Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte die Kontrolle darüber behalten, wie man auf dieses Leben blicken wird.
Als Julian Barnes erfährt, dass er eine Krankheit hat, die für ihn tödlich sein kann, aber nicht sein muss, heißt das für ihn, die Dinge zu ordnen. Was zählt im Leben, welche Lebensphase war wichtig, oder trügt die Erinnerung? Er nimmt Abschied, indem er den Anfang und das vermeintliche Ende dieses außergewöhnlichen Schriftstellerlebens erzählt – und eine fiktive Geschichte, in der auch ganz viel Julian Barnes steckt.
Eine literarische, ehrliche Bilanz, ein Blick zurück und nach vorn von Julian Barnes, dem großen englischen Romancier, der sich vielleicht mit diesem Buch vom Schreiben verabschiedet. Schließlich weiß man nie, wann genau das eigene Leben endet.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Bewertung
aus Volketswil
5/5
24.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Abschied(e) – Ein Buch, das mich bewegt hat
Ich habe „Abschied(e)“ von Julian Barnes mit grossem Interesse gelesen und war tief berührt. Seine Sprache ist feinfühlig und einfühlsam, und er schafft es, Abschied und Verlust so ehrlich und nah zu beschreiben, dass es mich wirklich getroffen hat. Für mich ein bewegendes und klug geschriebenes Buch, das noch lange nachklingt.
Buchbesprechung
aus Bad Kissingen
5/5
20.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Literarischer Abschied eines Schriftstellers
REZENSION – Vor 15 Jahren wurde der britische Schriftsteller Julian Barnes für seinen internationalen Bestseller „Vom Ende einer Geschichte“ mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. In dem Wissen, nun selbst das Ende seiner eigenen Lebensgeschichte erreicht zu haben, verfasste er sein letztes, stark autobiografisch geprägtes Werk „Abschied(e)“, das im Januar anlässlich seines 80. Geburtstags zeitgleich mit dem Original auf Deutsch beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien.
Ausgerechnet zu Beginn der Covid-Pandemie wurde er mit einer erschreckenden Diagnose konfrontiert. „Ein Schriftsteller, im eigenen Haus unter Quarantäne gestellt, erkrankt plötzlich an Blutkrebs, während sich ringsum eine Seuche exponentiell ausbreitet. Das klingt wie ein schlechter oder doch wenig origineller Roman.“ Es ist kein Roman, den Barnes nun schrieb, sondern eine philosophische Reflexion über seine menschliche Existenz („I AM“), sein eigenes Leben und das Leben im Allgemeinen. „Meine [Krankheit] ist unheilbar, aber beherrschbar, eine ständige Begleiterin. … Unheilbar, aber beherrschbar, das klingt doch wie … das Leben selbst, nicht wahr?“ In seinem Buch sinniert er darüber, was im Leben wirklich zählt, und versucht festzuhalten, was erinnernswert bleibt, bevor die Erinnerung erlischt. „Wir wissen alle, dass Erinnerung Identität ist; nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?“.
Barnes' Buch ist einerseits die Geschichte einer Liebesbeziehung eines seit Studienzeiten mit ihm befreundeten Paares, Stephen und Jean. In jungen Jahren waren sie durch seine Vermittlung als Liebespaar zusammengekommen, hatten sich dann aber getrennt. Erst Jahrzehnte später kamen sie im frühen Alter wieder durch Barnes' Vermittlung erneut zusammen und heirateten. Aber auch diesmal trennten sie sich bald wieder. Es war eine Liebe mit Abschieden. Ein Abschied muss nicht zwingend endgültig sein, folgert Barnes daraus. Abschied kann gleichzeitig auch zu einer neuen Ankunft führen. Im Leben eines Menschen gibt es mehrere, verschiedene Abschiede – Abschiede von Personen, von Orten oder bestimmten Vorstellungen über andere und auch über sich selbst, die man im Laufe seines Lebens (vielleicht) ändert, ändern muss.
Andererseits ist „Abschied(e)“ auch ein Versuch des Autors, mit seinem eigenen Leben Frieden zu schließen. Es ist ein Essay im Stil eines Memoirs, verfasst im Bewusstsein des Alters und des bevorstehenden Abschieds vom Leben. Bezugnehmend auf Marcel Prousts fiktionale Autobiografie „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, in dem Proust die Vergangenheit mittels „unwillkürlicher Erinnerungen“ herausbeschwört und im Prozess des Schreibens nach der Wahrheit sucht, lässt uns Barnes an seinen Gedanken über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung und die Vergänglichkeit der Liebe teilhaben. Was bleibt von einer verlorenen Liebe und wie verändert sich unsere Sicht im Laufe der Zeit auf die sich über Jahre wandelnde Liebe? „Abschied(e)“ ist auch ein Text über Verluste – Barnes verlor schon 2008 seine Ehefrau nach 30-jähriger Ehe –, wie wir mit ihnen umgehen und wie Verlustgefühle sich in uns festigen, in der Erinnerung doch wieder hochkommen, obwohl wir glaubten, sie längst verarbeitet und überwunden zu haben.
