Der blinde Aamir arbeitet als Brotverkäufer. Auch ohne zu sehen, weiß er genau, wie das Brot beschaffen ist, und kennt die Stimmen der Kundschaft wie auch diejenige von Hamdan, dem jungen Bäckergehilfen, zu dem er ein beinahe väterliches Verhältnis pflegt. Als bekannt wird, dass in einer Baumkrone beim nahe gelegenen Grab des heiligen Abdalati dessen Gesicht erschienen ist und bereits einige Bitten um Wunder Gehör gefunden haben, beschließt Aamir trotz großer Bedenken, Abdalati zu besuchen – in Erinnerung an seine verstorbene Mutter, die ihn als Kind auf ihre Pilgerreisen mitgenommen hatte, um für sein Augenlicht zu beten.
Auf seinem Weg zur heiligen Stätte begegnet er Abu Kais, einem gehörlosen Mann, der zufällig aus demselben Heimatort stammt. Die beiden werden Freunde und finden gemeinsam schnell heraus, dass das Gesicht im Baum nur ein großer Pilz ist. Aber ihre Begegnung versetzt sie in eine neue Gewissheit über ihr Dasein und bereichert ihren Alltag mit unerwarteten Erkenntnissen.
Ghassan Kanafanis letzter Roman ist inhaltlich und formal von erstaunlicher Schönheit, gerade auch wegen seiner Tragikomik. Eine Geschichte über unverhoffte Freundschaft, über die Bedeutung von Glück und die magische Wirkung von Wundern aller Art.
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Die Enttarnung eines Sanktuariums
Almut Scheller-Mahmoud aus 21109 Hamburg am 25.03.2026
Bewertungsnummer: 3089044
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Der palästinensische Schriftsteller Ghassan Kanafani ist auch heute noch, 54 Jahre nach seinem Tod, einer gezielten Tötung durch eine israelischen Autobombe, einer der wichtigsten Schriftsteller des Nahen Ostens. Viele seiner Schriften drehen sich um die Nakba und ihre Folgen. Er bleibt für viele ein umstrittener Autor, weil er Gründungs-mitglied der PFLP, der Volksfront zur Befreiung Palästinas war, einer marxistisch-leninistischenGruppe, deren Vorsitzender sein Freund George Habash war.
In diesem kleinen Roman schildert Kanafani das Leben des blinden Aamir und des tauben Abu Kais, beide aus dem gleichen Ort stammend, Tirat Haifa, ohne sich vorher gekannt zu haben. Sie begegnen sich am Baum und Schrein des wundertätigen Abdalati, einem Ort, der zerbrochene Menschen anzieht, die Trost und Heilung suchen.
Aamir verkauft sei 20 Jahren die Brotlaibe einer Bäckerei, Abu Kais ist in einem Hilfswerk tätig, das die langen Flüchtlingsschlangen mit Lebensmitteln versorgt. Der eine lebt in seinem Gefängnis der Dunkelheit, der andere in dem der Stille.
Für beide ist dieses unerwartete Zusammentreffen ein Wink des Schicksals, ein Wunder. Und ein weiteres Wunder geschieht. Damit Aamir den Kopf des zwischen den Ästen Verborgenen ertasten könne, hebt ihn Abu Kais auf seine Schultern. Und Aamir ertastet vorsichtig das vermeintliche Gesicht. Doch da waren kein Mund, keine Augen, keine Ohren. Erschreckt ertasten seine feinfühligen Hände eine Wüstentrüffel. Es gab kein heiliges Gesicht, sondern nur einen Pilz.
Ab heute sollst du zur Feier des Tages Abdalati heißen, meint Abu Kais. Beide be-schließen die Illusion des wundertätigen Heiligen mittels Axt und Schaufel zu vernichten. Vielleicht wird sein Verschwinden die ersehnten Wunder vollbringen? Auf dass man sein Schicksal selbst in die Hände nimmt?
Der junge Hamdan aus der Bäckerei wird zum Personenschützer des Heiligen: beschimpft sie als Gottlose und dass sie getötet würden. Denn Blindheit und Taubheit seien gerechte Strafen. Wofür?
Sein eigenes Leben hatte er wohlsortiert in seinem Kopf, „fest verstaut in den Regalen der Erinnerung“. Seine Mutter hatte ein zweites Mal geheiratet, nachdem sein Vater inhaftiert worden war, sein Stiefvater war ein ungehobelter bösartiger Mensch. Hamdan fand Zu-flucht in der Bäckerei und ist seit 10 Jahren mit Aamir eng verbunden. Auch für Hamdan ändert sich das Leben: der Vater wurde vorzeitig entlassen, er habe sich verändert, wäre von einem Kämpfer zu einem politisch Handelnden geworden. Er findet, alle Heiligen-schreine müssten nicht nur zerstört, sondern bis in ihre Wurzeln vernichtet werden. Sonst wären sie wie eine Hydra mit ihren immer nachwachsenden Köpfen.
Für Aamir und Abu Kais, die beide in singulärer Form von ihrem Leben und ihren Gedan-ken erzählen, ist ein Wunder geschehen: ihr zufälliges schicksalhaftes Kennenlernen und die Entlarvung eines vermeintlichen wundertätigen Heiligtums.
Kanafani hat die Lebensgeschichte dieser beiden Männer, die sich ergänzen und gemein-sam ihrem Schicksal stellen, mit mitmenschlichen, gesellschaftlichen und politischen As-pekten verbunden, so dass man mit offenen Sinnen ein Bild ihrer Lebensumstände ge-winnt. Viel zu oft verschließen wir uns vor den realen Gegebenheiten der Welt um uns herum. „Wer Augen hat, der sehe, wer Ohren hat, der höre“.
PS: Bei meiner Recherche zu Wüstentrüffeln, von denen ich vorher weder gelesen noch gehört hatte, entdeckte ich diesen Hadith von Al Bukhari: „Die Wüstentrüffel seien ein Teil der "Manna", die Allah dem Volk Moses herab sandte, und ihr Saft ein Heilmittel für die Augen.“
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