Der neue Roman von SPIEGEL-Bestsellerautor Thomas Hettche jetzt als TB - Eine Idylle, die zur Bedrohung wird. Ein Erzähler, der plötzlich alles in Frage stellt.
Ein einsames Haus in den Bergen und eine Naturkatastrophe, nach der ein Schweizer Kanton sich plötzlich lossagt von unserer Gegenwart. Thomas Hettche erzählt, wie er nach dem Tod seiner Eltern in die Schweiz reist, um das Ferienhaus zu verkaufen, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Doch was ist hier Autobiografie, was Roman? Ein Bergsturz hat das Rhonetal in einen riesigen See verwandelt und das Wallis zurück in eine mittelalterliche, bedrohliche Welt. Sindbad und Odysseus haben ihren Auftritt, Sagen vom Zug der Toten Seelen über die Gipfel, eine unheimliche Bischöfin und Fragen nach Gender und Sexus, Sommertage auf der Alp und eine Jugendliebe des Erzählers. In grandiosen Schilderungen taucht Thomas Hettche ein in die Natur und die vergessene Lebensform ihrer Bewohner. Im Kern aber kreist »Sinkende Sterne« um die Fragen, was es in den Umbrüchen unserer Zeit zu verteidigen gilt und welcher Trost im Erzählen liegt.
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Wirkmächtigkeit von Literatur…
Bories vom Berg aus München am 08.12.2025
Bewertungsnummer: 2974584
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wirkmächtigkeit von Literatur Für seinen dystopischen Roman mit dem kryptischen Titel «Sinkende Sterne» hat Thomas Hettche ein kurioses Szenarium ersonnen, in dem er auf kunstvolle Art seine These von der universellen Schönheit herauf beschwört. Gleich zu Beginn wird er deutlich: «Was uns interessierte, war der Raum von Freiheit jenseits der Moral. Doch die Klugheit des Ästhetizismus ist schon immer auch seine Dummheit gewesen». Das mit unzähligen Referenzen und Verweisen durchmischte Buch zitiert ein Interview mit Isabelle Huppert, in dem sie Männer als «sinkende Sterne» bezeichnet hat, wobei der Autor denn auch gleich auf Odysseus und Sindbad verweist, die ja bekanntlich im Meer versunken seien. So wie er auf die universelle Schönheit als Thematik seines Romans setzt, verwehrt er sich gleichermaßen vehement gegen einen ideologisch bedingten Missbrauch der Literatur. Keine leichte Lektüre, soviel vorab! Eine schriftliche Vorladung aus der Schweiz ruft den Ich-Erzähler, der auf den Namen Thomas Hettche hört (sic!), in die Schweiz, wo seine Eltern vor Jahrzehnten ein Chalet im Kanton Wallis gekauft haben, in dem er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Er hat gerade seine Stelle an der Uni verloren, weil von den wenigen zu seinem Seminar angemeldeten Studenten schon bald nur noch einer übrig geblieben ist, denn diese Thematik war offensichtlich aus der Zeit gefallen. Ein Erdrutsch von apokalyptischem Ausmaß hatte vor Jahren das Tal der Rhone verschüttet. Der in Folge entstandene See hat viele Dörfer im Wallis überflutet, der gewaltige Naturdamm ist danach zu einer deutsch-französischen Sprachgrenze geworden, die auch zu einer politischen Trennung geführt hat. Auf dem Amt eröffnet ihm nun der Kastellan, dass die ererbte Immobilie enteignet werden müsse, weil er Nicht-Schweizer sei. Hilfe suchend wendet sich der Schriftsteller auf Rat des Notars an die einflussreiche Bischöfin, die er in einer surrealen Szene in der Kirche bei der Messe antrifft. Sie verspricht ihm danach in Eile, sich für ihn einzusetzen, legt dabei schon Stück für Stück ihr bischöfliches Talar ab und knöpft dann auch noch ihr langes Unterkleid auf. Unter dem ist sie nackt, und er sieht erstaunt, dass sie einen Penis hat. Der Ich-Erzähler befindet sich in einer veritablen Lebenskrise und beschließt, erstmal in das jahrelang unbewohnte Haus einzuziehen. Nicht weit entfernt wohnt seine ehemalige Jungendfreundin Marietta mit ihrer kleinen Tochter. Sie erzählt ihm von den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich nach der Naturkatastrophe ereignet haben, und weiht ihn ein in die Mythen und Sagen, die das Leben in dem abgeschotteten Tal nun, wie einst im Mittelalter, deutlich wieder beeinflussen. Der lebensfremd wirkende und entschluss-unfähige Ich-Erzähler hat die Bodenhaftung jedenfalls eindeutig verloren und scheint zudem extrem bindungsarm zu sein. Er stellt eine wenig überzeugende, zentrale Figur dar, zu der man kaum emotionale Nähe aufzubauen vermag. Dieser handlungsarme Roman ohne erkennbares Ziel ist ein Sammelsurium von Reflexionen, Verweisen, Zitaten und essayistischen Notizen zum Thema Literatur und deren Quellen. In dem Selbstfindungs-Prozess des Protagonisten sind Gedanken eingewoben, die zum Nachdenken anregen und unbedingt auch ein ständiges Mitdenken erfordern. Fast beherrschend, und mit der Zeit leider zunehmend immer langweiliger werdend, erscheint beim Lesen die schiere Fülle von Naturbeschreibungen. Seien es die der alpinen Flora oder die der höhenbedingt wechselnden Fauna, die da immer wieder erneut beschrieben und bewundert werden. Gefühlt hundert Mal hört man die Krähen über dem Haus krakeelen, von Wind, Wolken, Regen und Schnee ganz zu schweigen! Literarisch als ein Abgesang auf die Postmoderne angelegt, ist dieser zwischen magischem Realismus, Heimat-Opus und angedeuteter Liebelei in ländlicher Kulisse angesiedelte Roman ein Fanal der Wirkmächtigkeit von Literatur, welches deren gottähnliche, völlig ungebundene Schöpfer (natürlich) mit einschließt!
Sinkende Sterne
Bewertung am 01.04.2024
Bewertungsnummer: 2167755
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Naturkatastrophe, nach der sich ein Schweizer Kanton von der Gegenwart lossagt. Eine Idylle wird zur Bedrohung. Ein schwebend abgründiger Roman über den Zauber der Literatur. Odysseus und Sindbad haben ihren Auftritt, Sagen vom Zug der «Toten Seelen» über die Gipfel, eine unheimliche Bischöfin, Sommertage auf der Alp und eine Jugendliebe des Erzählers. Ungewöhnlich fesselnd erzählt Thomas Hettche davon. Mein Lieblingsbuch 2023.
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