Ein überraschender Roman über sexuelle Begierde, künstliche Befruchtung und ein Leben außerhalb sozialer Normen
Amane stellt mit Entsetzen fest, dass ihre Eltern 'kopuliert' haben, um sie zu zeugen, anstatt wie alle anderen die Vorteile künstlicher Befruchtung zu nutzen. Auch wenn ihre Mutter an der alten Welt festhält und das Konzept Liebe verzweifelt verteidigt, will Amane dazugehören in einer Gesellschaft, in der Sex und Romantik fast ganz verschwunden sind. Mit ihrem Mann Saku zieht Amane in die experimentelle Stadt in Chiba, wo auch Männer Kinder in künstlichen Gebärmüttern austragen und sich alle Menschen gleichermaßen um alle Kinder kümmern. Ist das die schöne neue Welt, nach der Amane sich gesehnt hat?
'Heiter, schräg und on point.' Sally Rooney
'Murata nimmt eine kindliche Idee und hält mit fantasievoller Inbrunst daran fest, wobei sie auf brillante Weise die Herzlosigkeit und Willkür der Konventionen entlarvt.' New Yorker
'Sayaka Murata zementiert ihre Position als Kafka unserer Generation.' Politics & Prose
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Klaus
Thalia Book Circle Community
1/5
12.04.2026
eBook (ePUB 3)
Verstörende Vision
Amane lebt in einer Zeit, in der Kinder durch künstliche Befruchtung zur Welt kommen, Sex wird nur noch von Wenigen praktiziert, verliebt wird sich eher in Figuren aus Filmen, oder Animeserien, als in reale Personen und wenn doch, dann geschieht das außerhalb der eigenen Familie, passende Lebenspartner findet man auf Datingpartys, wenn es genügend Übereinstimmung gibt, wird geheiratet. Amane selbst ist allerdings ein Kind, dass noch auf normalem Weg gezeugt wurde, sie findet diese Vorstellung mehr als verstörend und kann die Entscheidung ihrer Mutter, zu der sie ein sehr angespanntes Verhältnis hat, nicht nachvollziehen.
Die Geschichte Amanes wird in drei Teilen erzählt, man lernt sie als junges Mädchen kennen, erlebt ihre erste Verliebtheit, das Entecken ihrer Sexualität, ihre inneren Konflikte beim Heranwachsen und erhält schon einen ersten verwirrenden Blick auf die Welt in der Amane lebt. Im zweiten Teil dann ist Amane eine junge Frau, die immer mehr den Wunsch nach einer eigenen Familie spürt, die selbst Mutter werden möchte und dafür einen Partner auswählt. Der dritte Teil dann ist der wohl verstörendste des Buches, denn hier wird Amane Mutter, aber auf eine gänzlich andere Art, als es der Leser und Amane selbst erwartet hat.
Schon direkt zu Beginn habe ich sehr mit dem Stil des Buches gehadert, die Erzählweise ist so distanziert, so emotionslos, so ohne wirkliche Tiefe, dass ich mich teilweise sehr zwingen musste weiterzulesen. Selbst in Szenen, in denen Amane von ihrer Verliebtheit erzählt, kam nichts bei mir an, oftmals war das Beschriebene nüchtern und einschläfernd wie der Text in einem Aufklärungsbuch für den Sexualkundeunterricht. Wahrscheinlich soll das als Stilmittel wirken, das die Gesellschaft beschreibt, in der Amane lebt, aber bei mir hat das nichts ausgelöst. Im zweiten Teil wurde das dann etwas besser, hier habe ich langsam das Gefühl bekommen, dass sich die Geschichte in eine Richtung entwickeln könnte, wie ich sie mir eigentlich vom Klappentext her erwartet habe. Eine Dystopie vielleicht im Stil von “Report der Magd”, oder auch “Die geschützten Männer”, aber was dann am Ende auf mich gewartet hat, hat damit eher wenig zu tun.
Wer jetzt allerdings glaubt das Ende der Geschichte wäre keine heftige, verstörende und absolut beängstigende Zukunftsvision, täuscht sich gewaltig. All dies ist es, aber eben ganz anders als erwartet und leider auch ganz anders, als ich es als Leser bereit bin hinzunehmen, denn für mich überschreitet die Autorin hier eindeutig eine tief, tief rote Linie. Ich habe wie gesagt bis kurz vor Schluss in eine bestimmte Richtung gedacht, was das Ende des Buches betrifft, die Autorin hat mich hier etwas überrascht, aber tatsächlich hätte ich sogar damit leben können. Was allerdings dann wenige Seiten vor Schluss passiert, ist ein No-Go für mich. Irgendwie hatte ich da direkt ein Szenario im Kopf, mein Wunschszenario vielleicht, eines das mich etwas mit der Story versöhnt hätte, aber ich wusste schon nach wenigen Worten wohin das tatsächlich gehen wird und trozdem habe ich echt gehofft ich würde mich irren. Ich will hier natürlich nicht spoilern, obwohl es in diesem Fall vielleicht das Richtige wäre, ich kann nur sagen das mir übel geworden ist, bei dem was die Autorin da so nüchtern und emotionslos in den letzten Zeilen ihres Buches beschreibt.
