21 Gramm, so viel wiegt eine Seele, weiß Olga. Ungefähr so viel wie der Eisvogel, in dem die Seele ihrer Mutter fortlebt, ewig und drei Tage. Das zumindest behauptet ihr Großvater, obwohl er Arzt ist und doch eigentlich an Wissenschaft glaubt. Er ist es auch, der Olga die Wunder der Natur erklärt und in ihr die Liebe zur Medizin weckt. Denn der kühle, distanzierte Vater hat kein Verständnis dafür, dass Olga die Welt mit eigenen Augen sieht.
Dann bricht der zweite Weltkrieg in die Idylle der Uckermark ein. Die Achtzehnjährige muss fliehen, und nichts ist mehr, wie es war. Erst fünfzig Jahre später kehrt sie mit Tochter und Enkelin zurück.
Einfühlsam und berührend erzählt Anne Prettin von Schuld und Verlust, von Freundschaft und von den vielen Formen der Mutterliebe.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
aus Gechingen
5/5
08.05.2026
Modernes Antiquariat (Gebundene Ausgabe)
Eindeutig empfehlenswert
Ein wunderschönes Buch mit einem unerwarteten Ende. Manchmal konnte ich nicht verstehen, warum sich die Hauptperson Olga so komisch und für mich unverständlich benimmt. Doch am Schluss klärt sich alles auf und man kann die Beweggründe für diese unverständlichen Reaktionen nachvollziehen. Ich finde es gut, dass das Buch bis zum Schluss spannend und gleichzeitig rührend bleibt und vor allem nicht voraussehbar ist. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, weil ich bis zum Schluss wissen wollte, wie es weitergeht.
Lesefuchs - Bücher mit Herz
aus Bargteheide
5/5
01.03.2024
Buch (Taschenbuch)
Die Macht der Erinnerung
Im Februar 2023 habe ich dieses Buch gelesen, weil ich den Titel und das Cover so schön fand. Auch der Klappentext sprach mich gleich an. Die Autorin Anne Prettin kannte ich bis dato noch nicht, obwohl sich auch ihr anderes, lieferbares Buch „Die vier Gezeiten“ sehr interessant anhört.
„Der Ruf des Eisvogels“ ist eine sehr gut gemachte Familiengeschichte, bei der es hauptsächlich um die Protagonistin Olga geht. Die Rahmenhandlung spielt 1991. Olga ist gerade 66 Jahre alt geworden. Ihre Tochter Becki, die als Steinmetz arbeitet, und ihre Enkelin Sara, die Medizin studiert, laden Olga zu eine Reise ins Blaue ein. Es geht nach Ginsterburg am Schwanensee in der Uckermark – den Ort, wo Olga geboren wurde und aufgewachsen ist. Als sie erkennt, wohin die Reise geht, ist sie schockiert, denn sie hat ihre Vergangenheit und die Erinnerungen ganz tief vergraben und möchte auch nicht daran rütteln. Aber ihre Tochter und ihre Enkelin geben keine Ruhe. Sie möchten endlich mehr über ihre familiären Hintergründe erfahren, denn außer Olga kennen sie niemanden aus der Familie der Mutter/Großmutter.
Die eigentliche Handlung spielt in dem Zeitraum von 1925 bis 1956, wobei die Geschichte nicht komplett chronologisch erzählt wird. Ab 1943 springt die Autorin in der Zeit ein wenig hin und her. Sie überspringt erst einmal 4 Jahre und wir kommen nach Oldenburg, wohin Olga mit ihrer Tochter aus der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) geflohen ist. Erst später erfahren wir, was zwischen 1943 und 1947 passiert ist. Dies erhöht die Spannung ungemein, da wir beim Lesen spüren, dass in dieser Zeit etwas traumatisches passiert sein muss.
Die Geschichte von Olga hat mich sehr berührt. Sie wächst eigentlich mutter- und vaterlos bei ihrem Großvater auf. Die Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, woran der Vater ihr die Schuld gibt. Aber Olgas Großvater ist ein großartiger Ersatz. Er ist Arzt aus Leidenschaft und ordnet sich niemandem unter. Schon früh beginnt er seiner Enkelin alles zu lehren, was er weiß. Dafür nimmt er sie erst mit in die Natur, um all ihre Sinne zu schärfen, und später mit zu seinen Patient:innen, wo sie ihm assistieren darf. Für sie ist schon früh klar, dass sie in seine Fußstapfen treten und seine Praxis übernehmen will.
