»Blaue Romanze«: eine große Liebesgeschichte zwischen französischer Leichtigkeit und deutschem Ernst
Als Julian Myriam das erste Mal in einer Karaokebar in Marseille sieht, kann er nicht mehr wegschauen. Ein Gespräch, ein Duett und einen illegalen Ausflug auf ein Baugerüst später ist das immer noch so. Auch Myriam fühlt: Das hier ist anders als sonst. Beide sind jung, belesen, kritisch und über allem liegen der Zauber und die Leichtigkeit von Marseille. Und doch bricht der Kontakt ab, als beide in ihre Leben zurückkehren, Myriam nach Paris, Julian nach Berlin. Als Myriam für ihre Promotion nach Berlin kommt, begegnen sie sich wieder. Doch nach dem 7. Oktober teilt sich ihr Umfeld in zwei Seiten – und sie stehen auf der jeweils anderen. Konsequent und listig erzählt Nora Haddada in »Blaue Romanze« von Liebe, politischem Diskurs und von der Tragik unserer Gegenwart.
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Polit-Seminar statt Liebes-Schnulze
Bories vom Berg aus München am 11.02.2026
Bewertungsnummer: 3043192
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der 2025 erschienene, zweite Roman von Nora Haddada weist mit seinem Titel wie auch im Klappentext auf eine Liebesgeschichte hin und weckt Leser-Erwartungen, die er letztendlich konterkariert mit einer brisanten politischen Thematik. Es geht um die seit der Gründung des Staates Israel als Folge des Genozids an den Juden andauernde, kriegerische Auseinandersetzung mit den Palästinensern. Die hat am 7. Oktober 2023 mit dem überraschenden Überfall der Terrororganisation Hamas auf das südliche israelische Grenzgebiet eine neue, fatale Brutalität erreicht. Andauernde Demonstrationen in den westlichen Ländern betreffen beide Konfliktparteien gleichermaßen, und auch im Roman vertreten die beiden Protagonisten der ‹Generation Y› diametral entgegen gesetzte Positionen, was ihre Beziehung schwer belastet.
Beim Urlaub in Marseille treffen die Französin Myriam und der deutsche Julian in der feuchtfröhlichen Runde einer Karaokebar aufeinander. Man unterhält sich angeregt über allerlei Themen, und schließlich kommen sie auf die Idee, gemeinsam auf der Bühne ein Duett zu singen, auch wenn das peinlich enden könnte, denn beide sind keine großen Sänger. Das gemeinsame Abenteuer und die anregenden Gespräche treiben Myriam und Julian zueinander, sie finden sich überaus sympathisch. Am nächsten Morgen muss Myriam dann feststellen, dass Julian ihre Wohnung schon verlassen hat, - ohne Abschied zu sagen. Sie kehrt nach Paris zurück, um ihr Studium abzuschließen, er versucht in Berlin, journalistisch tätig zu werden, was ihm durch Protektion eines Freundes auch bald gelingt. Und Julian legt dann als freier Journalist eine Blitzkarriere hin, seine Artikel sind begehrt und werden gut bezahlt. Nach Abschluss ihres Studiums vermittelt in Paris der Professor von Myriam seiner hochbegabten Studentin eine Dozentenstelle bei einer Kollegin in Berlin, die sie begeistert annimmt. Ein halbes Jahr, nachdem Julian sie in Marseille ohne Hinterlassen seiner Adresse grußlos verlassen hat, treffen sie nun im universitären Umfeld Berlins schon bald wieder aufeinander, - und finden zögernd auch wieder zueinander!
