'Unmöglicher Abschied' erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen und beleuchtet zugleich ein jahrzehntelang verschwiegenes Kapitel koreanischer Geschichte.
Eines Morgens ruft Inseon ihre Freundin Gyeongha zu sich ins Krankenhaus von Seoul. Sie hatte einen Unfall und bittet Gyeongha, ihr Zuhause auf der Insel Jeju aufzusuchen, weil ihr kleiner weißer Vogel sterben wird, wenn ihn niemand füttert. Als Gyeongha auf der Insel ankommt, bricht ein Schneesturm herein. Der Weg zu Inseons Haus wird zu einem Überlebenskampf gegen die Kälte, die mit jedem Schritt mehr in sie eindringt. Noch ahnt sie nicht, was sie dort erwartet: die verschüttete Geschichte von Inseons Familie, die eng verbunden ist mit einem lang verdrängten Kapitel koreanischer Geschichte. Han Kangs neuer Roman ist eine Hymne an die Freundschaft und das Erinnern, die Geschichte einer tiefen Liebe im Angesicht unsäglicher Gewalt - und eine Feier des Lebens, wie zerbrechlich es auch sein mag.
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Edda246
aus Hamburg
5/5
25.12.2024
eBook (ePUB 3)
Beeindruckende Vielschichtigke…
Beeindruckende Vielschichtigkeit! Gyeongha wird von ihrer Freundin Inseon gebeten, sofort ins Krankenhaus von Seoul zu kommen, Dort liegt Inseon mit abgeschnittenen Fingern, durch einen Kreissäge verursacht, beim Arbeiten in ihrer Tischlerwerkstatt in einem abgelegenen Bergdorf auf der Insel Jeju. Ihr weißer Papagei sei kurz vor dem Verhungern, so bittet sie Gyeongha dorthin zu fahren, ihn zu füttern, damit er überlebt. Doch ein Schneesturm bringt Hindernisse auf der Reise und Gyeongha muss sich mit den neuen Gegebenheiten vertraut machen, erfährt die Situation der Freundin dort an ihrem Ort. Zwischendurch im Roman erzählt auch Inseon von ihrem Leben. Gyeongha selbst schreibt anfänglich ein Testament, doch sie schreibt es immer wieder neu und zerreißt es. Sie möchte einen „echten Abschied, aber richtig“ formulieren. Sie träumt von schwarzen Bäumen und dieser Traum beschäftigt sie so sehr, dass sie ihn mit ihrer Freundin Inseon, die sie als Dokumentarfilmerin kennenlernte, in einen Kurzfilm umzusetzen plant. Der Titel des Projekts, den beide planen, soll eine Installation sein mit dem Titel „Unmöglicher Abschied“. Beide wollen die geplante Installation im späteren Verlauf des Romans, am Ort der Tat aufstellen und begeben sich auf den Weg Eine Bilddokumentation von Inseon, die einen grausamen Ausschnitt aus Südkoreas Vergangenheit zeigt, ist verwoben mit ihrer Mutter, mit der eigenen Geschichte und sie erkennt, dass auch die Mutter Zeit ihres Lebens recherchiert hat, genauso wie sie selbst, Inseon. Wiederkehrende Träume der Protagonistin und Ich- Erzählerin Gyeongha, führen dies zusammen und ergänzen die Geschichte. Diese Essenz zieht den Leser in das Mitempfinden und den Bann des Romans. Han Kang schreibt beeindruckend bildgewaltig auf unterschiedlichen Ebenen und benutzt symbolträchtige Erklärungen oder Metaphern. Fragen, die die Protagonistin denkt, führen den Roman voran und bieten dem Leser einen Denkprozess über das Geschehen, der auch die Grenzen der Realität ankratzt. Gyeongha überdenkt ihre Wahrnehmung, stellt sich aber immer wieder mutig den Begebenheiten und vertraut vollends ihrer Freundin, was sie lebendig und sehr sympathisch macht. Der Roman zeigt die beiden beherzten Frauen. Ein intensives Miteinander verbindet sie über die Grenzen hinaus. Obwohl Gyeongha nicht weiß, ob Inseon ein Geist ist, agiert und reagiert sie, als ob Inseon lebendig wäre. Die Realität verschiebt sich und lässt Gyeongha sowie den Leser im Ungewissen. Die Annäherung an das Unfassbare, nicht Gegenwärtige und nicht Reale doch dem Leben Dazugehörige, die Vergangenheit, die prägt, sowie mysteriöse Zwischenwelten werden hier auf außergewöhnliche Art verbunden. Es gibt nur wenige weitere Mitspieler. Han Kang entblättert, ausgelöst durch die Schneeflocken und mithilfe Gyeonghas Gedanken und Empfindungen, einen grausamen Teil Südkoreas Geschichte. 1948 wurden 30000 Menschen hingerichtet, die nicht politisch konform waren, Rebellen, aus Angst vor Fremdbestimmung. Der Roman entwickelt diesen vergangenen Abschnitt und beschreibt anhand der beiden Freundinnen. Aufschlussreiche Hinweise in den Aufzeichnungen der Mutter bringen persönliche Erkenntnisse und führen vom individuellen Schicksal zu den politischen Gräueltaten. Der Roman geht unter die Haut, und je mehr man ihn verdaut und sacken lässt, tauchen immer mehr Facetten auf, die ein Gesamtbild ergeben. Wort und bildgewaltige Sprache beherrschen den vielschichtigen Roman, die ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden Hauptdarstellern führt ihn voran. Für mich ein beeindruckender Roman, der lange nachhallt.