Olga wächst behütet und doch frei mit ihren besten Freundinnen Lotte und Annemie, den Jungen Fritz und Gero und ihrem Bruder Karl auf. Doch als aus den Kindern junge Erwachsene werden und sie die Ungerechtigkeiten des 3. Reichs besser verstehen lernen, gerät die Freundschaft der 6 jungen Menschen in Gefahr. Und im Sommer 1943 kommt es zu einem Bruch, so dass wir von da an erst einmal nur noch Olgas Weg folgen, der sie über Kühlungsborn und Oldenburg nach Freiburg im Breisgau bis zuletzt nach Plön führt, wo sie sich letztendlich als Gynäkologin niederlässt.
Was mir an dieser Geschichte so gut gefallen hat, ist, wie Anne Prettin beschreibt, wie Olga mit ihrer Vergangenheit umgegangen ist, bzw. eben nicht mit umgegangen ist. Sie hat vieles, gerade die sehr traumatischen Erfahrungen nach dem Ende des 2. Weltkriegs einfach ganz tief in ihrem Inneren vergraben und den Schlüssel dazu weggeworfen. Und das hat Folgen für sie selbst und ihr weiteres Leben, als auch für das Leben ihrer Tochter und Enkelin, was ihr allerdings nicht bewusst war. Viele von uns, die entweder Kriegskinder, Kinder der Kriegskinder oder Kriegsenkel sind, wissen wenig von der Geschichte unserer Großeltern und Eltern. Wir kennen ihre Geschichte teilweise gar nicht oder haben nur gekürzte Versionen kennengelernt. Aber was hat das mit uns und unseren Vorfahren gemacht? Viele von uns haben Ängste, die sie sich nicht erklären können, können keine Beziehungen aufbauen u.v.m.. Inzwischen wissen wir, dass wir einiges an den Traumata unserer Vorfahren übernommen haben. Und gerade dieses Thema spricht die Autorin in diesem Buch an.
Außerdem hat mich die Hauptperson Olga fasziniert. Ich habe sie dafür bewundert, wie sie ihren Weg gegangen ist. Allerdings hat dieses Leben auch seinen Tribut gefordert.
„Der Ruf des Eisvogels“ von Anne Prettin ist ein sehr gut gemachter Roman über eine starke Frau, die ihren Weg gegangen ist. 1943 musste sie früh erwachsen werden, aber sie hat sich nicht von ihrem Ziel abbringen lassen.
Bewertung
5/5
17.12.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bewegend, kurzweilig, fesselnd, bedrückend und beeindruckt
Eine Lebensgeschichte einer beeindruckenden Frau, das Buch spielt im und nach dem zweiten Weltkrieg - dadurch sind auch bedrückende Zeiten beschrieben. Die Autorin verfängt sich aber nicht in einer depressiven Stimmung, sondern beschreibt den optimistischen, starken und kämpferischen Weg der Protagonistin. Ganz nebenbei auch historisch interessant.
Cornelia
aus Garbsen
5/5
09.06.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Freundschaft und von Liebe, die mehr als hundert Leben hält.
Der Ruf des Eisvogels ist die Geschichte um Olga. Olga Blume, von ihrem Pa - also ihrem Großpapa - auch liebevoll Gänseblümchen genannt. Olga erblickte am 1. April 1925 das Licht der Welt. Genau in dem Moment, in dem ihre Mutter Elli Blume starb. Elli Blume war zu der Zeit mit ihrem Mann Otto und ihrem kleinen Sohn Karl allein zu Haus. Pa - also Olgas Großpapa - war zu der Geburt Ellis Freundin Ira geeilt, die genau an dem Tag zur selben Stunde ihre Tochter erwartete.
