Wer ist dieser M., über den die Familie nicht reden will? Auf der Beerdigung seines Großvaters erfährt Simon von dessen verleugnetem Sohn. Am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland gezeugt und zurückgelassen, ist M. nicht mehr als eine Leerstelle, eine vage Erinnerung.
Simon, selbst mit dem Ende seiner Beziehung konfrontiert, lässt der Gedanke an diesen deutschen Jungen nicht los. Was für ein Leben hat er gelebt, war er einsam, verlassen, frei? Ist er es noch? Die Suche treibt Simon von Südfrankreich an den Bodensee, wo sich vergessene Spuren mit den seinen kreuzen und ein neues Bild ergeben.
Hunderttausende Kinder von Besatzungssoldaten haben ihre Väter nie kennengelernt. In einem ebenso persönlichen wie poetischen Roman spürt Sylvain Prudhomme den Echos der Vergangenheit nach.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
mimitatis_buecherkiste
aus Krefeld
5/5
26.04.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fühlen wie ein Sohn
»M., der deutsche Sohn von Malusci. Du weißt doch, dass dein Großvater in Deutschland einen Sohn gezeugt hat, damals, als er am Bodensee Besatzungssoldat war. Einen Sohn mit einer Deutschen, die er ein paar Wochen lang gekannt hat, das wusstest du doch, oder?« (Seite 25)
-
Nachdem Simons Großvater Malusci im Kreise der Familie bestattet worden ist, wird Simon von dem Mann seiner Tante zur Seite genommen und erfährt ein Geheimnis, das ungeheuerlich klingt. Einen Sohn soll sein Großvater gezeugt haben, als Besatzungssoldat in Deutschland, den niemand je erwähnt hat. Simon, selbst gerade frisch getrennt und verletzlich, macht sich auf die Suche nach dem unbekannten Mann.
-
Sylvain Prudhomme verarbeitete mit dem vorliegenden Buch seine eigene Geschichte, auch er erfuhr bei der Beerdigung seines Großvaters erstmals von einem Onkel in Deutschland und musste dieses Erlebnis verdauen, bevor er es niederschrieb. Dinge aus der Vergangenheit verbanden sich plötzlich mit dem neuen Wissen und einiges, das vorher nebenbei erzählt worden ist, ergab plötzlich einen Sinn. Man merkte dem autofiktionalen Roman an, wie getroffen er war, wie sehr es ihn persönlich bewegt hat, diesem Familiengeheimnis nachzuspüren.
-
In einer wunderschönen Sprache, stellenweise ohne Satzzeichen und nicht gekennzeichnet, wenn es um Gespräche ging, erzählte Sylvain mit der Stimme von Simon, wie es ihm erging. Eine Familiengeschichte, die manchmal spannender war wie ein Krimi, eine Suche, die oft aufregend war. Ein Roman, der mich berührt hat, ich bin dankbar, dass ich bei dieser sehr persönlichen Aufarbeitung zugegen sein durfte. Lesenswert!
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
5/5
29.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Schweigen und Herkunft
Manchmal stolpert man in Bücher hinein wie in ein Taxi, ohne genau zu wissen, wohin die Fahrt geht. Und sitzt plötzlich da, schweigend, schaut aus dem Fenster und merkt, dass etwas in Bewegung geraten ist. Der Junge im Taxi ist genau so ein Buch. Still, zurückhaltend, aber mit einer emotionalen Wucht, die sich erst langsam entfaltet – und dann bleibt.
Im Zentrum steht eine Leerstelle. Ein Mann, über den niemand spricht. Ein Sohn, der irgendwo in Deutschland existiert oder existiert hat. Prudhomme macht aus diesem Schweigen keinen Thriller, sondern etwas viel Eindringlicheres: eine tastende Suche. Keine großen Enthüllungen, keine dramatischen Wendungen, sondern Gedanken, Zweifel, Annäherungen. Dieses ständige Fragen: Wer wäre ich gewesen, wenn meine Geschichte anders begonnen hätte?
