Ein stilles und zugleich sprachmächtiges Buch, das vom Verlust der Heimat durch Krieg, von Schmerz und Sprachverlust erzählt. In diesem ergreifenden Debüt findet die Autorin eine großartige eigene Sprache
Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz.
Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod präsent - sie werden nur anders erlebt als vor Ort.
Der Roman »ë« erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt, wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Bewertung
5/5
19.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein sehr berührender Roman
Das Buch erzählt von einer Protagonstin, die sich im Laufe ihres Lebens immer wieder mit der Vergangenheit und den Kriegsfolgen aus den 90er im Kosovo auseinandersetzt. Das Buch heisst "ë", ein Buchstabe im Albanischen Alphabet, dass mehrheitlich nicht ausgesprochen wird. Ein Roman, dass einen mitnimmt & zum nachdenken bringt. Sehr empfehlenswert!
Lana
aus Wien
5/5
19.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Niëmals vërgëssen
Selten hat mich ein Buch so zurückgelassen wie „ë“.
Es ist kein Roman, den man einfach liest – es ist einer, der nachwirkt. Lange.
Mich hat dieses Buch traurig gemacht, nachdenklich – und ehrlich gesagt auch wütend. Wütend darüber, wie wenig Raum der Kosovokrieg oder der Krieg in Bosnien in unserem kollektiven Bewusstsein einnehmen. Wie oft solche Themen ausgeblendet werden, während gleichzeitig Sätze wie „Hihi lol, Kosovo ist Serbien“ fallen, ohne dass verstanden wird, welches Leid dahintersteht.
Kicaj schafft es, genau diesen blinden Fleck sichtbar zu machen.
Besonders eindrücklich ist die Sprachlosigkeit der Protagonistin. Der Gedanke, dass die Zähne wie ein Gefängnis für Worte und Zunge sind, zieht sich subtil durch das Buch. Sie bleibt oft still, resigniert fast – und genau das macht es so schwer auszuhalten. Es ist kein lautes Aufbegehren, sondern ein leises, inneres Verstummen, das sich viel realistischer anfühlt als jede dramatische Gegenwehr.
„ë“ erzählt nicht nur von Krieg, sondern auch von dem, was danach bleibt: Diaspora, Fremdsein, Rassismus und Identitätsverlust. Und es macht deutlich, wie nah diese Themen eigentlich sind – näher, als man denkt.
Einige Szenen haben sich besonders eingebrannt:
Der kleine Junge, gefunden in einem Massengrab, mit einem T-Shirt, auf dem „Run for your life“ steht.
Oder die Menschen, die auf der Flucht Schutz suchen – und genau dort sterben, weil sie Hoffnung und Vertrauen hatten und dies schamlos ausgenutzt wurde.
Solche Bilder lassen einen nicht mehr los.
Was dieses Buch so stark macht, ist, dass es keine Antworten gibt. Kein Trost, keine Auflösung. Stattdessen bleiben Fragen, die sich nicht einfach abschütteln lassen:
Wie viel Leid kann ein Mensch oder ein ganzes Volk ertragen?
Und zu wie viel Grausamkeit ist der Mensch fähig?
„ë“ ist kein Buch, das man liest, um sich gut zu fühlen. Sondern eines, das einen zwingt, hinzusehen.
Dieses Werk wird durch eine namenlose Ich-Erzählerin getragen, die durch Rückblicke ihres eigenen Lebens und die ihrer Vorfahren dem Leser die politischen Konflikte und Kriegsschilderungen des Kosovos nahebringt.
Die Erzählerin selbst hat den Kosovokrrieg Ende der 90er nicht unmittelbar selbst erlebt. Dennoch zeigt der Roman auf, wie auch die folgenden Generationen unter den Folgen leiden. Eindrücklich ist hier, dass es auch sehr unterbewusste oder tief verankerte Folgen sein können, wie bei der Ich-Erzählerin das starke Zähneknirschen, was der Zahnarzt unwissend auf erhöhten Stress zurückführt.
Einzigartig an dem Werk ist, wie die Autorin Sprache und Krieg zusammenführt. Die Einschübe der Zahnarztbesuche, bei denen das Zähneknirschen im Zentrum steht, drücken die sprachlichen Schwierigkeiten sowie die Sprachlosigkeit der Ich-Erzählerin aus. Dies zeigt, wie stark nachhallend Kriegserlebnisse von Familienmitgliedern sein können.
Das Werk leistet einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit vergessener Kriege und vergessener Opfer.
Ein aussergewöhnlicher Roman, der für den Leser lehrreich und bewegend ist.
kaffeeelse
aus D
5/5
15.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Gestern und das Jetzt Wer…
Das Gestern und das Jetzt Wer etwas darüber erfahren möchte, was Krieg, Flucht und Asyl mit Menschen machen, ist bei dem Buch „ë“ von Jehona Kicay völlig richtig. Wieder ein Buch von der Longlist des Deutschen Buchpreises, welches mich völlig überwältigt hat. „ë“ ist ein dünnes nur 176 Seiten starkes Büchlein und es hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Ich hatte das Gefühl einen Wälzer gelesen zu haben. Denn inhaltlich hat dieses Büchlein mehr in sich als die Seitenanzahl vermuten lässt. Eine Erzählstimme berichtet von ihrem Neuanfang in einem anderen Land. Aber gibt es diesen Neuanfang wirklich? Denn wie viel von der erlebten Vergangenheit schleppt man weiter mit sich herum? Inwieweit kann man vergessen? Was will man wirklich vergessen? Was kann man vergessen? Teile des eigenen Lebens. Traumatische Erfahrungen. Geht ein furchtbares Erleben wieder aus dem eigenen Kopf raus? Was bedeutet dieses so oft zitierte Verarbeiten von Traumata? Ein Negieren. Ein Löschen. Ein damit leben können. Ein damit leben müssen. ??? Die weibliche Erzählstimme ist im Kosovo geboren, ist Albanerin, hat den Kosovo-Krieg erlebt. Kennt das damalige Grauen. Lebt jetzt in Deutschland. Aber in ihr lebt auch die Vergangenheit. Das Trauma! Der Verlust! Ein Schnitt! Ein Einschnitt! Eine Wunde! Eine schwärende Wunde! Was macht so ein erlebtes Trauma mit den Betroffenen? Es verändert. Klar. Definitiv. Ein Leben im Asyl. Fernab der Heimat. Fernab der Wurzeln. Fernab der eigenen Sprache. Ein Leben in einem neuen Land. Das Leben besteht aus Begegnungen. Nicht immer nur positive Begegnungen. Was triggert Betroffene? Was kann Betroffene triggern. Nicht jeder von uns ist mit Empathie gesegnet. Dies triggert. Und auch nicht jeder empathische Mensch ist immer vollkommen empathisch. Jeder von uns macht Fehler. Folgenschwere Fehler. Auch darüber berichtet dieses Buch. So viel Inhalt auf diesen Seiten. Ein tief berührendes Buch! Ein kluges Buch! Ein eindringliches Buch! Es gibt hier nicht den erhobenen Zeigefinger. Es gibt eine Protagonistin, die von ihrem Damals und von ihrem Jetzt berichtet. Sie berichtet still und ruhig. Gerade dadurch schlägt dieses Buch so ein. Bei mir. Und sicher auch bei vielen anderen Leser*innen. Ein Lesehighlight für mich in diesem Lesejahr 2025. Eine Leseempfehlung! Unbedingt lesen!
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