Während die Seele von Elli Blume durchs offene Fenster entschwindet, macht Olga ihren ersten Atemzug und ein Eisvogel schaut zum Fenster herein. 21 Gramm wiegt der kleine Racker - so viel, wie eine geliebte Seele wiegt.
Olga wächst zwar bei ihrem Vater Otto und ihrem Bruder Karl auf, wird aber von Pa gehegt, umsorgt und mit allerlei spannendem Wissen über Medizin und die Wunder der Natur versorgt. Mit ihrer pragmatischen und dabei sehr liebevollen Art wächst mir Olga nach und nach ans Herz.
"Seit sie klein ist, geht sie mit ihm Gesundheit pflücken. Schließlich dienen ihm alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel als Apotheken, so hat zumindest der große Paracelsus es behauptet." - Seite 49
Anne Prettin macht es mir als Leserin sehr leicht Olga ins Herz zu schließen. Auf der anderen Seite hält sie die ganzen 464 Seiten lang die Spannung, wie sich die Geschichte um Olga schlussendlich entwickelt und sich die Auflösung der Geschichte bis zum Tag des Wiedersehens gestaltet. In verschiedenen Rückblenden in die Kindheit, die Jugend, die frühen Erwachsenenjahre und die Zeit des zweiten Weltkrieges bekomme ich einen lebendigen Einblick in das Leben, das Olga führt. Ich spüre die Last der Verantwortung, die sie trägt. Ich wünsche mir für Olga ein anderes, leichteres Leben und doch kann ich nachvollziehen, dass sie die Bürde trägt - auch wenn ich Meilen von der Wahrheit entfernt bin.
Anne Prettin hat einen für mich sehr bildhaften Erzählstil. Ich könnte jederzeit an jedem Ort tatsächlich dabei gewesen sein, so eindrücklich ist das Geschehen erzählt, so präsent sind die Charaktere, mit solch einer Wucht sind die geschichtlichen Ereignisse beschrieben.
"Aber waren die Schatten nicht schon immer ein Teil von dir? Schon als kleines Mädchen hast du geglaubt, du müsstest dir deinen Platz in der Welt verdienen, als stünde dir nichts zu." - Seite 442
Ich erwische mich beim Lesen dabei, dass ich hoffe, dass niemand an die Tür klopft und um Einlass bittet. Als hätte ich jemanden versteckt. Als hätte ich etwas zu verbergen. Und doch sehe ich mich Olga so verbunden, dass ich ihr Geheimnis mit bewahre, sie schütze, auch wenn ich ihr Geheimnis noch nicht in Gänze kenne. Ich vertraue ihr.
"Mehr kann man doch für einen anderen Menschen nicht tun, als ihn zu heilen und dafür zu sorgen, dass er weiterleben und -lieben kann." - Seite 278
Wann immer ich von Pa´s Gänseblümchen lese, habe ich die Gewissheit, wie rein diese Liebe von Großvater zur Enkelin ist. Das Vertrauen, das Zutrauen und der Werdegang. Diese Gewissheit macht mich froh und weckt Zuversicht in die Zukunft. Solange es Menschen wie Pa und Olga gibt, ist unsere Welt zu retten. Und all die Menschen darin.
"Wie Mamme immer sagte: "Man begegnet in seinem Leben vielen Leuten, aber nur wenigen Menschen." - Seite 271
Und ich erfahre von Pa, dass es zwar Zeit braucht, aber jeder Lebensabschnitt einen eigenen Herbst hat.
"Olga steckt sich den Herbst in die Manteltasche, drei Kastanien sowie eine Handvoll gelbgrüner, ockerfarbener und weinroter Ahornblätter, die sie im Botanischen Garten auf dem Weg zur Universität aufgelesen hat. Das wird ihr Glück bringen. Pa sagte immer, Herbst sei ein uraltes Wort für Ernte, und die müsste man einfahren, wenn die Zeit reif dafür sei." - 315
Dank Olga weiß ich nun, dass ich nicht bis zum Herbst des Lebens warten muss, um die Ernte einzufahren. Sondern genau dann, wenn es Zeit ist zu ernten. Denn dann ist Herbst.