Simons eigene Trennung läuft dabei wie ein leiser Bass unter allem mit. Verlust trifft auf Verlust, Vergangenheit auf Gegenwart. Und plötzlich fühlt sich diese Recherche nicht mehr fremd an, sondern intim. Die Reise an den Bodensee wirkt weniger wie eine Ortsveränderung, mehr wie ein vorsichtiges Abklopfen der eigenen Risse.
Was hängen bleibt, ist dieser ruhige, poetische Ton. Kein Satz zu viel, keiner zu glatt. Prudhomme schreibt mit Respekt vor dem Ungesagten. Über Kriegskinder, über Väter, die fehlen, über Identität, die nie abgeschlossen ist. Ein Roman, der nicht schreit, sondern flüstert – und genau deshalb so tief trifft.
Am Ende klappt man das Buch zu und sitzt einen Moment da. So wie nach einer langen Taxifahrt, wenn der Motor aus ist, aber die Gedanken noch weiterfahren.
Lesenswege
5/5
26.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Geheimnis aus der Vergangenheit
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer.
Ich liebe ja Bücher, die auf wenigen Seiten eine Geschichte wie ein ganzes Leben entfalten. Die kein Wort zu viel enthalten. Die in mir Bilder erzeugen, mich unausgeschriebene Gedanken weiter denken lassen, die mir die Frage aufdrängen, was würde ich denn in dieser Situation jetzt tun. Genau so ein Buch ist „Der Junge im Taxi“.
Auf der Beerdigung seines Großvaters erfährt Simon von seinem deutschstämmigen Onkel, dass eben jener Großvater neben seinen 4 Kindern mit seiner Ehefrau einen weiteren Sohn in Deutschland hat, ein Sohn, dessen Existenz verdrängt und verschwiegen wird. Malusci, der Großvater, war kurz nach dem Krieg als ganz junger Mann Besatzungssoldat in Deutschland, am Bodensee, und dort verliebte er sich. Simon kann das zunächst überhaupt nicht fassen. Wer war sein Großvater? Er beginnt zu recherchieren und spricht mit seinen Verwandten, doch die reagieren sehr unterschiedlich, von Gleichgültigkeit über Interesse bis Ablehnung und Verleugnung ist alles dabei.
Simon erfährt von dieser Geschichte in einer Phase seines Lebens, die alles andere als einfach für ihn ist, denn nach 20 Jahren haben er und seine Partnerin, die Mutter seiner beiden kleinen Söhne, ihre Beziehung beendet. Es gab keinen konkreten Auslöser, keinen point of no return, sondern beide mussten schmerzlich erkennen, dass es schon länger nicht mehr richtig passte mit ihnen. Simon ist unendlich traurig und noch dabei, sich an das Leben ohne A., seine Partnerin, zu gewöhnen. Ihr Arrangement ist so, dass die Söhne weiterhin im gemeinsamen Haus leben, und er und A. wohnen wechselweise dort. Simon leidet unter der zeitweisen Trennung von den Jungs. Dabei, denkt er, könnte er die freie Zeit genießen, Zeit, die er, seit die Kinder auf der Welt sind, nie mehr hatte, und Dinge tun, für die keine Zeit zu haben er stets bedauerte. Doch jetzt fühlt er sich seltsam verloren. Und der teilweise Verlust seiner Söhne wirkt sich aus auf seine Gedanken über den vom (Groß-)Vater verlassenen Sohn. Wie ist es M., dem vaterlosen Sohn, und seiner Mutter ergangen? M. ist kein Einzelfall. 400.000 Kinder wurden von Besatzungssoldaten in Deutschland gezeugt, Besatzungskinder nannte man sie. Ein Teil hatte das Glück, dass die Eltern als Paar zusammenblieben und genossen so ein ganz normales Familienleben. M. und seine Mutter jedoch nicht. Haben ihre deutschen Landsleute ihr, dem Franzosenliebchen, das Leben schwer gemacht? Und M.? Hat man ihn spüren lassen, dass er ein Besatzungskind war, ein Kind, das es eigentlich nicht geben dürfte? Simon ist sehr hin- und hergerissen was er tun, was er denken soll. Zum Teil recherchiert er, zum Teil konstruiert er sich in seinen Gedanken zurecht, wie es gewesen sein könnte. Und gleichzeitig hilft ihm dieser ihm so unerwartet zugefallene Onkel, sich mit seiner eigenen Situation nach und nach zu arrangieren.