Wer die Rezensionen zu diesem Buch liest, wird sich vielleicht wundern, denn viele davon sind sehr positiv und ja, vielleicht auch zu Recht, denn vielleicht verstehe ich hier den tieferen Sinn nicht, die Botschaft, was auch immer, vielleicht geht die Bedeutung des Ganzen schlicht an mir vorbei und normalerweise würde ich in so einem Fall sagen - bitte selber lesen, bitte eigene Meinung bilden. In diesem Fall allerdings nicht!
Bewertung
Book Circle Community
5/5
07.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fortpflanzung ohne Sex – die neue Normalität
Mit Schwindende Welt legt Sayaka Murata ihren dritten auf Deutsch erschienenen Roman vor. Und wieder zieht sich das Thema wie ein roter Faden durch ihr Werk: Was ist eigentlich „normal“?
Diesmal steht nicht nur eine Außenseiterin im Zentrum, sondern eine ganze Gesellschaft. Amane lebt in einer Welt, in der Sex, Liebe und Familie radikal neu gedacht sind. Kinder entstehen durch künstliche Befruchtung oder sogar in männlichen Gebärmüttern. Ehen sind Zweckgemeinschaften, nicht Orte für romantische Gefühle. Verlieben darf man sich – aber am liebsten in Comicfiguren oder Filmheld*innen. Das, was für uns völlig unvorstellbar scheint, ist hier das Normale.
Gerade das fand ich so faszinierend: Murata zeigt mit großer Konsequenz, dass Normalität nichts Festes ist, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt. Was heute selbstverständlich erscheint, kann morgen schon Abweichung sein – und umgekehrt. In dieser Welt ist es „abnormal“, wenn ein Ehemann plötzlich Intimität mit seiner Frau sucht.
Allerdings muss ich auch sagen: So sehr mich die Grundidee begeistert hat, so sehr hat mich die Lektüre manchmal ermüdet. Obwohl Sex eigentlich kaum mehr eine Rolle für die Fortpflanzung spielt, dreht sich der Roman fast ausschließlich um Sexualität – um ihre Abwesenheit, ihr Verbot, ihre Umwege. Das wiederholt sich mit der Zeit, und ich hatte Phasen, in denen ich dachte: Ja, ich habe es verstanden.
Und doch: Ich konnte nicht loslassen. Immer wieder musste ich Pausen machen, nachdenken, mir Fragen stellen. Ich habe selten ein Buch gelesen, das meine Gedankenwelt so sehr in Bewegung gebracht hat.
Besonders der Teil in der experimentellen Stadt „Experimenta“ ist für mich eine regelrechte Dystopie des Grauens: Kinder ohne Eltern, alle gleich, aufgezogen von Institutionen; Menschen, die ihre Individualität zugunsten der kollektiven Ordnung verlieren. Und gleichzeitig bleibt diese Welt erschreckend vorstellbar.
Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis: Den sexuellen Trieb kann man nicht einfach abschaffen. Murata versucht es, indem sie ihn in „Clean Rooms“ und Fantasiewelten umlenkt. Doch für mich wirkt das nicht ganz konsequent: Solange der Trieb existiert, bleibt auch der Sex zwischen Menschen eine Möglichkeit – und in meinen Augen wird er immer Teil der Gesellschaft sein. Genau an diesem Punkt hadere ich mit dem Roman. Aber gerade weil Murata hier so radikal entwirft, zwingt sie mich, über diese Fragen nachzudenken. Und das ist vielleicht die größte Stärke dieses Buches
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
hallobuch, Silke Schröder
aus Hannover
5/5
11.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dystopie oder Utopie?
