ganzen Welt belauert zu werden. Sie würde ohne schützende Rüstung leben, verletzlich, ausgeliefert. (…) Sie würde den Monstern allein begegnen müssen» (225f).
Wenn sie unterwegs war, beobachtete sie heimlich die andern, (…) die andern, die lebten. Es kam ihr so vor, als würden selbst die Häuser von Paris sie verachten und verspotten». (245f)
«Man tut so, als hätte man keinen Hunger und isst ein bisschen Salat, obwohl man von Pommes frites und Sahne träumt. Es ist eines der ersten Dinge, die eine Frau lernt. So zu tun, als ob» (315).
«Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge, die Erinnerungen unwichtig sind. Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter». (237)
Würdiger Abschluss einer Trilogie
nil_liest (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 31.05.2026
Bewertungsnummer: 3154320
Bewertet: eBook (ePUB)
Eine Schriftstellerin verliert nicht ihre Worte, sondern den Weg zu ihnen. Mia sitzt in Paris und merkt, wie etwas in ihrem Inneren verschwimmt. Namen, Bilder, Gefühle – als hätte jemand einen Schleier über ihr Gedächtnis gelegt. Der sogenannte Brain Fog raubt ihr nicht nur die Konzentration, sondern auch die Gewissheit darüber, wer sie eigentlich ist. Also reist sie zurück nach Meknès, auf die Farm ihrer Großeltern. Dorthin, wo ihre Familiengeschichte begann. Doch statt Heimkehr erwartet sie etwas anderes: die Erkenntnis, dass man selbst an den Orten seiner Kindheit zur Fremden werden kann.
Mit Trag das Feuer weiter schließt Leïla Slimani ihre große Familiensaga ab – und macht aus dieser Rückkehr zugleich eine Suche nach Identität, Herkunft und Erinnerung. Während Mia versucht, die Fäden ihres eigenen Lebens wieder aufzunehmen, entfaltet sich vor den Leser:innen noch einmal das Panorama einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Großmütter, Mütter, Töchter. Frauen, die sich immer wieder gegen die Grenzen ihrer Zeit stemmen. Frauen, die ihren eigenen Weg suchen, auch wenn sie dafür einen Preis zahlen müssen.
Besonders berührt hat mich dabei die Figur der Mia. Sie lebt zwischen Welten, Sprachen und Identitäten. Als Französin in Marokko, als Marokkanerin in Frankreich, als homosexuelle Frau in einem gesellschaftlichen Umfeld, das zunehmend konservativer wird. Dieses Gefühl des Dazwischenseins zieht sich wie ein feiner Riss durch den gesamten Roman. Nirgends ganz anzukommen, überall ein wenig fremd zu bleiben – Slimani beschreibt diese Erfahrung mit großer Klarheit und ohne jede Sentimentalität.
Dabei erzählt der Roman weit mehr als nur eine Familiengeschichte. Im Hintergrund verändert sich Marokko. Die Hoffnungen früherer Jahrzehnte verblassen, politische Repressionen nehmen zu, religiöse Strömungen gewinnen an Einfluss. Familienmitglieder geraten zwischen die Fronten gesellschaftlicher Entwicklungen, werden Opfer von Machtspielen oder verlieren sich in den Erwartungen ihrer Umgebung. Die große Geschichte dringt dabei immer wieder in die privaten Räume ein und macht deutlich, wie eng persönliches Leben und politische Realität miteinander verwoben sind.
Leïla Slimanis Stil bleibt dabei unverkennbar. Sie schreibt mit einer bemerkenswerten Klarheit, fast kühl manchmal, und gerade deshalb entfalten viele Szenen eine enorme Wucht. Gefühle werden selten ausgestellt, sondern entstehen zwischen den Zeilen. Ein Blick, eine Erinnerung, ein unausgesprochener Konflikt reichen oft aus, um ganze Lebensgeschichten spürbar zu machen. Besonders gelungen fand ich, wie sie Erinnerungen behandelt: nicht als verlässliches Archiv, sondern als etwas Fragiles, Flüchtiges. Etwas, das sich verändert, verblasst oder plötzlich wieder auftaucht.
Atmosphärisch lebt der Roman von seinen Kontrasten. Da ist das elegante, intellektuelle Paris. Da sind die staubigen Landschaften rund um Meknès. Die liberalen Eliten, die französischen Schulen, die traditionellen Familienstrukturen, die politischen Spannungen eines Landes im Wandel. Slimani zeichnet diese Welten nicht schwarz-weiß, sondern voller Widersprüche und Zwischentöne. Genau darin liegt ihre Stärke.
Allerdings hatte ich stellenweise das Gefühl, dass der Roman stärker an seinem historischen und gesellschaftlichen Panorama interessiert ist als an seinem erzählerischen Spannungsbogen. Manche Episoden wirken eher wie Mosaiksteine einer Epoche als wie notwendige Bestandteile von Mias persönlicher Geschichte. Dadurch entsteht gelegentlich eine gewisse Distanz. Auch erreicht dieser Abschlussband für mich nicht ganz die emotionale Kraft der vorherigen Teile der Trilogie.
Dennoch bleibt Trag das Feuer weiter ein würdiger Schlusspunkt. Ein Roman über Frauen, die sich Freiräume erkämpfen. Über Herkunft als Last und Geschenk zugleich. Über Erinnerung als Heimat. Und über das Feuer, das von Generation zu Generation weitergegeben wird – manchmal als Mut, manchmal als Wut, manchmal einfach als die hartnäckige Weigerung, sich den Grenzen der eigenen Zeit zu beugen.
Dieses Buch liest sich wie das Öffnen einer alten Familienkiste: Manche Gegenstände erkennt man sofort wieder, andere werfen neue Fragen auf. Doch am Ende versteht man besser, woher man kommt – und vielleicht auch ein wenig, wohin man geht.
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