Was bleibt 80, 100 Jahre nach dem Ende des Holocaust?
Was 1945 begann, wird nicht mit dem Tod der Zeitzeugen enden: die Erinnerungskultur. Aber der Ort des Holocaust in der Geschichte wird sich zunehmend verändern, von Generation zu Generation und je mehr Zuwanderer ins Land kommen. Eine Verpflichtung für die deutsche Politik wird gleichwohl bleiben.
Wolfgang Benz schildert das Entstehen der deutschen Erinnerungskultur. Er setzt sich mit Ritualisierung und Bürokratisierung des Gedenkens auseinander und warnt vor selbstgefälliger Zufriedenheit. Er weist der jungen Generation einen Weg, die Last des Nationalsozialismus zu tragen, ohne sich erdrücken zu lassen. Denn klar ist: Das Verbrechen war gigantisch und singulär. Aber nicht jede politische Verpflichtung ist damit zu begründen.
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4.7/5.0
ws
aus Markdorf
5/5
01.06.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Wer die Vergangenheit nicht…
„Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Dieses Zitat von George Santayana könnte über Wolfgang Benz’ Buch „Zukunft der Erinnerung stehen. Doch Benz geht noch weiter: Einerseits beschreibt er, wie die damals noch junge Bundesrepublik Deutschland mit der jüngsten Vergangenheit, also den Jahren zwischen 1933 und 1945, der Nazi-Diktatur mit den unzähligen für den normalen Menschenverstand nicht nachvollziehbaren Gräueltaten umgegangen ist. Dem stellt er die von der Thematik her identische Frage hinsichtlich der DDR gegenüber. Die Existenz von Alt-Nazis wurde von der dortigen Staatsführung zwar kategorisch negiert, die ‚Segnungen‘ des Sozialismus/Kommunismus als der Weisheit letzter Schluss angepriesen. Das dem nicht so war und mit der offensichtlichen Existenz von Jung-Nazis nicht so ist, erschließt sich bei Betrachtung von Wahlergebnissen sofort. Wolfgang Benz stellt nicht nur die Frage, wie wir uns erinnern, sondern auch, wie sich Erinnerungskultur in einer digitalen, globalisierten Welt verändert – und warum das gerade für junge Menschen wichtig ist. Das Foto auf dem Buchumschlag verdeutlicht die Wichtigkeit dieser Frage: eine junge Frau hüpft im Areal des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin, bestehend aus 2711 quaderförmigen Beton-Stelen von einer Stele zur nächsten – und unten steht offensichtlich eine junge Frau mit einem Smartphone, um ein Foto des Sprunges zu machen. Vermutlich zur Veröffentlichung auf einem der (a-)sozialen Medien, Facebook, Instagram, TikTok? Wolfgang Benz, Historiker, unter anderem Mitherausgeber der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, untersucht in seinem Buch, wie sich unser Umgang mit Geschichte wandelt. Früher wurden Erinnerungen durch Bücher, Denkmäler oder Familienerzählungen weitergegeben. Heute dominieren soziale Medien, Algorithmen und digitale Archive. Doch was bedeutet das für unsere kollektive Erinnerung? Verlieren wir den Bezug zur Vergangenheit, wenn alles nur noch ein Klick entfernt ist? Oder entstehen neue Chancen, Geschichte lebendig zu halten? Benz spannt einen weiten Bogen: Von Holocaust-Überlebenden, die ihre Geschichten in virtuellen Archiven hinterlassen, bis hin zu TikTok-Videos, die historische Ereignisse in 60 Sekunden erklären (oder zumeist verfälschen). Er zeigt, wie Erinnerung politisch instrumentalisiert wird – etwa in Debatten um Denkmäler oder Schulcurricula – und warum es gefährlich ist, wenn Algorithmen bestimmen, welche Geschichte wir sehen. Die meisten Jugendlichen kennen Geschichte nicht mehr aus dicken Schulbüchern, sondern aus YouTube-Dokus, Instagram-Stories oder Games wie „Assassin’s Creed“. Benz macht klar: Das ist nicht per se schlecht – aber wir müssen verstehen, wie diese Medien funktionieren. Wenn TikTok-Clips komplexe historische Ereignisse vereinfachen oder rechtsextreme Gruppen Geschichte im Netz verzerren, dann geht das uns alle an. Besonders spannend ist das Kapitel über „digitale