Myriams Seminar zum Thema «Einführung in die postkoloniale Theorie» findet großes Interesse vor allem im maghrebinisch-französischen Teil der Studentenschaft, weil es sich dabei auch um die wissenschaftliche Bewertung der genozidartigen militärischen Angriffe auf Gaza und die völkerrechtswidrige Blockade der Zugänge dorthin handelt. Julian hingegen rechtfertigt in seinen Zeitungsartikeln die brutale israelische Vorgehensweise und weist darauf hin, dass die palästinensische Bevölkerung, wie einst auch die Deutschen, ebenfalls schuldig ist durch die «apathische Hinnahme eines Regimes wie das der Hamas oder der Nationalsozialisten». Übrigens, nicht zuletzt darauf beruht ja die bis heute gültige, so genante «Staatsdoktrin» Deutschlands, was Israel anbelangt. Als ein Freund von Julian ihn darüber informiert, dass sein Verlag einen vernichtenden Artikel über Myriams vieldiskutierte Thesen veröffentlichen will, kommt Julian dem zuvor und schreibt seinerseits eine dort veröffentlichte, gemäßigte Kritik zu den palästinenser-freundlichen, wissenschaftlichen Theorien Myriams.
Der an sich ja banale Plot einer «Romanze» ist alles andere als ein Liebesroman, er ist vielmehr ein loses Handlungsgerüst für einen vielstimmigen, akademischen Diskurs zu den Voraussetzungen und Folgen des 7. Oktobers 2023. In einer unprätentiösen, stimmigen Diktion wird da im Freundeskreis hitzig debattiert, werden unverrückbare Standpunkte definiert, und das alles ganz ohne Liebelei, ohne Romantik jedenfalls. Die Anzahl der Küsse kann man an einer Hand abzählen, und Sex findet bei diesen ‹verkopften› Millenials allenfalls mal vage angedeutet und gut versteckt zwischen den Zeilen statt! Dafür aber ist dieser intellektuell elitäre Roman eine geradezu unerschöpfliche, bereichernde Fundgrube politischer Argumentationen zum Palästina-Konflikt, - die leider allesamt verdeutlichen, dass er wahrscheinlich unlösbar bleiben wird!
Ist Liebe stärker als gegensätzliche politische Überzeugungen?
Silke - Buchgespür - am 14.11.2025
Bewertungsnummer: 2653955
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Myriam lebt in Paris und trifft in einer Karaokebar in Marseille den Journalisten Julian. Aus einem flüchtigen Abend mit kurzer Zweisamkeit entsteht etwas, das sie beide nicht loslässt. Monate später führt Myriams Promotion sie nach Berlin, wo sie unerwartet wieder auf Julian trifft. Beide bemerken, dass ihre Gefühle überdauert haben. Doch als der Nahostkonflikt eskaliert, schreibt Julian als Journalist offen proisraelisch, während Myriam die palästinensische Perspektive vertritt. Zwischen Liebe und Überzeugung geraten sie in einen Konflikt, der weit über ihre Beziehung hinausreicht.
Ich habe das „Blaue Romanze“ von HH rund um die Bekanntgabe des vermeintlichen Kriegsendes im Nahostkonflikt gelesen. Seit dem 7. Oktober ist dieses Thema durch die ganz unterschiedlichen Sichtweisen meiner Schüler noch stärker in mein Bewusstsein gerückt.
Ich habe den Roman als Liebesgeschichte mit der zentralen Frage, ob Liebe eine Chance hat, gelesen, wenn die politischen Überzeugungen so gegensätzlich sind.
Das Buch ist kein leichtes. Die Sprache ist anspruchsvoll, die Zahl der Querverweise zu historischen Ereignissen, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Philosophen und ihren Werken enorm. Ich konnte dabei von meinen Studien profitieren und wurde nicht ausgebremst, weil mir viele der Bezüge vertraut waren.
Der Roman ist gründlich recherchiert, und ich konnte deshalb viel daraus lernen, was ich bei Literatur zu würdigen weiß. Besonders wohltuend fand ich, wie hier die oft trockene politische Debatte mit der Romantik einer Liebesgeschichte und der schonungslos realistischen Darstellung des Kriegsgebiets verknüpft wird. Das hat mir das Schicksal der Menschen vor Ort und derjenigen, die hierzulande auf beiden Seiten Position beziehen, spürbar nähergebracht.