Auf nicht einmal 200 Seiten entfaltet Prudhomme zwischen zwei Buchdeckeln eine Lebens- und Familiengeschichte, die mich vollkommen in sich hinein gezogen hat. Ein wahnsinnig intensives Leseerlebnis, das mich noch lange beschäftigen wird. Wofür sich mir allerdings keine Erklärung aufdrängt ist die Frage, warum der Autor A. und M. keine vollständigen Namen zugesteht, sondern es bei den Anfangsbuchstaben belässt. Trotzdem ganz große Leseempfehlung!
Sylvain Prudhomme verbrachte seine Kindheit in verschiedenen afrikanischen Ländern, studierte in Paris Literaturwissenschaften, um danach wieder in Afrika zu arbeiten. Er hat bereits mehrere Romane geschrieben und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mit der „Junge im Taxi“ hat er mich absolut überzeugt, so dass ich weitere seiner Bücher lesen werde.
Buecherheidrun
aus Horb
5/5
01.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührendes Schicksal eines Besatzungskindes
M., „der Junge im Taxi“, hofft seinen unbekannten Vater kennenzulernen und nimmt einen weiten Weg auf sich — leider vergeblich.
Als Simon, der Ich-Erzähler, Jahre später, auf der Beerdigung seines Großvaters erfährt, dass dieser während der Besatzungszeit am Bodensee einen Sohn mit einer Deutschen gezeugt hat, gerät seine Welt ins Wanken, denn seine Mutter hat keinerlei Interesse, diesen Halbbruder zu treffen. Das Nein der Mutter, die alles Vergangene in sich begraben hat, schmerzt, „ein NEIN, wie eine Brandmauer.“ (S. 73)
Doch in Simon ist das Interesse an diesem fremden Onkel erwacht, der doch genauso zur Familie gehört, dessen Wurzeln mit seinen verbunden sind, dem ein Platz zwischen ihnen eingeräumt werden müsste. Er gerät in einen Strudel aus Fragen, wie wohl Ms Leben, der mittlerweile 80 Jahre alt sein muss, verlaufen ist, ob er glücklich, einsam, im Kreise einer Familie oder von allen verlassen war?
Er begibt sich auf Spurensuche am Rande der deutsch-französischen Geschichte, beschäftigt sich intensiv mit dem Finden seines Großonkels und Verständnishaben für seinen verstorbenen Opa, der diesen Sohn verleugnete, nicht willkommen hieß und ihm sich erst ganz spät annäherte. Eine Leerstelle im Familiengefüge, die es zu füllen gilt, zumal Simon sich selbst an einem Scheidepunkt seines Lebens befindet.
Einnehmend und poetisch schleicht sich diese Suche nach Identität und Zugehörigkeit ins Herz, wird schwer, als die Taxifahrt nicht beim ersehnten Vater, sondern beim einfühlsamen Onkel endet und geheilt durch Ms spätere Aussage „Dank euch habe ich mich wie ein Sohn gefühlt.“ (S. 128)
Ein atmosphärischer, berührender und zuweilen melancholischer Roman über das Schicksal eines von hunderttausenden gezeugten Besatzungskinder und über Schuld, Wiedergutmachung und die schmerzhaften Nachwirkungen der Vergangenheit. Sprachlich feinfühlig und zart, eine Geschichte, die ich nicht vergessen werde, die sich mit ihrer Intensität, ihrer Kraft und ihrem Wahrheitsgehalt tief ins Herz gegraben hat und die ich uneingeschränkt zum Lesen empfehlen kann.
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
09.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine verdrängte Geschichte
Der Protagonist erfährt bei der Beerdigung seines Großvaters, dass dieser als französischer Besatzungssoldat in Deutschland einen Sohn gezeugt und zurück gelassen hat. Diesem Familiengeheimnis auf der Spur, begibt er sich auf eine Suche bis nach Deutschland. Dieser Roman ist sehr spannend geschrieben und hat einen schönen Sprachstil. Zugleich weist er auf ein wichtiges Thema hin, was sowohl in Deutschland als auch Frankreich verdrängt würde. Sehr empfehlenswert.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.