«Ich bin die Marie Kondo der Literatur. If it doesn't spark joy - weg damit in die Mülltonne.»
Barbi Markovic hat sich das Stehlen als kulturelle Unverschämtheit zum Programm gemacht. In ihrem neuen Buch erzählt sie, wie es dazu kam und warum man ihr trotz offener Piraterie die Originalität nie abgestritten hat. Fast nie. Aber es geht auch um die Kraft und den Zug einer guten, rhythmisch abgestimmten Schimpftirade. Es geht um Machtverhältnisse. Um Regeln, die man sich selbst auferlegt. Darum, objektiv zu sein, und wütend, aber auf niemanden konkret. Distanz zu erzeugen, damit die Geschichte näher kommen kann. Dass die Texte am Ende mehr wissen als die Person, die sie geschrieben hat, und über mehr berichten als nur über ein Privatschicksal. - Wie geht das? «Stehlen, Schimpfen, Spielen» gibt Antworten.
«Der Genuss ihrer witzigen und scheinbar so einfachen Sätze, die die absurde Fallhöhe zwischen Alltag und existenzieller Weltlage ausmessen, soll bitte nicht enden.» Jury zum Preis der Leipziger Buchmesse 2024
Kundinnen und Kunden meinen
2.8/5.0
Tina Dietrich
aus Bern
2/5
21.06.2025
eBook (ePUB 3)
Hat mich nicht gepackt
Barbi muss eine Poetikvorlesung halten und sucht nach Inspiration. Dabei durchkämmt sie ihre bisher erschienenen Werke, entstandenen Figuren die sie begleitet haben. und ihre Erfahrungen/Leben. War leider enttäuscht von dem Buch, habe mich schlussendlich durchgekämpft und dachte irgendwann wird die Lektüre besser oder unterhaltsamer. Pluspunkt: das Cover ist cool. Würde keine Kaufempfehlung dafür aussprechen.
Majo C.
aus Wien
4/5
20.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Meine Freibadlektüre
Immer wieder zeigt Markovic, dass alle Regeln rund um das Bücher schreiben frei erfunden und optional sind und bei ihr nicht greifen. In ihrem gewohnt lässigen, humorvollen Stil schreibt sie übers Schreiben. Leichte Lektüre zum Schmunzeln und Abschalten
Nicht empfehlenswert für alle, die eine packende Story oder einen Erziehungsratgeber suchen!
MarieOn
3/5
30.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Entzauberung der Autor*innenschaft
In zwei Jahren soll Barbi eine Poetikvorlesung halten. Das ist bestens, denn bis dahin hat sie noch unendlich viel Zeit. Vierzehn Tage davor hat sie allerdings noch keine Zeile geschrieben. Der Countdown läuft.
Tag 13
Sie findet keinen Anfang. Tippt, löscht, tippt, löscht. Selbstzweifel kriechen vom Nacken in den Magen und hinauf ins Gehirn. Im Hinterkopf urteilt ihre gesamte Familie, wie sie das immer getan hat. Barbi hat großkotzige Versprechen gegeben, weil jedes Projekt eine Ankündigung braucht, lange bevor es geschrieben ist und die wird sie wahr machen.
Tag 12
Sie verstreut Anekdoten darüber, was ihr vor, während und nach Lesungen passiert ist.
Tag 11
Sie hat sich das Handgelenk beim Schreiben verdreht. Der Arzt in der Notaufnahme ulkt: „Szenenscheidenentzündung. Haha.“ Jetzt stört sie die Schiene. Sie wird aber trotzdem alles geben.
Ihre Tante hatte sie schon frühzeitig aufgeklärt, dass aus ihr keine großartige Schriftstellerin werden würde, weil:
Sie aus armen Verhältnissen kommt und die wenigsten es schafften, sich darüber hinwegzusetzen.
Sie wohl eher in der Wohnung, in der sie geboren wurde, sterben würde.
Sie Agoraphobie bekommen oder eine schlecht verdienende alleinerziehende Mutter werden würde.
Tag 10
Ihr Konzept steht jetzt. Sie wird zuerst über das Stehlen schreiben, zum Beispiel über die Aneignung fremden Urhebereigentums.
