Caroline Wahls dritten Roman kann man durchaus auch als Coming-of-age-Geschichte lesen wie die beiden Vorgänger. Wieder steht eine weibliche, nicht ganz unproblematische, recht eigenwillige Hauptfigur im Mittelpunkt, wieder geht es um den Aufbruch in die Zukunft, um die Ungewissenheit und die Suche nach dem eigenen Weg. Auch hier sind die Familienverhältnisse nicht unbedingt hilfreich. Auch wenn hier der familiäre Hintergrund nicht so bedrückend ist. Allerdings ist der dritte Band keine einfache Neuauflage der ersten beiden, stellt auch keine Fortsetzung dar und mag in diesem Sinne den ein oder anderen in seinen Erwartungen getäuscht haben.
Insbesondere der Tonfall ist ein ganz anderer, wir haben hier häufig eine von Spott triefende Erzählstimme im Hintergrund, die mit dem selbstverliebten, eitlen, neurotischen, egozentrischen und dabei willkürlichen bis hin zum despotischen Verlags- und Kulturbetrieb abrechnet. „Die Assistentin“ ist eine schlecht bezahlte Arbeitskraft, die ins kalte Wasser geworfen wird und von der man erwartet, dass sie von Anfang an alles richtig macht, ohne ihr zu sagen, was denn nun richtig oder falsch ist, weil das letztlich auch gar nicht möglich ist, da der Verleger so launisch und unberechenbar ist, dass man es nur falsch machen kann. Wenig hilfreich dabei sind Verlagsmitarbeiter, die ebenfalls im Dschungel der Launen versuchen, ihre Existenz im Verlag nicht nur zu sichern, sondern auch zu optimieren, und „Zweitassistentinnen“, die übefliegermäßig starten, ausgestattet mit überbordendem Selbstbewusstsein, wenig Reflexionsvermögen und noch weniger Frustrationstoleranz.
Letztlich rechnet Caroline Wahl damit nicht nur mit dem Literaturbetrieb ab, sondern mit dem Teil der Arbeitswelt, der sich die Dienste von Trainees und Praktikanten zu nutze macht, billige Arbeitskräfte auszubeuten und dann fallen zu lassen.
Trotz ihrer Schrullen und Macken ist die Protagonistin für mich eine Figur, der ich meine Sympathie aussprechen kann und der ich gerne gefolgt bin in ihrem Versuch, mit ehrlicher Arbeit und Anstand alles richtig machen und den Ansprüchen der anderen genügen zu wollen. Und die im Beruflichen und wie Privaten mit ihrer Ausdauer und Beharrlichkeit sowie der nötigen Selbstreflexion und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber doch so etwas wie innere Stärke zu entwickeln, um an den passenden Stellen dann auch einmal „Nein“ sagen zu können.
Nach wie vor nimmt mich Wahls Schreibstil, wie gewohnt, wenn auch hier ganz anders, beißender, (irr)witziger, schonungsloser, gleich mit in die Geschichte und lässt mich nicht mehr los.
Vielleicht muss man diesen Roman besser hören als selbst zu lesen, damit der Ton besser zur Geltung kommt. Auch wenn man sich an Caroline Wahls Art des Vortragens erst gewöhnen muss, ist es insbesondere ihre ausdrucksstarke, bisweilen nervtötende, aber damit hundertprozentig passende Lesart das, was die Lebenswelt, in der die Assistentin aufschlägt, noch einmal besonders stark veranschaulicht. Für mich auf jeden Fall absolut hörenswert!
Bewertung
5/5
24.10.2025
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Absolut gelungen
Ja, die Stimme und Betonung der Autorin im Hörbuch ist besonders. Sehr besonders. Aber sooo perfekt passend zum Inhalt, dass ich absolut verstehe, dass Frau Wahl es selber lesen wollte. Niemand anders hätte es in dieser Form umsetzen können. Dadurch wird das Hörbuch zu einem Gesamtkunstwerk der Autorin. Vergleiche zu ihren ersten Büchern zu ziehen ist unnötig, warum sollte man Vögel mit Fischen vergleichen? Ich bewundere, dass Frau Wahl ein ganz neues, ganz anderes und ganz besonderes Buch geschaffen hat, das eine Fülle von unterschiedlichen, allzu menschlichen Themen aufgreift, in die man eintauchen kann, in denen man sich - oder andere - wiederfinden kann, weil gut übertragbar. Und nicht zuletzt ist es ein Buch, das zur Selbstwirksamkeit inspiriert und die eigene Kraft anregt.
Bewertung
aus Heek
5/5
26.09.2025
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hefig
Die Assistentin
Bei diesem Hörbuch mochte ich besonders, dass es von der Autorin selbst gelesen wird. Die Geschichte handelt von Charlotte, die den Job als Assistentin bei einem exzentrischen Verlagsleiter in München annimmt. Eigentlich würde sie lieber etwas mit Musik machen, aber ihre Eltern möchten, dass sie etwas Richtiges macht. Charlotte versucht ihr Bestes um mit der Arbeit und dem Verlagsleiter klarzukommen, doch alles hat seine Grenzen und ihr geht es immer schlechter. Wird sie den Absprung rechtzeitig schaffen?
Das Hörbuch war erst etwas gewöhnungsbedürftig, weil die Zeitsprünge und auch die Hinweise vor dem jeweiligen Kapitel waren. Ich habe der Geschichte sehr gerne gefolgt, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass so Situationen realistisch sind.