Ist es eine Dystopie oder eine Utopie, von der Sayaka Murata in “Schwindende Welt” erzählt? Immerhin stellt sie darin mal eben das gesamte Konzept des Zusammenlebens von Frauen und Männern (oder auch anderen) radikal infrage. Und doch scheint auch ein bisschen Realität dabei zu sein, wenn man sich die sinkenden Geburtenraten und das wachsende Single-Dasein in den asiatischen und auch westlichen Industriestaaten anschaut. Konsequent denkt Sayaka Murata dies in “Schwindende Welt” weiter: Kinder kommen aus Reagenzgläsern, Sex und Romantik sind in digitale Fantasiewelten oder Kurzzeit-Partnerschaften ausgelagert, in der Ehe dagegen stehen Freundschaft, Schutz, Gleichberechtigung und Heimeligkeit an erster Stelle. Mit unerschütterlicher Logik verschiebt sie die Normen und ethischen Grundlagen ihrer Roman-Gesellschaft, ohne dass ihre Protagonist:innen darüber sonderlich irritiert wären. So ist “Schwindende Welt” von Sayaka Murata eine schlüssig, direkt und sehr unterhaltsam erzählte Projektion in eine mögliche Zukunft unseres Zusammenlebens. Bestens gelesen von Uta Simone.
shizu_reads
5/5
13.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Surreal grandios
Mein erstes Buch der Autorin. Ich hatte bereits viel Gutes von ihr gehört, und so wurde es Zeit, endlich etwas von ihr zu lesen.
Ich bin sofort gut in Schreibstil und Geschichte hineingekommen und konnte gar nicht mehr aufhören. Innerhalb von 24 Stunden war ich durch!
Der Schreibstil ist kühl, distanziert und fast schon steril – absolut passend zur Handlung. Auch die Geschichte selbst bleibt im Umgang mit Se*ualität bewusst nüchtern und unnahbar. Genau das macht ihren Reiz aus. In einer Zeit, in der in Büchern oft Gefühle und ️ im Vordergrund stehen, ist das ein erfrischend anderer Blickwinkel.
Das Buch stellt so einiges infrage: das Konzept von Beziehungen, Familie, Kinderbekommen, den Umgang mit Gefühlen und Se*, und noch vieles mehr. Alles wird dabei – fast schon unangenehm – auf die Spitze und ins Surreale getrieben. Gerade dadurch regt es gekonnt zum Nachdenken an.
Der Verlauf der Geschichte war für mich nicht vorhersehbar und hat mich immer wieder überrascht. Ich war fasziniert und gleichzeitig oft leicht irritiert.
Die Charaktere wirken bewusst unnahbar, fast schon oberflächlich. Doch genau das unterstreicht die Thematik und lässt einen erneut nachdenken: Was bleibt, wenn man Beziehungen von tiefen Gefühlen und Intimität trennt? Oder wenn man sich nicht mehr in reale Menschen, sondern nur noch in fiktive Figuren verliebt?
Das Ende war noch einmal komplett surreal und ließ mich ungläubig zurück. Ich war platt – und fand es zugleich einfach großartig.
Es war überraschend, hat mich zum Grübeln gebracht, und insgesamt hatte ich großen Spaß beim Lesen.
A.Basan
aus Garbsen
5/5
12.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dystopisch, aber nicht abwegig
Nach der "Zeremonie des Lebens" hat Sayaka Murata wieder eine höchst interessante, dystopische Erzählung vorgelegt.
In der "Schwindenden Welt" gilt Sex unter Eheleuten als primitiv, inzestuös und schmutzig. Deshalb pflanzt man sich durch Insemination fort. Sex ist weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt. Man verliebt sich eher in Animehelden. Man heiratet zwar noch, doch eher aus der Motivation heraus, sich Miete und Haushaltspflichten zu teilen.
Die Hauptfigur Amane ist durch die Kopulation ihrer Eltern entstanden, was ihr sehr peinlich ist. Sie lässt sich von ihrem ersten Mann scheiden, als der körperliche Nähe sucht und führt mit ihrem zweiten Mann eine eher geschwisterliche Beziehung. Beide ziehen in die Modellstadt Experimenta, in der auch Männer mithilfe einer künstlichen Gebärmutter Kinder gebären können. Die Kinder werden dort nicht mehr in Familien, sondern in Zentren großgezogen. Die Individualität geht verloren.
Das Bild, das Murata von einer zukünftigen japanischen Gesellschaft entwirft, löst beim Leser zunächst Befremden aus. Doch bei längeren Nachdenken, fragt man sich, ob diese Zukunftsvisionen wirklich so abwegig und nur auf Japan begrenzt sind. Auch heute kann man in Japan schon Mangafiguren heiraten. Und angesichts der zunehmenden Vereinsamung und des wachsenden Social Media-Konsums ist es nicht unvorstellbar, dass wir bald keine intimen Beziehungen zu Menschen mehr haben werden, Vielleicht sind Familie und enge menschliche Beziehungen wirklich bald eine schwindende Welt. Muratas kafkaseker Roman bringt uns dazu, darüber nachzudenken, ob wir so eine Welt wollen und wenn nein, dem selbst entgegenzusteuern.
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