Die Worte anderer führen manchmal weiter, als ich mich aus eigenen Kräften getraut hätte zu gehen. S. 34
Fazit: Barbi Marcovic erzählt über ihr Schreiben und wie sie es entwickelte. Sie studierte in Belgrad Germanistik. Während sie aus dem serbokroatischen übersetzte, schrieb sie ihr erstes Buch. Sie überlebte einen der verheerendsten Kriege und nahm ein Stipendium in Graz an. In ihrem ersten Buch eignete sie sich Textstellen von Thomas Bernhard an, die sie so gut mit ihren eigenen Worten vermischte, dass man sie zunächst für eine geniale Thomas Bernhard Nachfolgerin hielt. Sie kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und verschweigt neben gut gesetzten Schimpftiraden auch nicht, welches Glück ihr widerfahren ist, um eben doch allen Unkenrufen zum Trotz, eine große Schriftstellerin zu werden. Ihr Buch ist frech, frisch und vollkommen anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Ich muss gestehen, dass ich ihren Humor mag, dass ich den Kern des Buches aber wahrscheinlich nicht verstanden habe. Eine Entzauberung der Autor*innenschaft ist nachvollziehbar. Und habe ich da vielleicht auch eine leise Kritik am Literaturbetrieb vernommen? Und wenn ja, war das überhaupt beabsichtigt? Fragen über Fragen. Viele ihrer Gedankengänge fand ich richtig gut, aber der chaotische Aufbau hat mein konservativ gepoltes Hirn fertig gemacht. Alle, die experimentelle, neue, spritzige Literatur lieben, werden hierin ihren Seelenfrieden finden.
Oliver_L
aus Wien
2/5
30.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die DOs und die DON’Ts des Schreibens
Barbi Markovic schreibt ein Buch übers Schreiben? Wer könnte dafür WENIGER qualifiziert sein als sie? »Deine Romane wirkten wie Skizzen für echte Romane. Du hast kein Wissen über irgendwas. Dein Talent ist dubios, armselig, du hast keine Begabung, hör auf, dich selbst anzulügen Tag für Tag. Du weißt: Die «Superheldinnen» sind nicht so gut. Und werden immer nicht so gut bleiben. «Ausgehen» ist abgeschrieben. «Die verschissene Zeit» vulgär. «Minihorror» eine Anbiederung.« So Markovic selbst zu Beginn dieses Buches.
Gleichzeitig kann sie vom Schreiben leben; sie hat mehr Preise bekommen als Bücher verfasst.
Wie kann das sein?
Auf der Suche nach Erklärungen las ich »Stehlen, Schimpfen, Spielen« (kurz SSS). Tatsächlich lohnte sich die Lektüre – wenn auch kaum auf die intendierte Weise.
Meine erste Erkenntnis: Aufgrund der Schwächen ihrer Bücher hielt ich Barbi Markovic für eine mäßig intelligente Person. Falsch! Sie ist nicht unklug – nicht zuletzt, was die Planung ihrer Karriere betrifft. »Ja, ich arbeitete mit 21 in einem Verlag.« Damit war sie schon reingekommen, »durch gläserne Decken hindurch, in die Literaturszene, wo man dann drinnen ist und schreibt und veröffentlicht.«
Der nächste Schritt: Anknüpfen an einen prominenten Namen – in ihrem Fall Thomas Bernhard, dessen »Gehen« in Markovics »Ausgehen« variiert wurde.
Weiter: Kontakte knüpfen und pflegen. »Jemand musste mir empfehlen, mich für das Stadtschreiberstipendium in Granz zu bewerben«. Und so wird sie später sogar gebeten, die Stefan-Zweig-Poetik-Vorlesung an der Uni Salzburg zu halten, so wie vorher u.a. Ilija Trojanow, Terézia Mora und Maja Haderlap. ALLE Vorlesungen erschienen als Buchreihe bei Sonderzahl – außer der von Barbi Markovic. Eine verbrämte Erklärung findet sich am Anfang von SSS: »Eine frühe Fassung dieses Texts wurde im Mai 2024 als Stefan Zweig Poetikvorlesung an der Paris Lodron Universität Salzburg gehalten.« Vermutlich ist es besser für alle Beteiligten, wenn jene »frühe Fassung« unveröffentlicht bleibt. Das bringt mich zur ersten Regel, die ich aus Markovics Buch gewonnen habe:
Regel 1: Vermeide Prokrastinieren!
