»Epochal, spannend und kraftvoll von der ersten bis zur letzten Seite.« Le Parisien
Im August 1934 gelingt 56 Jugendlichen einer Strafkolonie auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer die Flucht. 20 Franc - das ist der Preis, den die örtliche Polizei für jeden Jungen aussetzt, worauf die Inselbewohner eine Hetzjagd beginnen. Ein einziger Junge entkommt, seine Geschichte erzählt dieser Roman: Jules Bonneau, von den Eltern früh verlassen, nach Jahren im Heim zwischen Raserei und Hoffnungslosigkeit, gerät auf der Flucht an den baskischen Sardinenfischer Ronan Kadarn und dessen Frau. Zum ersten Mal lernt er Zuneigung kennen, eine Zärtlichkeit, die ihn erschüttert. Er lebt mit den Fischern, begegnet Kommunisten und Faschisten. Und muss am Ende eine Entscheidung treffen, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert.
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Ein literarischer Wutausbruch
Christian1977 aus Leipzig am 16.10.2025
Bewertungsnummer: 2627546
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Belle-Île-en-Mer, eine bretonische Insel, zu Beginn der 1930er-Jahre: In der Jugendanstalt Haute-Bologne herrschen grausame Zustände. Die Kinder und Jugendlichen werden nicht nur von den Aufsehern und Schließern drangsaliert, sondern gehen auch selbst aufeinander los. Immer gibt es einen Schwächeren, den man quälen und misshandeln kann. Der 19-jährige Jules Bonneau, Spitzname "Kröte", steht in der Hierarchie irgendwo in der Mitte. Von den stubenältesten Kapos erfährt er keine Unterstützung, doch anders als viele der anderen Jungen teilt er nicht nur nach unten aus. Freundschaft ist für die Jugendlichen ein Fremdwort, jeder ist sich selbst der Nächste. Nach einem gewaltvollen Aufstand und anschließenden Ausbruch sieht er sich ausgerechnet mit dem vermeintlich schwächsten Jungen Camille Loiseau auf der Flucht. Doch die Heimleitung hat die Jagd auf die Ausbrecher längst eröffnet und den Inselbewohnern zudem ein Kopfgeld versprochen...
"Herz in der Faust" ist der neue Roman von Sorj Chalandon, der in der deutschen Übersetzung aus dem Französischen von Brigitte Große bei dtv erschienen ist. Und wie schon der Vorgänger "Verräterkind" ist es ein großartiger Roman geworden, ein literarischer Wutausbruch erster Güte. Vom ersten Moment an gibt Chalandon Rhythmus und Tempo vor. Kurze, kraftvolle Sätze bestimmen das Leben in der Anstalt, Namen und Ränge sind Schall und Rauch. Die Figuren erhalten zwar welche, doch sind sie schnell wieder vergessen in diesem Rausch aus Gewalt und Erniedrigung. Jede Chance auf Individualität ist dahin, wenn man sich nicht durch Kampfnamen wie "Kröte" auszeichnet oder im schlechtesten Fall auch noch mit einem Nachnamen wie Loiseau, das Vögelchen, gezeichnet ist. "Wir sind der Wildwuchs. Die Quecken. Das Ungeziefer", heißt es an einer Stelle.
Nun ist die Lektüre wahrlich keine leichte Kost, drastisch und explizit sind die Darstellungen im Heim. Geschickt spielt Chalandon mit Perspektivwechseln, auf die ich gerade zu Beginn der Lektüre immer wieder hereingefallen bin. Protagonist und Ich-Erzähler Jules schildert nämlich oftmals übergangslos seine Fantasien, die tatsächlich noch härter ausfallen als die Realität. Trotz dieser Härte und Gewalt gelingt es dem Autor, Empathie für seine Hauptfigur zu wecken. Weil man spürt, wie wichtig es ihm ist, das gesellschaftliche und juristische Unrecht der damaligen Zeit aufzuzeigen und anzuprangern. Und weil sich seine eigene Empathie unmittelbar auf mich übertrug. "Herz in der Faust" setzt ganz eindeutig auf Intensität und Emotion, eben auf Herz und Faust. Manchmal fühlte ich mich fast überwältigt von dieser Wut, diesen überbordenden Gefühlen allüberall. Hinzu kommt, dass das Buch unglaublich mitreißend und mit großem Spannungsbogen erzählt ist.
In der zweiten Hälfte des Romans ändert sich der Ton ein wenig, was auch daran liegt, dass Jules erstmals in seinem jungen Leben so etwas wie Mitgefühl und Nächstenliebe erfährt. Chalandon gelingen hier ambivalente Figuren wie Krankenschwester Sophie oder der gerade im Vergleich zur ersten Hälfte wohltuend warmherzige Sardinenfischer Ronan. Jules kann sich ausprobieren und entfalten und passend zu einem Jugendlichen konnte ich nicht jede seiner Handlungen nachvollziehen. Denn nach wie vor befindet sich das Herz in seiner Faust - oder zumindest ein Teil davon. Das Buch stellt hier die richtigen Fragen nach Moral und vermittelt Werte wie Solidarität und Menschlichkeit. Und würde der Roman auf Seite 395 enden und nicht drei Seiten später, könnte man von einem bewegenden und großen Finale sprechen. Dieses bleibt den Leserinnen jedoch vergönnt, weil es sich Chalandon nicht nehmen lässt, der fiktiven Figur einen etwas überflüssigen Epilog auf den Leib zu schreiben.
