Jedes Frühjahr erwacht ein Mirabellenbaum im Warschauer Stadtteil Muranów aus seinem Winterschlaf, zieht Saft aus der Erde und bildet weiße Blüten aus. Diese verwandeln sich im Sommer zu kleinen gelben Kügelchen, den himmlisch süßen Mirabellen. Die Menschen aus den umliegenden Straßen sammeln sie und machen daraus köstlichen Kompott oder Kuchen.
Die Mirabelle kennt sie alle: Sie wohnen im Mietshaus des Herrn Friedman oder arbeiten in der Fabrik für Karnevalskostüme der Gebrüder Alfus. Mit den Kindern kann sich die Mirabelle sogar unterhalten, und von den anderen Bäumen erfährt sie, was sonst so in der Stadt passiert.
Aber die Zeiten ändern sich, es kommen Besatzer, und das Leben rund um den Mirabellenbaum wird von Mauern umschlossen.
Cezary Harasimowiczs Jugendroman ist die Saga einer Familie von Mirabellenbäumen, die seit den 1920er Jahren im Warschauer Stadtteil Muranów wachsen. Wir erfahren etwas über den Wohlstand seiner jüdischen Einwohner in den 1920er und 1930er Jahren, die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, das Leben im sozialistischen Polen. Als Zeitzeuginnen erzählen die Mirabellen auf märchenhaft poetische Weise die Geschichte im Kleinen wie im Großen, auch weil sich die eine nicht ohne die andere verstehen lässt.
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Absolut lesenswert!
lesenmitausblick am 17.01.2026
Bewertungsnummer: 2983357
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mit “Marisha - Das Mädchen aus dem Fass” haben wir euch vor kurzem ein Buch aus dem Ariella Verlag vorgestellt. Viele kannten den Verlag noch nicht. Es lohnt sich sehr, auf der Verlagsseite vorbeizuschauen und weitere besondere Bücher zu entdecken, wie das heutige Buch “Mirabelka - Ein Mirabellenbaum erzählt Geschichte”. Susann stellt es euch näher vor:
„Mirabelka – Ein Mirabellenbaum erzählt Geschichte“... ja Geschichte, nicht e i n e Geschichte. Der Autor Cezary Harasimowicz, der in Polen für seine Drehbücher bekannt ist, verarbeitete in seiner Erzählung von 2018 historische Ereignisse, die die Geschichte Warschaus widerspiegeln. Er selbst hat als Kind in der Nähe des Mirabellenbaumes gelebt, die Früchte gekostet und nach „Schätzen“ gegraben. Aber erst als Erwachsener wurde ihm der Gesamtzusammenhang durch eine Reportage deutlich und inspirierte ihn zum vorliegenden Buch.
Es ist im Ariella Verlag auch mit Unterstützung von A. und J.W. Ruttmann sowie Regensburger Uni- Stiftungen 2025 erschienen. Frau Professor Dr. Koller von der Uni Regensburg hat sich mit ihren Studenten in einem Seminar mit dem Buchinhalt und den Illustrationen umfassend auseinander gesetzt und so zum Gelingen der deutschen Fassung beigetragen.
So erfahren die jungen Leser etwas über das Leben der Juden in den 1920e Jahren in Warschau und deren Ausgrenzung im Ghetto, ihre Deportation und weitere Geschehnissen im 2.Weltkrieg, aber auch über den Wiederaufbau der Hauptstadt zu sozialistischen Zeiten. Der Antisemitismus hatte 1968 noch einmal einen Höhepunkt in der polnischen Gesellschaft und sogar das Kriegsrecht von 1981 findet Einzug ins Buch. Cezary Harasimowicz spannt den Bogen bis in die Gegenwart, wo polnische Emigranten zurück nach Warschau kommen, um etwas über ihre Wurzeln zu erfahren. Mit ihnen kommen Ableger des Mirabellenbaumes zurück zum ehemaligen Hinterhof, wo sie seit 2018 wachsen und gedeihen.
Die verschiedenen Mirabellenbäume lässt der Autor in ihrer Zeit sprechen, über ihre Beobachtungen, weil sich so viel verändert um den Hof herum, über die „Zwiegespräche“ mit den Bewohnern, bevorzugt, wenn sie noch Kinder sind. Immer wieder werden Themen vom Entstehen und Vergehen, von kindlicher Liebe, über Hochzeiten und den Tod angerissen. Der Wechsel der Jahreszeiten ist dabei ein wiederkehrendes Mittel. Trotz größerer Zeitsprünge wird immer mal wieder auf die Personen aus den ersten Kapiteln verwiesen, um die Gemeinschaft um den Hinterhof voll zu erfassen. Die jungen Leser sollen erkennen, wie die nachfolgenden Generationen aus dem Vergangenen Kraft ziehen, so wie die Wurzeln der Jungbäume aus dem vermoderten alten Baum.
Die Stimmung im Buch wird durch die farbigen Illustrationen von Marta Kurczewska wunderbar unterstrichen. Sie wurde dafür ausgezeichnet und das zu Recht, denn sie zeichnete kindgerecht und ausdrucksstark, aber reduziert auf das Wesentliche. Die Farbwahl ist angenehm und modern.
Bei den 255 Seiten sind immerhin fast 50 für besondere Erklärungen, z.B. der Mitwirkenden, Hinweise zur korrekten Aussprache der polnischen Namen und ein umfangreiches Glossar, das für Leser jeden Alters zum besseren Verständnis unbedingt notwendig ist, vorhanden. Die Übersetzung aus dem Polnischen übernahm Alexandra Wolfinger, die mit 9 Jahren nach Deutschland umsiedelte. Die Gedicht- oder Liedzeilen angemessen zu übersetzen, ist sicher nicht einfach und klingt im Deutschen wahrscheinlich nicht so poetisch wie in der Muttersprache; meiner Meinung nach für die Jüngsten nicht vollständig zu erfassen. Cezary Harasimowicz ist es gelungen, ganz schlimme historische Ereignisse behutsam für Kinder darzustellen. Er findet schöne sprachliche Mittel?/ Vergleiche?, wie: ...die Glasperlen schimmerten wie Tränen im Mondlicht, und sehr anschauliche Beschreibungen, zum Beispiel vom Ablauf vom Schabbat oder einer jüdischen Hochzeitszeremonie.
Aus meiner Sicht als Lehrkraft ist das Buch erst für Leser ab 10 eher 11 Jahren geeignet und sollte im besten Fall mit Erwachsenen besprochen werden können, damit auftretende Fragen geklärt werden können, für die den Kindern noch das historische Wissen fehlt. Der Preis von 18€ ist bei dieser tollen Papier- und Druckqualität völlig angemessen. Ich kann es sehr empfehlen!
Ein Werk voller Gefühl, Tiefe und stiller Weisheit – absolut empfehlenswert!
Bewertung am 24.11.2025
Bewertungsnummer: 2662374
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch ist einfach bezaubernd – von der ersten bis zur letzten Seite. Die Geschichte berührt nicht nur das Herz, sondern regt auch tief zum Nachdenken an. Es ist eines dieser Bücher, die man nach dem Lesen nicht einfach weglegt, sondern die einen noch lange begleiten.
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