Auf Platz 10 der Sachbuch-Bestenliste von Deutschlandfunk Kultur, ZDF und DIE ZEIT im Juni 2025
Glamour entsteht, wo sich Schönheit und Eleganz öffentlich inszenieren und in den bewundernden Blicken der Zuschauer spiegeln. Opulent und doch prekär, ganz präsent und doch kaum nahbar, ist die glamouröse Erscheinung eigens für den Moment geschaffen und beansprucht doch Dauer.
Seine hohe Zeit hatte Glamour in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Aura der Leinwandstars das Kinopublikum in Bann zu schlagen vermochte. Er braucht das Rampenlicht, setzt Eigensinn und Risikobereitschaft voraus, ist verschwenderische Lust an der Selbstinszenierung. Glamour entfaltet seine Wirkung fast schockartig, verschlägt den Atem, macht sprachlos. Wer ihm begegnet, verlässt die Niederungen des Alltags.
Obwohl wir heute im öffentlichen Raum fast ausschließlich von ästhetischer Tristesse umgeben sind, scheint das Verlangen nach solchen glanzvollen Auftritten zaghaft wiederaufzuleben. Ute Cohen jedenfalls erkennt in unserer Gegenwart ermutigende Anzeichen dafür, dass der Glamour seine bezwingende Strahlkraft nicht verloren hat.
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Glamour – Ein kluger,…
Bewertung am 27.07.2025
Bewertungsnummer: 2950847
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Glamour – Ein kluger, tiefgründiger Blick auf ein oft unterschätztes Phänomen Mit „Glamour“ gelingt Dr. Ute Cohen ein ebenso faszinierendes wie intellektuell anspruchsvolles Werk über ein Thema, das in unserer Gegenwart omnipräsent ist und doch selten wirklich durchdrungen wird. Zumindest bei mir stand es nicht wirklich auf dem Radar. Statt sich mit oberflächlichen Klischees über Glanz, Glitzer und Mode zufrieden zu geben, entblättert Cohen das Konzept des Glamours Schicht für Schicht (von ihrer Etymologie zur Aktualität)und offenbart dabei seine soziale, politische wie kulturelle Sprengkraft. Was das Buch so besonders macht, ist Cohens Fähigkeit, analytische Schärfe mit erzählerischer Eleganz zu verbinden. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Geschichte, Philosophie, Kunst und Medienkultur. Von Marlene Dietrich bis Naomi Campbell, von Susan Sontag bis Hannah Arendt – die Autorin spannt einen bemerkenswerten Bogen zwischen Persönlichkeiten, Theorien und Zeitgeistphänomenen, ohne je belehrend zu wirken. Glamour erscheint hier nicht als seichte Oberfläche, sondern als Inszenierung von Macht, als Ausdruck von Distinktion und als Spiegel unserer tiefsten Sehnsüchte nach Sichtbarkeit, Individualität und Transzendenz. Besonders spannend: Cohen argumentiert, dass Glamour eine Art ästhetischer Ausnahmezustand sein kann – ein Zustand, in dem das Alltägliche durch das Außergewöhnliche überhöht wird. Das macht „Glamour“ nicht nur zu einem Buch über Ästhetik, sondern auch über soziale Mechanismen und psychologische Projektionen. Mein Fazit: Ein tiefgründiges, kluges und stilistisch brillantes Buch, das die Bedeutung von Glamour im 21. Jahrhundert neu definiert. Pflichtlektüre für alle, die sich mit Kultur, Ästhetik, Gesellschaft oder Machtstrukturen befassen – und für jene, die verstehen möchten, wie stark visuelle Symbolik unsere Welt ordnet. Eigentlich auch für jeden Leser. ️ Tipp: Ich hatte das große Vergnügen, mit Dr. Ute Cohen in meinem Podcast „The Entrepreneurial Adventurer“ über ihr Buch und ihren Werdegang zu sprechen. Es war ein ebenso inspirierendes wie pointiertes Gespräch über Kreativität, Mut und das Spiel mit Schein und Sein. Ich habe die Autorin auch als Person wie Autorin kennen gelernt und kann ihre Arbeit sehr empfehlen. Sie bringt einen zur Reflexion und bereichert jeden mit ihrer Erfahrung, ihren Gedanken und ihrem Dialog. Also unbedingt lesen – und gerne auch das Interview anschauen!