Edda
aus Hamburg
5/5
25.12.2024
eBook (ePUB 3)
Beeindruckende Vielschichtigkeit!
Gyeongha wird von ihrer Freundin Inseon gebeten, sofort ins Krankenhaus von Seoul zu kommen, Dort liegt Inseon mit abgeschnittenen Fingern, durch einen Kreissäge verursacht, beim Arbeiten in ihrer Tischlerwerkstatt in einem abgelegenen Bergdorf auf der Insel Jeju. Ihr weißer Papagei sei kurz vor dem Verhungern, so bittet sie Gyeongha dorthin zu fahren, ihn zu füttern, damit er überlebt. Doch ein Schneesturm bringt Hindernisse auf der Reise und Gyeongha muss sich mit den neuen Gegebenheiten vertraut machen, erfährt die Situation der Freundin dort an ihrem Ort. Zwischendurch im Roman erzählt auch Inseon von ihrem Leben. Gyeongha selbst schreibt anfänglich ein Testament, doch sie schreibt es immer wieder neu und zerreißt es. Sie möchte einen „echten Abschied, aber richtig“ formulieren.
Sie träumt von schwarzen Bäumen und dieser Traum beschäftigt sie so sehr, dass sie ihn mit ihrer Freundin Inseon, die sie als Dokumentarfilmerin kennenlernte, in einen Kurzfilm umzusetzen plant. Der Titel des Projekts, den beide planen, soll eine Installation sein mit dem Titel „Unmöglicher Abschied“. Beide wollen die geplante Installation im späteren Verlauf des Romans, am Ort der Tat aufstellen und begeben sich auf den Weg
Eine Bilddokumentation von Inseon, die einen grausamen Ausschnitt aus Südkoreas Vergangenheit zeigt, ist verwoben mit ihrer Mutter, mit der eigenen Geschichte und sie erkennt, dass auch die Mutter Zeit ihres Lebens recherchiert hat, genauso wie sie selbst, Inseon. Wiederkehrende Träume der Protagonistin und Ich- Erzählerin Gyeongha, führen dies zusammen und ergänzen die Geschichte.
Diese Essenz zieht den Leser in das Mitempfinden und den Bann des Romans.
Han Kang schreibt beeindruckend bildgewaltig auf unterschiedlichen Ebenen und benutzt symbolträchtige Erklärungen oder Metaphern. Fragen, die die Protagonistin denkt, führen den Roman voran und bieten dem Leser einen Denkprozess über das Geschehen, der auch die Grenzen der Realität ankratzt. Gyeongha überdenkt ihre Wahrnehmung, stellt sich aber immer wieder mutig den Begebenheiten und vertraut vollends ihrer Freundin, was sie lebendig und sehr sympathisch macht. Der Roman zeigt die beiden beherzten Frauen. Ein intensives Miteinander verbindet sie über die Grenzen hinaus. Obwohl Gyeongha nicht weiß, ob Inseon ein Geist ist, agiert und reagiert sie, als ob Inseon lebendig wäre. Die Realität verschiebt sich und lässt Gyeongha sowie den Leser im Ungewissen. Die Annäherung an das Unfassbare, nicht Gegenwärtige und nicht Reale doch dem Leben Dazugehörige, die Vergangenheit, die prägt, sowie mysteriöse Zwischenwelten werden hier auf außergewöhnliche Art verbunden.
Es gibt nur wenige weitere Mitspieler.
