»Für mich der große deutsch-polnische Roman seit Günter Grass‘ Blechtrommel.« SWR2, Lesenswert Quartett, Denis Scheck
Eine nationalsozialistische Vorzeigemutter, die anderen beibringt, wie Kinder zu erziehen sind, doch über das Wichtigste, was sie verloren hat, niemals spricht. Eine Köchin, die lieber Frauen geliebt hätte als den Dienstherrn, unterwegs durch das zerstörte Deutschland im Sommer 1945. Ein Mädchen in München Solln, geboren in einem Lebensbornheim der SS. Eine alleinerziehende Anwältin von heute, die nach dem Tod ihrer Mutter unverhofft eine Wohnung in Wrocław erbt – und einen polnischen Zweig der Familie entdeckt. Alle Figuren dieses Romans verbindet ein Jahrhundert von Krieg und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung, von Gewalt. Was bedeutet es, in einem Staat zu leben, der Menschenzucht betreibt? Und wie darüber schreiben, was den Frauen im Krieg geschieht? Was ihnen die Sprache nimmt. Was sie für immer verwandelt.
Ulrike Draesner gibt den Verwandelten ihre Stimmen zurück. Sie erfinden sich neu, wechseln Sprache und Land, überraschen sich selbst mit ihrem Mut, ihrem Humor, ihrer Kraft. Ein erschütternder Roman, bewegend, aufwühlend, zärtlich, klug.
»Wir hielten uns an den Händen, für die Kraft. Jede brauchte einen Menschen.«
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Wenn Wunden sprechen – und nicht heilen
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 05.12.2025
Bewertungsnummer: 2670774
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich habe Die Verwandelten nicht „gelesen“, ich habe es durchlebt. Dieses Buch ist kein Wohlfühlroman, es will nicht trösten, nicht leichtmachen, nicht unterhalten. Es ist ein Werk über ein Jahrhundert Gewalt, Verlust und Nachhall – erzählt von Frauen, deren Stimmen sich durch Krieg und Nachkrieg hindurch verändern, brechen und dennoch bestehen. Drei Generationen, verbunden durch etwas, das sie nicht gewählt haben, aber tragen müssen.
Was dieses Buch so besonders – und so anstrengend – macht, ist die Art, wie Draesner erzählt. Die Zeit ist nie linear. Der Roman springt unaufhörlich zwischen 1938, 1945, den 1960er Jahren, der Gegenwart und den Orten, an denen die Familiengeschichte abgelagert ist: München, Hamburg, Warschau, Breslau/Wrocław. Jeder Zeitsprung zieht einen wie ein Strudel nach unten, bevor man wieder zur Oberfläche zurückkommt. Dieses „retardierende Erzählen“ macht das Lesen körperlich, manchmal fast erschöpfend.
Dazu kommt das Thema selbst. Die Verwandelten zeigt nicht die Gewalt im Moment, sondern das Danach:
Flucht. Vergewaltigungen. Lebensborn. Tote Kinder. Verstümmelte Identitäten.
Es ist die Frage, wie ein Krieg weiterlebt in Menschen, die ihn überlebt haben – und in denen, die nach ihnen kommen. Der Roman bleibt beunruhigend nah an der Frage, wie man überhaupt leben soll, wenn Sprache, Herkunft und Körper durch Gewalt geprägt sind.
Und dann die Sprache. Draesner schreibt hochliterarisch, verdichtet, ohne Entlastung. Dialekt, Polnisch, Schlesisch, Mythologie, Biologie, Bilder und abrupte Gedankensprünge – alles verschmilzt zu einem Rhythmus, der manchmal wie Musik, manchmal wie Atemnot wirkt. Man liest fünf Seiten und hat das Gefühl, es seien dreißig gewesen. Trotzdem ist der Roman nie langweilig: Er hat eine Kraft, einen Drive, der einen trotz aller Schwere weiterzieht.
Mich hat besonders beeindruckt, wie Draesner die Gewalt nie ausschlachtet, sondern spürbar macht. Die Verwundung ist nicht das Spektakel, sondern die Spur. Es geht nicht um das Ereignis, sondern um das Weiterleben. Um das, was Frauen über Jahrzehnte nicht sagen konnten. Um das, was die Sprache selbst erlitten hat.
Als ich die letzten Seiten gelesen habe, war ich erschöpft, aber voller Bewunderung. Die Verwandelten ist ein großes literarisches Werk – hart, traurig, fordernd und gleichzeitig zärtlich gegenüber seinen Figuren. Ulrike Draesner gehört für mich mit diesem Buch zu den bedeutendsten literarischen Stimmen der Gegenwart.
Ein Roman, der lange nachhallt. Vielleicht ein Leben lang.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil.
Grenzverschiebungen
Katrin aus Kiel am 17.04.2023
Bewertungsnummer: 1923709
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Kinga, alleinerziehende Anwältin aus Berlin, fährt nach Hamburg, um einen Vortrag über die nationalsozialistischen Lebensbornheime zu halten, jene Heime, die für staatlich geprüften Nachwuchs sorgen und unverheiratete Schwangere an einer Abtreibung hindern sollten. Kingas Interesse hat einen persönlichen Grund, ist doch ihre eigene Mutter in so einem Heim zur Welt gekommen und später von einem ideologisch gefestigten Paar adoptiert worden. Doch nach dem Vortrag wird sie von einer in Hamburg lebenden Polin angesprochen, die ihre Mutter gekannt hatte. Und nicht nur das, Doro entpuppt sich zudem als entfernte Verwandte, denn die leibliche Mutter von Kingas Mutter stammte aus Breslau, jetzt Wroclaw.
Die neugefundene Verwandtschaft führt dazu, dass Kinga sich auf familiäre Spurensuche begibt, doch als Leser*innen erfahren wir die Familiengeschichte nicht nur aus ihrer Perspektive, sondern auch aus der der anderen Frauen in der Familie.
Ulrike Draesner lotet in ihrem neuen Roman aus, welche Auswirkungen der Krieg auf die Frauen hat und wie man über das sprechen kann, was am besten ungesagt bleibt. Es geht um Grenzverschiebungen und -verletzungen, staatliche und persönliche, sexuelles Ausgeliefertsein und das Schweigen darüber. Auch die eigenen Herkunftserzählungen verschieben sich, denn was ist schon deutsch, was polnisch, wenn die Länder wechseln, ohne dass die Menschen dafür umziehen müssen. Oder wegmüssen, aber im Geiste bleiben und dadurch nirgendwo mehr ankommen. Die Autorin beschreibt, wie sehr sich auch das Ungesagte auf die nachfolgenden Generationen auswirkt, sie erzählt von brüchigen Familien und ungeklärten Verbindungen. Jedem Kapitel ist ein Gedichtfragment vorangestellt, das die Lücken und Streichungen in den Familiengeschichten deutlich macht. Draesner schreibt in einer poetischen Sprache, die genau ist und reflektiert, dabei jedoch nah an den Figuren bleibt. So erschafft sie auf knapp 600 Seiten einen vielstimmigen Blick auf ein Stück mitteleuropäische Frauengeschichte, die bis heute nachwirkt.
Mich hat dieser Roman absolut begeistert, er gehört jetzt schon zu meinen Jahreshighlights!
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