Denkmäler“: Sollten wir Holocaust-Gedenken in Virtual Reality erleben? Kann ein Instagram-Account, der Tagebücher von NS-Opfern postet, junge Menschen mehr berühren als ein Museum? Benz liefert keine einfachen Antworten, sondern regt zum Nachdenken an: Wie wollen wir in Zukunft erinnern? Das Buch ist keine trockene Analyse, sondern liest sich wie eine packende Reportage. Benz erzählt von Begegnungen mit Zeitzeugen, von Besuchen in Archiven, die wie Science-Fiction anmuten, und von Gesprächen mit Jugendlichen, die Geschichte völlig anders wahrnehmen als ihre Eltern. Seine Sprache ist klar, stellenweise humorvoll. Er scheut sich nicht vor provokanten Fragen: „Was passiert, wenn der letzte Holocaust-Überlebende gestorben ist – und wir nur noch ihre Avatare befragen können?“ „Zukunft der Erinnerung“ ist kein Buch, das man mal schnell nebenbei liest, auch wenn es gut und leicht zu lesen ist. Der Autor zeigt, dass Erinnerung kein staubiges Pflichtprogramm ist, sondern etwas, das uns alle betrifft. Wie wir mit Geschichte umgehen, entscheidet mit darüber, wie unsere Zukunft aussieht. 223 Seiten für alle, die skeptisch sind, wenn Instagram & Co. bestimmen, was „wichtig und richtig“ ist. Ein kluges, wichtiges Buch, das zeigt: Erinnerung ist nicht vergangen, sondern angesichts des Erstarkens rechter Populisten zutiefst gegenwärtig. Es ist absolut notwendig, sich zu erinnern!
Wolfgang Scharfenberger
aus Markdorf
5/5
01.06.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
Dieses Zitat von George Santayana könnte über Wolfgang Benz’ Buch „Zukunft der Erinnerung" stehen.
Doch Benz geht noch weiter: Einerseits beschreibt er, wie die damals noch junge Bundesrepublik Deutschland mit der jüngsten Vergangenheit, also den Jahren zwischen 1933 und 1945, der Nazi-Diktatur mit den unzähligen für den normalen Menschenverstand nicht nachvollziehbaren Gräueltaten umgegangen ist. Dem stellt er die von der Thematik her identische Frage hinsichtlich der DDR gegenüber. Die Existenz von Alt-Nazis wurde von der dortigen Staatsführung zwar kategorisch negiert, die ‚Segnungen‘ des Sozialismus/Kommunismus als der Weisheit letzter Schluss angepriesen. Das dem nicht so war und mit der offensichtlichen Existenz von Jung-Nazis nicht so ist, erschließt sich bei Betrachtung von Wahlergebnissen sofort.
Wolfgang Benz stellt nicht nur die Frage, wie wir uns erinnern, sondern auch, wie sich Erinnerungskultur in einer digitalen, globalisierten Welt verändert – und warum das gerade für junge Menschen wichtig ist. Das Foto auf dem Buchumschlag verdeutlicht die Wichtigkeit dieser Frage: eine junge Frau hüpft im Areal des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin, bestehend aus 2711 quaderförmigen Beton-Stelen von einer Stele zur nächsten – und unten steht offensichtlich eine junge Frau mit einem Smartphone, um ein Foto des Sprunges zu machen. Vermutlich zur Veröffentlichung auf einem der (a-)sozialen Medien, Facebook, Instagram, TikTok?
Wolfgang Benz, Historiker, unter anderem Mitherausgeber der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, untersucht in seinem Buch, wie sich unser Umgang mit Geschichte wandelt.
Früher wurden Erinnerungen durch Bücher, Denkmäler oder Familienerzählungen weitergegeben. Heute dominieren soziale Medien, Algorithmen und digitale Archive. Doch was bedeutet das für unsere kollektive Erinnerung? Verlieren wir den Bezug zur Vergangenheit, wenn alles nur noch ein Klick entfernt ist? Oder entstehen neue Chancen, Geschichte lebendig zu halten?
Benz spannt einen weiten Bogen: Von Holocaust-Überlebenden, die ihre Geschichten in virtuellen Archiven hinterlassen, bis hin zu TikTok-Videos, die historische Ereignisse in 60 Sekunden erklären (oder zumeist verfälschen). Er zeigt, wie Erinnerung politisch instrumentalisiert wird – etwa in Debatten um Denkmäler oder Schulcurricula – und warum es gefährlich ist, wenn Algorithmen bestimmen, welche Geschichte wir sehen.