Han Kang entblättert, ausgelöst durch die Schneeflocken und mithilfe Gyeonghas Gedanken und Empfindungen, einen grausamen Teil Südkoreas Geschichte. 1948 wurden 30000 Menschen hingerichtet, die nicht politisch konform waren, Rebellen, aus Angst vor Fremdbestimmung. Der Roman entwickelt diesen vergangenen Abschnitt und beschreibt anhand der beiden Freundinnen. Aufschlussreiche Hinweise in den Aufzeichnungen der Mutter bringen persönliche Erkenntnisse und führen vom individuellen Schicksal zu den politischen Gräueltaten.
Der Roman geht unter die Haut, und je mehr man ihn verdaut und sacken lässt, tauchen immer mehr Facetten auf, die ein Gesamtbild ergeben.
Wort und bildgewaltige Sprache beherrschen den vielschichtigen Roman, die ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden Hauptdarstellern führt ihn voran.
Für mich ein beeindruckender Roman, der lange nachhallt.
Lesenswert
aus Bielefeld
5/5
20.12.2024
eBook (ePUB 3)
Poetisch, dicht und beklemmend
Der Roman "Unmöglicher Abschied" der Literaturnobelpreisträgerin Han Kang ist gewiss keine leichte Lektüre. Ich konnte ihn nicht einfach durchlesen, sondern musste ihn mehrfach weglegen, darüber nachdenken und das Gelesene verarbeiten.
Die Protagonistin Gyenongha wird von ihrer Freundin Inseon zu sich ins Krankenhaus nach Seoul gerufen. Inseon hat sich schwer verletzt und bittet sie, zu ihrem Haus auf der Insel Jeju zu gehen um dort ihren Vogel zu versorgen. Gyenongha macht sich auf den Weg, erreicht den letzten Flieger durch einen Schneesturm, den letzten Bus in das Nachbardorf. Von dort aus muss sie durch den Schnee zu Fuß weiter und ist kurz vor dem erfrieren.
Han Kang schildert den Weg und den Schnee sehr präzise und ausführlich, fast jede Schneeflocke wird beschrieben. Ich habe bereits hier ebenfalls gefroren. Im Verlauf der Handlung berichtet die Autorin mittels Briefen und Zeitungsartikeln die Gyenongha im Haus findet, in eindringlicher und bedrückender Weise von den Massakern, die 1948 in Korea stattgefunden haben. Spätestens hier wird für die Lesenden der Roman so eindrücklich, dass es mir so manchen kalten Schauer den Rücken hinab gejagt hat. Dabei wird nicht nach Effekten gehascht, Han Kang beschreibt trotz aller Grausamkeit sehr poetisch. Mir hat ihr Sprachstil gefallen, er ist sehr atmosphärisch, die Schilderung der Massaker bedrückend und grausam. Und über allem steht die lange tiefe Freundschaft zwischen Gyenongha in Inseon.
Ein Werk, das mich am Ende verwirrt zurückgelassen und mir ein Rätsel mit auf den Weg gegeben hat. Ein Werk, über das ich mich mit anderen austauschen möchte. Ein Werk, das auf jeden Fall 5 Sterne verdient hat und noch lange in mir nachhallen wird.
Erscheinungsdatum: 16. Dezember 2024
Verlag: Aufbau
315 Seiten
Bewertung
aus Heek
5/5
17.12.2024
eBook (ePUB 3)
interessant
Das Buch “Unmöglicher Abschied“ erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen vor dem Hintergrund eines langen verschwiegenen Kapitels der koreanischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden Frauen Gyeongha und Inseon lernen sich am Ende ihres Studiums in Seoul kennen. Gyeongha ist Schriftstellerin und arbeitet in einem Verlag. Inseon ist Fotografin, beginnt dann aber eine Ausbildung als Schreinerin. Als ihre Mutter krank wird, kehrt sie nach Südkorea zurück um ihre Mutter bis zu deren Tod zu pflegen. Als Inseon einen Unfall in der Schreinerwerkstatt hat, wird sie in einer Klinik in Seoul behandelt. Inseon bittet ihre Freundin Gyeongha in ihr Haus zu reisen, um sich um ihren Vogel zu kümmern. Auf dieser Reise gerät Gyenogha in einen Schneesturm. Angekommen wird sie mit der Geschichte der Mutter Inseons konfrontiert. An diesem Ort lebt die Erinnerung an das dunkle Kapitel des Bürgerkriegs, der viele menschliche Opfer gefordert hat.
In diesem Roman hat die Autorin Han Kang von den Abgründen der menschlichen Natur erzählt. Aber sie erzählt auch von Freundschaft und Mitmenschlichkeit.
Ich habe dieses Buch sehr gelesen und empfehle es sehr gerne weiter.