Der Ruf des Eisvogels ist eine fiktive Geschichte und erzählt doch aus der Geschichte von Jochen Prettin, dem Vater der Autorin. In der Danksagung erzählt Anne Prettin, wieviele Parallelen zur Geschichte es gibt. Und auch das war für mich als Leserin noch einmal spannend zu erfahren.
Ich habe noch ganz viele Stellen im Buch markiert und freue mich schon heute, das Buch immer mal wieder zur Hand zu nehmen und die klugen Sätze von Anne Prettin zu lesen und ihr innerlich Recht zu geben, zu schmunzeln und den Menschen dieser Welt genug Raum zu geben, dass sie gegen all die Leute bestehen können.
Liebe Anne Prettin, ich freue mich sehr hoffentlich bald wieder von Ihnen zu lesen.
Fazit
Der Ruf des Eisvogels ist für alle, die eine ruhig und bildhaft erzählte Geschichte genießen wollen. Für die Lektüre der Geschichte habe ich mehrere Tage benötigt. Die Zeit des intensiven Lesens und Verinnerlichens ist es allemal wert. Viel Freude an all die Menschen, die Der Ruf des Eisvogels für sich entdecken.
lese_freiheit
5/5
23.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mehr als nur ein Familienroman
Am 1. April 1925 erblicken Olga und ihre beste Freundin Lotte in der beschaulichen Uckermark das Licht der Welt. Es ist auch der Moment, in dem Olgas Mutter stirbt und ein Eisvogel auftaucht. Olgas Großvater erzählt ihr später, dass die Seele eines Menschen 21 Gramm wiegt und damit genauso viel, wie die kleine Eisvogeldame, die fortan jedes Jahr am Geburtstag von Olga auftaucht und damit zum Sinnbild einer mütterlichen Präsenz wird. Da ihr Vater sie selbst indirekt für den Tod der Mutter verantwortlich macht, behandelt dieser Olga von Anfang an wie Luft. Die Rolle des Ersatzvaters übernimmt ihr Großvater, auch Pa genannt. Er ist Gynäkologe und erkennt schon früh Olgas Interesse an der Medizin. Er nimmt sie fortan bei seinen Untersuchungen mit, vermittelt ihr nebenbei viel medizinischen Fachwissen und stellt damit schon früh die Weichen für ihre spätere Berufswahl.
Olgas Jugend steht unter dem Schatten des Hakenkreuzes. Im Gegensatz zu einigen anderen lässt sie sich, auch dank der neutralen Einstellung ihres Großvaters, nicht von der Propaganda indoktrinieren. Stattdessen richtet sie eine geheimen Praxisraum ein, in dem sie heimlich verletzte Zwangsarbeitern medizinisch versorgt.Gleichzeitig wird der Erwartungsdruck größer, sich gegen ihr Herz und gegen ihre Träume zu entscheiden und die Rolle als Hausfrau und Mutter einzunehmen.
Nach Kriegsende sieht sie sich gezwungen, zusammen mit ihrer Tochter Becki in den Westen zu fliehen und möchte Ginsterburg gerne für immer hinter sich lassen.
Die schmerzhafte Vergangenheit holt sie erst wieder ein, als Tochter und Enkelin sie an ihrem 66. Geburtstag mit einer Fahrt in ihre Heimat überraschen.
Nicht nur für die Charaktere beginnt hier ein Wechselbad der Gefühle über den langen Zeitraum einer bewegenden, komplexen und lebendig erzählten Lebensgeschichte.
Die vielen Fragmente, aus denen diese besteht, setzt sich nach und nach, zu einen beeindruckenden Bild zusammen.
Die Handlung wechselt dabei immer wieder zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart im Jahre 1991. Zugegebenermaßen hatte ich zwar einen unterhaltsamen Familienroman erwartet und wurde von der enthaltenden Spannung, Lebendigkeit und Vielschichtigkeit etwas überrascht.
Der Fokus liegt auch nicht etwa auf die Thematik des Nationalsozialismus. Vielmehr werden der Kampf um Freiheit und Emanzipation gemeinsam mit der Zeitgeschichte zu einer emotional sehr berührenden Romanerzählung verwoben. Von mir gibt es für dieses Buch auf jeden Fall eine Leseempfehlung.
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