Wie in Barnes' anderen Werken verwischen sich auch in „Abschied(e)“ die Grenzen zwischen individueller Wahrnehmung und faktischer Realität. Bei der Lektüre sollte man sich Zeit nehmen und bereit sein, sich auf die sehr emotionalen und philosophischen Fragen einzulassen. Der Text vermittelt einerseits eine recht melancholische Atmosphäre, wie sie wohl jedem Abschied anhängt. Doch gelingt es dem lebenserfahrenen 80-Jährigen wie von ihm gewohnt, elegant und feinfühlig zu formulieren und als „fröhlicher Pessimist“ dem Ganzen eine heitere und subtil ironische Note zu geben: „Also werden mein Krebs und ich Arm in Arm dahinzuckeln, bis ich sterbe. Und das wird, jawohl, ein Tag des Sieges sein – ich habe, im Sterben, meinen Krebs umgebracht! Barnes 1, Krebs 0 – gewonnen!“
So wirkt „Abschied(e)“ trotz aller Ernsthaftigkeit und Tiefsinnigkeit wie eine lockere Plauderei mit seinen Lesern, mit der er sich von uns verabschiedet: „In jüngeren Jahren hatte ich für mich die Regel aufgestellt, jedes Buch so zu schreiben, als wäre es mein letztes. … Dies ist definitiv mein letztes Buch – mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. … Dennoch, ich hoffe, unsere Beziehung hat Ihnen über die Jahre hinweg Freude gemacht. Mir auf jeden Fall. Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren – ja, ich wäre nichts ohne Sie.“ Und was wären wir Leserinnen und Leser ohne seine Werke?
Jürg K.
5/5
02.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine eindrückliche Lebensgeschichte
Julian Barnes hat ein stilles, kluges und zutiefst menschliches Buch geschrieben. Er wendet sich hier seinem vielleicht intimsten Thema zu, dem eigenen Leben, seinem möglichen Ende und der Frage, wie man sich selbst erzählt. Was dieses Buch besonders macht, ist seine Mischung aus Klarheit und Verletzlichkeit. Er weiß, dass die längste Strecke hinter ihm liegt, und er begegnet dieser Erkenntnis mit einer Mischung aus Ironie, Weisheit und leiser Melancholie. Der Ausgangspunkt dieser Geschichte ist die Diagnose einer Krankheit, die tödlich sein kann, aber nicht muss. Das Lesen wird bald zur eigenen Frage was im Leben zählt, eigentlich? Welche Erinnerungen tragen? Welche trügen? Und wie erzählt man ein Leben, das man selbst gelebt hat, aber nie ganz verstanden hat? Berührt beim Lesen hat mich die Art, wie er Realität und Fiktion ineinanderfliessen lässt. Es ist ein literarischer Kunstgriff, der nicht distanziert, sondern näher heranführt. Das Buch wirkt auf mich wie ein leiser Abschiedsgruss, ohne endgültig zu sein. Barnes verabschiedet sich nicht vom Leben, sondern von der Illusion, es vollständig kontrollieren zu können. Dieses Buch bewegt, weil es verbindet Lebensbilanz, Erinnerungskunst und literarische Fiktion auf elegante Weise verbindet. Es ist ein Buch, das nicht laut sein will, sondern nachhallt. Für Leser, die Tiefe, Reflexion und menschliche Wahrhaftigkeit schätzen.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
04.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Interessanter Genremix als Abschiedswerk
Der renommierte, mit einem Booker Prize ausgezeichnete, Schriftsteller Julian Barnes muss sich und anderen im reifen Alter von knapp 80 Jahren nichts mehr beweisen. Er kann einfach ein Buch ganz nach seinem Geschmack schreiben, das kein durchgängiger Roman sein muss, auch kein Memoir und keine Kurzgeschichtensammlung, sondern einfach ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, und insgesamt ganz viel Abschied, insbesondere von seinen treuen Leserinnen und Lesern.
Man beachte: bei diesem Buch steht auch auf dem Cover nicht das Wörtchen "Roman", wie auf so vielen anderen Büchern. Und es ist tatsächlich auch keiner. Das Buch beginnt mit recht philosophischen Gedanken des Autors zum Thema Erinnerungen, autobiografische Erinnerungen, spezifisch sogenannte IAMs, Involuntary Autobiographical Memories, im Englischen erinnert die Abkürzung an unsere Identität.