Ein kleiner Wermutstropfen eines insgesamt erstaunlich intensiven Romans, der lange in Erinnerung bleibt und in Frankreich das bislang erfolgreichste Werk von Sorj Chalandon ist. Und das obwohl - oder weil - er der Grande Nation deutliche historische Missstände vor Augen führt, die durch die politischen Anspielungen der bretonischen und baskischen Figuren und den Umgang mit Minderheiten durchaus auch einen aktuellen Bezug aufweisen. Nachdem ich von den letzten beiden Romanen Chalandons nun gleichermaßen begeistert bin, bedeutet es für mich persönlich wohl, dass ich nicht umhinkommen werde, mich früher oder später auch mit seinen älteren Werken zu befassen.
Von einem einsamen Leuchtturm der Menschlichkeit
Eternal-Hope aus Österreich am 28.10.2025
Bewertungsnummer: 2638487
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der französische Schriftsteller und Journalist Sorj Chalandon ist bekannt dafür, als Basis für seine Romane Settings zu wählen, die es so tatsächlich gegeben hat. Das ist auch in seinem neuen Roman „Faust in der Hand“ der Fall: auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer gab es bis Ende der 1970er Jahre eine Strafanstalt für Minderjährige. Um diese geht es in der fiktiven Geschichte rund um den jungen Jules, der prägende Jahre seiner Jugendzeit dort verbringen muss.
Das Buch ist äußerst packend geschrieben. Aus der Perspektive des erst jugendlichen und dann jungen erwachsenen Jules erleben wir kurze Rückblicke in seine Kindheit, dann ausführlich geschildert – samt allen dort herrschenden Grausamkeiten und drakonischen Strafen – die Zeit in der Strafanstalt für Kinder und Jugendliche auf der Insel, und schließlich den Ausbruch und die Zeit danach.
Es ist zugleich spannender Abenteuerroman und interessantes Psychogramm eines jungen Menschen, der bisher in seinem Leben unglaublich viel Gewalt und Unterdrückung erfahren und bezeugen musste und der lange kaum daran glauben kann, dass es auch Gutes in Menschen geben kann – der aber gleichzeitig auch einen starken Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt und eine brennende Wut in sich spürt.
Passend zum Titel „Herz in der Faust“ ist das Buch voll von Gewalt: tatsächlicher und solcher im Kopf des Hauptcharakters. Es ist sehr bedrückend zu lesen, welches Leid die unschuldigen Kinder und Jugendlichen (die meisten haben sich kaum etwas Gröberes zu Schulden kommen lassen, manche haben auch überhaupt nichts verbrochen und nur das Pech, Waisenkinder zu sein, für die sonst kein Platz gefunden wurde) in dieser Haftanstalt erdulden müssen. Szenen der Gewalt und Demütigung werden immer wieder und sehr drastisch geschildert und nehmen einen großen Teil des Buches ein, das muss man aushalten können.
Zusätzlich gibt es die gewalttätigen Racheszenen im Kopf von Jules, die so unmittelbar geschrieben sind, dass man beim ersten Lesen erst einmal braucht, um sich klar zu machen, dass diese Gewalt nur in seinem Kopf ist und nicht wirklich stattfindet.
Wirklich interessant und berührend wurde das Buch für mich etwa ab der Hälfte, als es um den Ausbruch der Kinder und Jugendlichen geht, der so halb zufällig und nicht sehr geplant vonstatten geht und auf den folgend eine unbarmherzige Jagd nicht nur der Gefängniswärter, sondern auch der gesamten Zivilbevölkerung der Insel, die sich eine der auf die jungen Menschen ausgesetzten Kopfprämien erhofft, auf die jungen Menschen einsetzt, und alle außer Jules wieder gefangen und hart bestraft werden. Wie manche auch der zuerst nett und unterstützend wirkenden Menschen letztlich ihre Schützlinge verraten, macht sehr betroffen – doch es gibt eben auch Ausnahmen, wie den Fischer und seine Frau.
Es ist bei aller Abenteuerlichkeit auch ein sehr hartes Buch zu lesen, insbesondere für einfühlsame Menschen. Das macht es aber nicht schlecht, sondern wirft wichtige Fragen danach auf, was unsere Menschlichkeit ausmacht, gerade in herausfordernden Situationen, wo wir uns anpassen und wo wir mit unseren eigenen Werten dagegenhalten, wo wir uns für Außenseiter einsetzen und auch, ob und wie jemand, der so viel Schlimmes erfahren hat, noch Vertrauen zu Menschen und Glauben an das Gute finden kann. Ich kann das Buch allen empfehlen, die gerne spannende Abenteuerromane lesen und viele Gewaltszenen aushalten können.
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