Klaus
4/5
24.04.2025
eBook (ePUB 3)
Nicht unbedingt einfach
Gyeongha hat gerade selbst einige Baustellen in ihrem Leben, als sie der Anruf ihrer Freundin Inseon erreicht. Diese liegt nach einem Unfall im Krankenhaus und bittet die Freundin, sich um ihren Vogel zu kümmern. Gyeongha kann die Bitte nicht abschlagen und macht sich mitten in einem Schneesturm auf in das abgelegene Heimatdorf Inseons ohne zu wissen, ob der Vogel überhaupt noch lebt.
Mit dieser Konstellation beginnt das Buch, der Leser lernt die beiden Freundinnen kennen und erhält einen kurzen Abriss darüber, wie sie sich kennengelernt haben. Die Szenen, die Han Kang dabei beschreibt, sind manchmal etwas verwirrend, bestehen zb aus Traumsequenzen, Erinnerungen und gedanklichen Monologen der Hauptfiguren. Da der Schreibstil doch sehr blumig und opulent ist, wird das dem Leser leicht zu viel und man kann sich bei der Suche nach dem roten Faden in der Geschichte, schon mal zwischen den Zeilen verlieren. Ich habe am Anfang doch sehr mit dem Buch gekämpft, es als überaus anstrengend empfunden und tatsächlich kurz überlegt es abzubrechen. Ein wenig habe ich hier mit mir selbst gehadert, auch im Hinblick darauf, dass das Buch ja Preise gewonnen hat und viele positive Rezensionen vorweisen kann. Irgendwie konnte ich mir nicht erklären, warum die Faszination, die andere Leser für dieses Werk empfinden, nicht auf mich überspringt. Kurz bevor ich die Lektüre abbrechen wollte habe ich dann die Lobeshymne einer Freundin auf das Buch gelesen und ihr meine Probleme geschildert. Sie hat mich ermutigt dranzubleiben und dem Buch eine Chance zu geben, und was soll ich sagen, sie hatte recht.
Etwa ab der Hälfte des Buches, als Gyeongha verloren im Schneesturm an einer Haltestelle auf den Bus wartet, begann das Buch, die Geschichte sich irgendwie zu verändern. Ich kann gar nicht genau sagen wie genau, aber ich habe es plötzlich als viel leichter zu lesen empfunden. Ich war plötzlich neugierig. Würde Gyeongha die Bitte der Freundin erfüllen können? Würde sie rechtzeitig in deren Haus eintreffen um den zurückgebliebenen Vogel zu füttern? Würde bei diesem furchtbaren Wetter überhaupt der blöde Bus kommen? Und was dann? Was tut Gyeongha dann, allein in Inseons Haus? Das Buch hatte mich gepackt. Obwohl es zwischendrin immer noch manchmal recht merkwürdig war, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch zuende gelesen. Dabei wusste ich noch gar nicht, was mich noch erwarten würde.
Nach etwas mehr als der Hälfte des Buches geht die Geschichte tiefer. Eingebettet in die Familienhistorie Inseons bekommt der Leser Einblick in eines der dunkelsten Kapitel der koreanischen Geschichte. Zwischen 1948/1949 wurden auf der Insel Jeju zehntausende Menschen getötet, ganze Dörfer zerstört, Familien auseinandergerissen. Personen, die im Verdacht standen dem Widerstand anzugehören, oder diesen zu unterstützen wurden interniert, gefoltert, ermordet, in anonymen Massengräbern verscharrt. Bis heute gibt es keine genauen Zahlen zu den Todesopfern, bis heute wurden nicht alle von ihnen identifiziert, bis heute wissen viele Familien nichts über das Schicksal ihrer Angehörigen. Ein unfassbares Verbrechen, das sprachlos macht und dessen Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist.
Die Autorin schreibt hier so emotional und eindringlich, dass man als Leser ganz dicht bei den Familien ist. Es gibt Augenzeugenberichte, die das Grauen greifbar machen und einen sprachlos zurücklassen, ob der Brutalität von Armee und Polizei. Ich war sehr betroffen darüber, dass ich bisher so gar keine Ahnung von diesem Genozid hatte. Hier in Europa haben wir ja mit unseren eigenen Dämonen zu kämpfen, gerade im Bezug auf die Greuel des zweiten Weltkriegs, aber wie man hier schmerzlich erkennt, gibt es überall auf der Welt unschuldige Opfer, deren Andenken nicht vergessen werden darf. Han Kang gibt diesen Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme und das auf unglaublich berührende Art und Weise. Ich bin froh, dass ich mich hier durchgebissen habe.
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