Leselöckchen
5/5
17.09.2025
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Wahl überzeugt auch ein drittes Mal
Mit großer Vorfreude habe ich Caroline Wahls dritten Roman erwartet und wurde zum Glück nicht enttäuscht. Die Aufarbeitung toxischer Beziehungen, die sich sowohl im familiären als auch im beruflichen Umfeld der Protagonistin zeigen, ist greifbar und wirkt trotz skurriler Überspitzungen und Anekdoten glaubwürdig. Getrieben von klischeehaften, konservativen Hierarchien, aber auch vom Wunsch der jungen Charlotte nach Emanzipation, Selbstbestimmung und Autonomie, erinnert das Buch, wie von der Autorin selbst treffend beschrieben. an „eine auf Arte ausgestrahlte Indie-Variante von Der Teufel trägt Prada“. Gleichzeitig lässt es sich aber auch als etwas anderes Coming-of-Age-Roman lesen. Besonders gelungen fand ich das gelegentliche Durchbrechen der vierten Wand mit den erzählerischen Raffungen, Zeitlupen und Vorwegnahmen. Der stets spürbare Hoffnungsschimmer half mir, trotz vieler Passagen, die wütend und beinahe ohnmächtig machten, eine gewisse Distanz zur Protagonistin zu wahren. Die für Wahl mittelweile typischen Motive, wie die Auseinandersetzung mit körperlichen und psychischen Grenzen, die Liebe zur Musik und das Meer als Symbol für Heilung und Freiheit sind stimmig in den Verlauf eingebaut.
Die Hörbuchversion war anfangs gewöhnungsbedürftig. Einerseits ist es ein mutiger Schritt der Autorin, ihren Roman selbst einzulesen, wodurch ihre Stimme noch präsenter wird. Andererseits macht sich ihre fehlende Erfahrung bemerkbar, so war für meinen Geschmack die Lesegeschwindigkeit zu langsam. Obwohl das Ende mehrfach angeteasert wurde, kam es mir letztlich zu abrupt. Einige lose Fäden blieben zurück, und ein merkwürdiger Deus-ex-Machina-Moment schwächte den Abschluss. Hier hätte ich mir einen sanfteren Ausklang aus Charlottes Geschichte gewünscht.
Die teilweise negative Kritik an Wahls drittem Roman kann ich dennoch nicht nachvollziehen. Vielleicht liegt es an unserer ähnlichen popkulturellen und gesellschaftlichen Sozialisierung, die durch den geringen Altersunterschied spürbar ist. Für mich sind Wahls Bücher ein gutes Beispiel dafür, dass Gegenwartsliteratur nicht unbedingt wortgewandt, verschachtelt oder kompliziert sein muss. Sie darf auch kantig, ehrlich, manchmal ein wenig plump und klotzig sein. Und nur weil manche mit der Ausdrucks- oder Denkweise junger Menschen hadern, bedeutet das nicht, dass diese verstummen sollten oder werden. Für mich war "Die Assistentin" ein großes Lese- bzw. Hörvergnügen und ich hoffe sehr, dass wir in den kommenden Jahren noch viel mehr von Caroline Wahl hören und lesen dürfen.
Bewertung
5/5
13.09.2025
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Ein (Hör)Buch, das Leser*innen spaltet
In Caroline Wahls neuesten Roman begleiten wir Charlotte, die auf Anraten ihrer Eltern, eine Stelle als Assistentin bei einem Verleger antritt. Dieser ist bereits für einen "hohen Verschleiß" bekannt, da die Assistentinnen häufig wechseln. Doch Charlotte ist ehrgeizig und glaubt, dass sie durch ihre gute Arbeit Eindruck schinden und den Verleger ganz von sich überzeugen kann. Doch schnell wird klar, dass dieser sie ausnutzt, unterdrückt, belästigt, Grenzen überschreitet und kurzum narzisstisch ist.
Dabei wird in einigen Passagen durch einen übergeordneten Erzähler die Geschichte noch einmal wie aus Autor*in/Lektorin-Perspektive geschildert/redigiert. Es ist wieder ein sehr spezieller Schreibstil und auch ganz anders als die vorherigen Bücher. Es finden sich viele Wiederholungen (wie sie im Arbeitsalltag eben vorkommen) und Zeitsprünge bzw. Andeutungen zu zukünftigen Ereignissen, die dann wieder verworfen und später erneut aufgegriffen werden.
Ich habe Charlottes Weg als Hörbuch verfolgt und muss sagen, dass ich anfangs auch Schwierigkeiten mit dem "Vorlesen" der Autorin hatte. Ich höre eigentlich immer mit erhöhter Geschwindigkeit und das tat mir hier auch gut. Anfangs hat mich der doch eher monotone Vortragsstil irritiert, durch den Inhalt habe ich es dann aber tatsächlich als (weiteres) Stilmittel wahrgenommen.
Das Ende war etwas abrupt, wobei ich auch dieses im Rahmen der gesamten Thematik nachvollziehen konnte, der Anschnitt/das Kapitel ist beendet und das positive bleibt eher als Randnotiz zurück. Wie man auch häufig nur das negative erzählt und die positiven Aspekte hinunterfallen. Oder eben nur ein kurzer Ausblick darauf, dass es am Ende doch ganz anders kommen kann.
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