Auf den Plätzen Wiens wird seit jeher Geschichte geschrieben. Plätze sind Orte des Vergnügens, der Revolution, des Widerstands und der Spektakel. Auf Plätzen kommen Menschen zusammen und tauschen sich aus – während Krisen und in hoffnungsvollen Zeiten. Hier demonstrierten aber auch die Regierenden ihre Macht, die Plätze wurden zu Orten politischer Inszenierungen und staatspolitischer Akte, zu Bühnen, auf denen man angeblich für Gerechtigkeit sorgte und Menschen an den Pranger stellte oder gewaltsam zu Tode brachte. Eine faszinierende Stadtgeschichte in 13 Kapiteln, die ihren Anfang am Stephansplatz um ein rätselhaftes Baumrelikt nimmt, und zeigt, dass die unterirdische Welt vor dem großartigen Wahrzeichen nicht nur U-Bahn-Stationen birgt, sondern auch die 1973 entdeckte Virgil-Kapelle, den größten erhaltenen gotischen Innenraum Wiens.
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28.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Große im Kleinen sehen
Wer Wien verstehen will, kann getrost seinen Reiseführer verbrennen. Zwölf Plätze genügen! Johannes Sachslehner liefert in seinem Buch den Beweis und enthüllt den Mikrokosmos „Platz“ als Spiegel für den Makrokosmos „Metropole“. Ein öffentlicher Raum, aufgeladen mit Poesie, Politik und Polemik, den Harald Jahn in seinen Fotos atmen lässt. Schon das Inhaltsverzeichnis liest sich wie das Drehbuch einer Stadtgeschichte in zwölf Akten: vom Stephansplatz zum Heldenplatz. Sachslehner inszeniert Wien als Bühne. Die Plätze sind hier die Schauplätze für Macht und Markt, für Revolte und Ritual, für das große Erinnern (Heldenplatz) und das noch größere Vergessen (wieder Heldenplatz). Die Route führt vom einstigen Gottesacker am Stephansplatz zur heutigen City-Drehbühne, vom blutigen Pflaster Am Hof zur trügerischen Marktidylle und vom Ghetto am Judenplatz direkt in die Abgründe der Shoah. Der Ton bleibt essayistisch-gelehrt, aber nicht unnahbar akademisch. Sachslehner ist kein Professor, er ist ein Komponist: Er collagiert Stadtgeschichte mit Theorie, verwebt Anekdoten mit Zeitungsstimmen und literarischen Miniaturen zu einem Teppich, der trägt. Das liest sich anregend, ohne akademisch zu verkanten und ein Literaturverzeichnis dient als Kompass für alle, die tiefer graben wollen. Dieses Buch ist kein klassischer Reiseführer – es ist ein Denk- und Gehführer. Wer damit durch Wien streift, jagt keine Fotomotive, sondern sammelt Kontexte. Zugegeben: Die Dichte an Verweisen könnte Leser ohne Vorwissen kurz aus der Kurve tragen, doch die Fülle ist letztlich kein Makel, sie ist ein Versprechen: Hier wird niemand mit Touristenkulissen abgespeist. Fazit: Jeder Platz ein Geheimnis ist eine Stadtbiografie in zwölf Szenen, die einen Sinn für die Widersprüche hat, die Wien ausmachen. Die Plätze sind keine Dekoration, sie sind Akteure. Eine Empfehlung für Wien-Neulinge mit Lust auf Tiefgang, aber auch für Flaneure, die wissen wollen, warum ein Pflasterkreuz mehr erzählt als jede Hochglanz-Schautafel. Wer Wien so liest, wird Wien anders gehen. Es gilt: Pars pro toto. Ein Detail, ein Platz, ein Geheimnis – und plötzlich erzählt die ganze Stadt.
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