Sylvie Schenks neuer Roman über das Loslassen und über das Glück, das in unverhofften Begegnungen liegen kann - mit Leichtigkeit und Witz erzählt
Irène, eine deutsch-französische Schriftstellerin, wird mit Verdacht auf einen Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Bald schon gibt es Entwarnung, aber sie muss vorsorglich einige Zeit in der Klinik bleiben und richtet sich dort ein. Ironisch-sarkastisch beschreibt sie ihren neuen Alltag zwischen Krankenzimmer und Untersuchungen. Sie erinnert sich an ihren Mann, der erst vor kurzem gestorben ist, sie lernt ihre Zimmergenossin Ada kennen, eine junge Muslima, und einen rätselhaften Patienten, den sie den 'Froschmann' nennt und der sie an Houellebecq erinnert. In der Auseinandersetzung mit ihm denkt sie über ihr eigenes Schreiben, über Leben und Tod nach. Kaum jemand, der darüber mit solcher Leichtigkeit erzählen kann wie Sylvie Schenk.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
aus Hagen
4/5
18.08.2025
eBook (ePUB)
Interessante Erzählung
In Erwartung eines Glücks hat 176 Seiten. Es ist ein Roman über das Loslassen und über das Glück, das in unverhofften Begegnungen liegen kann. Es ist mit Leichtigkeit und Witz erzählt.
Irene ist 75 Jahrealt. Sie ist eine deutsch - französische Schriftstellerin und wird mit Verdacht auf einen Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert. Es gibt aber Entwarnung, aber sie muss im Krankenhaus bleiben, um einige Untersuchungen vorsorglich durchführen zu lassen. Es wird ironisch und witzig vom Krankenhausalltag erzählt. Irene hat viel Zeit im Krankenhaus. Sie erinnert sich intensiv an ihren kurz zuvor verstorbenen Ehemann und lernt ihre Bettnachbarin Ada kennen. Nur ist Ada leider mit sich beschäftigt und nicht so gesprächig wie sich Irene gewünscht hätte. Ada ist eine junge Muslima, knapp 18 Jahre alt. Sie ist schwanger und ihre Probleme sind momentan riesig, sie weiß noch nicht wie sie die momentane Situation angehen soll. Sie hofft auf die Hilfe und Unterstützung von ihrer Familie. Irene hat noch jemanden kennengelernt, einen Herrn den sie "Froschmann" nennt. Mit ihm trifft sie sich immer wieder zum Gespräch, wenn sie sich zufällig
begegnen. Er erinnert sie an Houelleberq. Wenn sie ihm begegnet kreisen ihre Gedanken an ihr Schreiben, an Leben und Tod. Irene ist in diesem Roman die Ich-Erzählerin, sie befindet sich in der letzte Phase des Lebens. Das ist ihr bewusst, deshalb nimmt sie alles so intensiv wie nur möglich auf, um das Leben nochmal Revue passieren zu lassen. Die Erinnerungen an ihrem Mann werden wieder wach, an ihre Jugend, als sie ihren zukünftigen Ehemann als Austauschstudenten kennengelernt hat. Und jetzt 50 Jahre später, wo ihr Johann nicht mehr da ist, bleibt ihr nur wenig Freude im Leben über. Ihr ist bewusst, dass auch sie nicht mehr lange leben wird.
Diese Geschichte verbindet Generationen, regt zum Nachdenken an, und fördert Empathie. Die Leseabschnitte sind nicht zu lang, es kommt keine Langeweile auf. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, man kann sich gut in ihre Rollen versetzten und fiebert mit ihnen mit. Der Schreibstil ist locker und flüssig, gespickt mit einer Prise Leichtigkeit und Humor. Es ist eine gelungene Geschichte. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt, deshalb gibt es von mir 4 Sterne und eine Weiterempfehlung.
begine
aus Lemwerder
5/5
22.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gut gemacht
Sylvie Schenks Roman,In Erwartung eines Glücks, ist klug und humorvoll angelegt.
Ihre Protagonistin Iren ist Schriftstellerin.
Ihr Mann ist vor kurzem gestorben.
Da ich in ähnlicher Situation bin, konnte ich sie gut verstehen.
Auch die Gedanken, die sie sich macht waren mir nicht fremd.
Die Sprache der Autorin ist angenehm. Sie erzählt klar und mit viel Gefühl
Ich möchte den Roman gerne weiter empfehlen, besonders für uns Ältere Leser ist es ein Genuss.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
22.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ruhig und empathiefördernd - ein Juwel!
Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung menschlicher Lebenserfahrung findet. Dem wird auch ihr neuestes Buch "In Erwartung eines Glücks" vollends gerecht.
