21 Gramm, so viel wiegt eine Seele, weiß Olga. Ungefähr so viel wie der Eisvogel, in dem die Seele ihrer Mutter fortlebt, ewig und drei Tage. Das zumindest behauptet ihr Großvater, obwohl er Arzt ist und doch eigentlich an Wissenschaft glaubt. Er ist es auch, der Olga die Wunder der Natur erklärt und in ihr die Liebe zur Medizin weckt. Denn der kühle, distanzierte Vater hat kein Verständnis dafür, dass Olga die Welt mit eigenen Augen sieht.
Dann bricht der zweite Weltkrieg in die Idylle der Uckermark ein. Die Achtzehnjährige muss fliehen, und nichts ist mehr, wie es war. Erst fünfzig Jahre später kehrt sie mit Tochter und Enkelin zurück.
Einfühlsam und berührend erzählt Anne Prettin von Schuld und Verlust, von Freundschaft und von den vielen Formen der Mutterliebe.
Ein wunderschönes Buch mit einem unerwarteten Ende. Manchmal konnte ich nicht verstehen, warum sich die Hauptperson Olga so komisch und für mich unverständlich benimmt. Doch am Schluss klärt sich alles auf und man kann die Beweggründe für diese unverständlichen Reaktionen nachvollziehen. Ich finde es gut, dass das Buch bis zum Schluss spannend und gleichzeitig rührend bleibt und vor allem nicht voraussehbar ist. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, weil ich bis zum Schluss wissen wollte, wie es weitergeht.
Die Macht der Erinnerung
Lesefuchs - Bücher mit Herz aus Bargteheide am 01.03.2024
Bewertungsnummer: 2143386
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Im Februar 2023 habe ich dieses Buch gelesen, weil ich den Titel und das Cover so schön fand. Auch der Klappentext sprach mich gleich an. Die Autorin Anne Prettin kannte ich bis dato noch nicht, obwohl sich auch ihr anderes, lieferbares Buch „Die vier Gezeiten“ sehr interessant anhört.
„Der Ruf des Eisvogels“ ist eine sehr gut gemachte Familiengeschichte, bei der es hauptsächlich um die Protagonistin Olga geht. Die Rahmenhandlung spielt 1991. Olga ist gerade 66 Jahre alt geworden. Ihre Tochter Becki, die als Steinmetz arbeitet, und ihre Enkelin Sara, die Medizin studiert, laden Olga zu eine Reise ins Blaue ein. Es geht nach Ginsterburg am Schwanensee in der Uckermark – den Ort, wo Olga geboren wurde und aufgewachsen ist. Als sie erkennt, wohin die Reise geht, ist sie schockiert, denn sie hat ihre Vergangenheit und die Erinnerungen ganz tief vergraben und möchte auch nicht daran rütteln. Aber ihre Tochter und ihre Enkelin geben keine Ruhe. Sie möchten endlich mehr über ihre familiären Hintergründe erfahren, denn außer Olga kennen sie niemanden aus der Familie der Mutter/Großmutter.
Die eigentliche Handlung spielt in dem Zeitraum von 1925 bis 1956, wobei die Geschichte nicht komplett chronologisch erzählt wird. Ab 1943 springt die Autorin in der Zeit ein wenig hin und her. Sie überspringt erst einmal 4 Jahre und wir kommen nach Oldenburg, wohin Olga mit ihrer Tochter aus der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) geflohen ist. Erst später erfahren wir, was zwischen 1943 und 1947 passiert ist. Dies erhöht die Spannung ungemein, da wir beim Lesen spüren, dass in dieser Zeit etwas traumatisches passiert sein muss.
Die Geschichte von Olga hat mich sehr berührt. Sie wächst eigentlich mutter- und vaterlos bei ihrem Großvater auf. Die Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben, woran der Vater ihr die Schuld gibt. Aber Olgas Großvater ist ein großartiger Ersatz. Er ist Arzt aus Leidenschaft und ordnet sich niemandem unter. Schon früh beginnt er seiner Enkelin alles zu lehren, was er weiß. Dafür nimmt er sie erst mit in die Natur, um all ihre Sinne zu schärfen, und später mit zu seinen Patient:innen, wo sie ihm assistieren darf. Für sie ist schon früh klar, dass sie in seine Fußstapfen treten und seine Praxis übernehmen will.
Olga wächst behütet und doch frei mit ihren besten Freundinnen Lotte und Annemie, den Jungen Fritz und Gero und ihrem Bruder Karl auf. Doch als aus den Kindern junge Erwachsene werden und sie die Ungerechtigkeiten des 3. Reichs besser verstehen lernen, gerät die Freundschaft der 6 jungen Menschen in Gefahr. Und im Sommer 1943 kommt es zu einem Bruch, so dass wir von da an erst einmal nur noch Olgas Weg folgen, der sie über Kühlungsborn und Oldenburg nach Freiburg im Breisgau bis zuletzt nach Plön führt, wo sie sich letztendlich als Gynäkologin niederlässt.
Was mir an dieser Geschichte so gut gefallen hat, ist, wie Anne Prettin beschreibt, wie Olga mit ihrer Vergangenheit umgegangen ist, bzw. eben nicht mit umgegangen ist. Sie hat vieles, gerade die sehr traumatischen Erfahrungen nach dem Ende des 2. Weltkriegs einfach ganz tief in ihrem Inneren vergraben und den Schlüssel dazu weggeworfen. Und das hat Folgen für sie selbst und ihr weiteres Leben, als auch für das Leben ihrer Tochter und Enkelin, was ihr allerdings nicht bewusst war. Viele von uns, die entweder Kriegskinder, Kinder der Kriegskinder oder Kriegsenkel sind, wissen wenig von der Geschichte unserer Großeltern und Eltern. Wir kennen ihre Geschichte teilweise gar nicht oder haben nur gekürzte Versionen kennengelernt. Aber was hat das mit uns und unseren Vorfahren gemacht? Viele von uns haben Ängste, die sie sich nicht erklären können, können keine Beziehungen aufbauen u.v.m.. Inzwischen wissen wir, dass wir einiges an den Traumata unserer Vorfahren übernommen haben. Und gerade dieses Thema spricht die Autorin in diesem Buch an.
Außerdem hat mich die Hauptperson Olga fasziniert. Ich habe sie dafür bewundert, wie sie ihren Weg gegangen ist. Allerdings hat dieses Leben auch seinen Tribut gefordert.
„Der Ruf des Eisvogels“ von Anne Prettin ist ein sehr gut gemachter Roman über eine starke Frau, die ihren Weg gegangen ist. 1943 musste sie früh erwachsen werden, aber sie hat sich nicht von ihrem Ziel abbringen lassen.
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