Glamour (aus dem Schottischen)…
LichtundSchatten am 24.03.2025
Bewertungsnummer: 2930430
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Glamour (aus dem Schottischen) ist eine Art Zauberspruch oder eine Verhexung, so glänzt eine Person oder Sache besonders prunkvoll oder betörend elegant, oft schockartig. Der Unterschied zum Alltäglichen wird zur Spannungssteigerung. Das Buch von Ute Cohen zeigt auf, wo kunstvolle Inszenierungen waren oder noch sind, warum sie vergangen sind / vergehen, und ob man noch Hoffnung auf Besserung haben könnte. Der Einstieg über Ava Gardner vermittelt Glamour als etwas unerklärlich Anhaftendes, mit dem Schwächen überspielt und in ihr Gegenteil gedreht werden können. Diese Frau wusste, dass sie keine gute Schauspielerin war, trotzdem aber wurde sie als Filmgöttin verehrt. Ihre flirrende Eleganz faszinierte und zog Zuschauer in ihren Bann. „Glamour ist elegant und wild, entfaltet sich erst im Widerstreit.“ Heute aber wird diese Leuchtkraft von den meisten abgelehnt. „Der glanzlose Auftritt simuliert eine moralisch makellose Geisteshaltung.“ Glamour ist heute Maskerade, die Kunst sich lustvoll zu exponieren wird als Blendung erlebt, nicht als Verzauberung. Und doch gibt es Licht am Ende des Tunnels, glanzvolle Auftritte könnten bald wieder ihre Strahlkraft entfalten. Denn das Leben hält sich oft in den nicht benennbaren, riskanten Zwischenräumen auf, aus denen neue Kraft, Magie und Energie entstehen können. Ein Kult der Echtheit ist das Contra zum Glamour, der sich über die „Einpökelung abgestorbener Dinge“ am Leben halten will. Seine kalte Demonstranz aber scheint nur ein Zeichen für das Ende einer Epoche. „Die Bühnen unseres Landes verkommen mehr und mehr zu moralischen Erziehungsanstalten, in denen herrschenden Vorstellungen von Geschlechter- und Sprachgerechtigkeit Genüge getan werden muss, anstatt menschliche Experimentierfreude in Szene zu setzen und auch dem Abgründigen eine künstlerische Form zu verleihen.“ Schon lange war ich bei keiner Theateraufführung mehr und der folgende Satz von Ute Cohen spricht mir aus der Seele: „Die Bühne verwandelt sich entweder in ein steriles Labor normversessener, vermeintlich progressiver Sprechpraktiken oder in ein fetischistisches Sch…haus.“ Vielfalts- und Minoritätenbesessenheit denkt Menschen permanent als Opfer und gibt alle aufklärerischen Impulse auf, so Ute Cohen. Dabei werden neue Dinge inszeniert, die im Gleichklang von Schönheit und Gutem sogar zeigen und sagen kann: „Ich werde tun, was schön ist für Allah.“ Moralische Unanfechtbarkeit wird also mit einer Umdeutung des Schönen hin zu religiösen Verhüllungen zelebriert. Die Influencerinnen verstecken ganz züchtig ihr Gesicht hinter Blumen und Handykameras. Islamische Sprachwissenschaftlerinnen fragen sogar: „Was macht säkulare Sprache mit unserer Spiritualität?“ Solche Leute definieren rationales Handeln mithin als Fehler! Liberale Gesellschaften sind für sie ein Rahmen, der zu fehlerhaftem Handeln führt. „Das Haus der Tugendprahler aber ist auf Sand gebaut.“ Die Autorin vermittelt jene Aktionen/Ideen, die dem woken Wahn Glamour entgegensetzen, der mit kreativer Lust alle lächerlich macht, die sich zu sehr als Spaßverderber benehmen, sei es aus moralischer oder berechnender ideologischer Motivation. Mein Lieblingssatz aus diesem Buch: „Das Leben hält sich in den nicht benennbaren Zwischenräumen auf.“ Es entspricht einem anderen Satz, den ich mag und in diesem Buch wiedergefunden habe: „Regeln sind Krücken für kreativ Lahme.“ Wer sich zu vielen Regeln unterwirft und den GlamourFaktor aus dem Leben streicht, verliert alle Überraschungen und zieht sich in die Langeweile zurück. Es gibt wenig Zitate zum Thema Glamour, gefunden habe ich dieses von Walter Fürst, einem Schweizer: „In unserem Gedächtnis treibt sich viel Glamour herum, zuviel Sonntägliches, Ehrwürdiges, Sakrifiziertes und Heroisiertes, erdfreie, bodenfremde Begriffe, die Gespenstern dienstbar sein mögen – doch in den Hausrat eines biederbeinigen Menschen gehören sie nicht.“ Biederbeinige Menschen und Tugendprahler sind wohl identisch und der direkte Feind von Glamour als einem wesentlichen Faktor für Überraschung, Herausforderung, Kreativität und revolutionärem Denken. Ein sehr gelungenes Buch mit 11 Kapiteln, die Raum geben für weite Sätze der Phantasie in jenen Zwischenräumen, die unser Leben ausmachen als einem Mix aus Ratio, Emotion, Antrieb und neuem Schaffen.
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