Ich selbst befinde mich erst am Anfang der Lebensmitte, somit ist die Geschichte der Frau, die in diesem Buch porträtiert wird und die wohl so einige Züge der Autorin selbst trägt (darauf gibt es auch im Buch den einen oder anderen Hinweis) altersmäßig noch viele Jahrzehnte von meiner eigenen Lebenserfahrung entfernt. Doch gelingt es Sylvie Schenk ganz wunderbar, mich für Irène, die Ich-Erzählerin einzunehmen, mich mit ihr mitfühlen zu lassen und mich für ihre Perspektive zu interessieren. So etwas ist großartige Literatur, der das gelingt, und die damit Menschen dabei unterstützt, Empathie für jene zu empfinden, deren Schicksale sie noch nicht einmal ansatzweise aus eigener Erfahrung kennen.
Irène, die Ich-Erzählerin, ist in einer der letzten Phasen ihres Lebens angekommen. Als junge Frau in Frankreich hat sie sich in den deutschen Austauschstudenten Johann verliebt, ist mit ihm nach Deutschland gegangen, hat geheiratet, mit ihm einen Sohn bekommen und über fünfzig Jahre an seiner Seite verbracht, bis er vor einiger Zeit gestorben ist. Auch wenn die Ehe ihre Auf und Abs hatte, wie wohl jede so lange Beziehung, fehlt er ihr sehr. Nun ist sie selbst im Krankenhaus, mit unklaren neurologischen Symptomen, deren Ursache abgeklärt werden soll. Immer wieder soll sie der Sprachtherapeutin zeigen, wie weit ihre kognitiven Fähigkeiten noch gehen, z.B. wie viele Wörter zum Thema Wasser ihr einfallen. Das Zimmer teilt sie mit einer jungen muslimischen Frau... geschätzt 17 oder 18 Jahre alt, so meint Irène. Die beiden sind sich anfangs noch fremd, nähern sich dann aber einander an, unterhalten sich stundenlang und Irène erzählt ihr von ihrer Leidenschaft für den politisch umstrittenen, aber gerade in Deutschland sehr erfolgreichen französischen Autor Houellebecq. Einen älteren Herren gibt es auch auf der Station, mit dem Irène sich anfreundet und Gedanken und Lebensgeschichten austauscht.
Vordergründig passiert in diesem Roman nicht sehr viel. Den Großteil des Romans nimmt Irènes Zeit im Krankenhaus ein und die Begegnungen mit den beiden genannten Personen. Dahinter spielt sich aber unglaublich viel ab: in Irènes Gedanken und Gefühlen. Sie nimmt uns mit auf eine rückblickende Betrachtung ihres Lebens, all das, was sie getan, erlebt, gedacht und gefühlt hat, und was das heute mit ihr macht.
Selten hat mir ein Buch so deutlich zu spüren gegeben, wie ähnlich ältere Menschen doch uns jüngeren und ihren eigenen jüngeren Versionen sind: oft mit körperlichen Einschränkungen, mit vielen erlittenen Verlusten und mit viel Reife und Lebenserfahrung, aber doch im Kern die gleichen Personen, die sie immer waren. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die nicht einfach nur noch als alte Menschen abgestempelt werden möchten, sondern als die vielfältigen Persönlichkeiten wahrgenommen werden möchten, die sie immer noch sind.
Darüber hinaus verfügt das Buch über eine sehr schöne Sprache, die mich beeindruckt und berührt hat, und ist voll tiefgründiger Einsichten, hier ein paar Beispiele für beides:
"Sie wusste längst, dass Ängste sich nur im Zaum halten lassen, wenn man die Zukunft ignoriert, die Vergangenheit ausblendet und sich in der Gondel der Gegenwart schaukeln lässt: Ich bin da, noch atme ich." (S. 14)
"Schreiben war ein Festhalten im Sturm, die Buchstaben Felshaken, die Zeilen Seile. Oder ein Festhalten am Grashalm, die Buchstaben flüchtige Samen, die Zeilen fragile Spuren." (S. 48)
"Ihr Leben schien so viele Gesichter, Orte und Ereignisse in sich zu bergen, dass jeder Gedanke in dieser Fülle, in diesem Durcheinander, nicht mehr deutlich und einzeln aufgezeichnet werden konnte." (S. 80)
"Ihre Wut war längst verflogen. Es lohnt sich nicht, fremdzugehen, wenn man sich selbst fremd ist." (S. 108)
Damit ist das Buch für mich ein großartiges generationenverbindendes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt, Empathie fördert und das ich Menschen aller Generationen nur wärmstens empfehlen kann.
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