Von welchen Erinnerungen werden Menschen plötzlich eingeholt, an was erinnern sie sich bewusst und was bleibt im Verborgenen? Was bedeutet das für die Geschichte(n), die sie erzählen? Und was wäre, wenn wir uns an absolut alle Momente unseres Lebens erinnern könnten? Barnes denkt über Menschen nach, die nach Verletzungen so ein Gedächtnis haben, über Synästhetiker und über das, was berichtenswert ist oder nicht. Durchaus interessante Gedanken, allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wann denn nun tatsächlich eine Erzählung losgeht.
Eine solche kündigt Barnes an und diese folgt dann auch, im Grunde sogar mehrere: einen großen Teil in der Mitte des Buches nimmt seine autobiografische Erfahrung mit seiner Krebserkrankung ein: Barnes leidet an einem Krebs, der nach Angaben der Ärztinnen und Ärzte nicht heilbar, aber beherrschbar ist, und so erwartet er, zwar nicht an ihm, aber mit ihm zu sterben, irgendwann in der unbekannten Zukunft. Eingebettet ist diese Erzählung in seine nicht vorhandene Spiritualität und seine Erwartung, dass es nach dem Tode nichts geben würde, mit der er scheinbar recht gelassen umzugehen scheint.
Nach dieser persönlichen Geschichte erzählt Barnes eine von guten Freunden von ihm, einem Mann und einer Frau, die als junge Menschen ein Paar waren, sich dann aus den Augen verloren haben und Jahrzehnte später kurz wieder zusammen gekommen sind. Es geht um die Geschichte dieser Menschen, die mittlerweile verstorben sind und denen er zu Lebzeiten versprochen hat, nicht über sie zu schreiben (wenn dieses Element denn nicht auch fiktiv ist). Aber es geht auch um das Thema, ob sich etwas Altes wieder aufwärmen und vielleicht sogar erneuern lässt, und auch um Geschichten mit Anfang und Ende, denen die Mitte fehlt.
Auf den letzten Seiten wird es wieder persönlich und hier nimmt sich Barnes ausführlich Zeit für einen persönlichen Abschied von seinen Fans.
Ich habe den Inhalt dieses Buches so ausführlich beschrieben, weil es eben aus für mich sehr unterschiedlichen Inhalten, Schreibweisen und Genres zusammengesetzt ist, die durch übergreifende Themen wie Identität, Rückblick und Abschied verbunden sind.
Für mich war dieses Buch das erste von diesem Autor und ich habe mir durchaus einige interessante Impulse zum weiteren Nachdenken mitnehmen können. Insgesamt habe ich mich aber nur zum Teil als Zielgruppe dieses Werks gefühlt und hatte den Eindruck, dass es sich überwiegend an erfahrene Barnes-Leserinnen und -Leser wendet und für diese noch einmal ein persönlicher Abschied sein soll, denn wenn man seiner Ankündigung glaubt, wird es das letzte Buch des Autors gewesen sein.
Wer sich für dieses Buch näher interessiert, dem empfehle ich, für die Kaufentscheidung nicht nur in die ersten Seiten, sondern an verschiedenen Stellen hineinzulesen, da es sich, wie gesagt, um ein Buch handelt, das aus ganz unterschiedlichen Elementen zusammengesetzt ist.
Alrik Gerlach
Thalia Book Circle Community
4/5
21.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn das Leben leise Bilanz zieht
Ein Buch wie ein leises Innehalten, irgendwo zwischen Atemzug und Abschied. Julian Barnes schreibt hier nicht gegen die Zeit an, sondern schaut ihr ruhig ins Gesicht. Die Nachricht einer möglichen tödlichen Krankheit wird zum Ausgangspunkt für einen Text, der tastend, klug und erstaunlich sanft fragt, was vom Leben bleibt, wenn man beginnt, es von hinten zu betrachten.
Erinnerungen erscheinen dabei nicht als verlässliches Archiv, sondern als bewegliches Material. Was war wirklich prägend, was wurde im Rückblick größer oder kleiner erzählt? Beim Lesen entsteht das Gefühl, einem sehr privaten Denkprozess beizuwohnen, der sich nie aufdrängt, sondern Raum lässt. Gerade diese Zurückhaltung macht den Text so eindringlich. Zwischen autobiografischen Passagen und einer fiktiven Geschichte verschwimmen die Grenzen, und genau darin liegt die literarische Stärke dieses Buches.
Getragen wird Abschied(e) von einer ruhigen Melancholie, die weder pathetisch noch kalt wirkt. Barnes erlaubt sich Zweifel, Unsicherheit und auch Widersprüche. Nicht jede Passage berührt gleich stark, manches bleibt bewusst fragmentarisch, doch insgesamt entsteht ein ehrlicher, würdevoller Blick auf das Älterwerden, das Schreiben und das mögliche Ende. Zurück bleibt ein stilles Nachhallen, das lange begleitet und mehr Fragen stellt, als es Antworten gibt.
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