Die meisten Jugendlichen kennen Geschichte nicht mehr aus dicken Schulbüchern, sondern aus YouTube-Dokus, Instagram-Stories oder Games wie „Assassin’s Creed“. Benz macht klar: Das ist nicht per se schlecht – aber wir müssen verstehen, wie diese Medien funktionieren. Wenn TikTok-Clips komplexe historische Ereignisse vereinfachen oder rechtsextreme Gruppen Geschichte im Netz verzerren, dann geht das uns alle an.
Besonders spannend ist das Kapitel über „digitale Denkmäler“: Sollten wir Holocaust-Gedenken in Virtual Reality erleben? Kann ein Instagram-Account, der Tagebücher von NS-Opfern postet, junge Menschen mehr berühren als ein Museum? Benz liefert keine einfachen Antworten, sondern regt zum Nachdenken an: Wie wollen wir in Zukunft erinnern?
Das Buch ist keine trockene Analyse, sondern liest sich wie eine packende Reportage. Benz erzählt von Begegnungen mit Zeitzeugen, von Besuchen in Archiven, die wie Science-Fiction anmuten, und von Gesprächen mit Jugendlichen, die Geschichte völlig anders wahrnehmen als ihre Eltern. Seine Sprache ist klar, stellenweise humorvoll. Er scheut sich nicht vor provokanten Fragen:
„Was passiert, wenn der letzte Holocaust-Überlebende gestorben ist – und wir nur noch ihre Avatare befragen können?“
„Zukunft der Erinnerung“ ist kein Buch, das man mal schnell nebenbei liest, auch wenn es gut und leicht zu lesen ist. Der Autor zeigt, dass Erinnerung kein staubiges Pflichtprogramm ist, sondern etwas, das uns alle betrifft. Wie wir mit Geschichte umgehen, entscheidet mit darüber, wie unsere Zukunft aussieht.
223 Seiten für alle, die skeptisch sind, wenn Instagram & Co. bestimmen, was „wichtig und richtig“ ist.
Ein kluges, wichtiges Buch, das zeigt: Erinnerung ist nicht vergangen, sondern angesichts des Erstarkens rechter Populisten zutiefst gegenwärtig.
Es ist absolut notwendig, sich zu erinnern!
Alrik Gerlach
aus NordWestMecklenburg
4/5
28.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erinnerung mit Ecken und Kanten – Kein Denkmal, sondern Muskeltraining
Wolfgang Benz hat mich mit seiner Mischung aus historischer Tiefenschärfe und gesellschaftspolitischer Klarheit direkt abgeholt. Der Mann schreibt nicht trocken und verstaubt, sondern eher wie ein Geschichtslehrer, der weiß, dass die Hälfte der Klasse lieber TikTok schaut – und trotzdem schafft, dass alle zuhören.
Benz stellt unbequeme Fragen und gibt keine bequemen Antworten. Er lässt das Gedenken nicht als festgezurrte Pflichtübung durchgehen, sondern zerpflückt, was zur bloßen Folklore zu werden droht. Keine Angst, er predigt nicht – er provoziert sanft. Ich mochte besonders, wie er die Erinnerungskultur nicht heilig spricht, sondern ihr liebevoll in den Hintern tritt, damit sie sich weiterentwickelt.
Die Bürokratisierung des Gedenkens? Trifft er voll ins Schwarze. Die ritualisierte Betroffenheits-Pose, die sich manche antrainiert haben? Wird gnadenlos durchleuchtet. Und trotzdem: kein Kulturpessimismus, sondern ein konstruktiver Schubser Richtung Zukunft.
Klar, ab und zu wirkt der Ton etwas professoral und das Tempo zäh – da hätte ich mir mehr Flow und weniger Fußnote gewünscht. Aber hey, bei einem Thema wie dem Holocaust darf’s auch mal schwer im Magen liegen.
Für mich ist das Buch eine Art Pflichtlektüre, aber nicht im Sinn von "Du musst", sondern "Du solltest wollen". Weil es nicht um Schuld geht, sondern um Verantwortung. Und die hört nicht mit dem letzten Zeitzeugen auf. Sie fängt da erst richtig an.
Vier Sterne von mir – der letzte fehlt, weil mir ein bisschen mehr Feuer in der Sprache gefehlt hat. Inhaltlich aber top. Ein Buch, das sagt: Erinnern ist kein Denkmal, das einmal aufgestellt wird. Es ist ein Muskel – trainier ihn.
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