In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dass Leser ohne Hintergrundwissen sich ausgegrenzt fühlen könnten. Ich sehe das anders. Es darf und soll Literatur geben, die sich an ein Publikum richtet, das in diesen Themen zu Hause ist. Genau diese Leser finden in anderen Büchern oft kein Zuhause. Legt mir mal einen Lieberoman zwischen zwei Mathematikprofessoren hin und ich bin am Ende …
Literatur darf breit sein und soll es auch bleiben.
In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dass Leser ohne Hintergrundwissen sich ausgegrenzt fühlen könnten. Ich sehe das anders. Es darf und soll Literatur geben, die sich an ein Publikum richtet, das in diesen Themen zu Hause ist. Genau diese Leser finden in anderen Büchern oft kein Zuhause. Legt mir mal einen Lieberoman zwischen zwei Mathematikprofessoren hin und ich bin am Ende …
Literatur darf breit sein und soll es auch bleiben.
Ich habe mit Julian und Myriam mitgefiebert, mochte besonders, dass die personale Erzählperspektive zwischen ihnen wechselt und so auch die Sicht ihrer Freunde auf Liebe und Politik beleuchtet wird. Beide sind beeindruckend starke Figuren, die unbeirrbar für ihre Überzeugungen auf der Straße, im Hörsaal, in ihren journalistischen Texten einstehend.
Und wenn ihr mich nun abschließend an die Eingangs gestellte Frage erinnert, greife ich auf die Gedanken von Myriams Mutter recht:
Liebe steht darüber. Über allemal Vielleicht bin ich einfach zu romantisch, um es anders zu sehen.
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Ich habe „Blaue Romanze“ von H. H. rund um die Bekanntgabe des vermeintlichen Kriegsendes im Nahostkonflikt gelesen. Seit dem 7. Oktober ist dieses Thema durch die unterschiedlichen Sichtweisen meiner Schüler noch stärker in mein Bewusstsein gerückt.
Für mich ist der Roman eine Liebesgeschichte mit der zentralen Frage, ob Liebe eine Chance hat, wenn politische Überzeugungen unvereinbar scheinen. Leicht ist das Buch nicht. Die Sprache ist anspruchsvoll, die Zahl der Querverweise auf historische Ereignisse, Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler beeindruckend. Ich konnte von meinem Studium profitieren, viele Bezüge waren mir vertraut und ich empfand das als Bereicherung.
Mich hat die Verbindung aus politischer Analyse, Romantik und der schonungslosen Realität des Kriegsgebiets sehr beeindruckt. So wird das Schicksal der Menschen vor Ort spürbar und auch das derjenigen, die hierzulande auf beiden Seiten Position beziehen.
Einige Leser bemängeln, das Buch könne ohne Hintergrundwissen überfordern. Ich sehe das anders. Es darf Literatur geben, die sich an ein Publikum richtet, das in solchen Themen zu Hause ist. Genau diese Leser finden in anderen Büchern eben kein Zuhause. Und ehrlich… Legt mir einen Liebesroman zwischen zwei fachsimpelnden Mathematikprofessoren hin, ich wäre verloren. Literatur darf und muss breit gefächert sein.
Ich habe mit Julian und Myriam mitgefiebert, mochte besonders, dass die Erzählperspektive zwischen ihnen wechselt und so auch die Sicht ihrer Freunde auf Liebe und Politik sichtbar wird. Beide sind starke Figuren, unbeirrbar in ihren Überzeugungen, auf der Straße, im Hörsaal oder in ihren Texten.
Und wenn ich abschließend auf die Frage zurückkomme, ob Liebe eine Chance hat, bleibe ich bei Myriams Mutter:
Liebe steht darüber.
Vielleicht bin ich einfach zu romantisch, um es anders zu sehen.
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