Die Autorin berichtet, wie eine Zwei-Jahres-Frist ruckzuck zu zwei Wochen zusammenschnurrte. Dann erst macht sie sich an die Arbeit, und das Ergebnis ist dementsprechend: »Es entstehen unfassbar schlechte Sätze, aber ich muss alle nehmen, sonst geht sich das nicht mehr aus.« Zusätzlich schindet sie Platz, indem seitenlang zitiert wird – zumeist aus den eigenen Büchern. Das bringt uns zum nächsten Kapitel – Stehlen.
Regel 2: Niemals stehlen!
Es ist ein fließender Übergang sein vom Imitieren zum Stehlen. Bezeichnend ist Markovics Bericht von der Entstehung ihres Thomas-Bernhard-Remix »Ausgehen«: Dass sie wegen des Copyrights beim Verlag (Suhrkamp?) nachfragt, deutet auf Unrechtsbewusstsein hin – und ebenso die Antwort: »500 Exemplare, keine weiteren Auflagen, keine Übersetzungen, und die Autorin soll sich in Zukunft von solchen Projekten fernhalten.«
Dass es anders kam, ist eine andere Geschichte, was zum Thema Schimpfen führt. Auch hier trat Markovic in Bernhards Fußstapfen: »In der Literatur aber lebe ich alles Verbotene aus.« Ob das eine gute Grundlage für Literatur ist? Meine nächste Regel:
Regel 3: Mit kühlem Kopf schreiben!
Eine Sache, die mich bei den Markovic-Büchern befremdet hat, sind die flachen Charaktere. Umso überraschender war die Aussage der Autorin, dass viele Romanfiguren auf realen Personen basieren: So zeige eine Figur aus »Superheldinnen« ihre Freundin und Übersetzerin Mascha: »Wenn ich diese Stelle lese, lachen sich Menschen, die Mascha kennen, tot. Mascha ist immer zu spät, aber sie macht so viel.« Erhellend! Für Leser+innen, die Mascha NICHT kennen (und das sind naturgemäß fast alle), bleibt von der geschilderten Figur nur eine Ansammlung von Macken und Manierismen zurück. Der Rest der Persönlichkeit von Mascha schwingt bei deren Bekanntenkreis beim Lesen offenbar mit, wurde aber von der Autorin nicht zu Papier gebracht und erschließt sich somit für den Rest der Leserschaft auch nicht. Daher:
Regel 4: Niemals reale Personen direkt in literarische Figuren umsetzen!
Wie man Figuren auf gelungene Weise beschreibt, kann man etwa in Mithu Sanyals Roman »Anti-Christie« studieren. Ein noch bekannteres Beispiel ist Thomas Manns »Buddenbrooks« - wobei man hier ganze Doktorarbeiten darüber schreiben könnte, wo die direkte Übernahme endet und wo die ›Inspiration‹ beginnt.
Regel 5: Spielen – aber richtig!
Auf das Kapitel »Spielen« kommt Markovic erst zwei Tage vor Toresschluss zu sprechen. Nun läuft ihr endgültig die Zeit davon, denn sie füllt viele Seiten durch Beschreibung von Walkthroughs, einem Begriff aus der Gamer-Szene. So was mag für Youtube ergiebig sein, aber sicher nicht für Literatur.
Der spielerische Umgang mit Regeln kann literarisch fruchtbar und ergiebig sein. Wie man literarische Regeln biegen, brechen und zugleich benutzen und damit einen tollen Roman ›zimmern‹ kann, zeigt wiederum Mithu Sanyal in »Identitti«. Im deutschen Sprachraum kann man noch Wolf Haas nennen; im Englischen George Saunders. Diese drei haben in jedes ihrer Bücher sicher mehr Arbeit investiert als Frau Markovic in ihr bisheriges Gesamtwerk. Daher:
Regel 6: Sei fleißig!
Diese Regel sollte nicht missverstanden werden: Ja, es zeugt von Disziplin, wenn man sich wie Thomas Mann (angeblich) täglich von 9 bis 12 an den Schreibtisch setzt. Das bringt die Gefahr mit sich, dass man ins Schwatzen verfällt, wenn einem gerade nichts Besseres einfällt. Aber ein gewisses Maß an Fleiß ist vonnöten, und hoffentlich haben das auch die Student+innen erkannt, die Markovics Poetik-Vorlesung lauschen konnten (oder mussten). Denn zu einem taugt die Autorin allemal: Als abschreckendes Beispiel.
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