Ein großer Roman über ein kleines Theater: die Augsburger Puppenkiste.
Ein zwölfjähriges Mädchen gerät nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: die Prinzessin Li Si, Kater Mikesch, Lukas, der Lokomotivführer. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat und nun ihre Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernt und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. »Herzfaden« erzählt von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit und von der Wiedergeburt dieses Theaters. Nach dem Krieg gibt Walters Tochter Hatü in der Augsburger Puppenkiste Waisenkindern wie dem Urmel und kleinen Helden wie Kalle Wirsch ein Gesicht. Generationen von Kindern sind mit ihren Marionetten aufgewachsen. Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes, seit in der ersten TV-Serie im westdeutschen Fernsehen erstmals Jim Knopf auf den Bildschirmen erschien.
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Ein Leben für die Marionetten
Herbstrose (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 20.06.2026
Bewertungsnummer: 3173022
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Nach einer Aufführung in der Augsburger Puppenkiste erkundet ein neugieriges Mädchen das Gebäude, öffnet eine geheime Tür und gelangt so auf den Dachboden, wo die Marionetten aufbewahrt werden. Dort geschieht Magisches. Das Mädchen schrumpft auf Größe der Puppen, diese werden lebendig und unterhalten sich mit ihr. Dann kommt auch noch eine altmodisch gekleidete Dame dazu, die sich als „Hatü“ vorstellt. Es ist Hannelore, die Tochter des Gründers des Puppentheaters und Schnitzerin der meisten Figuren. Sie erzählt von ihrer Familie, von den Anfängen des Theaters, von der Zerstörung im II. Weltkrieg, vom Wiederaufbau und vom endgültigen Erfolg bis hin zu den ersten Aufführungen im Fernsehen …
Thomas Hettche, geb. 1964 in Treis, Ldkr. Gießen, ist ein deutscher Schriftsteller und Essayist. Nach seinem Schulabschluss studierte er von 1984 bis 1991 Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie in Frankfurt/Main und war danach als Dozent, Lehrbeauftragter, künstlerischer Gast und Honorarprofessor an verschiedenen Universitäten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er auch journalistisch tätig. Hettche hat zwei Töchter und lebt heute, nach längeren Aufenthalten in Venedig, Krakau, Rom und Los Angeles, als freier Schriftsteller in Berlin und im Vogelsberg.
Wer kennt sie nicht die legendär gewordenen Figuren, Urmel aus dem Eis, Jim Knopf, Kater Mikesch, Lukas der Lokomotivführer oder Kalle Wirsch – Figuren, die die Generation unserer Eltern und auch uns in unserer Kindheit erfreut und begeistert haben? In seinem Roman „Herzfaden“ (2020, Kiepenheuer & Witsch) bietet uns der Autor Thomas Hettche einen liebevollen Blick hinter die Kulissen der Augsburger Puppenkiste mit seinen hölzernen Marionetten und lässt gleichzeitig das Leben von Hannelore Marschall-Oehmichen, genannt „Hatü“, der Tochter des Gründers Walter Oehmichen, Revue passieren. Beide Handlungsstränge lassen sich auch sehr gut getrennt lesen, da sie in unterschiedlichen Farben gedruckt sind, die Geschichte der Familie Oehmichen in Blau und die märchenhaften Erlebnisse des Mädchens auf dem Dachboden in Rot. Beide Teile sind chronologisch aufgebaut und in dem beinahe magisch zu nennenden Schreibstil des Autors sehr gut lesbar. Hettche scheut sich auch nicht, auf Missstände im Dritten Reich, auf Judenverfolgung, traumatisierte Kriegsversehrte, Hunger und Elend in der Nachkriegszeit hinzuweisen, sodass eine lehrreiche, vielschichtige Geschichte von 1939 bis in die 60er-Jahre entstanden ist.
Fazit: Ein Buch, das ich jedem Fan der Augsburger Puppenkiste und seiner Marionetten wärmstens empfehlen möchte!
Mehr als ein Roman
Bewertung am 04.02.2022
Bewertungsnummer: 1650551
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Herzfaden" ist tiefgründige und tiefgehende Literatur: Thomas Hettche wählt dafür zwei ineinander verwobene Erzählebenen: Die eine ist einer Parabel gleich - die andere zeigt die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste, die Menschen hinter der Bühne, die Macher des Puppentheaters mit samt ihren Wünschen und Träumen vor dem Hintergrund der erschreckenden und bewegenden Geschehnisse im 20. Jahrhundert. Die Frage sei erlaubt: Hat sich jetzt der Blick auf die Figuren der Augsburger Puppenkiste verändert - auf Hänsel und Gretel, auf den gestiefelten Kater, auf Jim Knopf, auf das Urmel, ... ? Hat nun alles eine neue, andere Bedeutung bekommen?
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